Als sich fast alle ihre engsten Freundschaften gleichzeitig veränderten, fragte sich Rebekka Gohla: Was ist mir wirklich wichtig in Beziehungen? Und wie kann ich sie trotz aller Veränderungen gut pflegen?
Das Thema Freundschaft hat mich im letzten Jahr wahrscheinlich so sehr beschäftigt wie kein anderes. Nachdem sich meine engsten Freundschaften fast alle gleichzeitig veränderten, habe ich mich innerlich auf die Reise gemacht und mich gefragt, was eine gute Freundschaft für mich ausmacht, welchen Wert wir Beziehungen und Freundschaften in dieser Gesellschaft geben, wie wir in unseren Gemeinden darüber reden und wie es in der Praxis wirklich aussieht. Ich habe ein richtig gutes Buch dazu gelesen, andere Menschen gefragt, welche Werte ihnen dabei am wichtigsten sind, habe Bilanz gezogen, neue Freundschaften wachsen sehen und zwei Freundschaften auch beendet. Vielleicht helfen dir meine Gedanken und mein Erleben, wenn du vor ähnlichen Fragen stehst. Vor allem aber ist das hier, in allem oder vielleicht trotz allen Schmerzes, ein Plädoyer für Freundschaft und Beziehungen.
Weg von mir als Freundin
Dass sich all meine Freundschaften im letzten Jahr plötzlich sehr verändert haben, lag vor allem an neuen Lebensumständen in ihrem Leben wie ein Umzug in ein anderes Land oder Familienzuwachs. Dabei habe ich schnell gemerkt, dass es scheinbar einen roten Faden darin gibt: Sobald sich Menschen innerhalb ihrer Beziehung oder als Familie in eine Richtung verändern (Familienzuwachs, Hochzeit, Umzug …), bewegen sie sich gemeinsam zu etwas Neuem hin und damit weg von mir als Freundin. Wechselt stattdessen jemand nur den Job oder zieht „nur“ alleine um, ändert das an unserer Freundschaft nicht unbedingt etwas. Ich möchte aus beidem kein Gesetz machen, merke aber, dass es da häufige Wiederholungen gibt. Ein Stück weit ist das wohl auch normal, denn man konzentriert sich auf die Kernbeziehung oder die eigene Familie. Wenn es in Gemeinde um Familie und Ehe geht, dann wird auch immer wieder thematisiert, was für einen hohen Wert diese haben und dass es wichtig ist, sie zu stärken und zu schützen. Ich glaube aber auch, dass man (wie bei allem) auch auf der anderen Seite vom Pferd fallen kann. Dazu später mehr.
Verunsicherung und Umbruch
Als meine Freundschaften plötzlich so anders wurden oder wegbrachen, war das schmerzhaft und hat eine Menge Verunsicherung und Umbruch mit sich gebracht. Ich hatte immer ein gutes soziales Netz, für das ich sehr dankbar war, weil ich als Single noch mal anders Gemeinschaft brauche, denn die passiert nicht einfach in meinem Zuhause. Plötzlich war im Notfall niemand mehr erreichbar. Das war beängstigend und hart. Gleichzeitig dachte ich, dass nicht jeder sprachfähig ist oder sagen kann, was er braucht. Dann ist es noch schwerer, wenn soziale Netze wegbrechen oder Menschen sich alleine fühlen.
Dass meine Freunde plötzlich einen anderen Fokus hatten, bedeutete nicht nur eine Veränderung für ihr Leben, sondern auch für meines. Mit jeder Veränderung der anderen schien gleichzeitig ein „weg von mir“ einherzugehen, und das führte unterm Strich zu dem Gefühl,
zurückgelassen zu werden. Sie entwickelten sich in alle möglichen Richtungen weiter und ich blieb zurück. Diese Erkenntnis warf neue Fragen auf: War ich eine gute Freundin oder eher nicht? Sind Freundschaften in bestimmten Lebensphasen nicht so wichtig? Oder haben wir als Gesellschaft ein Problem und schaffen es nicht, das zu lösen?
