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Spenden allein helfen nicht gegen Armut

Dass Spenden allein nicht reichen, um Mangel und Armut zu bekämpfen, hat Nicole Heymann in einem christlichen Sozialprojekt selbst erlebt. Manchmal verschlimmern sie die Situation sogar. Doch es gibt eine gute Nachricht.

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Von Nicole Heymann

Sie schaute mir nicht in die Augen, als ich sie zum ersten Mal traf. Rita war eine 18-jährige Frau mit drei kleinen Kindern und wohnte in einem Slum in Kampala, Uganda. Ich traf sie in ihrer sieben Quadratmeter kleinen Beton-Wohnung, die eingerichtet war mit einer Matratze, einigen Wasserkanistern und einem kaputten Sofa mit zwei Sesseln. Sie erzählte mir ihre Geschichte: „Ich wuchs bei meiner Oma auf, denn meine Mutter konnte sich nicht um mich kümmern …“

Mit sechs Jahren zog Rita zu Tante und Onkel. Sie durfte nie zur Schule gehen und musste faktisch als Haussklavin arbeiten. Als der Onkel sie vergewaltigen wollte, rannte sie fort. Aber die nächsten Jobs waren nicht viel besser. Mit etwa 14 Jahren wurde sie von einem Mann mit dem Versprechen verführt, eine Arbeitsstelle für sie zu finden. Doch stattdessen ließ er sie mit zwei Söhnen zurück. Zudem legte ihr jemand ein kleines Mädchen vor die Tür. So war Rita jetzt alleinerziehende Mutter dreier Kinder. Ohne Bildung, ohne Mann, finanziell und sozial eine Außenseiterin.

Wie Armut begegnen?

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Die Weltbank bezeichnet fast die Hälfte (!) aller Menschen weltweit als „arm“ oder „extrem arm“, weil sie weniger als 5,50 Dollar bzw. 1,90 Dollar am Tag zur Verfügung haben. Aber: Wie soll man dem begegnen? Früher hätte ich gesagt: „Gebt ihnen Geld und Essen.“ Denn ich dachte: Armut = Mangel an Dingen. Aber wenn Geld das einzige Problem wäre, dürfte es Armut nicht mehr geben. Schließlich fließen seit über 50 Jahren ungeheure Summen in die weltweite Armutsbekämpfung. Wo liegt also das Problem?

Körperlicher, geistiger, sozialer und geistlicher Mangel

Ritas Geschichte macht die Zusammenhänge klarer. Ritas finanzielle Not in Bezug auf Essen, Miete oder Kleidung waren nur der materielle Teil eines viel größeren Geflechts. „Die Armen sind gefangen in einer Reihe von Einschränkungen, die vier Lebensbereiche betreffen: körperlich, geistig, sozial und geistlich“, schreibt der US-amerikanische Professor und Autor Bryant L. Myers.

Neben materiellen Problemen erlebte Rita in ihrem Umfeld Gewalt. Zudem gab es nie ausreichende medizinische Versorgung, was ihre Angst um körperliche Schwäche noch verstärkte. Ihre Armut hatte zudem einen kulturell-geistlichen Aspekt: In ihrer Kultur zählen Frauen viel weniger als Männer. Wird eine Frau zudem noch unehelich schwanger, wird sie häufig als Sünderin geächtet, oder es wird gar gemutmaßt, sie sei von einem bösen Geist oder Hexer verflucht.

Ihr blieben kaum Kraftreserven, um über den Moment hinaus zu denken.

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Da überrascht es kaum, dass Rita irgendwann auch sozial isoliert war: Mit einer unehelichen Mutter redete man nicht, die Polizei nahm sie nicht ernst und Bildung stand ihr nicht offen. Sie war faktisch machtlos: ausgebeutet und mit nur sehr begrenztem Einfluss über ihr eigenes Leben und Umfeld.

