Valerie Schönian (25), Berlinerin, bezeichnet sich selbst als „linke feministische Journalistin“. Ein Jahr lang hat sie Franziskus von Boeselager (39) begleitet, einen katholischen Priester aus Münster/Roxel. Für die Journalistin eine fremde Lebenswelt. Bei Facebook hat ihr Blog „Valerie und der Priester“ über 14.000 Fans. Uns verrät Valerie im Interview, wie Franziskus und sie mit Reizthemen umgegangen sind, was sie von Jesus hält und womit sie gar nicht gerechnet hätte.

Jesus.de: Wie kommt eine kirchenferne Journalistin wie du dazu, ein Jahr lang das Leben eines katholischen Priesters zu begleiten?

Valerie:  Die Idee stammt nicht von mir. Es ist ein Projekt des Zentrums für Berufungspastoral der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz. Einen Priester haben sie selbst gefunden. Die Agentur „Squirrel and Nuts“, die das Projekt im Hintergrund managed, suchte dann eine Journalistin mit dem Profil „linke feministische Journalistin aus der Großstadt“. Ein Kumpel von mir arbeitet in dieser Agentur. Er hat mich direkt angerufen und gesagt: „Valerie, das bist doch du“. Ich war spontan interessiert, habe aber noch lange mit dem Agentur-Chef und Ideengeber zu „Valerie und der Priester“, Erik Flügge, gesprochen, weil für mich die Frage am wichtigsten war: Werde ich bei dem Projekt journalistisch frei sein? Das wurde mir garantiert. Daraufhin habe ich mich beworben und wurde genommen. Ich habe nicht gezögert – weil das eine so irre Idee ist, zwei Menschen aus zwei Welten ein Jahr zusammenzustecken und zu schauen, was passiert. Von etwas ähnlichem hatte ich noch nicht gehört. Dieses Projekt war die Chance, sich ein Jahr lang intensiv mit einem Menschen und seiner Geschichte zu beschäftigen. Es hat mir einen ganz neuen Zugang in meiner Arbeit ermöglicht.

Welche Reaktionen gab es auf deinen Blog?

Franziskus von Boeselager (Foto: Valerie und der Priester)

Die Reaktionen waren wirklich bemerkenswert positiv – aus allen Bereichen. Da gab es Kommentare wie: „Ah krass, Franziskus ist ja total sympathisch, obwohl er Priester ist.“ Das war schon interessant, weil Franziskus schon konservativ eingestellt ist. Liberale Katholiken haben kritisch angemerkt, dass für das Projekt ein konservativer Priester ausgesucht wurde. Aber für die „Welt da draußen“ gibt es keine liberalen und konservativen Katholiken, sondern es gibt nur Katholiken. Und die sind immer konservativ. Kirchenferne Leser waren sehr überrascht darüber, wie liberal Franziskus eigentlich ist. Und wie offen. Das hätten viele einem Priester nicht zugetraut. Aus innerkatholischen Kreisen kam direkt die Reaktion: „Danke Valerie, dass du dich ein Jahr auf unseren Glauben einlässt. Besonders dafür, dass du ihn ernst nimmst.“ Ich wurde auch immer wieder gefragt, was ich glaube, weshalb ich den Text geschrieben habe „Was glaube ich?„. Generell gab es viel Lob dafür, dass wir gezeigt haben, dass zwei Menschen, die völlig verschieden sind, trotzdem herzlich miteinander umgehen können. [Pause] Eine wichtige politische Botschaft heutzutage.

Gab es auch Kritik?

Ja, es gab immer wieder Leute, die meinten, hier oder da müsse theologisch tiefer gebohrt werden. Das kann ich nachvollziehen. Aber was der Blog leisten wollte, das war eine Kommunikation zwischen den Lebensrealitäten. Keine theologische Vertiefung. Ich hätte ja schon mindestens ein Jahr gebraucht, um die Bibel zu lesen und zu verstehen. [lacht] Kirchenferne Leser pochten immer wieder darauf, die Themen Frauenpriestertum und Homosexualität anzusprechen. Wir sind bewusst die Themen angegangen, die Menschen interessieren, wenn sie mit Kirche nichts zu tun haben. Die, die Franziskus und seine Umgebung oft „Reizthemen“ nennen, über die aber in den säkularen Medien gesprochen wird.

Apropos Reizthemen… Der Umgang mit Homosexualität, das Thema Frauen-Ordination. Wie hast du Franziskus da erlebt? Konntest du seine Position nachvollziehen?

