Der Mann, der Daniela Helfrich etwas über den Heiligen Geist lehrte, ist Japaner. Schmächtig. Lachfalten. Weit über 70. Schwarze Hornbrille – höchstwahrscheinlich ein Buddhist. Und doch zeigte er ihr eine Analogie, die ihr hilft, den Heiligen Geist besser zu verstehen.
Wir sitzen mit ein paar Schöngeistern zusammen. Erzählen, was uns so neuerdings inspiriert. Die Kreativität angekurbelt hat. Zum Schreiben, zum Malen. Zum Komponieren. Eine erzählt begeistert, wie sie in einer Galerie auf Bilder von Rikuo Ueda gestoßen ist. Windkunst macht der. Noch nie davon gehört, aber ich bin fasziniert.
Und so sitze ich am nächsten Morgen und befrage meine Suchmaschine. Anscheinend ist Rikuo Ueda nicht für alle Deutschen ein Unbekannter. Er macht Windkunst seit über 40 Jahren und wurde damit weltberühmt, auch hierzulande. Neulich gewann er den renommierten Hans-Theo-Richter-Preis. Bei der Verleihung in der Sächsischen Kunstakademie in Dresden erklärt er, wie seine Windzeichnungen entstehen: Er befestigt Schreibgeräte wie Wachsstifte oder Kugelschreiber an Blättern oder Ästen, die durch den Wind bewegt werden. Den eigentlichen Akt des Zeichnens übernimmt anschließend stets der Wind selbst. Die Spuren, die der Wind auf der Zeichenfläche hinterlässt, sind einzigartig und – ich staune – sehr ästhetisch.
Ueda – in dessen Heimatland es übrigens 2.145 Namen für den Wind und Hunderte für Regen gibt – erzählt weiter: „In der Nähe meines Hauses in Osaka ist ein großer Park, der Oizumi Park, den ich oft besuche. Frühmorgens, während ich dort Stift und Papier an dem Ast eines Baumes befestige, kommen gelegentlich Spaziergänger mit großem Interesse zu mir und fragen, was ich da mache. Es ist schwer zu erklären, aber wenn ich ihnen sage, dass ich Zeichnungen im Wind mache, lächeln sie alle. Für mich ist das der glücklichste Moment. Ich habe das Gefühl, dass ich meine Arbeit für dieses besondere Lächeln mache.“
Nach der Rede ist Ueda, umringt von Publikum und im Schein vieler leuchtender Lampions, in einem nächtlichen Dresdner Park zu sehen. An zahlreichen Bäumen sind seine Konstruktionen aufgebaut. Große Tücher, die im Wind flattern. Stifte, die an Blättern befestigt sind. Papier, auf das der Wind seine Bewegungen zeichnet: die sanfte Brise, den Windhauch, die wilde Böe, den tobenden Sturm. Uedas Bilder stellen sich völlig unterschiedlich dar. Manchmal sehr zart, kaum sichtbar, mal mit viel Nachdruck aufs Papier gebracht. Kohle, Tinte, oder auch einfache Bleistifte sind für ihn brauchbare Werkzeuge. Er hat den Wind auch schon mit in Farbe getauchter Watte oder Zweigen mit reifen Beeren malen lassen. Und die Menschen stehen neugierig und irgendwie auch fast ehrfürchtig vor seinem Ausdruck.
Ueda berichtet von seiner Arbeit im Dresdner Park: „Ich rauchte eine Zigarette und trank etwas Rotwein. Ich saß auf der Bank und habe den Wind beobachtet.“ Man sieht ihm das Glück an. „Der Wind ist ein unglaublicher Künstler. Er braucht mich eigentlich gar nicht.“ Rikou Ueda lacht sympathisch in die Kamera.
Er scheint ein demütiger Mann, trotz seines Erfolges. Er weiß, er ist nicht die Hauptsache, auch wenn alle Augen auf ihn gerichtet sind. Er ist Teil eines Teams. Ein Duo mit dem Wind. Er nennt das auch: mit dem Wind tanzen.
Die Idee ist so simpel. Eigentlich wirkt das schon fast wie „geklaute“ Kunst, eigentlich will man rufen: Hey, Rikou, du bist doch gar kein richtiger Künstler! Das sind ja gar nicht deine Werke. Der Künstler ist der Wind!
Der Wind weht
Ich sitze hier auf meiner Terrasse, während Google mir all diese Bilder und Informationen ausspuckt und mir der frische Donnerstagmorgen-Wind die Haare zerzaust. Und plötzlich ist mir, als würde einer lauthals flüstern: „Genauso mache ich es. Genau so.“
Mein Herz setzt kurz aus. Fast hätte ich mich verstohlen umgeschaut, aber ich weiß, hier ist niemand. Es ist eine Stimme in mir. Plötzlich bin ich hellwach und das liegt nicht am zweiten Espresso auf dem Gartentisch. Rikuo Ueda erteilt mir gerade eine Lektion über den Heiligen Geist. Ich setze mich respektvoll etwas gerader hin.