All das machte Rita schließlich auch emotional verwundbar: Ihr blieben kaum Kraftreserven, um über den Moment hinaus zu denken. Man konnte sie leicht zu Dingen überreden, die nicht zu ihren Wertmaßstäben passten. Am Ende lautete ihr Selbstbild mehr oder minder: „Was kann ich schon? Ich bin ein Nichts.“

Ein Netz der Armut

Bryant L. Myers schreibt: „Die Armen sind größtenteils deshalb arm, weil sie in Beziehungsnetzwerken leben, die nicht zu ihrem Wohlergehen beitragen. Ihre Beziehungen sind oft von Unterdrückung und Entmachtung geprägt als Folge davon, dass die Nicht-Armen sich im Leben der Armen wie Götter aufspielen.“

Geld allein löst also nicht alles. Mitunter können Spenden die Situation sogar verschlimmern. Etwa, wenn die Hilfe nur bei Wenigen ankommt und eine Ungleichheit entsteht oder wenn Spenden lokale Produkte überflüssig machen und Händler nichts mehr verkaufen können. Zudem besteht die Gefahr der Abhängigkeit von Spenden – weil beispielsweise die Reichen scheinbar alles besser wissen und ein Gefühl der Ohnmacht entsteht oder eigenes Engagement erlahmt.

Geldscheine stecken in einem Glas.
Foto: Jens Domschky / iStock / Getty Images Plus

Vor allem aber ist das Problem der Armut komplexer. Es bedeutet mehr als den Mangel von Geld – Armut ist ein ganzes Netz von Mängeln: ungesunde Beziehungen, fehlender Einfluss, Abhängigkeiten, Mangel an Gesundheit, Bildung und Ressourcen. Im Bild gesprochen muss also das Netz an allen Ecken gepackt und durch ein gesundes Netz ausgetauscht werden.

Mit der guten Nachricht gegen die Armut

In der Bibel in Matthäus 11 lesen wir, wie Menschen durch Jesus verändert wurden: Blinde konnten wieder sehen, Gelähmte laufen, Aussätzige wurden gesund – und den Armen wurde „die gute Nachricht verkündigt“ (Vers 5). Es heißt hier nicht: Die Armen bekamen Geld. Und die gute Nachricht lautete auch nicht, dass finanzielle Hilfe kommen würde. Sondern die „gute Nachricht“ war ein ganz neues Netz, für das Jesus stand.

Himmlische Armutsbekämpfung

„Gute Nachricht“ heißt im griechischen Urtext „euangelion“, was wir wiederum als „Evangelium“ eingedeutscht haben. Damals dachte man dabei an die gute Nachricht eines Boten, der einen neuen König ankündigt. Die gute Nachricht, die Jesus weitergab, war die, dass Gott sich als neuer Herrscher mit seinem neuen „Reich“ ankündigte. Man könnte auch sagen: Seine Welt kam in unsere Welt.

Er will Menschen an Körper, Seele und Geist gesund machen […]

Die neuen Regeln des Himmels drehen bis heute alles um. Es gelten neue Verhältnisse für alle Lebensbereiche: wie im Himmel, so auf Erden. Jesus ging es nicht nur darum, dass Menschen irgendwann in den Himmel kommen. Er hat das Netz und die einzelnen Stränge darin erneuert. Er will Menschen an Körper, Seele und Geist gesund machen und für heile Beziehungen in allen Bereichen sorgen. Er bekämpft Armut ganzheitlich.

Falsche Rollen bedingen Armut

Und so befreit das Evangelium auch von falschen Rollen: Die Reichen erkennen, dass sie nicht helfen, weil sie es besser wissen, sondern weil Gott die Armen genauso liebt wie sie. Und die Armen merken: Sie sind nicht nur passive Opfer, sondern Menschen, die in Freiheit Verantwortung tragen dürfen. Alle zusammen sind von Gott geliebt und zusammengestellt, um gemeinsam mit Gott die Welt zu gestalten. In der Bibel lesen wir davon.

Gott will unsere sozialen Beziehungen, unseren Umgang mit Ungerechtigkeit, mit der Umwelt, mit Geld und Kulturen erneuern. Wir sind aufgerufen, uns durch Gottes Geist bewegen zu lassen, das Evangelium den Armen zu verkünden, Kranke zu heilen, Gefangene freizusetzen, innere Verbitterung zu heilen, Selbstwert aufzuzeigen, Versöhnung zu leben und so viel mehr.