Franziskus von Boeselager (Foto: Valerie und der Priester)

Für Franziskus sind das in seinem Glauben nur Randthemen. Das hat er mir immer wieder gesagt. Ihn beschäftigt das nicht so sehr, weil es ihm im Glauben um etwas anderes geht. Aber dass Frauen keine Priester werden dürfen, stößt vielen Menschen übel auf, weil es gegen die Gleichberechtigung verstößt – auch, wenn Franziskus das anders sehen würde. Genauso wie die Bewertung von Homosexualität als „nicht dem Ideal entsprechend“. Deswegen wenden sich Menschen von der Kirche ab. Sie fühlen sich dort nicht angenommen. Daher ist es meiner Meinung nach wichtig, dass man sich als Katholik diesen Themen stellt. Selbst, wenn es für den einzelnen Gläubigen persönlich nicht so wichtig ist, – Menschen außerhalb der Kirche sind sie wichtig. Für sie widerspricht sich die Kirche selbst. Sie ist diejenige, die von Liebe predigt. Logisch, dass die Leute von außerhalb dann diese Messlatte an die Kirche anlegen und sich fragen: Warum darf ein Mann dann nicht einen Mann lieben? Da muss man als Katholik einfach durch. Ich kenne das selbst übrigens auch: Als Feministin muss ich immer wieder betonen, dass es im Feminismus nicht darum geht Männer zu benachteiligen. [lacht] Wenn man die ersten Spannungen aushält, dann kommt man auch irgendwann zu den Themen, die einem wirklich wichtig sind.

Wie viel Valerie steckt in dem Projekt?

Valerie Schönian (Foto: Valerie und der Priester)

Das Projekt trägt bewusst meinen Namen und heißt nicht einfach „Die Journalistin und der Priester“. Es geht darum, dass ich – als die „linke feministische Journalistin aus der Großstadt“ – auf den traditionsbewussten Priester treffe. Ich wirke erst einmal wie ein Mensch, der das Gegenteil von „katholisch“ ist. Das ist natürlich der Aspekt, der das Projekt am Anfang besonders spannend gemacht hat. Wir hatten nicht geplant nur über ein Priesterleben zu schreiben – was natürlich auch vorkommt. Und das allein wäre sicherlich schon für manche Leute durchaus spannend gewesen wäre. Aber uns ging es von Anfang an um mehr: dass sich hier zwei Menschen begegnen, die aus zwei verschiedenen Lebens-Realitäten kommen.

Gibt es Fragen, die du dir vor dem Projekt zu den Themen Glauben und Kirche gestellt hast, die du dir jetzt mit deinem Wissen selbst beantworten könntest?

Eine der großen Fragen war für mich: Wieso wird man heutzutage Priester? Als heterosexueller, privilegierter, weißer Mann in Deutschland, der alles hätte machen können? Aber Franziskus hat sich für dieses Leben im Verzicht entschieden. Bei mir hat es schon ein Weilchen gedauert bis ich gemerkt habe: Okay, für ihn ist dieses Leben kein Verzicht, sondern ein Geschenk. Aus seiner Perspektive ist das total rational, weil es kein Besseres geben kann.

Auch bei anderen Glaubensfragen dachte ich mir: Was soll das? Was bringt das? Sind diese Leute verblendet? Um dann festzustellen: Nee, das ist nicht irrational. Der Glaube gibt diesen Menschen total viel, daher ist es ganz logisch, dass sie auch das Bedürfnis haben, ihn zu leben. Gemeinschaft, Halt im Leben, sogar eine Familie. Das war für mich echt beeindruckend. Ein anderes Thema, an dem ich mir zunächst die Zähne ausgebissen habe, sind die Traditionen. Als freiheitsliebender Mensch konnte ich mir einfach nicht vorstellen, wie man sich in Vorschriften fallen lassen kann. Das sind mir viel zu viele Regeln. Warum sollte ich mich so einschränken? Selbst wenn ich an Gott glauben würde! Doch dann habe ich erkannt, dass diese Traditionen und Rituale letztlich nicht für Gott da sind, sondern für die Menschen. Das war wirklich eine interessante Erkenntnis. Es ist nicht so, dass Jesus Christus es ganz toll finden würde, wenn sich die Gemeinde jeden Sonntag trifft und immer wieder die gleichen Lieder singt. Die Gläubigen sind diejenigen, die das brauchen.

Hattest du eigentlich Vorurteile gegen den Glauben oder die Kirche? Und haben die sich bestätigt?

Tatsächlich hatte ich gar keine großen Vorurteile. Dachte ich zumindest. Denn Kirche oder Glauben spielten in meinem Leben bis dato schlicht keine Rolle. Erst als ich bei Franziskus ankam, habe ich gemerkt, welche Schubladen ich in meinem Kopf habe. Ich war zum Beispiel der festen Überzeugung, dass sich Franziskus nicht für dieses Leben entschieden hätte, wenn er eine Wahl gehabt hätte. So nach dem Motto: Wenn jemand freiwillig Priester wird, dann muss im Leben dieses Mannes vorher etwas „vorgefallen“ sein. Priesteramtskandidaten waren in meinem Kopf völlig schüchterne Typen, die mit anderen Menschen nicht klarkommen, keine Freundinnen und keine Freunde haben. Mich hat überrascht, dass Franziskus tatsächlich eine Wahl hatte und sich dennoch freiwillig für das Priesteramt entschieden hat.