„Der Wind weht, wo er will. Du hörst ihn zwar, aber du kannst nicht sagen, woher er kommt und wohin er geht“, flüstert es weiter in mir. Könnte von Ueda sein. Ist aber von Johannes. Das Gespräch mit Nikodemus und die Wiedergeburt. Der Heilige Geist liebt das Bild des Windes. Das geheimnisvoll Unsichtbare. Aber trotzdem Wahrnehmbare. Die Überraschungsmomente. Das Zarte. Das Stürmische. Die Windkraft. Das alles beschreibt ihn ziemlich gut.
Ich habe mir in letzter Zeit so oft gewünscht, dass der Heilige Geist mehr Raum hat. Mitten in meinem Alltag der Himmel die Erde berührt. Dass er sichtbar wird in meinem Büro. In meinen Begegnungen. Übernatürliche Momente in meiner ganz gewöhnlichen Woche bewirkt.
Seit jenem Donnerstagmorgen positioniere ich immer wieder innerlich meinen „Stift“. Ja, ich will heute seine Geistesblitze erwarten.
Während ich weiter die Bilder bewundere, die der Wind gemalt hat, sinne ich darüber nach, wie es wäre, mehr eine „vom göttlichen Wind Gezeichnete“ zu sein. Mich erwartungsfroh und absichtsvoll so zu positionieren, dass ich jederzeit von Gottes Geist bewegt werden kann. Er durch mich sichtbarer wird in dieser Welt. Jemand zu sein, der sich demütig zur Verfügung stellt – wohl wissend, dass ich nicht die Hauptakteurin bin. Sondern lediglich ein hingebungsvolles Instrument, durch das der Geist sich ausdrücken kann. Sein gewaltiges Werk tut. Mal ganz sanft. Mal kraftvoll.
Doch – ehrlich gesagt – so oft bin ich nicht mutig genug. Die Menschenfurcht ist mancher Tage stärker als die Sehnsucht und alle frommen Wünsche. Meine innere Mutter ruft erschreckt mit Blick in die Nachbarschaft: Was sollen die Leute denken? Werden sie mich für bescheuert halten? Mich belächeln? Die Augen rollen über so viel religiösen Fanatismus? Bestimmt würde es einige davon geben. Ebenso wie es mit Sicherheit Spaziergänger im Oizumi Park gibt, die einen bald 80-jährigen Mann, der Kulis an Bäumen befestigt, für einen Spinner halten. So be it.
Mitten ins Herz
Doch für die anderen, die stillstehen, die nachfragen, wird es vielleicht die Welt verändern. Den Horizont weiten. Sie werden einen Blick auf Gott werfen können. Das Wirken des Geistes spüren. Sich ins Herz treffen lassen. Sie könnten für diesen Moment etwas sehen von der Schönheit Gottes. Seine Fürsorge oder bedingungslose Liebe hautnah erleben. Sie würden quasi von der Heiligen-Geist-Windkunst berührt werden – und ich wäre ein Teil davon. Ein schöner Gedanke.
Ueda hat mir ein Bild geschenkt. Keins zum an die Wand hängen. Sondern eins für die Herzenskammer. Es begleitet mich. Seit jenem Donnerstagmorgen positioniere ich immer wieder innerlich meinen „Stift“. Ja, ich will heute seine Geistesblitze erwarten. Nachfragen. Auf das Wehen des Geistes achten. Ihn sichtbar machen mitten in meiner Welt.
Es gelingt mir nicht immer. Aber ein bisschen öfter. Je nach Jahreszeit, Dauer und Standort sind Uedas Bilder so verschieden. Nie weiß er, was entstehen wird. Er kann nur dem Wind vertrauen. Ich kann es genauso machen. Mich dem schöpferischen Geist anvertrauen. Mittendrin in den Stürmen des Alltags. In der Windstille und den Gezeiten der Lebensphasen. Wenn ich seinen Worten Glauben schenken kann, dann arbeitet Gottes Geist am liebsten im Team. Er will mich dabeihaben. Auch wenn er mich eigentlich nicht braucht. Die Werke sind ja schon vorbereitet. Und doch mag er es, in der chaotischen Werkstatt meines Lebens im Duo zu arbeiten.
Oder wie Ueda das ausdrücken würde: Er liebt es, wenn ich mit dem Wind tanze. Hach. Der Geist weht wirklich, wo er will. Das muss man ihm lassen.
Manchmal schickt er donnerstagmorgens einen japanischen Windkünstler auf eine mitteleuropäische Terrasse, um eine Lektion über sich selbst zu erteilen. Und malt gleichzeitig unbeirrt weiter wunderschöne Bilder im Oizumi Park.
Daniela Helfrich ist Autorin, Menschenfreundin und Gottessucherin.

Dieser Artikel ist im christlichen Magazin AUFATMEN erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.
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