Ohne mutige Frauen hätte sich der christliche Glaube in China nicht so stark verbreiten können. Doch was war das Geheimnis der „Bible Women“?

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Von Lydia Rieß

Cai Sujuan, bekannter unter ihrem westlichen Namen Christiana Tsai, war eine junge chinesische Frau aus reichem Elternhaus. 1890 wurde sie als achtzehntes von vierundzwanzig Kindern geboren. Anders als Frauen aus ärmeren Familien hatte sie das Privileg, eine umfangreiche Bildung zu erhalten, und schrieb sich auf einer der Missionarsschulen ein, die in den vorangegangenen Jahrzehnten vermehrt von Europäern in China gegründet worden waren. Sie wollte ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen und Englisch lernen – allerdings unter dem festen Vorsatz, sich von allem Christlichen fernzuhalten. Fest verwurzelt in ihrem buddhistischen Glauben und dem Ahnenkult ihrer Familie, wollte sie mit dem gekreuzigten Gott des Westens nichts zu tun haben.

Von der zerrissenen zur gelesenen Bibel

Durch die Predigten und das Lesen in der englischen Bibel, zu Anfang noch zum Lernen der Sprache, wuchs jedoch ihr Interesse an der christlichen Botschaft, bis sie sich schließlich bekehrte. Ihre Familie begegnete ihrer Entscheidung mit Ablehnung, gar mit Entsetzen. Es war ein regelrechter Skandal. Ihre Mutter fürchtete darum, nach ihrem Tod von ihrer Tochter nicht mehr im Rahmen des Ahnenkults im Jenseits versorgt zu werden, ihre Brüder zerrissen ihre Bibel und Gesangsbücher aus Zorn und Furcht. Durch ihre Unbeirrbarkeit und ihren offen gelebten Glauben gelang es Christiana nach und nach, ihre Familie von dem neuen Glauben zu begeistern, insgesamt fünfundfünfzig Verwandte, Männer wie Frauen. Ihre Mutter gab ihre langjährige Opiumsucht auf, öffnete ihr Zuhause für Gebetstreffen und lernte sogar im Alter von sechzig Jahren noch lesen, um selbst in der Bibel studieren zu können.

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Nach ihrem Abschluss wurde Christiana Tsai Lehrerin an einer staatlichen Schule. Sie nutzte ihre Position, um mit ihren Schülerinnen über das Evangelium zu sprechen, und bot in ihrem Zuhause Bibelstunden an. Als sich immer mehr Schülerinnen bekehrten, legten viele Eltern bei der Schulleiterin Beschwerde ein. Diese ließ daraufhin Räume durchsuchen, unter Matratzen versteckte Bibeln beschlagnahmen und drohte allen, die an den Bibelstunden teilnahmen, von der Schule verwiesen zu werden. Christiana Tsai und die Schülerinnen ließen sich jedoch nicht bremsen – und schließlich bekehrte sich auch die Schulleiterin.

Obwohl Tsai dabei eng mit Missionarinnen und der örtlichen Kirche zusammenarbeitete, sah sie sich nie als professionelle Evangelistin, sondern als Frau, die ihren Glauben lebte und teilte. Selbst als sie später durch Malaria für den Rest ihres Lebens in einem abgedunkelten Raum ans Bett gefesselt war, lud sie weiter Menschen zu sich ein und ermutigte sie im Glauben, bis zu ihrem Tod 1984. Ihr Lebenszeugnis schrieb sie nieder in dem Buch „Queen of the Dark Chamber“ (Königin der dunklen Kammer).

Steinige Wege in China

Die Geschichte von Christiana Tsai lässt erahnen, unter welchen Voraussetzungen die Bibel und ihre Botschaft nach China kamen. China war von Anfang an ein schwieriges Missionsfeld. Die ersten Missionare sahen sich nicht nur einer komplizierten neuen Sprache gegenüber – sowohl in Aussprache als auch in Schrift –, sondern auch einer Kultur, die sich stark von ihrer europäisch-westlichen Prägung unterschied. Ahnenkult und Buddhismus waren fester Bestandteil des alltäglichen Lebens. Der Bruch damit oder gar die Hinwendung zu einer anderen Religion – undenkbar! 1812 kam es auf Anordnung des chinesischen Kaisers hin zu einem Verbot der christlichen Religion, und auf die Verbreitung christlicher Schriften, allen voran der Bibel, konnte sogar die Todesstrafe stehen. Als 1949 die Volksrepublik China gegründet wurde, mussten alle ausländischen Missionare ausreisen, und während der Kulturrevolution 1966 bis 1976 war das Christentum vollständig verboten.

Neben diesen Hindernissen, die es zu überwinden galt, gab es auch ein gesellschaftliches: Anfang des 19. Jahrhunderts war es Männern unmöglich, Frauen das Evangelium zu predigen oder überhaupt Kontakt zu ihnen herzustellen. Sehr schnell gewannen deshalb die Missionars-Ehefrauen an Bedeutung, die unentgeltlich neben ihren Männern arbeiteten, und später kamen immer mehr unverheiratete Missionarinnen hinzu. Wichtiger wurden aber recht schnell einheimische Chinesinnen wie Christiana Tsai, die das Evangelium angenommen hatten und selbst aktiv wurden, um ihren Mitbürgerinnen (und später auch Mitbürgern) die Bibel und ihre Botschaft nahezubringen: die Bible Women.

