Martin Dreyer: ein Luther von HEUTE?

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Martin Dreyer (Foto: Tom Norberg)
Martin Dreyer trägt den gleichen Vornamen wie Luther – und hat ebenfalls die Bibel in eine neue Sprache übertragen (Volxbibel). Im Interview erzählt er von seinen Beweggründen, auf welche Herausforderungen er dabei stieß und warum er neben der Bibel auch Luthers persönliche Schriften wichtig findet.

Martin, du teilst den gleichen Vornamen mit Luther – und ihr habt zu ganz unterschiedlichen Zeiten beide die Bibel in eine zeitgemäße Sprache übersetzt. Was für Gemeinsamkeiten gibt es sonst noch zwischen euch?

Martin Dreyer: Ich komme nicht gut damit zurecht, wenn man mich mit dem großen Reformator vergleicht. Der Schuh passt einfach nicht. Luther hat im Vergleich zu mir etwas wirklich Großes getan. Aber nachdem ich mich durch die Arbeit am Buch Martin Reloaded – Luthers Schriften für alle so intensiv mit ihm beschäftigt habe, ist Martin Luther mir schon nahegekommen. In seinen Texten verspüre ich manchmal geradezu eine Wut. Er hatte das ganze religiöse Getue, bei dem es letztendlich nur um leere Hülsen ging, so satt. Sein Anliegen war es immer, den Glauben für den Alltag herunterzubrechen. Gott, Jesus und der Heilige Geist sollten nicht nur in den Gottesdiensten sondern auch zu Hause erlebbar werden. Und alles sollte in eine Sprache zugänglich sein, die jemand ohne Bildung versteht. Der Tagelöhner oder die einfache Marktfrau zum Beispiel. Das sind alles Dinge, in denen ich mich wiederfinde. Hier schlägt auch mein Herz.

Warum lag dir die Übersetzungsarbeit an der „Volxbibel“ so am Herzen?

Ich arbeitete damals in einem städtischen Jugendzentrum im Spätdienst. Mir fiel auf, dass unzählige Standard-Begriffe aus dem christlichen Vokabular für den völlig entkirchlichten Jugendlichen eine völlig neue Bedeutung bekommen hatten. Wenn dort einer von einem „sündigen Wochenende“ schwärmte, dann hatte das Wort „Sünde“ eine völlig neue Bedeutung für ihn bekommen. Sünde war etwas Gutes, etwas Erstrebenswertes geworden. Wenn ich diesem Jugendlichen verkünden würde, Jesus wäre für seine Sünden gestorben, hätte das ein weithin ungläubiges Kopfschütteln zur Folge gehabt. „Das hätte dein Jesus aber nicht zu tun brauchen!“

Grundsätzlich ist meine Motivation in fast allen Dingen, die ich für Gott getan habe, immer eine missionarische gewesen. Ich gehe von der Annahme aus, dass Jesus mich dazu berufen hat, sein Evangelium in eine Sprache zu übersetzen, die nur gewisse Menschen aus bestimmten Kulturkreisen verstehen. Ich glaube, Gott möchte von mir, dass ich eine Brücke baue, dass ich sogar ‚in Person‘ eine Brücke bin. Mein Anliegen ist es, das Evangelium an Orte zu bringen, wo sonst keiner hinkommt. Dazu muss ich es auch in einer Sprache für diese Orte übersetzen. Die Gute Nachricht muss immer übersetzt werden, in die Lebenswelt des jeweiligen Menschen. Es ist schon interessant, dass jedem Christen diese Tatsache für Länder wie Indien oder Staaten in Afrika klar ist. Aber für das Getto im Vorort oder die Parkbank um die Ecke nicht.

„Wochenlang um Worte gerungen“

Worin liegt die größte Herausforderung, wenn man neue, zeitgemäße Worte für klassische Bibeltexte sucht?

Da haben wir manchmal wochenlang im Team um Worte gerungen. Besonders bei der Arbeit am Alten Testament hatte Gott mir ein multikompetentes Team geschenkt. Die Herausforderung war immer, ein gutes, aktuelles Wort zu finden, das junge Menschen verstehen – und sich dabei doch nicht zu weit vom Original zu entfernen. Teilweise haben wir dem Leser auch die Deutungsvielfalt in der Volxbibel genommen, weil es uns um eine leichte Verständlichkeit ging.

Für „Martin reloaded“ hast du die wichtigsten Texte Martin Luthers in eine moderne Sprache übersetzt. Warum findest du seine Texte so wichtig?

