Nächstenliebe, dieses Wort gehört zum christlichen Grundvokabular. Aber was bedeutet dieses Wort eigentlich? Und wie lebt man Nächstenliebe? Einige praktische Überlegungen. Es beginnt in der U-Bahn.

»Nicht nach oben schauen«, denkt sich die junge Frau, die in der U-Bahn ganz links am Eingang sitzt und sucht zum dritten Mal ihre Schuhe nach Dreckspritzern ab. Der junge Mann gegenüber von ihr tadelt sich innerlich, als seine Augen schon wieder in ihre Richtung wandern und der ältere Herr, der eine Lücke zwischen den Köpfen der sitzenden Menschen gefunden hat, starrt in die Dunkelheit. Alle drei sind damit beschäftigt, den anderen Augenpaaren auszuweichen, so- dass sie gar nicht mitbekommen, dass eine ältere Dame zugestiegen ist. Mit zittrigen Beinen klammert sie sich an der Haltestange fest und versucht, den heruntergefallenen Gehstock aufzuheben.

An der nächsten Station steigt ein Obdachloser hinzu. Er versucht, ein paar Euro für ein Abendessen zu bekommen. ›Dem gebe ich nichts‹, denkt sich ein Geschäftsmann, der von seiner Zeitung hochsieht. ›Der gibt das Geld nur für Alkohol aus, erbärmlich sowas.‹ Zufrieden über seine Erkenntnis wendet er sich wieder dem Artikel zur Altersvorsorge zu. Der Bettler steigt an der nächsten Station erfolglos aus. Das Einzige, was er bekommen hat, ist ein betrübtes Gesicht. Die Stille in der U-Bahn wird durch drei lachende Mädchen durchbrochen. Mit ihren Handys filmen sie ein Mädchen, das keinen Fjällräven-Rucksack besitzt und keine Teddyfelljacke trägt. Später wird das Video, auf dem auch die Tränen des Mädchens zu sehen sind, mit »#Opfer« in der Snapchat-Story geteilt.

Der wichtigste Wert

Solche Situationen – und noch viele mehr – sind inzwischen wohl Alltag jedes Men­schen. Ob Täter, Opfer oder einfach nur stummer Beobachter, ich bin mir sicher, dass jeder mindestens einmal bei einer der oben beschriebenen Situationen kopf­nickend zugestimmt hat. Absichtlich oder unabsichtlich macht man häufig Dinge, die andere Menschen ver­letzen, obwohl es einem selbst so wich­tig ist, respektvoll behandelt zu werden. Nicht umsonst ist Nächstenliebe ein Grundwert unserer Gesellschaft. Und gerade für Christen ist es der wichtigste, durch Jesus vermittelte, Wert!

Respekt und Hilfsbereitschaft

Trotzdem fällt es schwer, Nächstenliebe konkret zu definieren. Auch ich mus­ste erst einmal die Suchmaschine um Rat bitten. Google erklärt mir, Nächsten­liebe sei eine »innere Einstellung, aus der heraus jemand bereit ist, seinen Mitmen­schen zu helfen, Opfer für sie zu bringen.« Interessant. Das heißt also, dass man bei Nächstenliebe selbst einen Schritt zu­rücktreten muss, um anderen zu helfen. Das bestätigt auch die Bibel, die an vielen Stellen sowohl im Alten als auch im Neu­en Testament darauf verweist, wie wichtig es ist, seine Familie, die Angehörigen der eigenen Sippe bzw. des eigenen Volkes und darüber hinaus sogar diejenigen zu ehren, die eigentlich als Fremde oder sogar als Feinde gelten (z. B. 3. Mose 19,18+34, 5. Mose 6,5, Markus 12,28– 31, Lukas 10,25–37, Römer 12,20, …)

Wer ist der Nächste?

