Der Arzt und Sozialpädagoge Gerhard Trabert lehrt als Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule RheinMain. Und er behandelt seit 25 Jahren Obdachlose in seinem „Arztmobil“, einem umgebauten Sprinter. Der „Straßen-Doc“ plädiert für Respekt auf Augenhöhe mit Obdachlosen. Ein Interview.
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Herr Trabert, Sie sagen, es ist Ihre „Berufung“, als Arzt und Sozialarbeiter auf die Straße zu gehen. Wie kam es dazu?

Als Kind bin ich geprägt worden in einem Waisenhaus, als Sohn des Erziehers. Damals schon wurden meine Spielkameraden benachteiligt. Das hat mich wütend gemacht, ich fand das ungerecht – und habe beschlossen, als Erwachsener etwas gegen die Ungerechtigkeit zu tun. Ich habe Soziale Arbeit studiert, dann Medizin und sehe mich heute als Sozialarbeiter mit spezieller Qualifkation in Medizin.
Über meine Frau hatte ich Kontakt in ein Wohnheim wohnungsloser Männer – und hab da gemerkt: Viele sind krank, gehen aber nicht zum Arzt. Mich erschüttert das tief. Ich frage mich: Welche Ängste muss ein Mensch haben, dass er eher Schmerzen auszuhalten versucht, statt zum Arzt zu gehen?! Darüber habe ich meine Doktorarbeit geschrieben, habe wohnungslose Menschen untersucht, 1989, für die erste empirische Studie über „Wohnungslosigkeit und Gesundheit“. In Indien hatte ich zudem die aufsuchende Medizinversorgung kennengelernt. Und dachte: Das könnte man hier auch machen – zu den wohnungslosen Menschen auf die Straße gehen. Die Kassenärztliche Vereinigung hat mir dann eine Sondergenehmigung zur Behandlung erteilt; die gilt inzwischen 25 Jahre.

Wie verteilen sich Ihre Arbeits-Schwerpunkte als Professor und „Armen-Doc“?

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In der vorlesungsfreien Zeit geht das gut. Während des Semesters ist es natürlich eine Herausforderung. Aber da kommt mir die Hochschule immer entgegen: Ich kann meine Lehrveranstaltungen so platzieren, dass ich auch das Arztmobil fahren kann, jeden Tag in der Woche ein paar Stunden, manchmal im Team mit einer Krankenschwester und einer Sozialarbeiterin.

Und es gibt feste Arztmobil-„Sprechstunden“?

Ja. Wir haben feste Routen: bei einem Wohnheim, an den Domplätzen, der Tiefgarage, in einem Waldstück. Manchmal signalisiert mir jemand, da geht es einem nicht gut; dann fahre ich dahin, wo derjenige „Platte macht“, übernachtet. Aber sonst wissen alle immer, wann ich wo bin.

„Besitzende werden gefördert, während Menschen am unteren Ende der Gesellschaft abgehängt werden.“

Sie zitieren den Phil Collins-Song „Another day in paradise“. Darin heißt es, dass Menschen bewusst obdachlosen Menschen ausweichen. Stimmt der Eindruck, dass es getrennte Welten gibt zwischen Arm und Reich?

Absolut. Die Schere geht immer mehr auseinander: Besitzende werden gefördert, während Menschen am unteren Ende der Gesellschaft abgehängt werden. Wir brauchen eine Schulterschluss- und keine Ellenbogen-Gesellschaft! Eine Mutter mit Hartz IV hat heutzutage für ihr fünfähriges Kind pro Tag 2,90 Euro zur Verfügung – für Frühstück, Mittag-und Abendessen. Damit kann ich ein Kind nicht gesund ernähren! Wir sind ein reiches Land und könnten die Ressourcen gerechter verteilen. Wir machen’s nur nicht.

Als „Doc für Arme und Obdachlose“ kennen Sie sich aus. Wie kann ich, in stabilen Lebensverhältnissen, obdachlose Menschen verstehen?

Das ist ein wichtiger Aspekt! Ich möchte durch meine Arbeit emotionalisieren, aber auch zeigen: Wie ist ein Mensch in die Wohnungslosigkeit gekommen? Ob sexueller Missbrauch, der Tod von Angehörigen, der Verlust der Arbeit – häufg ziehen Schicksalsschläge den Menschen den Boden unter den Füßen weg. Ich kann darum nur jedem Mut machen, nicht nur mal 1 Euro oder 50 Cent zu geben, sondern ein paar Minuten stehenzubleiben und mit den Menschen zu reden.

„Jedes Leben, jeder Mensch ist wichtig, jeder hat Fä­higkeiten und Ressourcen!“

Sie sprechen die Schicksalsschläge an, die oft Ursache für einen persönlichen Absturz sind. Wie kann man dem begegnen?

Ich zitiere gern den Familientherapeuten Jesper Juul und seinen Begriff der „Gleichwürdigkeit“. Den Begriff gibt es in der deutschen Sprache nicht, er drückt aber etwas Elementares aus: nämlich Menschen mit Respekt und Würde auf Augenhöhe zu begegnen. Betroffene sagen mir oft, dass sie, im Jobcenter oder bei der Polizei, geduzt werden, dass man nicht respektvoll mit ihnen spricht. In unserer Gesellschaft werden Menschen zu sehr defniert über Leistung, ihren Verdienst. Aber: Jedes Leben, jeder Mensch ist wichtig, jeder hat Fä­higkeiten und Ressourcen!

Sie erleben viel Elend bei Ihrer Arbeit. Erdrückt Sie das nicht?

