Leonie Müller ist eine der besten Boxerinnen der Welt. Sie hat Niederlagen, Magersucht und Suizidversuche überwunden – und will Jesus bekannt machen.
Leonie, hast du schonmal versucht, mit Boxhandschuhen eine Bibel umzublättern?
(lacht) Nein. Ich glaub, das probiere ich direkt, wenn ich heute Abend zu Hause ankomme.
Als du 11 Jahre alt warst, hat dich ein Musikvideo der Sängerin Pink zum Boxen inspiriert. Was hat dich daran so fasziniert?
Ich fand Pink damals eh cool. Alles, was sie gemacht hat, wollte ich auch machen. Sie war Vegetarier, dann war ich auch Vegetarier – zehn Jahre lang. Keine Ahnung, wie ich das durchgezogen habe. (lacht)
Sie war immer sehr beweglich und stark. Ich hatte davor schon Gymnastik gemacht und dann gesehen: Pink macht Boxen, also Kampfsport. Das fand ich voll cool.
Was hast du durch den Boxsport über dich gelernt, das du woanders nicht gelernt hättest?
Vor ein paar Jahren hätte ich die Frage besser beantworten können, weil ich mich sehr viel durch den Sport definiert habe. Aber Jesus hat mir gezeigt: Du bist nicht nur Boxen. Jetzt habe ich mich zu 100 Prozent darauf fokussiert, wer ich in Jesus bin: Ich bin ein Kind Gottes und genauso ein Mensch wie alle anderen auch.
Ich habe mich zu 100 Prozent darauf fokussiert, wer ich in Jesus bin: Ich bin ein Kind Gottes und genauso ein Mensch wie alle anderen auch.
Leonie Müller
Du wirst wahrscheinlich oft gefragt: „Christsein und Boxen – wie passt das zusammen?“ Nervt es, immer dieselbe Frage zu beantworten?
Eigentlich nicht. Es ist eine berechtigte Frage, wenn man sehr religiös ist. Ich würde aber nicht sagen, dass ich religiös bin. Ich bin Christ und glaube an Jesus. Warum sollte das nicht mit dem Boxen vereinbar sein? Jesus hat mir das Talent gegeben und er hat mir nie gesagt, dass ich aufhören oder etwas anderes machen soll.
Er nutzt gerade solche Plattformen dazu, dass Menschen ihn kennenlernen. Es gibt keine dunklere Welt als die Sportwelt, vor allem den Einzelsport. Da kann ich ein Licht sein.
„Es gibt keine dunklere Welt als die Sportwelt“ – warum?
Es gibt sehr, sehr viel Einsamkeit. Du bist von morgens bis abends mit dir selbst beschäftigt. Du musst funktionieren. Du wirst immer an deiner Leistung gemessen und hast Druck, auch von außen: „Wie ist das Turnier gelaufen? Hast du gewonnen?“
Da ist es schwer, sich nicht über den Sport zu definieren. Ich habe auch andere Sachen, die ich kann, aber das interessiert in dem Moment nicht – ich bin „Leonie, die Boxerin“.
Man kann auch schnell in Depressionen rutschen. Man erlebt Sachen, die man unterdrückt und mit niemandem darüber spricht. Deshalb würde ich sagen, dass diese Welt sehr dunkel ist.
Wie gehst du damit um, wenn du Angst vor Niederlagen oder Verletzungen hast?
Ich habe tatsächlich keine Angst. Ich hatte schon Verletzungen – die waren immer sehr hart. Die schlimmste war meine Schulterverletzung: Ich habe mir 13-mal die Schulter ausgekugelt, musste operiert werden und war fünf Monate lang raus aus dem Boxsport. Danach hatte ich manchmal Blockaden im Kopf, weil ich das nicht nochmal erleben will.
Einmal hatte ich den Eindruck, dass Gott mir zeigt: Diesen Kampf wirst du nicht gewinnen. Da hatte ich einen gewissen Respekt, aber Angst würde ich nicht sagen. Wovor soll ich Angst haben? Wenn ich verliere, ändert sich nichts groß. Wenn ich gewinne, ändert sich auch nichts. Außer, dass ich vielleicht mehr Aufmerksamkeit bekomme – die kann ich dann dafür nutzen, von Gott zu erzählen.
Wie ist Gott dir in der Zeit begegnet, als du dir die Schulter ausgekugelt hast?
Nach der OP bin ich viel spazieren gegangen. Ich bin auf eine Predigt gestoßen über das Buch Habakuk aus der Bibel. Das hat mich voll fasziniert und ich habe gemerkt, wie Gott mir begegnet.
Dann war ich mit meinen Freundinnen auf Awakening Europe, einer christlichen Konferenz in Rotterdam. Ich konnte nur hingehen, weil ich verletzt war. Da habe ich Gott auch gefragt: Zeig mir bitte, ob ich zu Olympia gehen soll. Oder ob ich das mit dem Boxen überhaupt weitermachen soll.
