Out of the Box – Weil wir wunderbar gemacht sind
Die Kolumne von Tom Laengner

Kannst du auch anders?

Veränderung im Leben ist möglich, glaubt Tom Laengner. Zu dieser Erkenntnis kam er durch einen Krankenhausbesuch und eine polnische Lehrstunde über Wodka.

Sie starten gierig, um den Gegner einzuschnüren. Sie überrennen und überrollen ihn. Ihrer Dominanz gibt es nichts entgegenzusetzen. Fehler wurden gnadenlos abgestraft. Am Ende bleibt der Gegner gedemütigt zurück. Klingt das in deinen Ohren ein wenig nach ostkongolesischen Söldner-Milizen, die mit dem Verkauf von Lithium und Kobalt die europäische Elektromobilität voranbringen?

Leider falsch! Im deutschen Fernsehfußball werden nach Kräften Klatschen erteilt, Gegner demontiert und aus dem Feld geschlagen, obwohl letztlich natürlich alle nur mit Wasser kochen.

Ich frage mich, ob es die Absicht eines 22-jährigen Bundesligaprofis aus dem Kosovo ist, seine Mitspieler abzukochen wie einen Hummer. Man weiß es nicht. Aber meine ungetrübte Freude am Spiel zerschmilzt bei dieser Art von Sprache zu einer schmuddeligen Pfütze. Leider gibt es diese Sprachbilder nicht nur im Fernsehen.

Schmähgesänge von Fußballfans und Politiker-Rhetorik

Vor ein paar Jahren war ich mal beim BVB. Und weil nach dem Spiel immer vor dem Spiel ist, kündigte der Stadionsprecher das nächste Ereignis an. Es ging gegen Schalke 04. Das Revierderby Dortmund gegen Gelsenkirchen hat die höchste Sicherheitsstufe. Die Fan-Vertreter appellieren vor diesen Hochrisikospielen an ihre Ultras: „Übt keine Gewalt aus, und droht diese auch nicht an! Unterlasst jegliche diskriminierenden und rassistischen Äußerungen und Gesänge!“ Im Stadion haben die Fans die Botschaft noch nicht ganz verinnerlicht. Kaum holt der Stadionsprecher Luft, da geht es los: „Tod und Hass dem S04“ wird mantraartig von der Südtribüne abgehackt und rhythmisch gebrüllt. Dem Stadionsprecher fällt dazu nichts ein.

Mir fällt auch nichts mehr ein, wenn auf YouTube hämisch breitgetreten wird, wie Bundespolitikerinnen und -Politiker einander demontieren, zerstören, öffentlich verspotten und demütigen. Und gelegentlich werden Menschen anderer Meinung auch zerlegt. Haben diese Politik-Gestaltenden möglicherweise einige von den Ultras als Kommunikationsexperten eingestellt?

Und ob all diese sprachlichen Widerwärtigkeiten das Vertrauen in die Politik schafft, kultiviert oder gar wiederherstellt? Ich persönlich vertraue Menschen, die zu ihren Fehlern stehen. Und weil ich das gut finde, übe ich auch ein, es selber zu tun. An anderen Menschen achte ich hoch, wenn sie Menschen, deren Meinung sie nicht unbedingt teilen, dennoch mit Wertschätzung begegnen. Reicht es vielleicht einfach aus, ein Mensch zu sein?

Nun ist Gutes meist weder billig noch einfach. Es ist in aller Regel schwer. Aber es ist nicht unmöglich. Selbst für mich nicht.

Urteile nicht zu schnell!

Vielleicht erinnerst du dich? Im letzten Jahr lag ich in einem Krankenhausbett. Neben mir lag Bakir und mit ihm ein Leistenbruch. In seiner alten Heimat, so erinnerte sich der Maschinenführer, sage man, dass ein Mensch einen Sack Salz mit einer Person gegessen haben müsse. Erst dann könne man ein Urteil über ihn abgeben. In dieser Nacht wurde mir klar, dass ich dazu neige Menschen zu verachten, wenn sie mir auf die Nerven gehen. Ob das vielen so geht? Selbst wenn es so sein sollte, weiß ich nicht, wofür das eine Rolle spielen sollte.

