Gemeinschaft – das bedeutet für viele Christen vor allem, gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Da das in dieser Pandemie nicht so geht wie gewohnt, ist es Zeit darüber nachzudenken, wie Gemeinden Gemeinschaft alternativ leben können.

Werbung

Von Arne Buschmann

Es ist nicht einfach im Moment. Nicht einfach, die Situation anzunehmen. Nicht einfach, die neuen Herausforderungen zu meistern. Nicht einfach, den Durchblick zu behalten. Es gibt aktuell auch keine „einfachen“ Antworten. Trotzdem stecken in der derzeitigen Situation Chancen, sich Gedanken zu machen. Zum Beispiel über die Kirche: Was an ihr ist uns so wichtig? Und warum? Was macht unsere Gemeinden vor Ort eigentlich relevant? Und was ist, wenn sie sich verändert? In unseren Gemeinden kommen Menschen zusammen. Manchmal versteht man sich so gut, dass man sich auch sonst treffen würde. Manchmal würde man sich ohne Gemeinde wohl nicht näher kennenlernen. Auch wenn in uns häufig der Wunsch nach einer „Wir-haben-uns-alle-lieb-Mentalität“ aufkommt − Kirche ist mehr als das. Kirche definiert sich nicht darüber, dass sich die Menschen treffen, die sich besonders gut verstehen. Sondern dass Menschen zusammenkommen, die Sehnsucht nach Gott haben.

Gott verbindet Menschen

Die Reformatoren sprachen von der Kirche als communio sanctorum − Gemeinschaft der Heiligen. Nicht, weil in ihr alle Menschen heilig wären, sondern weil sie gemeinsam Anteil am Heiligen haben. Gott verbindet Menschen. In unseren Gemeinden treffen wir uns also mit anderen, um uns gemeinsam auf diesen Gott auszurichten. Seit Jahrhunderten hat die Kirche verschiedene Formen dafür gesucht und gefunden. Die wohl prominenteste ist der Gottesdienst. Traditionell strömen, meist sonntags, Menschen aus allen Himmelsrichtungen zusammen, treffen sich und feiern zusammen. Musik ist dabei wichtig, Gebete werden gesprochen und es wird gepredigt. Damit Gott zu Wort kommt. So haben wir Gottesdienste liebgewonnen. Und deswegen fließt ganz viel Arbeit in dieses Format. Und gerade dieser „Heilige Gral“ unseres Gemeindelebens wird nun während der Corona-Pandemie infrage gestellt.

Digitales Erwachen

Werbung

Ich habe mich gefreut, dass kurz nach den ersten Veranstaltungsverboten nahezu alle Gemeinden aus dem „digitalen Schlaf“ erwacht sind und den Weg ins Netz gesucht haben. Und viele haben ihn gefunden. Manchmal sehr kreativ und professionell, manchmal eher schlicht und verpixelt. So unterschiedlich, wie Gemeinden eben auch sonst sind. Das ist völlig in Ordnung so − der Wunsch nach Gemeinschaft hat vieles möglich gemacht. Neue Energie kam auf. Und man könnte fast das Gefühl bekommen, das Entgegenkommen der Politik, mit geeigneten Hygienekonzepten wieder Gottesdienste zu ermöglichen, hat den meisten Schiffen wieder etwas Wind aus den Segeln genommen. Eine neue Frage wurde aufgeworfen: Feiern wir jetzt schon wieder analog? Wenn, dann mit Maske. Man darf zwar nicht singen, aber wenigstens sieht man sich. Auch wenn man weiter auseinandersitzen muss als sonst. Und auch wenn nicht alle dabei sein können. Apropos: „Wer übernimmt eigentlich den Türsteher?“ Diese Frage ist nicht einfach zu klären. Denn der Wunsch danach, den eigenen Glauben nicht nur auf dem Sofa, sondern auch wieder mit anderen zu erleben, ist gesund und nachvollziehbar. Aber rechtfertigt er die aufwendigen Maßnahmen, mit dem Ergebnis, einen Gottesdienst still auf der Bank oder dem Stuhl sitzend über sich ergehen zu lassen? Meinen Nächsten auf Abstand und die „Mühseligen und Beladenen“ unter Umständen außen vor lassen zu müssen? Die Diskussion ist heiß. Und universale Lösungen werden den verschiedenen Situationen vor Ort wohl eh nicht gerecht.