Gottes Blick auf die Armut

Als Menschen in reichen Ländern können wir Gott bitten, uns seinen Blick für die Armen zu schenken – ob das extreme Armut in Uganda oder lokale Armut in einer deutschen Großstadt ist. Und wir können uns einsetzen, damit das ganze Netz erneuert wird. Damit Menschen gestärkt werden, selbst etwas in ihrer Welt zu bewegen.

Egal ob kurzfristige Krisenhilfe oder langfristige Investition: Ein gutes Projekt setzt seine Hilfe so ein, dass Menschen möglichst selbst aktiv werden und keine langfristige Abhängigkeit entsteht. Wir können Menschen in Not zuhören, sie ihre Geschichten einbringen lassen und gemeinsam mit ihnen Gottes Welt gestalten.

Verändertes Leben

Ritas Netz wurde an vielen Stellen erneuert. Gegen Ende unseres Gesprächs lächelte sie, als sie erzählte, wie sie durch eine Freundin zum kleinen Hilfsprojekt Suubi gekommen war. Dort lernte sie, Seife herzustellen, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen konnte. „Jetzt habe ich eine sichere Arbeit“, erzählte sie mir und ich spürte, wie stolz sie darauf war.

„Ich danke Gott, denn mein Leben hat sich verändert.“

Ihre Kinder können dank Paten, die die Kosten übernehmen, zur Schule gehen. „Mein Leben hat sich geändert, ich kann meine Miete zahlen“, sagte sie. Sie hatte nun ein stabiles soziales Netz, medizinische Sicherheit und eine Aufgabe. Sie hatte Hoffnung, für die sie selbst eine himmlische Erklärung gab: „Ich danke Gott, denn mein Leben hat sich verändert.“

Gestärkt, um andere zu stärken

Einige Monate nach unserem Gespräch hörte ich noch ein Update. Rita hatte mit Kolleginnen Seife in den Slums verschenkt. Da machte ihr ein fremder Mann einen „Heiratsantrag“, der im Klartext bedeutete: „Sei meine unbezahlte Hausangestellte.“ Doch Rita sah ihn direkt an und sagte: „Nein, danke, mir fehlt nichts.“

Eine Frau, die einst niemandem in die Augen sehen konnte, half jetzt anderen und konnte eigene Grenzen setzen. Ihre Herausforderungen sind deshalb nicht alle verschwunden. Aber ihre Beziehungen sind nun stärker – und machen sie stärker. Das Reich Gottes ist bei ihr angebrochen.

Nicole Heymann hat Kunst und Theologie studiert und engagiert sich zeitweise in einem Projekt für minderjährige Mütter in Uganda.


Diesen Artikel erschien im Magazin andersLEBEN (Ausgabe 4/21). andersLEBEN ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört.

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2 KOMMENTARE

  1. Hab ich was überlesen?
    Hatte Rita ein Bekehrungserlebnis, hat sie auch eine geistliche Wiedergeburt erlebt, oder nur ihre soziale Stellung verbessern können ?
    Das ist natürlich auch wichtig und geht oft einher mit einer Gesundung des Selbstwertes.
    Aber die Botschaft des Evangeliums ist immer noch die, Sünder empfangen Vergebung ihrer Schuld und die Chance auf ein neues Leben.
    „Social Justice Gospel“ nennt man in Amerika die Reduzierung und Verdrehung des Evangeliums auf soziale Belange.
    Eine Spielart der Befreiungstheologie aus den 70 Jahren. Die „klassische Missionsarbeit“ kümmert sich natürlich auch um die materielle/gesundheitliche Versorgung der Menschen, aber der Focus liegt auf der Seele, die Rettung braucht.
    Das dürfen wir uns nicht rauben lassen !