Nun war ich fast auf den Tag genau nach einem Jahr wieder Gast auf der Station mit den roten Kunstledersitzecken. Und neben mir lag Maciej. Nachts fluchte er schon mal laut und ich freute mich, dass ich kein Polnisch spreche. Ich glaube, Maciej hatte auch nur eine Unterhose. Ansonsten schien er alles zu wissen, was man über Wodka trinken wissen kann. Wir verständigten uns mit ein paar Brocken Deutsch, Polnisch und großen Gesten. Das reichte aus, um miteinander zu lachen. Ich fragte mich, ob ich wirklich einen besseren Zimmernachbarn hätte haben können.

Und dabei wurde mir klar, dass ich diesen Mann nicht ablehnte oder verachtete. Wie gesagt: Veränderung ist möglich. Ich wurde sehr dankbar!

Und weil Maciej nach einer neuen Perspektive suchte, um dem Wodka die Chefposition im Leben streitig zu machen, habe ich ihm eine polnische Bibel bestellt. Die kann er nutzen, um den Tisch in seinem Wohnheim zu stabilisieren. Oder er fängt an zu lesen. Und das kann, wie alle Kundigen wissen, zu erstaunlichen Ergebnissen führen. Dann muss auch wertschätzende Sprache keine Utopie bleiben.

Out of the box - weil wir wunderbar gemacht sind

Alle Kolumnen von Tom Laengner findet ihr hier >>

Tom Laengner

Tom Laengner ist ein Kind des Ruhrgebiets. Nach 20 Jahren im Schuldienst arbeitet er journalistisch freiberuflich und bereist gerne afrikanische Länder. Darüber hinaus arbeitet er als Sprecher für Lebensfragen und Globales Lernen.

In seiner Kolumne „Out of the Box – Weil wir wunderbar gemacht sind" schreibt er alle 14 Tage über Lebensfragen, die ihn bewegen.

Konnten wir dich inspirieren?

Jesus.de ist gemeinnützig und spendenfinanziert – christlicher, positiver Journalismus für Menschen, die aus dem Glauben leben wollen. Magst du uns helfen, das Angebot finanziell mitzutragen?

NEWSLETTER

BLICKPUNKT - unser Tagesrückblick
täglich von Mo. bis Fr.

Wie wir Deine persönlichen Daten schützen, erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.
Abmeldung im NL selbst oder per Mail an info@jesus.de

1 Kommentar

  1. Richtige Kommunikation, Toleranz und Wahrheitsliebe

    „Mir fällt auch nichts mehr ein, wenn auf YouTube hämisch breitgetreten wird, wie Bundespolitikerinnen und -Politiker einander demontieren, zerstören, öffentlich verspotten und demütigen. Und gelegentlich werden Menschen anderer Meinung auch zerlegt“!. (Zitat Ende) Richtig: Was Tom Laengner in seiner Kolumne schreibt, dass nämlich Veränderung in meinem und im Leben anderer Menschen möglich ist, bleibt mir Trost. Weil aber auch mir Veränderung manchmal schwer fällt, ich den Krieg ziehe dann mit falschen Mitteln, oder ohne Erfolg, gegen Vorurteile und gegen eine derbe bzw. unangemessene Sprache. Ich glaube schon dass ein „so du mir, so ich dir“ für uns als Christinnen und Christen keinesfalls angemessen ist.