»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, sagt Je­sus (Matthäus 22,37– 39) und stellt dieses von allen Gebo­ten an die höchste Stelle, neben die Liebe zu Gott. Seine Predigten und sein Leben zeigen, wer alles zu »dem Nächsten« ge­hört: von Mama und Papa über den bes­ten Freund bis hin zu Thomas aus der 7c und dem Mann, der auf der anderen Straßenseite Blätter fegt. Jesus hat jeden respektvoll und liebevoll behandelt, ohne Ausnahme. Das ist ja alles schön gesagt, aber jeden Menschen lieben ist doch ein wenig zu hart, oder? Fakt ist, dass man einfach nicht mit der ganzen Welt »gut kann«. Es ist offensichtlich, dass wir mit manchen Menschen besser klarkommen als mit anderen. Es gibt Personen, die uns so richtig zur Weißglut bringen oder zu denen wir einfach keinen »guten Draht« kriegen.

Mit Gottes Augen sehen

Ich glaube, dass mit Nächstenliebe nicht gemeint ist, mit jedem Menschen gleich »best friend« zu werden. Es ist vielmehr der Versuch, Menschen durch Gottes Au­gen zu sehen. Zu erkennen, dass jeder Mensch individuell und wunderbar von Gott gemacht und geliebt ist. Und aus dieser Erkenntnis heraus jedem mit Res­pekt und Toleranz zu begegnen. Opfer zu bringen, wenn der andere Hilfe oder Trost braucht. Nicht von oben herab auf den Menschen zu schauen, sondern sich selbst klein machen. Demütig sein. Das klingt echt schwer und ist bestimmt nicht immer machbar. Was du aber nicht vergessen darfst, ist, dass bei allem, was du tust, Gott hinter dir steht. Er hat dich zuerst geliebt. Und diese Liebe ist bedingungslos, sie ist ein Geschenk. Al­les, was du also tun musst, ist die Menschen durch Jesu’ Augen zu sehen. Bitte Gott, dass er dir die Chance gibt, diese unfassbar große Liebe, die du von ihm jede Sekunde ge­schenkt bekommst, an deine Mitmenschen weitergeben zu können. Letztendlich ist Jesus nämlich alles, was Nächsten­liebe ausmacht. Und Jesus ist in dir. Immer. Nächstenliebe muss nicht immer mit großen Taten beginnen. Oft sind klei­ne Gesten schon wunderbar genug. Denn manchmal merkt man gar nicht, wie viel z. B. ein Lächeln verändern kann.

Ein Lächeln, das Liebe schenkt

Ein älterer Herr sitzt in der U­-Bahn. Er hat zwischen den Köpfen gegenüber eine Sichtlücke gefunden und starrt in die Dunkelheit. Ihre Schuhe nach Drecksprit­zern absuchend, hält die junge Frau ihm gegenüber inne und hebt ihren Blick. Ihre Augen wenden sich dem älteren Herrn zu, ihre Mundwinkel zucken nach oben. Ein Lächeln. Zunächst etwas irritiert, kann der ältere Herr nicht anders, als das strahlende Lächeln zu erwidern. So lange ist es her, dass ihn jemand angelächelt hat. Der junge Mann links von ihm steht sofort auf, als eine ältere Dame zitternd die U­-Bahn betritt und bietet ihr seinen Platz an. Als in der nächsten Station ein Obdachloser zusteigt, zücken ein paar Menschen ihr Portemonnaie und geben ihm ein wenig Kleingeld. Etwas, das für die meisten Menschen keinen großen Un­terschied macht, doch für ihn so wertvoll ist. Das allgemeine Raunen in der U­-Bahn wird durch lautes Lachen unterbrochen. Gemeinsam schauen sich vier Mädchen ein lustiges Video an. Zwischendrin hal­ten alle kurz inne. Es liegt etwas in der Luft. Etwas Wohliges. Etwas, das Freude auslöst.

Maria van den Heuvel lebt gerade für ein Jahr in London und hat dort noch einmal ganz neu entdeckt, was Nächstenliebe bedeuten kann.

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