Im vergangenen Jahr hatte die badische Landeskirche das Gesprächspapier „Christen und Muslime“ zum Dialog zwischen christlichen und muslimischen Gläubigen herausgegeben. Thomas Schirrmacher, stellvertretender Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, kritisiert den Text nun in einem theologischen Gutachten.

Leichte Kost ist dieses Gutachten nicht. Schirrmacher hat für das „Netzwerk evangelischer Christen in Baden“ und die „ChristusBewegung Baden“ eine ausführliche Stellungnahme geschrieben, die 60 Seiten umfasst. Sie ist ausdrücklich als Beitrag zur Diskussion über das Thema christlich-islamischer Dialog innerhalb der badischen Landeskirche gedacht.

In seinem Gutachten bekennt sich Schirrmacher zunächst ausdrücklich zum christlich-islamischen Dialog. Dieser sei „selbstverständlich“ und werde „zu wenig praktiziert“. „Die Wahrheit, die sich in Jesus Christus offenbart hat, gewinnt nicht, weil wir unangenehm eifern, uns als unfehlbar gebärden oder nicht zuhören können oder wollen, sondern weil wir im Gespräch mit Mitmenschen freundlich und ehrlich Zeugnis von diesem Jesus ablegen“, unterstreicht Schirmacher in seinem Vorwort. Sein Ausgangspunkt ist das vom Vatikan, vom Ökumenischen Rat der Kirchen und von der Weltweiten Evangelischen Allianz 2011 verabschiedete und 2014 von allen Kirchen in Deutschland angenommene Papier „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“.

Schirrmacher spricht sich für den christlich-islamischen Dialog aus, kritisiert jedoch das Gesprächspapier der badischen Landeskirche. So bemängelt er grundsätzlich, dass verschiedene Punkte und Themen in dem Gesprächspapier nicht angesprochen würden. Es fehlten beispielsweise eine theologische Differenzierung des Islam, Verweise auf die Scharia, religiösen Terrorismus oder den islamistischen Extremismus.

Fünf Kernthesen

Kritisch setzt sich Schirrmacher mit fünf „Kernthesen“ auseinander, die er im Gesprächspapier ausmacht. Er nennt zunächst die liturgische Beteiligung von Muslimen an Gottesdiensten, die im Papier quasi „vorausgesetzt“ werde. Gründe für theologische Bedenken dagegen würden nicht genannt. Zweitens liste das Papier zwar Themen auf, bei denen sich Christentum und Islam widersprächen, es werde jedoch offen gelassen, ob der Islam in diesen Punkten auch „wahr“ sein könne. Auf Seite 13 des Gesprächspapiers heißt es dazu:

„Im Blick auf den Islam bedeutet dies, dass die wahre Gotteserkenntnis des Islam nicht einfach nur dort gegeben ist, wo sie unseren Glaubensüberzeugungen entspricht, sondern sie kann gerade auch in dem bestehen, was uns fremd ist und unseren eigenen Glaubensüberzeugungen widerspricht.“

Dies könne nur so verstanden werden, schreibt Schirrmacher, „dass der Islam auch dann Wahrheit enthält, wenn er „die DNA des christlichen Glaubens radikal in Frage stellt.“

Drittens werde laut Schirrmacher in dem Papier von einer Ökumene zwischen den Kirchen auf Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam geschlossen. Die Autoren erweckten den Eindruck, „als sei der Islam einfach eine weitere Variante der christlichen Konfessionen, die nun in den ökumenischen Reigen aufgenommen wird.“ Daran schließt sich inhaltlich Punkt vier an, nämlich die Übertragung des christlich-jüdischen auf den christlich-islamischen Dialog. Hier käme es im Papier zu einer „Quasi-Gleichsetzung“ zwischen Torah und Koran, die jedoch nicht möglich sei, betont Schirrmacher.

Koran und christliche Lehren „zurechtgemacht“

Schirrmacher warnt davor, sich den Islam im Dialog „zurechtzumachen“, so wie es im Gesprächspapier seiner Ansicht nach geschehen sei. Immer wieder wollten die Autoren erklären was „tatsächlich“ im Koran stehe. Ein gutes Beispiel dafür sei die Einordnung von Jesus und Mohammed als „Zeichen der Barmherzigkeit“, eine Eigenschaft, die Schirrmachers Einschätzung nach in Bezug auf Mohammed in keinem nennenswerten islamischen Werk in den Mittelpunkt gestellt werde. Bei diesem Thema lasse das Gesprächspapier Grundkenntnisse über die Entstehung des Koran vermissen. Die „Nähe Gottes“ im Islam werde aus einer typisch christlichen Sicht heraus definiert und mit dem christlichen Verständnis praktisch gleichgesetzt, obwohl sich Gott im Islam eben nicht selbst offenbare. Auch der Dschihadbegriff werde christlich zurechtgemacht, kritisiert Schirrmacher. Dazu präsentiere das Papier eine rein christliche Sicht auf das Thema Religionsfreiheit, ohne zu hinterfragen, ob dies auch der islamischen Sicht entspreche.

