Von Einsamkeit bis Suizidgedanken: 1,2 Millionen Menschen suchten 2024 Hilfe bei der Telefonseelsorge. Immer häufiger spielen auch Chat und Künstliche Intelligenz eine Rolle – wie verändert das die Beratung?
Von Julia Pennigsdorf (epd)
Einsamkeit, Depression, Ängste, Stress, Suizidgedanken: 1,2 Millionen Gespräche haben Telefonseelsorger 2024 geführt, ähnlich viele wie im Vorjahr. 7.700 Ehrenamtliche haben für die Anrufer ein offenes Ohr – von Mensch zu Mensch und rund um die Uhr.
Nicht alles ist immer dramatisch – auch bei der Telefonseelsorge nicht. Manche Anrufe sind sogar amüsant, zumindest rückblickend betrachtet. «Vor etlichen Jahren gab es mal einen Anrufer, der sich mir erst einmal selbst beschrieb», sagt Werner Braun (Name geändert). Zwei Meter sei er groß, Ex-Knacki, Mitglied einer Motorrad-Gang – genauere Angaben will Braun aus Datenschutzgründen nicht machen. «Es war ihm wohl wichtig, dass ich weiß, was für ein Kerl er ist.»
Als Braun den Anrufer fragte, was vorgefallen sei, habe dieser kleinlaut erzählt, dass er einem vermeintlichen Rivalen gegenüber ausgerastet sei, und seine Freundin ihn deswegen verlassen habe. «Er konnte damit nicht umgehen, wusste nicht, was er tun sollte.» Seinen Vorschlag «Fahren Sie zu Ihrer Freundin, bitten Sie um Entschuldigung» habe der Anrufer dankbar angenommen. «Er wollte gleich los und legte auf.»
„Humor spielt eine wichtige Rolle“
Nicht immer sind die Probleme der Menschen leicht zu lösen, doch Leichtigkeit hilft. Das weiß Braun aus seiner rund zehnjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit als Telefonseelsorger. «Humor spielt eine wichtige Rolle», sagt der Mittsechziger. «Er ebnet den Zugang.»
Seit nahezu 70 Jahren gibt es in Deutschland die Telefonseelsorge, getragen von der evangelischen und der katholischen Kirche. Die Seelsorger sind rund um die Uhr erreichbar, die Beratung ist konfessionsunabhängig, kostenlos und anonym. Sie hinterlässt nicht einmal eine Datenspur im Einzelverbindungsnachweis der Telefonrechnung.
Insgesamt gibt es rund 100 Standorte in Deutschland. Einer davon ist die Telefonseelsorge Elbe-Weser, sie wird von Daniel Tietjen geleitet. Der Diakon ist zudem Beauftragter für die Telefonseelsorge in der evangelischen Landeskirche Hannovers. Tietjen berichtet von Veränderungen in der Beratung, aber auch von vielen Konstanten.
Vor allem Jüngere nutzen Chat-Funktion
Verändert hätten sich etwa die Kommunikationswege. Zwar sei der Begriff «Telefonseelsorge» fest etabliert, doch es werde immer häufiger auch gemailt und gechattet. Besonders die 20- bis 30-Jährigen nutzten die Chat-Funktion, aber zunehmend auch Menschen um die 40 Jahre. «Manche Dinge, wie Missbrauch etwa, kommen schwer über die Lippen», sagt Tietjen. «Da fällt vielen das Schreiben leichter.»
Auch Künstliche Intelligenz macht vor der Telefonseelsorge nicht Halt. Immer häufiger kommt es Tietjen zufolge vor, dass Menschen in der Beratung sagen: «Ich habe das bereits mit ChatGPT besprochen.»
Thematisch habe sich weniger verändert, als viele denken würden, sagt der Religionspädagoge. Corona, Ukrainekrieg, Klimakrise – all das bewege und belaste die Menschen sehr. Aber in den Gesprächen stünden nach wie vor persönliche Probleme im Vordergrund: Krisen, Trauer, Trennung, Liebeskummer, Einsamkeit, Selbsttötungsgedanken. «Fast jeder dritte Chat dreht sich um das Thema Suizid.»
Gründliche Schulungen
Um diesen Herausforderungen gewachsen zu sein, werden Telefonseelsorger gründlich geschult. Ein Jahr dauert die rund 150 Stunden umfassende Ausbildung. Regelmäßig gehen die Berater in die Supervision. Voraussetzung für die Tätigkeit als Telefonseelsorger sei nicht nur das Interesse an anderen Menschen, sondern auch an sich selbst, sagt Tietjen. «Es ist wichtig, sich selbst zu reflektieren.»
Das bestätigt auch Werner Braun. «Ich kann nur dann ein guter Berater und Seelsorger sein, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin», sagt er. Braun übernimmt wie jeder Telefonseelsorger rund 20 Tagschichten und fünf Nachtschichten im Jahr. Die Nachtschichten seien etwas Besonderes, sagt er. «Die Welt da draußen steht nachts still, dadurch entsteht eine andere Nähe.»
„Wir sind keine Therapeuten“
Ob Tag oder Nacht, ob ein Vater sich grämt, weil sein Sohn den Kontakt abgebrochen hat, ein Mann nicht vom Alkohol loskommt, eine Frau über Schlafprobleme klagt und eine andere über Einsamkeit: Brauns oberste Regel lautet: Zuhören. «Das ist das Wichtigste», sagt er. «Wir geben keinen Rat, wir sind keine Therapeuten.»