  2. Das Evangelium ist für die Armen

    Mein liebe Stammtischbruder, du siehst nach meiner Überzeugung die Dimension des christlichen Glaubens etwas zu eindimensional. Bei dem Gleichnis Jesu über den Menschen der unter die Räuber gefallen ist, hilft ausgerechnet ein Samaritaner, doch häufig eher als Ungläubiger aus jüdischer Sicht angesehen und überhaupt niemand, der eine geistliche Wiedergeburt erlebte. Das Gleichnis sagt auch überhaupt nichts darüber, ob der arme Wicht den die Räuber misshandelten, ein frommer jüdischer Mensch war. Es geht Jesus schlicht darum, dass Nächstenliebe – und damit Liebe – bedingungslos ist. Aber wenn Jesus dies sagt, durch den doch unmittelbar Gott spricht, und deshalb steht es so in unserer Bibel: Dann ist Gottes Liebe zu uns bedingungslos und die (Gottes- und) Nächstenliebe ist es ebenso. Und bei Zachäus auf dem Baum, ein Zöllner und Sünder in den Augen der Bevölkerung (schlimmer als die Menschen die Parksünder abkassieren, eher wie die Raubritter angesehen), lädt er sich zur Mahlgemeinschaft ein. Die Ehebrecherin will er so gar nicht verurteilen, vor allem weil das weder mit Liebe noch mit Barmherzigkeit zu tun hätte, immerhin wird man dann solange mit Steinen beworfen, bis man tot ist. Außerdem sind ihm die Gerechten und Frommen viel scheinheilig. Männer durften ja schon immer fremd gehen. Jesus sendet sogar seine Mitarbeiter aus, um den Kranken und Armen zu helfen bzw. sie zu heilen. Gott ist eben das/der absolut Gute, die Liebe und die Barmherzigkeit. Wenn ich dann noch die gesamte Bergpredigt dazu nehme, und darin geht es um das Grundsätzliche zur Menschlichkeit unter uns Menschen auf dieser Erde, und dies gilt für alle Welt und alle Menschen, dann hat der christliche Glaube eine politische Dimension. Schon deshalb, weil Liebe und Barmherzigkeit, die Verwirklichung der Menschenrechte, die Schwerter zu Pfugscharen zu machen sowie Frieden und Versöhnung anzustreben, zutiefst wirklichkeitsverändernde Aufgaben sind. Käme heute Jesus plötzlich zur Stippvisite, hätte er unter den Evangelikalen einen schlechten Stand. Nun bin ich – oder wäre ich gerne ein Evangelikaler, aber dann würde mich die Lehre von einer geistlichen Wiedergeburt eher irritieren. Denn obwohl ich evangelisch bin teile ich vor allem mit dem katholischen Papst doch die Überzeugung, dass er selbst auch und wir alle Sünder sind, denn uns mangelt es an Ruhm, den wir vor Gott haben sollten (nachzuschlagen in der Bibel). Saulus war vor seiner Gotteserfahrung vor Damaskus ein Christenverfolger und Mörder, aber dann wurde aus ihm Paulus der Völkerapostel. Hat er nicht gesagt, er tue oft was er nicht wolle ? Ich jedenfalls bin nicht vollkommen und muss mir von Gott immer wieder meine leeren Hände füllen lassen. Aber meine Sünde ist mir vergeben, doch meine Schuld muss immer wieder vergeben werden. Ich hatte eine große innere Gottesbegegnung in meiner Seele, aber aus mir und vielen anderen wurden nie vollkommene Christen. Aber dafür ist Jesus für mich ans Kreuz gegangen. Im übrigen ist die Reduzierung oder Verdrehung des Evangeliums nur auf soziale Belange mir hier in Deutschland noch nie in einer christlichen Predigt begegnet (ich habe tausende gute und schlechte gehört). Warum die Befreiungstheologie nicht Jesus-gemäß sein soll muss man mir erst mal wirklich erklären. Ich habe in Mittelamerika die riesigen Einschusslöcher in einer katholischen Kathedrale gesehen, deren Geistlichkeit sich an die Seite der armen Landarbeiter*innen stellte und nicht auf die andere Seite. Als Bischof oder Kardinal hat man da in den 1980er Jahren noch gefährlich gelebt. Jesus hätte nie zurück geschossen, aber er hätte auch so gearbeitet wie die dortige Kath. Kirche. Von den vielen fundamentalistischen Sekten dort kann dies nicht gesagt werden.

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