Aus Schirrmacher Sicht werden in dem Gesprächspapier auch Teile der christlichen Lehre „zurechtgeschnitten“, damit sie zum Islam passen. Oder aber, wo sie nicht mit dem Islam vereinbar sind (Vergebung der Schuld, Versöhnung), ganz weggelassen. Die islamische „Werkgerechtigkeit“ werde als „inspirierend“ bezeichnet, ohne die aus christlicher Sicht nötige Vergebung zu thematisieren. Letztere werde einmal erwähnt, die Errettung durch Taten im Islam dagegen 20 Mal. Die Bedeutung von Jesu Sterben am Kreuz werde gar nicht erklärt.

Insgesamt verquicke das Gesprächspapier Kirche, Mission und theologischen Dialog einerseits und Staat, Gesellschaft und gesellschaftlichen Dialog andererseits, so Schirrmacher. Der gesellschaftliche Dialog müsse mit allen Menschen geführt werden, egal ob religiös oder nicht. Die „Wahrheitsfrage“ stelle sich hier nicht. Der theologische Dialog dagegen nehme Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Glaube und Weltanschauung in Kauf. Einen Dialog ohne Verzicht auf Wahrheitsansprüche habe es immer gegeben. „Die Diskussion dreht sich um die Frage, ob Dialog nur dann Dialog ist, wenn die christliche Seite ihren Wahrheitsanspruch zurückfährt“, so Schirrmacher. Das Christ Den Dialoentum fände die Wahrheit in der Person Jesus Christus. Die Autoren des Papiers vermischten jedoch gesellschaftlichen und theologischen Dialog. Dazu erweckten sie den Eindruck, wer die theologische Position des Papiers kritisiere, sei prinzipiell gegen einen Dialog – auch den gesellschaftlichen.

Abweichende Positionen in anderen Kirchen

Schirrmacher weist darauf hin, dass das Gesprächspapier der badischen Landeskirche von Veröffentlichungen anderer Landeskirchen und der EKD zum Thema abweiche. So sei das Papier „weitherziger“ als die Position der württembergischen Kirche, folge jedoch nicht der Rheinischen Kirche, Mission gegenüber Muslimen grundsätzlich in Frage zu stellen. Deutlich grenze sich das Papier vom EKD-Positionspapier zum christlich-islamischen Dialog ab (2018), das an einer Stelle als Beispiel für die kritisierte „exklusivistische“ Position genannt werde.

Abschließend kritisiert Schirrmacher, dass im Gesprächspapier eben kein „Gespräch“ stattfinde. Andersdenkende Mitchristen würden nur am Rande erwähnt, dabei jedoch nicht fair sondern verzerrt dargestellt. Eine respektvolle Auseinandersetzung mit ihren Positionen finde nicht statt, diese würden verkürzt dargestellt und  „sofort verworfen“, die eigene Position jedoch „absolut gesetzt“. Die Verfasser gingen davon aus, dass man nur dann für den christlich-muslimischen Dialog sein könne, wenn man die Sichtweise des Gesprächspapiers teile während „alle Andersdenkenden Gegner des Dialogs sind und ihn nicht praktizieren.“ Dies habe mit der Realität wenig zu tun, urteilt der Theologe. Er selbst sei kein Vertreter einer rein exklusivistischen Position. Doch selbst mit dieser Sicht könne man den gesellschaftlichen und theologischen Dialog führen, um sich besser kennen und verstehen zu lernen, und diesen Dialog auf Gegenseitigkeit trotzdem missionarisch nutzen und sich ebenso vom anderen ‚missionieren‘ lassen. An dieser Stelle würden die theologischen Positionen „gestandener, andersdenkender Theologinnen und Theologen“ – auch in der badischen Kirche – nicht ernst genommen.

Schirrmacher urteilt: „Das Gesprächspapier gibt sich mehr Mühe, muslimische Mitbürger zu verstehen als andersdenkende Mitchristen in ihren eigenen Reihen.“


Das Gesprächspapier der badischen Landeskirche soll noch bis Weihnachten dieses Jahres innerhalb der Kirche diskutiert werden. 2020 will die Kirchenleitung dann durch die Landessynode eine abschließende Erklärung zu diesem Thema verabschieden.

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3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Eine für mich objektive Sicht auf das Gesprächspapier. Doch heute ist es so:
    Selbst, wenn etwas als richtig erkannt wird, wird es verworfen, weil andere Bestrebungen
    durchgesetzt werden sollen oder Unglaube und Angst im Spiel sind. Kann auch sein, dass
    solche Verweise auf die Bibel gar nicht erst gelesen werden, weil sie keine Relevanz mehr haben.

    Dabei könnten Religionsgemeinschaften durchaus friedlich nebeneinander existieren,
    wenn überall der Schutz menschlichen Lebens ohne jegliches Ansehen der Person hoch geachtet wäre…

  2. P.S.
    Ich wundere mich, dass ihr euch so schnell von dem, der euch durch die Gnade Christi berufen hat,
    abwendet zu einem anderen Evangelium, wo es doch kein anderes gibt;
    einige verwirren euch nur und wollen das Evangelium des Christus umkehren.

    (Galater 1,6-7 ELB)

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