Begegnungen auf Augenhöhe

Der Begriff „Bible Women“ (Bibelfrauen) wurde von der britischen Evangelistin Ellen Henrietta Ranyard geprägt. Er beschreibt Frauen, die meist ohne besondere Ausbildung und Stellung zu ihren Landsleuten gehen und ihnen dadurch auf Augenhöhe begegnen können.  Zu Beginn beschränkte sich die Rolle der Bible Women darauf, anderen aus der Bibel vorzulesen, doch ihre Bedeutung nahm rasch zu, nicht nur in Großbritannien, sondern in allen Missionsfeldern rund um den Globus.

Denn diese Bible Women hatten Zugang zu Bereichen, die den oft gebildeten und gleichzeitig fremdartigen Missionaren und Missionarinnen verschlossen blieben. Nicht nur kulturelle und religiöse Unterschiede standen diesen im Weg, ihnen fehlte oft das Verständnis für die Lebensweise und Denkweise der Menschen, denen sie das (unvermeidlich von ihrer westlichen Kultur geprägte) Evangelium bringen wollten. Hinzu kam das Misstrauen der Bevölkerung: Diese Europäer wollten nun alles infrage stellen, was bisher richtig und gut gewesen war?

Auch in China erwiesen sie sich nicht nur als wertvoll, sondern sogar als unbedingt notwendig. Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Rollen von Mann und Frau in der chinesischen Gesellschaft noch stark festgelegt. Der Bereich des Mannes war das öffentliche, der der Frau das häusliche Leben. Die europäischen Missionarinnen hatten deutlich mehr Freiheiten als die Frauen, denen sie von Jesus erzählten.

Nicht zuletzt dadurch ergab sich ein Zugang zu den Chinesinnen. Das Christentum bot ihnen Freiheiten und ein Selbstbewusstsein, das sie bis dahin nicht gekannt hatten. Zuvor war es unüblich gewesen, dass Frauen Bildung erhielten, die meisten von ihnen waren Analphabetinnen. Missionarsschulen wurden gegründet, in denen westliche Missionarinnen Mädchen und Frauen das Lesen beibrachten, zuallererst mit dem Grundgedanken, dass sie auf diese Weise selbstständig in der Bibel lesen konnten. Über neu gegründete Schulen und Krankenhäuser kamen Frauen zum Glauben, die nach und nach selbst begannen, ihren Landsleuten von Jesus zu erzählen und die Bibel nahezubringen.

Wegbereiterinnen

Bible Women begannen oft als Übersetzerinnen oder Wegbereiterinnen, um einer Missionarin erste Schritte zu ermöglichen. Immer mehr wurden sie eine eigene Institution, oft sogar bezahlt (wenn auch weitaus geringer als Missionare und Missionarinnen). Sie eröffneten Zugänge, die den westlichen Missionarinnen allein nie möglich gewesen wären, bauten Misstrauen ab, begleiteten und betreuten die Neubekehrten, auch wenn die Missionarinnen längst weitergezogen waren. Manchmal fungierten sie als Assistentinnen, oftmals arbeiteten sie auch allein und selbstständig, wie Christiana Tsai. Viele Bible Women boten Bibel- und Gebetskreise in ihren Häusern an oder betrieben „Alltagsmission“, indem sie ihrer Familie oder Nachbarinnen die Bibel und ihre Botschaft nahebrachten oder Bibeln verteilten. Dabei hatten sie in den meisten Fällen keine theologische Ausbildung.

Teil 2 finden Sie hier. Darin lesen Sie, wie die Ärztin Dora Yu in Shanghai eine Bibelschule gründete und welche Rolle die Bible Woman bei der Vergabe von öffentlichen Kirchenämtern spielten.


Lydia Rieß ist evangelische Theologin, Autorin und Übersetzerin. Ihr Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Faszination Bibel (Ausgabe 03/2020). Faszination Bibel erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört.

 

 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Bei der Reaktion des Staates, des Kaisers, dürfen wir nicht vergessen das einige Christen (?) einen Bürgerkrieg Aufstand verursachten. Der „Taiping-Aufstand“ hatte 20- 30 Millionen Tote. Der Anführer war ein gewisser „Hong Xiuquan“. Dieser Aufstand war brutal und staatsgefährdend. Es ist somit nicht verwunderlich das der Kaiser gegen diese Christen unterdrückend vorging. ebenso wie geggen die Uiguren.
    Somit werden heute noch Christen und Muslime schief angesehen.
    Da ist bei der Christianisierung im 19 Jahrhundert einiges schief gelaufen, und die chninesischen Herrscher haben ein langes Gedächnis über ideologische Grenzen hinweg.

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