Foto: Valerie und der Priester

Außerdem habe ich festgestellt, dass die Katholische Kirche auch differenziert betrachtet werden muss. Das klingt total banal, wird aber schnell vergessen. Obwohl ich nie direkt etwas gegen die Kirche hatte, habe ich mich auch nie genötigt gesehen etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen. Das hat sich jetzt geändert. Wenn mir heute jemand mit Pauschalkritik kommt, sage ich, dass man differenzieren muss. Sonst hätte ich irgendwie das Gefühl Franziskus in den Rücken zu fallen. Natürlich müssen schlimme Skandale thematisiert und kritisch beäugt werden, keine Frage. Aber es gibt mehr, was Kirche ausmacht. Kirche ist mehr als die Institution. Keiner wird ja wegen eines Tebartz van Elst Katholik, sonder trotzdem. Es gibt wahrscheinlich so viele verschiedene Katholiken, wie es Kirchenmitglieder gibt.

Gibt es Dinge, die dir auch nach einem Jahr mit Franziskus völlig unverständlich geblieben sind?

Es gibt immer noch Symbole und Gebräuche, für die ich kein persönliches Verstehen aufbringen kann. Ich kann die Bedeutung, die das Weihwasser auf einmal haben soll, oder die Hostie, weil sie gewandelt wurde, nicht verstehen, weil ich es letztlich nicht an diese Bedeutung glaube. Das hat sich auch durch dieses Jahr mit Franziskus nicht geändert. Zwar ist aus meiner Außenperspektive ein wenig eine Innenperspektive geworden, aber nicht komplett. Aber meine Sicht ist auch nicht wichtig, ob ich das glauben kann oder will oder nicht…

…für uns schon

Franziskus von Boeselager (Foto: Valerie und der Priester)

[lacht] … Viel spannender ist für mich die Frage, warum diese Traditionen für Franziskus Sinn machen. Immerhin kann ich das jetzt beantworten. [Pause] Zumindest theoretisch. Ich habe neulich überlegt, was ich Franziskus noch fragen könnte, und da ist mir nichts mehr eingefallen. Und warum? Ich wüsste seine Antworten schon. Also, wenn mich jetzt Freunde in Berlin fragen „Warum wird jemand Priester, was soll das mit der Hostie, wie kann Gott gleichzeitig allmächtig und barmherzig sein?“ – dann kann ich ihnen antworten, was Franziskus antworten würde. Das ist das, was das Jahr leisten konnte und auch hoffentlich geleistet hat. Ich hätte aber auch nicht damit gerechnet, dass einer von uns beiden sein Leben komplett umkrempelt. Das wäre wahrscheinlich auch unglaubwürdig gewesen.

Wer ist Jesus für dich?

[überlegt] Ich kann diese Frage persönlich nur schwer beantworten. Ich glaube nicht an Jesus Christus als den Sohn Gottes. Jesus ist für mich dieser Mann, der vor 2.000 Jahren gelebt hat und der ziemlich krasse Sachen gesagt hat. Die Bergpredigt ist schon sehr bemerkenswert. Er ist derjenige, an den die Christen glauben. Ich kann ihn also nur über die anderen definieren, weil er für mich persönlich keine Bedeutung hat.

Findest du es beneidenswert, dass Franziskus konkrete Ankerpunkte in seinem Glauben hat? Jesus, die Gemeinde, Traditionen, die Eucharistie…

Es ist natürlich toll für Franziskus, dass er sich sagen kann: „Ich falle nie tiefer als in Gottes Hände.“ Er kann sich diese Zuversicht plastisch vergegenwärtigen. Das gibt ihm so viel und das finde ich in diesem Sinne beneidenswert. Aber neidisch bin ich nicht, da mir persönlich an dieser Stelle nichts fehlt.

Du hast im zurückliegenden Jahr viel Zeit mit Franziskus verbracht. Würdest du sagen, dass du mit ihm befreundet bist?

Foto: Valerie und der Priester

Es ist schon mehr als ein berufliches Verhältnis. Vermutlich wäre es auch gar nicht anders möglich gewesen. Es herrschte von Anfang an ein krasses Vertrauen zwischen uns. Ich glaube nicht, dass wir den Kontakt verlieren. Das geht sowieso nicht, weil ja noch ein Buch rauskommt, für das ich ihn noch ein paar Mal nerven muss. [lacht] Außerdem haben wir so viele gemeinsame Erinnerungen und so viel voneinander gelernt, dass immer etwas zwischen uns bleiben wird. Nach dem Projekt heißt es dann eben nicht mehr „Valerie und der Priester“, sondern „Valerie und Franziskus“ – ohne Kamera.

Die Fragen stellte Laura Schönwies


Wer mehr lesen möchte: Den Blog „Valerie und der Priester“ findet Ihr hier. Franziskus  hat ihn übrigens selbst erst nach Abschluss des Projekts gelesen. Seine Eindrücke hat er in einem Brief an Valerie beschrieben.

Hier das Abschluss-Video des Projekts:

Der Abschied

Das Jahr ist um. Am 20. Mai 2016 ging das erste Video über Franziskus und mich online. Das hier ist das letzte:

Posted by Valerie und der Priester on Freitag, 19. Mai 2017

Tipp: Für das Frühjahr 2018 ist ein Buch zum Projekt „Valerie und der Priester“ geplant.

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