Stattdessen verweisen die Telefonseelsorger auf Hilfsangebote, etwa von der Diakonie, «Pro Familia», der Suchtberatung oder Selbsthilfegruppen. Und sie halten Stille aus. Schweigen. Weinen. «Ich bleibe dran», sagt Braun. Doch Auflegen ist ebenfalls kein Tabu. Menschen, die kein Ende finden oder jeden Tag mehrmals anrufen, müsse man freundlich Grenzen setzen.
Falls ihr selbst in einer verzweifelten Situation seid, sprecht mit Freunden und Familie darüber. Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist rund um die Uhr anonym und kostenlos erreichbar: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Auch die Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Telefonseelsorge sollte Name bleiben
Nach meinem Wissen kann wahrscheinlich jeder, der dazu bereit ist, Fähigkeit zum zuhörenden Gespräch hat, und/oder auf jeden Fall sich hierin schulen lässt, diese Tätigkeit ausführen. Ich habe dies – berufsbegleitend – mehrere Jahrzehnte eingeübt. Allerdings meine ich, dass auch eine evtl. Gesprächsmethode sachte und niemand überbordend angewendet wird, sonst entsteht kein echtes Gespräch. Humor ist wichtig. Im Gespräch so Nähe herzustellen und das Gefühl verstanden zu werden, muss wichtig bleiben. Aber man muss auch aushalten und damit leben, was man so hört und lernen es auch zu verarbeiten. Deshalb denke ich, dass die Supervision – also gemeint ist die kollegiale Beratung – wichtigen Stellenwert hat. Solches Ehrenamtlich ist wichtig, aber sicherlich muss jede/r auch wissen, dass nur ein paar wenige Stunden nicht ausreichen und ich denke, dass ja auch in der Nacht – vielleicht mehr als am Tag – Menschen anrufen werden. Ich meine, modern sein ist schön, gut und notwendig. Aber auch der Begriff der Seelsorge sollte bleiben, denn es geht um unser Herz und damit um unsere Seele. Allerdings braucht auch jeder geschulte Laie immer eine gute Abgewogenheit zwischen Nähe und Distanz, auch wenn keiner den Anrufenden unmittelbar gegenüber sitzt. Wer sich allerdings von de Symptomen (Problemen) der Hilfesuchenden anstecken lässt, wäre eher nicht geeignet für das Ehrenamt, ähnlich wie ein Arzt der keinerlei Blut sehen kann. Wer mit jedem mitleidet, so sehr auch Gefühle und Sensibilität notwendig sind, wäre dann auch kein/e sehr geeigneter Mitarbeiter/in.
Sehr bedenklich, dass so viele Menschen Hilfe bei künstlicher Intelligenz suchen. Aber vielleicht geht es ja eher darum, denjenigen emotional zu unterstützen, was nur ein Mensch kann. Mich würde interessieren, was für Berufsgruppen sich für eine ehrenamtliche Tätigkeit bei der Telefonseelsorge interessieren? Pensionierte Lehrer, Verwaltungskräfte oder ähnliches?
„Einige haben sich angewöhnt, den Gemeindeversammlungen fernzubleiben. Das ist nicht gut; vielmehr müsst ihr einander Mut machen …“.
Hebräer 10, 25
Der Routinebetrieb betäubt geistig-geistlich
„Einige haben sich angewöhnt, den Gemeindeversammlungen fernzubleiben“! Dies ist sicherlich ärgerlich, wenn Plätze plötzlich leer bleiben und sich automatisch die Frage nach dem Grund stellen. Man könnte ja Betreffende ganz offen und sensibel fragen, dann muss niemand mutmaßen. Wenn allerdings die Gemeinde schrumpft, dann liegt dies m.E. nicht in erster Linie am sogenannten Traditionsabbruch, den leider auch die Freien Gemeinden zu spüren bekommen. Es kann ja auch daran liegen, dass statt einem kontinuierlichen Gemeindeaufbau die Routine Platz gegriffen hat, statt Ideenlosigkeit Gemeindearbeit und vor allem auch die Gottesdienste liebevoll und als Teamwork zu gestalten. Der Heilige Geist allerdings funktioniert auch nicht nach dem Gießkannenprinzip, wir müssen ihm unsere Gehirne, Hände und Füße sowie auch jede Kreativität zur Verfügung stellen. Wenn jeden Sonntag minutiös immer nur das gleiche Programm abläuft, die gottesdienstliche Feier langweilig, die Predigt zu lang, oder himmlisches Bodenpersonal knapp ist, dann muss man unbedingt etwas tun.. Es ist leider nur eine Irrlehre, wir müssten nichts oder wenig tun, die protestantische zu recht verpönte Werkgerechtigkeit darf damit nicht verwechselt werden. Mit dem Tun kaufen wir uns keinen reservierten Platz im Himmel, den bekommen wir seit Jesu Tod und Auferstehung – aber von Gott eigentlich immer schon – aus reiner Liebe geschenkt. Liebe hat keinen Gegenwert und ist nicht käuflich, auch nicht bei Gott. Der Schöpfer aller Dinge liebt uns so, als ob jeder sein einzigster Mensch sei. Dies hat nur den Grund, warum Jesus buchstäblich für jeden auch das Kreuz und damit die Schuld der ganzen Welt auf sich nahm: Grund zur Dankbarkeit.
Das Motiv von uns Christinnen und Christen etwas zu tun, für die Gemeinde und die Welt, sollte also in erster Linie vor allem Dankbarkeit werden.