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Selbstführung statt Selbstverbesserung

Spiritualität, Psychologie und Theologie: Diese Disziplinen gehören für Thomas Härry zu einer guten „Selbstführung“ in der Nachfolge Jesu – unter Annahme der eigenen Stärken und Schwächen. „Selbstverbesserung“ hält er dagegen für eine postmoderne Utopie.

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Thomas: Seit 2015 bin ich im deutschsprachigen Raum so etwas wie der unfreiwillige „Experte der christlichen Selbstführung“. Damals erschien die erste Auflage meines Buches „Von der Kunst sich selbst zu führen“. Keines meiner Bücher hat sich so gut verkauft. Mit keinem anderen Thema war ich in den letzten Jahren häufiger unterwegs. Ich bin dankbar und freue mich daran. Zugleich wundert es mich, denn eigentlich wollte ich in diesem Buch bloß meine eigene Lernkurve als Leiter beschreiben – in der Hoffnung, dass dabei für die Eine oder den Anderen ein paar verwertbare Krümel abfallen. Damals dachte ich, dies sei vor allem meine Lernkurve. Heute weiß ich: Nein, hier gibt es Nachholbedarf auf breiter Front. Und so beschäftigt mich das Thema notgedrungen bis heute. Nach anfänglichem Zögern (es zieht mich meist rasch zu neuen Themen hin), bejahe ich das Mandat und vermute Gott dahinter … Aber sag mal Uli, wie hast du’s denn mit der Selbstführung? Würdest du sagen, du bist gut darin?

Uli: Verzwickte Frage! Ein weiser demütiger Mensch kann das ja eigentlich nur verneinen – und wenn er das verneint, dann ist er natürlich auch wieder nicht so richtig weise, weil er Selbstführung verneint. Ich würde also erstmal gar keine Antwort geben und mich Deiner Frage auf Umwegen nähern …

Thomas: Einverstanden. Wie sieht denn dein Umweg aus?

Uli: Ich glaube, es gibt in jedem Leben sowohl hilfreiche Bedingungen für gute Selbstführung als auch hinderliche. Und die stecken sowohl in deiner Umgebung als auch in deiner Persönlichkeit. Meine Lern-Erfahrung da: Wer ein sehr spontaner intuitiver Mensch ist, der hat es eher schwer bei Selbstführung – eben weil er spontan ist und die Dinge eher mal ohne innere Begründung einfach so „aus dem Bauch“ passieren. Das ist ja zugleich eine große Stärke – hat aber eben auch Schattenseiten: Mangelnde Reflektion, mangelndes Durchdenken der Dinge. Und zur Situation: Ich habe von Anfang an in meiner beruflichen Laufbahn viel begleitende Kritik bekommen – klar, auch viel Lob und Zustimmung, sonst hätten sich nicht Türen und Wege geöffnet. Aber eben: Wer viel Kritik bekommt, der muss sein Verhalten durchdenken, erkennt Fehler, Seh-Behinderungen, kapiert andere Sichten. Ob es in meiner Persönlichkeit liegt – oder ob ich es durch meinen Weg gelernt habe: Ich habe als Mensch eine hohe Selbst-Distanz, so merke ich das heute. Die ist nützlich, wenn man gut durchdacht handeln will. Oder eben auch: Sich selbst von seinen Idealen und Zielen her willentlich steuern, führen will. Und sie steht einem manchmal im Weg, weil man auch über-reflektiert sein kann, sich zu viele Gedanken macht und unfrei wird. Das ist dann auch wieder Selbstführung, sowas zu erkennen …

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Thomas: Wenn ich dich richtig verstehe, skizzierst du damit ein Stück weit deinen eigenen Weg. Du erzählst ja in deiner Biografie, dass du als junger Leiter manche Kritik einstecken musstest und eben gerade deshalb gelernt hast, deine Aussagen und dein Verhalten bewusster zur reflektieren und auch im Voraus die mögliche Wirkung deines Handelns zu bedenken. Das wiederum wäre ein schönes Beispiel dafür, dass viele Menschen, ich eingeschlossen, genau so lernen, sich selbst zu führen: Durch das Wahrnehmen, dass mein Verhalten Wirkungen erzielt, die ich so nicht will und die der Sache mehr schaden als dienen. Nun kann ich dafür anderen die Schuld geben („die haben halt falsch verstanden – selber schuld!“), oder ich kann mir überlegen, was ich tun kann, damit es weniger solche Missverständnisse gibt.