Sehnsucht nach Beziehung
In allen Gesprächen, die ich in diesen Monaten mit Menschen führte, wurde eines schnell klar: Wir alle sehnen uns nach tiefen, echten und bedeutungsvollen Beziehungen. Wir wünschen uns Menschen, mit denen wir Ängste, Träume, Siege und Niederlagen teilen können und die mit uns Leben gestalten. Wir Menschen sind für Gemeinschaft geschaffen, wie auch immer das aussieht oder wie individuell wir das gestalten wollen. Wir brauchen einander und wir brauchen Verbundenheit. Gleichzeitig stellen wir aber auch fest, dass das Leben so voll ist und unser Tag zu wenig Stunden hat, dass vor allem Beziehungen auf der Strecke bleiben. Wir sind so eingenommen von der Hektik des Alltags, dass wir uns nur noch auf das Nötigste konzentrieren und alles andere mit der Zeit immer mehr schleifen lassen. Das gilt übrigens auch für uns Christen in Gemeinden. Wir predigen oft, dass wir Gemeinschaft und einander brauchen und dass wir einen Unterschied machen sollen. Aber wie soll das aussehen, wenn wir durch unser Leben eilen und oft nur noch versuchen, zu überleben?!
Der Preis von Verbundenheit
Ich glaube, dass „Verbundenheit“ ein Schlüssel ist. Ja, das Leben ist chaotisch und stressig und voll. Und ja, Freundschaften kosten etwas, und mein Erleben und Beobachten der letzten Monate ist, dass wir oft nicht (mehr) bereit sind, sie uns etwas kosten zu lassen.
Freundschaften sind immer beidseitig. Mal können wir mehr geben, mal nehmen wir mehr, aber für Freundschaft braucht es immer beide. Doch was, wenn das Leben chaotisch, wild und bunt ist und wir eh schon zu viel im Kalender haben? Wenn die Familie viel von uns fordert, der Beruf viel Kraft zieht und wir merken, dass die Tage zu viele Aufgaben haben? Dann fallen Dinge hinten runter, und dazu zählen auch oft Beziehungen.
Das bringt mich zurück zum Thema „Ehe, Familie und vom Pferd fallen“: Ja, es ist wichtig, in die eigene Partnerschaft/Ehe bzw. in die Familie zu investieren. Und ja, sie soll Priorität haben, um geschützt zu sein und gesund zu wachsen. Zu einem gesunden Wachstum gehören aber auch Freundschaften. Wenn der Partner gleichzeitig der beste Freund sein soll, bekomme ich Bauchschmerzen, weil dieser nie die beste Freundin, die Schwester oder die Mädelsgruppe ersetzen kann. Sollte er auch nicht – wie viel Druck willst du dem armen Mann auferlegen?! Genauso wenig kannst du als Ehefrau die Kumpel, Brüder und Freunde ersetzen. Ich wünsche jedem meiner verheirateten Freunde tiefe Freundschaften. Ich wünsche ihnen Menschen, die nah an ihnen dran sind und mit ihnen die verschiedenen Lebensphasen feiern, aber auch mitbekommen, wenn es schwer wird, und in Krisen da sein können. Wie viel schwerer werden harte Zeiten, wenn wir nicht Menschen um uns haben, die mittragen, mitleiden und uns ermutigen, die uns gut kennen und in unser Leben sprechen dürfen, weil sie für uns sind und unser Bestes wollen. Das gilt für Paare natürlich genauso wie für Menschen, die alleine leben.