Mir geben die Beziehungen Kraft. Weil es ehrliche Beziehungen sind: Die Menschen sind so, wie sie sind – und ich darf auch so sein, wie ich bin. Und ich gebe nicht nur – ich bekomme auch viel zurück: Die Menschen schenken mir Würde in den Begegnungen. Meine Erlebnisse aufzuschreiben hilft mir, sie ein Stück weit loszulassen. Ich bin jemand, der sich viel bewegt. Ich jogge, fahre Fahrrad und tanze gerne. Und es tut mir gut, mit Freunden über das Erlebte zu reden.

Als bekannter „Straßen-Doc“ haben Sie die Öffentlichkeit, die eigentlich Obdachlose bräuchten. Welche Lobby wäre für sie nötig?

Betroffeneninitiativen von Wohnungslosen müssen mehr in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Für sie gibt es jedes Jahr ein Treffen, bei dem Menschen mit Armutserfahrung sich austauschen. Da wünschte ich mir, dass die Politik sich an einen runden Tisch mit den Betroffenen setzt, denn die wissen am besten, was für sie wichtig ist. Sie müssen mehr gehört werden.

In Ihrer Rede bei der Verleihung der Salomon-Neumann-Medaille haben Sie sich empört darüber geäußert, wie mit Notleidenden umgegangen wird. Ist es an der Zeit, Menschen aufzurütteln?

Mir wird die Diskussion über soziale Ungerechtigkeit, die Verteilung von Armut und Reichtum zu wenig geführt. Wir brauchen Politiker, die den Mut haben, die Verteilungsfrage ins Zentrum des politischen Handelns zu stellen. Wir müssen das Thema enttabuisieren und deutlich machen, dass Reichtum verpflichtet. Das steht auch im Grundgesetz. Es ist keine Neiddiskussion, wenn wir über gerechte Verteilung sprechen, sondern etwas zutiefst Menschliches. Wenn die reichsten zehn Prozent der Deutschen 56 Prozent des gesamten Vermögens besitzen, dann läuft etwas falsch.

„Wir müssen hinschauen und die Initiative ergreifen – jeder da, wo seine Kompetenzen liegen.“

Wir tragen alle eine Mitverantwortung. Nur mangelt es oft an echter Empathie. Wie gelingt es, nicht an der Not vorbeizusehen?

Wir sehen vieles, aber verdrängen es. Wir dürfen uns nicht auf andere verlassen, sondern sind selbst verantwortlich: Wir müssen hinschauen und die Initiative ergreifen – jeder da, wo seine Kompetenzen liegen. Jeder kann in seinem Umfeld mit seinen Ressourcen etwas tun, um Menschen zu begegnen, zu unterstützen und etwas gegen soziale Ungerechtigkeit tun. Wir brauchen Mut, um zu reden, zu argumentieren und in Beziehung zu treten. Niemand muss das alleine machen. Ich kann mich beteiligen in Gruppen, Initiativen, bei Wohlfahrtsverbänden.

Kann ein kompletter Turnaround im Leben eines Obdachlosen gelingen? Haben Sie ein Beispiel dafür?

Es gibt etliche Beispiele, in denen eine Veränderung gelungen ist, wo die Kontinuität der Beziehung entscheidend war – in der man auch nach der dritten erfolglosen Entgiftung noch da ist, nicht verurteilt und nicht beschönigt.
Zu uns kam ein Mann, dessen Frau an einem Leberkarzinom starb. Sie war für ihn der geliebte Mensch und mit ihr hatte er alles verloren. Er hatte mehrere Erkrankungen, wir haben ihn versorgt und unterstützt, bis er wieder eine neue Arbeit, eine eigene Wohnung hatte. Und auch wieder zu einem „normalen“ Arzt gehen wollte. Ein langer Atem ist wichtig, letztlich muss aber der Betroffene selbst die entscheidenden Schritte gehen. Das fällt ihm leichter, wenn er Begegnungen des Vertrauens erfährt. Eine unserer Hauptaufgaben ist es, die Wertschätzung der Betroffenen für sich selbst zu stärken. Wenn Menschen von außen diesen Wert zugesprochen bekommen, erleben sie sich selbst auch wieder als wertvoll und können ihr Leben in die Hand nehmen.

Was sind Ihre Wünsche für „gelebte Zwischenmenschlichkeit“ in der Gesellschaft? Oder um ein Zitat Hans von Dohnanyis aufzugreifen: Wie übe ich den „Gang eines anständigen Menschen“ ein?

Ich bin nicht der Mittelpunkt der Erde, aber ich kann viel bewegen. Ich bin Systemen und Entwicklungen nicht machtlos ausgesetzt. Ich brauche eine Orientierung; da finde ich die Menschenrechte ganz wichtig. Und die Erfahrung, was Begegnung in mir und in dem anderen bewirken kann. Ich wünsche mir, dass mehr Geld in die Armutsbekämpfung fließt. Ich wünsche mir einen offenen und vorurteilsfreien Umgang mit Armutsbiografen und dass wir wegkommen von Schuldzuweisungen.

Sie haben freiwillig einige Wochen in einer Obdachlosenunterkunft mitgelebt und das als wertvoll empfunden. Was könnten für jeden diese Selbsterfahrungsräume sein?

Wir müssen uns emotionalen Selbsterfahrungen mehr öffnen, weil das ein ganz anderer Erkenntnisschatz ist. Dann kann man gar nicht mehr so auf Distanz gehen. Ich erwarte von niemandem, dass er, wie ich zuletzt, aufs Mittelmeer geht. Aber die Nähe zu den Menschen schafft eine ganz andere Betroffenheit und einen anderen Zugang. Das lässt sich vielleicht durch Filmprojekte, durch Studienprojekte oder durch Einladungen von Betroffenen in Schulen und Hochschulen fördern. Nur so erreichen wir nachhaltige Verhaltensänderung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellten Liesa Dieckhoff und Jörg Podworny


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Lebenslust erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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