Der Oberste Gerichtshof in Pakistan hat die wegen Blasphemie zum Tode verurteilte Christin Asia Bibi freigesprochen. Ein mutiges Urteil. Am Grundproblem ändert dies jedoch nichts. Ein Kommentar von Jesus.de-Redaktionsleiter Daniel Wildraut.
Demonstration für die Hinrichtung von Asia Bibi in Pakistan (Foto: picture alliance / AP)
Der Oberste Gerichtshof in Pakistan hat die wegen Blasphemie zum Tode verurteilte Christin Asia Bibi freigesprochen. Ein mutiges Urteil. Am Grundproblem ändert dies jedoch nichts. Ein Kommentar von Jesus.de-Redaktionsleiter Daniel Wildraut.

Acht Jahre lang haben wir das Schicksal von Asia Noreen, genannt Asia Bibi, in der Redaktion mitverfolgt, regelmäßig darüber berichtet und gebetet. Insofern war das heute morgen eine wirklich gute Nachricht: Freispruch für Asia Bibi. Der Oberste Gerichtshof hat dem Druck der Islamisten nicht nachgegeben, trotz Todesdrohungen gegen Richter und Anwälte. Ein „Meilenstein“, sagen Menschenrechtsaktivisten. Doch was ist das Urteil wert?

Für Asia Bibi bedeutet es – hoffentlich – ein Leben in Freiheit. Mit all den gesundheitlichen Schäden, die acht Jahre Isolationshaft hinterlassen haben. Allerdings wird die Katholikin ihr Heimatland Pakistan wohl verlassen müssen, denn dort wäre ihr Leben auch nach dem Freispruch in Gefahr. Radikale Islamisten hatten vor der Urteilsverkündung mit „furchtbaren Konsequenzen“ gedroht, sollte die Christin freigesprochen werden. Hier besteht ein fundamentaler Unterschied zum Iran, wo auf Blasphemie ebenfalls die Todesstrafe steht. Während dort das Ayatollah-Regime durch religiöse Gesetze die zunehmend säkularisierte Bevölkerung unterdrückt, muss die pakistanische Regierung stets mit Protesten der streng religiösen oft ungebildeten Bevölkerungsmehrheit rechnen.

Nur wenige Politiker haben es in den vergangenen Jahren gewagt, die Blasphemieparagrafen öffentlich zu kritisieren. Salman Taseer, der Gouverneur des Bundesstaates Punjab, tat es. Er wurde daraufhin im Januar 2011 von einem seiner eigenen Leibwächter am helllichten Tag erschossen. Der Leibwächter wurde zwar zum Tode verurteilt, von vielen Geistlichen jedoch als Held gefeiert. An seiner Beisetzung nahmen rund 100.000 Personen teil. Zwei Monate später ermordeten religiöse Fanatiker den Minderheitenminister Shabaz Bhatti. Einen Christen.

Einfluss radikalislamischer Gruppen ist groß

Die ernüchternde Erkenntnis lautet: Blasphemie ist und bleibt in Pakistan ein Kapitalverbrechen. Daran wird sich weder kurz- noch mittelfristig etwas ändern. Zu groß ist der Druck und Einfluss radikalislamischer Gruppierungen. Eingeführt wurde das Blasphemiegesetz von der britischen Kolonialmacht. Es sollte ursprünglich dafür sorgen, dass religiöse Streitigkeiten nicht in Gewaltexzesse münden, sondern gerichtlich beurteilt und entschieden werden. Militärdiktator General Zia-ul-Haq verschärfte die Gesetze während seiner Regierungszeit (1977 bis 1988). Er führte die Todesstrafe für Blasphemie ein.

Heute sind Anschuldigungen wegen Blasphemie in Pakistan an der Tagesordnung. Oft kommt es jedoch gar nicht zum Prozess, sondern zu Gewalt oder sogar Lynchjustiz. 2009 verbrannte eine aufgehetzte Menge sieben Christen in einem Haus in der Stadt Gojra, die man der Koran-Schändung beschuldigte. Im April 2017 wurde der Student Mashal Khan, ein Angehöriger der muslimischen Ahmadiyya-Minderheit, auf dem Gelände der Universität in der Stadt Marden von zahlreichen Männern gemeinschaftlich ermordet. Der Vorwurf: Gotteslästerung. Beweise gab es keine. Die Täter filmten sich während der Tat, Videos davon kursierten im Internet. Zahlreiche Imane lobten die Mörder. Im Falle Marshal Khan wurden die Mörder zwar verurteilt, aber an das Blasphemiegesetz selbst wagt sich die Regierung nicht (mehr) heran.

Der Blasphemieparagraf ist in Pakistan nach Meinung zahlreicher Kritiker ein gängiges Mittel, um persönliche oder politische Gegner einzuschüchtern bzw. auszuschalten. Betroffen sind vor allem Minderheiten wie Christen, Hindus oder Ahmadiyya. Sie sind in Pakistan trotz geltender Religionsfreiheit Menschen zweiter Klasse.

Die pakistanische Regierung erscheint beim Thema Blasphemie hilflos. Es bleibt daher zu hoffen, dass auch künftig Gerichte in Pakistan mutige Urteile wie heute fällen werden. Der Weg hin zu tatsächlicher Religionsfreiheit und dem Schutz von Minderheiten in Pakistan dürfte jedoch noch sehr lang und steinig sein.

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