Während ein Großteil meiner engsten Freundschaften endete, passierte in diesem Prozess aber auch ganz viel Wertvolles, ich habe viel gelernt, und das will ich gern mit dir teilen:
1. Der Wert und die Freiheit in Freundschaft
Ich habe Freunde gefragt, was ihnen in Freundschaft wichtig ist, und wir haben darüber geredet, was wir jeweils brauchen. Ich habe in dieser Zeit besser verstanden, wie meine Bedürfnisse aussehen und welche Werte meinen Kern für Beziehungen bilden sollen. Zum Beispiel sind mir Ehrlichkeit und Zeit wichtig, ich wünsche mir Tiefgang in Freundschaften und dass sie ein Geben und Nehmen sind. Das kann je nach Lebensumstand mal mehr das eine und mal das andere sein, und das ist glaube ich auch normal – aber irgendwann sollte es wieder in eine Waage zurückfinden. Außerdem brauche ich mit meinen Freunden Zeit. Das muss nicht jeden Tag oder jede Woche sein, aber ein regelmäßiger Check-In per Sprachnachricht oder Telefon, um mal zu hören, wie es der anderen geht, und sich ein Lebensupdate zu geben, bedeutet mir viel. Das ist etwas, das mir einen sicheren Rahmen gibt und es leichter für mich macht, anzuknüpfen. Mir ist aber auch wichtig, dass meine Freunde ehrlich sagen, wenn ihnen etwas zu viel ist. Was übrigens dazu führen kann, dass sich das Bedürfnis nach gemeinsamer Zeit nicht erfüllt. Dennoch will ich, dass sie ehrlich sein können. Diese Freiheit möchte ich genauso haben und wissen, dass wir einander Grenzen sagen dürfen, ohne dass die jeweils andere Person nachtragend ist.
Ich habe meine Freunde aber auch deshalb gefragt, weil es ja gut möglich ist, dass ihnen ganz andere Dinge in Freundschaften wichtig sind. Nur wenn ich das von ihnen weiß, können wir gut miteinander kommunizieren, die Bedürfnisse der anderen achten und verstehen vielleicht uns selbst oder das Verhalten unseres Gegenübers besser.
Wie ich sein möchte
Ich habe in dieser Zeit gelernt, was für eine Freundin ich für andere sein möchte, und weiß, woran ich dafür noch arbeiten kann. Gleichzeitig habe ich dabei aber auch gelernt, dass Freundschaft immer freiwillig ist, und die Freiheit dieser Art von Beziehung neu verstanden. Das bedeutete auch, Menschen loszulassen, die mir viel bedeuteten, weil sie sich entschieden haben, ohne unsere Freundschaft weiterzugehen, oder weil ich eine Freundschaft bewusst beendet habe – denn nicht nur Freundschaft hat einen Wert, auch ich, und den will ich ebenfalls sehen und ernstnehmen.
In dieser Zeit habe ich das Buch von Franziska Klein zum Thema Freundschaft gelesen: „Freundschaft: Schön. Schmerzhaft. Lebenswichtig.“ Das hat mir geholfen, mir über meine Werte klar zu werden, Freundschaften und Bekanntschaften klarer zu sehen und dabei auch zu erkennen, dass ich nicht nur Freunde verloren, sondern auch neue dazugewonnen habe. Das war super. Ich liebe ihren Schreibstil, all die Infos und Fakten, die Franzi zum Thema gibt, und wusste schon nach drei Seiten, dass es Folgen haben wird, dieses Buch zu lesen. Absolute Empfehlung!
2. Gemeinschaft geht von mir aus
Während der Europameisterschaft im letzten Sommer habe ich oft Menschen gefragt, ob ich vorbeikommen und mit ihnen ein Fußballspiel sehen kann, und jedes Mal einen Korb bekommen. Das war irgendwann so frustrierend, dass ich niemanden mehr gefragt habe. Ich wollte kein Programm und bespaßt werden, ich wollte nur dabei sein und machen, was die anderen eh in der Zeit machen. Wenn ich aber aufhöre, Menschen nach gemeinsamer Zeit zu fragen, kann das sehr einsam werden. Gemeinschaft passiert auch nicht unbedingt passiv – ich kann sie aktiv gestalten und komme dabei direkt aus dem Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht raus. Also habe ich in den vergangenen Monaten ein paar Mal Frauen zu mir zum Frühstück eingeladen. Dabei habe ich bewusst so eingeladen, dass wir eine Gruppe von Frauen waren, die sich noch nicht gut kannten und die aus mehreren Generationen bestand. Jede hat etwas mitgebracht, wir haben geredet, gelacht, uns besser kennengelernt und gegenseitig inspiriert. Das waren tolle Vormittage, die ich nicht erlebt hätte, wenn ich nicht Raum für Gemeinschaft gemacht und aktiv Schritte auf Menschen zugegangen wäre. Mittlerweile geht dieser Frühstücks-Samstag in die dritte Runde und von einer der Frauen kam vor kurzem eine Einladung zum Frauen-Raclette-Abend, über die ich mich total gefreut habe. Es ist, als hätte ich etwas gesät, und daraus entsteht nun etwas Neues an Gemeinschaft.