Das war bei mir als junger Leiter ein wichtiger Moment: Zu verstehen, dass ich mein Einfluss auf Andere immer begrenzt ist. Wenn ich jemanden wirklich steuern kann, dann mich selbst. Vor allem in Konflikten war das für mich der Augenöffner schlechthin: „Nicht was andere sagen und tun ist jetzt wichtig, sondern, wie ich darauf reagiere und was ich selbst tue. Lass die andern, mach du es so gut du kannst! Sei kein Opfer, das unter anderen leidet und jammert – finde du selbst den guten Weg.“ Das war meine große Lernkurve, als ich dieses Thema zu verstehen begann.

Uli: Ganz starker Punkt, da bin ich voll bei Dir – und glaube gleichzeitig, dass das wohl lebenslanges Lerngebiet ist. Aber eine super wichtige Einsicht: ich bin kein passives Opfer, ich habe immer noch alle Freiheit, meine Reaktion zu steuern! Und nebenbei: Selbst bei einer eher hohen Selbst-Distanz, wie ich das von mir behaupte, liegst Du natürlich immer wieder verkehrt und haust daneben – gerade, wenn du dich auf sicherem Grund fühlst (… dann verlierst du ja wieder Selbst-Distanz und Vorsicht). Insofern sage ich auf Deine Frage: Selbstführung ist mir ein großes inneres Anliegen – wir haben uns ja gefunden in diesem gemeinsamen Interesse dafür. Ich habe manches davon als Denkwelt, als geistliches Anliegen schon in den neunziger Jahren entdeckt und besser verstanden durch Gordon MacDonalds Buch „Ordne dein Leben“, das geht ja stark auch in diese Richtung: Wo stehe ich? Wie will ich leben? Und Ihr Schweizer habt da ja einen alten frommen Mann, dem das auch auf dem Herzen lag: Hans Bürki mit seinem Thema „Lebens-Revision“ – der systematische, erkennende Blick in mein Leben. Von daher stehst Du da in einer tollen Tradition. Und hast ein starkes Buch geschrieben – völlig zu Recht erfolgreich.

Thomas: Richtig, Gordon ist einer jener Autoren, die in eigenen Worten Themen beschrieben haben, die mit Selbstführung zu tun haben. Ich habe davon viel profitiert. Vielleicht waren es solche Bücher, die bei mir eine Art Boden gelegt haben, damit ich mich später vertieft damit auseinandersetzen konnte und meine eigene Begrifflichkeit dafür fand. Diese eigene Sprache hat es vermutlich gebraucht, damit ich den damit verbundenen thematischen Kosmos noch mal entschiedener an mich heranlassen konnte. Und natürlich hat die ganz persönliche Erfahrung als Gemeindeleiter eine enorm hilfreiche Rolle gespielt, vor allem meine Fehler. Nie bin ich lernwilliger als in Momenten, wo ich merke, dass etwas schiefläuft, das ziemlich sicher mit mir selbst zu tun hat …

Uli: Aber was mich an dieser Tatsache dennoch merkwürdig berührt, ist Folgendes: Könnte man nicht statt des Begriffes „Selbst-Führung“ ganz einfach auch das gute alte Wort „Heiligung“ sagen? Und, ehrlich: Da wäre ich dann nicht so sicher, ob jemand so erfolgreich darüber schreibt. Oder meint Heiligung etwas anderes? Hast Du einfach nur einen hilfreichen, neutraler klingenden Begriff gefunden, der neben dem guten Inhalt ein Schlüssel für den Erfolg ist? Manchmal helfen ja neue Begriffe gegen diesen Abnutzungs-Effekt von guten Anliegen – Heiligung hat so einen Geruch von Enge, Gesetzlichkeit, Zwang, außengesteuert. Selbst-Führung klingt mehr nach einer spannenden, fast sportlichen Herausforderung, die ich selbst will …