Nach meiner Meinung müsste sich eigentlich jeder freikirchliche und evangelische Christ einmal im Leben intensiv mit Luther beschäftigt haben. Kein einzelner Mann hat das geistliche Leben in der westlichen Welt so stark beeinflusst wie Luther. Nur weiß das heute leider kaum noch jemand, weil wir von dieser Quelle irgendwie abgeschnitten wurden. Sei es das einfache Tischgebet oder der Glaube, dass keine Taten oder Geldspenden uns erretten können, all das haben wir Luther zu verdanken. Für mich war es eine Entdeckungsreise, mich auf so intensiv mit dem großen Reformator zu beschäftigen. Und ich habe festgestellt, dass vieles von dem, was er vor 500 Jahren erkannt hat, bis heute eine große Aktualität und Relevanz besitzt. Ich glaube sogar, dass sich die evangelische Kirche in manchen Dinge zu Luther zurück-reformieren sollte. So eine „Rückwärts-Reformation“ ist beispielsweise überall dort nötig, wo lebendiger Glaube gegen evangelische Rituale eingetauscht wurde.

„Luther hat auf Kritik nicht immer souverän reagiert“

Welcher der Texte hat dich selbst am meisten angesprochen – und warum?

Mich haben besonders die Schriften bewegt, in denen der Mensch Luther zum Vorschein kommt. Luther war auch verletzlich. Und er hat auf Kritik nicht immer souverän reagiert. Es hat ihn richtiggehend genervt, wenn man seine Gedanken und Auslegungen nicht verstand. Mit einigen Gegnern ist er hart ins Gericht gegangen. Da ich auch sehr oft kritisiert worden in, besonders von Geschwistern im Glauben, konnte ich hier gut mitfühlen. Mich hat man ja schon zweimal ganz offiziell ‚dem Satan übergeben‘. Diese Art von ‚heiliger Wut‘ hätte ich manchmal auch gerne an den Tag gelegt. Es tut gut zu sehen, dass auch dieser große Mann Gottes ganz normale, menschliche Gefühle kannte. Und damit nicht immer geistlich gut umgegangen ist.

Welche Glaubens-Erkenntnis Luthers findest du so wichtig, dass du sie auch an deine Kinder weitergeben würdest?

Du kannst noch so viel für Gott tun, du kannst noch so heilig leben oder tausende guter Taten tun, du kannst noch so geistlich oder ungeistlich nach außen scheinen – an Gottes Liebe zu dir wird das nichts ändern. Sie ist völlig unabhängig von unseren Leistungen. Ich finde, das ist in unserer leistungsorientieren, auf Äußerlichkeiten ausgerichteten Gesellschaft eine befreiende Erkenntnis.

Die Fragen stellte Melanie Carstens.

Martin Dreyer ist freikirchlicher Theologe und Autor. Er gründete die Jesus Freaks und ist Initiator des Projekts Volxbibel. In seinem Buch Martin Reloaded – Luthers Schriften für alle (SCM R.Brockhaus) übersetzte er die wichtigsten Texte Luthers in eine moderne Sprache.


Das Interview mit Martin Dreyer ist zuerst im Magazin „Luther – eine Entdeckungsreise“ erschienen. Es ist im SCM Bundes-Verlag erschienen, zu dem auch Jesus.de gehört.

Link: Luther – eine Entdeckungsreise

4 DIREKT-KOMMENTARE

    • was Blasphemie ist und was nicht,
      kann Gott ja dann ganz gut selbst entscheiden,
      dasfür müsste kein Mensch zuständig sein –
      es reicht ja , wenn jemand sagt, dass es ihm persönlich nicht gefällt …

      • Mich macht es traurig wie man die Bibel in solch eine Gossensprache verfälschen kann. Man schreckt nicht mal mehr vor der Heiligkeit dieses Buches zurück. Luther würde sich im Grabe rumdrehen wenn er wüsste, dass man Dreyer mit ihm vergleiche. Der Unterschied ist Luther hat Irrlehren und Irrschrieften aufgedeckt und Dreyer verfälscht und entheiligt. Siehe Offenbarung 22 Vers 19

        Hier ein Film wie es derzeit mit den Bibelübersetzungen aussieht…
        https://www.youtube.com/watch?v=Nk6AnAMTNYk

        • Hallo Thea, Ihre Meinung lasse ich stehen. Anmerken möchte ich allerdings, dass gerade Luther dem Volk „aufs Maul“ geschaut hat, damit es die Gute Nachricht versteht. Für mich persönlich müsste es die Volxbibel nicht geben, ich lese „meinen“ Luther. Aber ich kenne Menschen, die nur so angesprochen werden können – und auch wurden. Viele Grüße aus der Redaktion.

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