3. Freundschaft ist ein Schatz
Freundschaften sind ein hohes Gut. Und ich glaube, dass wir lernen dürfen, sie wieder mehr zu schätzen und vielleicht auch neu zu entdecken. Tiefe Freundschaften, in denen wir offen auch über die Themen reden können, die wir sonst eher nicht laut aussprechen und miteinander ehrlich sein dürfen, sind ein echter Schatz. Ich wünsche mir mehr dieser Freundschaften, weil ich viel daraus lerne, meine Freunde mich dabei inspirieren und gemeinsamer Austausch wertvoll ist. Wir brauchen aber nicht nur Single-Freundinnen oder Paar-Freunde, sondern den bunten Mix dieses Lebens. Ich bin davon überzeugt, dass Familien und Paare Single-Freunde brauchen und umgekehrt. Wir können miteinander Leben teilen und einander ergänzen, die Lasten der jeweils anderen mittragen, selbst wenn wir die Herausforderungen unserer Mama-Freundinnen nicht kennen und sie sich nur bedingt in das Singleleben hineinversetzen können.
Heilsame Verbundenheit
Wir brauchen Freundschaften. Und wir brauchen Verbundenheit, um zu heilen, zu lernen, zu wachsen und zu leben. Mir ist bewusst, dass Freundschaft kein leichtes Thema ist, weil das für viele von uns mit Schmerz, Verletzung oder Vermissen verbunden ist. Darin kann eine Spannung stecken, die nur schwer auszuhalten ist, und das will ich nicht kleinreden.
Ich weiß auch, dass wir Singles oft flexibler sind, um uns bei den Freunden zu melden, die in ihren Familien eingebunden sind, und um in die Terminpläne der Kinder zu passen. Dennoch will ich an dieser Stelle alle Paare und Familien dafür sensibilisieren, dass auch dieses Bild zwei Seiten hat. Denn eure Single-Freunde tragen ihr Leben allein – inklusive aller Aufgaben, Herausforderungen und allem Mental Load, der dazugehört. Das ist manchmal ganz schön viel, selbst wenn ihr manchmal denkt, wie schön es wäre, nur für sich selbst Verantwortung zu haben. Und genau deshalb braucht Freundschaft Investment von beiden Seiten. Eine kurze Nachricht, eine Einladung, beim Familienessen dabei zu sein, oder eine Frage, wie der Tag war, können schon einen riesigen Unterschied bedeuten, ohne, dass ihr euch stundenlang Zeit einräumen müsst.
Bedeutsame Beziehungen leben
Diese Gesellschaft, ihre Anforderungen, die Geschwindigkeit, in der wir leben, das alles wird sich wahrscheinlich nicht ändern und auch nicht langsamer werden. Ich habe im letzten Jahr aber gedacht, dass ich mich davon weder einschränken noch entmutigen lassen will. Wir können dennoch Freundschaften leben, wir können trotzdem tiefe und bedeutsame Beziehungen erleben – die Frage ist, was sie uns wert sind und wie viel wir bereit sind zu investieren. Ja, das ist Arbeit! Genauso wie alle anderen Lebensbereiche auch Arbeit sind. Wir müssen bereit sein, etwas von uns hineinzugeben. Aber ich glaube, dass sich dieses Investment lohnt und nicht nur wichtig, sondern unersetzlich ist.
Rebekka Gohla ist Sozialpädagogin und Autorin. Ihre Gedanken teilt sie auf Instagram unter @rebekka_gohla.
Dieser Artikel ist in der Frauenzeitschrift JOYCE erschienen. JOYCE ist wie Jesus.de ein Angebot des Bundes-Verlags.