Thomas: Ich bin nicht sicher, ob Selbstführung dasselbe ist wie das biblische Anliegen der Heiligung. Man müsste dazu „Heiligung“ genauer definieren. Wenn „Heiligung“ den Prozess der persönlichen Erneuerung beschreibt, den Gott in uns allen bewirkt und bei dem wir als aktive Mitgestalter einbezogen sind, dann Ja; da gibt es Parallelen. Ich selber sage es lieber so: Selbstführung ist für mich bewusst gestaltete Nachfolge. Also der aktive, mir aufgetragene (kleine, aber wichtige) Teil an der Erneuerungsgeschichte. Den, bei dem ich aufgefordert bin, Einfluss zu nehmen. Dinge zu klären, zu benennen, in Angriff zu nehmen. Bei der Selbstführung fließen für mich verschiedene Disziplinen zusammen: Spiritualität, Psychologie, Theologie, Führung. Alles, was darin heilsam ist für mich, meine Beziehungen zu anderen und für meine Organisation; alles, worauf ich darin guten Einfluss nehmen kann, ist ein Ausdruck von guter Selbstführung. Eine meiner wichtigsten Einsichten dabei: Sich selbst führen kann nur, wer ein Selbst hat. Wer also als Mensch ganzheitlich den Weg der Lebens- und Glaubensreife geht. Wer ungute Muster aufarbeitet, kindisches ablegt, demütig und gleichzeitig ohne falsche Bescheidenheit durchs Leben geht, bzw. gehen will. Deshalb musste ich dazu noch ein eigenes Buch nachschieben. Mir wurde bewusst, dass das vor die eigentliche Aufgabe der Selbstführung gehört, sonst endet sie in unreifem Gestalten und macht mehr kaputt, als dass sie hilft.

Ein Letztes: Wer Selbstführung mit Selbstoptimierung gleichsetzt, der hat das Thema nicht verstanden. Er löst es vom Evangelium und stimmt in die postmoderne Utopie ein, wir könnten mit genug Disziplin und Willenskraft über uns selbst hinauswachsen und letztlich alles schaffen. Das ist Quatsch und eine ganz andere Schiene, die ich nicht bedienen möchte.

Uli: Das finde ich noch mal einen wichtigen Punkt, der vielleicht manchmal nicht gesehen wird – oder bei manchen intuitiv zu einer Ablehnung des Begriffs führt: Selbstführung hat für Dich also – zentral? – auch etwas mit der Annahme meiner Persönlichkeit zu tun – also eben gerade auch den Schwächen und dunklen Seiten. Wo es dann nicht erste Aufgabe ist, schwierige Prägungen arbeitsam abzuschaffen – was wir ja oft gar nicht hinkriegen! – sondern, mit ihnen weise umgehen zu lernen. Also ein Weg zwischen realisierender Annahme meiner Selbst – hin zu einem klugen Umgehen und vielleicht auch langsamen Verändern, das aber in einem Raum von gestaltbarer Freiheit passiert. Wäre das richtig aufgefasst?

Thomas: Ja, genau, du hast mein Anliegen schön umschrieben. Es geht darum, sich selbst in dem Zustand zu führen, in dem man sich befindet: in meiner Stärke, aber auch Begrenzung; in meiner Begabung, aber auch Anfechtbarkeit. In meinem So-sein frage ich nach dem Guten, wie es Paulus zum Beispiel in Römer 12 beschreibt – im Gespräch mit Gott und in der Abhängigkeit von ihm. Ginge es um etwas anderes, müsste das Thema „Selbstüberwindung“ oder „Selbstverbesserung“ heißen – und dafür wäre ich dann nicht der richtige Autor, denn genau das wäre schon rein theologisch höchst fragwürdig.


Ulrich Eggers hat seine eigene Biografie im Dialog mit Thomas Härry geschrieben. „Der Ideen-Entzünder – Von der Treue im Großen, mutigen Entscheidungen und dem Glauben am Montag – Eine Biografie im Dialog“ ist Anfang 2022 bei SCM R.Brockhaus, Holzgerlingen erschienen.

Der Dialog zwischen Thomas Härry und Ulrich Eggers geht weiter:
www.EggersundHaerry.net

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