    Jedenfalls Jesus hat auf einen groben Klotz keinen grob Keil geschlagen, aber die Tische im Tempel umgestoßen. Es geht also nicht (wegen der Tische im Tempel) in der Kommunikation um einen Wettbewerb in Sanftmütigkeit, auch nicht in Naivität und Wirklichkeitsferne, sondern um intelligenter Bestimmtheit. Ich habe mir vorgenommen, grundsätzlich niemand zu kränken, auch nicht in harter Auseinandersetzung um wichtige Fragen hier im Netz. Dabei brauche ich aber nicht meine Meinung so zu relativieren, dass nur noch eine Nebel übrigbleibt, von dem wovon ich sehr überzeugt bin. Denn richtig verstandene Toleranz besteht darin, dass jede/r das denken, glauben und sagen kann was er will (es sei denn es ist Hass und Hetze) und ich es nicht nur toleriere, sondern mich auch dafür einsetze dass er/sie es so denken und sagen zu darf. Genauso ist daher die Gedankenfreiheit unter uns Christinnen und Christen absolut erlaubt, wenn wir uns eingestehen dass ein Großteil unseres Glaubens nicht Wissen ist, sondern (wenn es wirklich gut ist, nur) ein sehr großes Vertrauen in die Möglichkeiten und Liebe Gottes ausdrückt. Wir sehen heute noch alles wie in einem dunklen Spiegel und die wirkliche und absolute Wahrheit ist nur Gott in Person, dem wir am Ende des Lebenswegens Aug in Aug begegnen.

    Dies ist aber auch unabhängig von Glaube und Hoffnung eine grundsätzliche Haltung. Nämlich ich selbst habe keine absolute Wahrheit und mein Mitmensch verfügt auch über keine absolute Wahrheit. Denn wenn sich absolute Wahrheiten unterschiedlicher und entgegengesetzter Form wie harte Granitblöcke aneinander reiben, dann fängt Zank, Streit, Kränkung, Zorn und schließlich Hass und Hetze an. Menschen führen sogar Krieg, weil entgegengesetzte und sich widersprechende absolute Wahrheiten als persönliche Annahmen oder Ideologien sich wie Hund und Katze gegenüberstehen. So wie Menschen unterschiedlich sprechen und sich gegenseitig falsch verstehen, ist es auch mit Hund und Katze. Der Hund mit dem Schwanz wedelnd drückt Freude aus und der Katze dicker Schwanz bedeutet Ärger und Aggression: Mißverständnis also unvermeidbar.
    Dazu kommt noch, dass oft nicht klar kommuniziert wird. Ich als Sender kann eine Botschaft durch Mund und Sprache an meinen Mitmenschen senden und da kommt etwas ganz anderes an. Oder es ist wie bei der Stillen Post über verschiedene Personen kommt die Endinformation nur noch mit fast null an. Oder am Ende steht eine aufgeblasene ausgeschmückte und damit falsche Geschichte im Internet, der Zeitung oder in den Balkenüberschriften der Zeitung mit dem großen Buchstaben. Dazu kommen noch die eigentlich von Donald Trump neu entdeckten Alternativen Wahrheiten. Will sagen: Der gerne lügt mag sich selbst einreden, jegliche Wahrheit sei subjektiv und daher sei es unwichtig was man sagt, sondern nur wie: Der Mittel heilt dann jeden Zweck und der beste Sinn einer solchen Nachricht ist die Diskreditierung des angeblichen Feindes.

    In meiner alten Heimat sind vor 150 Jahren der Kaiser und der Französische Gesandte sich im Kurpark begegnet, da wurde vornehm. unklar und einwenig aggressiv diskutiert, dann über den Telegrafen der Post falsche Fakten nach Frankreich gemorst und am Ende zogen zwei Armeen gegeneinander und töteten sich im Gemetzel. Im Mittelamerika ist vor Jahrzehnten der Krieg wegen einem verlorenen Fußballspiel vom Zaun gebrochen und Panzer schossen aufeinander (ich glaube im Hochland von Guatemala).

Die Kommentarspalte wurde geschlossen.

Die neusten Artikel