Ich habe das erste Mal wahrgenommen, wie man mit Gott Konversationen führen kann und wie er mir antwortet. Die Verletzungszeit habe ich zu 100 Prozent mit ihm verbracht – deshalb war sie eigentlich eine der besten Sachen, die mir passieren konnten.
Seitdem weiß ich: Ich möchte wirklich mein Leben mit ihm führen. Vorher habe ich auch versucht, Zeit mit ihm zu verbringen – mal mehr, mal weniger. Aber das Boxen war trotzdem immer eine hohe Priorität, oft stand es auch über Gott. Aber seit einem Jahr, seit den Olympischen Spielen in Paris, habe ich das abgelegt.
Die Olympischen Spiele in Paris waren dein erklärtes Ziel – aber du hast dich nicht qualifiziert. Wie bist du mit dieser Enttäuschung umgegangen?
Für mich war es in der Hinsicht eine Enttäuschung, dass ich von meinem Verband nicht wirklich die Chance bekommen hatte, mich zu qualifizieren. Es gab drei Qualifikationen und wir waren zwei Frauen, die sehr stark waren. Ich durfte nur die letzte Qualifikation boxen – und das wusste ich erst einen Tag vorher.
Das hat mich sehr frustriert. Der Kampf selbst war ein riesiger Druck, ich war richtig fertig und habe gegen eine Usbekin verloren. Als der Arm meiner Gegnerin hochgegangen ist, hab ich eine Erleichterung gespürt. Ich konnte einfach nicht mehr. Es war viel zu viel, was in den Jahren davor passiert ist.
Ich bin nach Hause geflogen und habe den ganzen Flug lang – zehn Stunden – geheult. Weil ich realisiert habe: Jetzt ist es wirklich vorbei, ich habe es nicht geschafft. Es war schwierig, damit umzugehen, aber ich habe mich abgelenkt.
Ein dreiviertel Jahr lang habe ich nur in meinem Heimverein trainiert. Das hat mir gutgetan. Vor drei Monaten habe ich erst entschieden, dass ich im Zyklus für die Olympischen Spiele 2028 mitmache. Aber ich habe mir gesagt: Sobald der Sport wieder über meine Gesundheit rutschen sollte, lasse ich es.
Als Teenager bist du in eine Magersucht gerutscht. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass dein Verhältnis zum Essen und zum Sport nicht mehr gesund ist?
Das erste Mal, als ich dachte, dass ich anders bin als andere, war schon mit sechs oder sieben Jahren. Das hört sich verrückt an, aber ich erinnere mich daran, dass ich auf dem Spielplatz immer meine Fleecejacke angezogen habe – auch im Sommer. Viele Leute dachten, das ist ein Tick. Kinder wollen ja manchmal komische Sachen anziehen. Aber ich habe das bewusst gemacht, weil ich mich zu dick gefühlt habe.
Mit sieben oder acht habe ich das erste Mal im Drogeriemarkt einen Abnehm-Shake gekauft. Mit fünfzehn habe ich richtig angefangen, Diäten zu machen. Da wurde es immer gefährlicher. Ich habe mich hinter ganz vielen großen Klamotten versteckt und Wollhaar, brüchige Nägel und bleiche Zähne bekommen.
Am Anfang ging es darum, dünn und damit irgendwie schön zu sein. Ich war immer sehr groß und muskulös. In meiner Schule war ich die einzige mit anderer Hautfarbe. Ich wollte nicht so auffallen. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr nur dünn sein, sondern einfach verschwinden will. Ich hatte auch drei Selbstmordversuche.
Es war schon krass, dass ich die Sachen immer überlebt habe. Heute sage ich: Es war, weil Gott mich nie aufgegeben hat.
Gott hat mich nie aufgegeben.
Leonie Müller
Was hat dir aus dieser Zeit rausgeholfen?
Damals habe ich meine heutige beste Freundin kennengelernt. Sie hat mir Gott total gezeigt. Und was für mich krass war: Sie hat mich nie verurteilt. Ich habe viel Schrott gebaut in meiner Jugend, aber egal, was war, sie hat immer versucht, mir zu helfen – aber nie mit Verurteilung. Das ist etwas, das ich heute an meine Freunde oder jüngere Mädchen weitergeben möchte.
Ich hatte auch eine Therapeutin, die mir aus dieser schlimmen Essstörung rausgeholfen hat. Ich glaube, es ist von Gott gegeben, dass gewisse Leute gewisse Ausbildungen haben, um anderen zu helfen.
Was würdest du deinem jüngeren Ich – oder Menschen in ähnlichen Situationen – gerne sagen?
Ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich mich niemals über den Sport definieren soll oder darüber, ob ich erfolgreich bin. Was heißt denn erfolgreich? Irgendwann hat auch der Sport ein Ende. Das würde ich auch an andere weitergeben: Dass man viel mehr wert ist als Sport, Uni, Schule, … Wir sind Menschen. Wir sind Kinder Gottes und wir sind vor allem geliebt.
Aber wenn man nicht weiterweiß, ist es total wichtig, sich Hilfe zu suchen und nicht alles in sich reinzufressen. Man ist nicht schwach, weil man sich Hilfe sucht – ich finde, diese Leute sind sogar stärker. Weil sie sich eingestehen, dass sie es alleine nicht mehr schaffen. Ich persönlich fühle mich schwächer, wenn ich alles für mich behalte, als wenn ich mit jemandem darüber spreche.
In einem Interview mit der FAZ hast du gesagt, dass du vor jedem Boxkampf betest. Wie sieht dein Gebet aus?
Ich habe immer eine Routine vor dem Kampf. Während ich im Hotel dusche, meine Haare mache und meine Sachen packe, mache ich eine Worship-Session. Ich singe und versuche, die Freude des Herrn zu bekommen. Es macht so viel aus, mit Freude in den Kampf zu gehen.
Was ich bete und wie ich bete, ist immer unterschiedlich. Es muss nicht immer ein typisches Gebet sein. Ich bin einfach in seiner Gegenwart. Dieses Jahr habe ich oft Johannes 15 gelesen. Ich bete auch für meine Gegnerin, dass niemand sich verletzt und dass es ein fairer Kampf wird. Und für Kraft, Stärke und Stille, damit ich keine negativen Sachen an mich ranlasse. Im Boxring bin ich in der Ruhe Gottes, wie in einem Vakuum. Alles, was von außen reinkommen will, hat gar keine Chance.
Im Boxring bin ich in der Ruhe Gottes.
Leonie Müller
Für viele Kämpfe bist du international gereist und hast sogar zwei World Cups gewonnen. Gibt es ein Erlebnis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Viele. Der World Cup in Warschau war echt nur die Gnade Gottes. Da habe ich international gewonnen. Es war unglaublich – vor allem, welche Leute ich da geschlagen habe. Ich kann es mir nicht erklären.
Vor dem Turnier dachte ich: Gott, zeige anderen Menschen durch mich, dass es dich gibt. Ich war mit einem Mädchen auf dem Zimmer, das auf der Suche nach Gott war – Gott hat meinen Sieg genutzt, um ihr zu begegnen. Jetzt ist sie auch jemand, der mit Gott geht und in der Bibel liest. Das war ein krasses Erlebnis für mich.


Auch der World Cup in Kasachstan war so gesegnet. Ich habe nur den dritten Platz gemacht. Aber obwohl ich verloren habe, habe ich am meisten gestrahlt auf dem Podest – weil Gott durch mich gestrahlt hat. Ich war dort im Fernsehen und konnte von Jesus erzählen.
Bald boxe ich im World-Cup-Finale in Indien, weil ich in meiner Gewichtsklasse unter die besten acht der Welt gekommen bin – aktuell bin ich auf Platz fünf. Das ist auch nur die Gnade Gottes. Ich war noch nie so weit oben. Vielleicht kann ich dieses Jahr noch auf Platz drei rutschen – mal gucken, was Gott noch vorhat.
Hättest du als Kind gedacht, dass du mal so weit kommst?
Tatsächlich ja. Ich habe so viel Schweres erlebt in meiner Jugend und Kindheit – vielleicht mache ich diesen Olympia-Zyklus auch weiter, weil ich der kleinen Leonie zeigen will: Die anderen haben mich nicht zerstört, ich habe es trotzdem hingekriegt.
Aber was heißt schon „hingekriegt“? Ob du bei Olympia warst oder nicht, ob du da Gold holst oder nicht – am Ende bleiben wir die gleichen Menschen. Eine meiner besten Freundinnen, Yemi, hat bei Olympia Gold geholt. Trotzdem sitzen wir zusammen mit Jogginghose auf dem Bett und gucken „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“. (lacht)
Danke für das Gespräch!
Das Interview führte Malin Georg. Sie ist Volontärin bei Jesus.de.
Links:
- Instagram-Account von Leonie Müller
- Statistik von Leonie Müller bei Boxrec.com

Ich freue mich sehr über die Schwester im Herrn, die auch für ihren Sport eine geistliche Sicht hat.
Nur ihre Aussage, dass Kinder Gottes Menschen sind wie alle anderen auch, ist natürlich unglücklich formuliert.
Ein Leben, das sich um Jesus dreht, ist etwas fundamental Anderes als ein Leben, das sich um sich selbst dreht.
Boxen? Das erinnert mich an die Aussage in 1. Korinther 6, 19. 20 „Wisst ihr denn nicht, dass euer Körper der Tempel des heiligen Geistes ist. Macht Gott also Ehre durch die Art, wie ihr mit eurem Körper umgeht!“.