Gemeinschaft ist mehr als Gottesdienst

Vielleicht lohnt es sich mehr, die noch verbliebene Energie aus dem Lockdown in die Frage zu stecken: Ist Kirche nicht mehr als der Gottesdienst? Ist die Gemeinschaft der Heiligen auf ein Format beschränkt? Und lässt Gott sich überhaupt darauf ein, sich an unseren Zeitplan zu halten? Der Wunsch nach Begegnung mit Gott, vor allem in unseren Gottesdiensten, ist absolut nachvollziehbar. Denn Glaube, der nicht in Gemeinschaft gelebt wird, bleibt immer hinter seinen Möglichkeiten zurück. Weil er nicht erlebt, dass Gottes Liebe im Miteinander zum Ausdruck kommt.

Gemeinschaft ist Ausdruck von Gottes Liebe − deswegen brauchen wir sie. Dass sie im Moment nicht wie gewohnt stattfindet, ist aber auch Ausdruck von Liebe − unserer Liebe zum Nächsten.

Denn Gemeinschaft lebt auch davon, dass sie nicht willkürlich geschieht. Dass sie gewohnte Formen und Rituale findet, die Sicherheit und Zugehörigkeit vermitteln. Aber vielleicht ist es jetzt Zeit, aus diesen Gewohnheiten auszubrechen. Ich möchte zumindest die Frage zulassen, ob wir Kirche in den letzten Jahrzehnten in ihrem eigentlichen Wesen vernachlässigt haben?! Wir haben uns intensiv mit Gemeindeentwicklung beschäftigt. Unzählige Bücher über erfolgreiches Wachstum, Leiterschaft, Nachfolge sind entstanden. Und viele haben auch mir in meinen jungen Jahren als Pastor geholfen. Auch die Professionalität und das Engagement, das wir in unsere Gottesdienste und andere Formate stecken, ist ein gutes Zeichen. Aber haben wir Kirche damit nicht auch kleiner gedacht, als sie ist?

Daseinsberechtigung der Kirche

Ich kenne die Tendenz, Gemeinde und ihre Daseinsberechtigung an Besucherzahlen beim Gottesdienst oder an Mitgliedschaft festzumachen. Oder an erfolgreichen Formaten. Kirche in festen Strukturen zu denken und ihr Räume zur Verfügung zu stellen, damit sie sich besser einrichten kann. Aber macht das Kirche aus? Ist das die Gemeinschaft der Heiligen, die unsere Gesellschaft braucht? Die immer besser performt und immer profilierter wird? Ist das die Kirche, die sich aufmacht zu den Menschen? „Die für andere da ist“, wie es Bonhoeffer von ihr forderte? Oder können wir nicht gerade jetzt aufmerksam sein, wo sich Kirche noch überall ereignet? Wo Gottes Heiligkeit in diese Welt bricht. Wo er anwesend und spürbar ist. Und wo wir Teil davon sein können. Eben da, wo sich zwei Haushalte treffen. Oder wo Menschen per Telefon, Skype oder Zoom virtuelle Gemeinschaft haben. Wo Menschen sich erzählen, wie sie oder wie sie eben nicht mit der Situation klarkommen. Wo zusammen gebetet wird. Wo man gemeinsam nach dem Hoffnungsvollen sucht. Und vielleicht denken wir Kirche in diesen Zeiten wieder größer. Und gestalten diese neuen Räume. Räume, die Gott schon längst eingenommen hat. Vielleicht kümmern wir uns darum, dass neue Gemeinschaft entsteht, in der Gott Menschen verändert − und mit ihnen diese Welt. Wäre das nicht wieder eine schöne Daseinsberechtigung für die Kirche?

Dieser Artikel ist Teil unserer Themenwoche „ANDERS LEBEN. Alle weiteren Artikel, Informationen & Literaturtipps zum Thema finden Sie >>> hier.
  • Ganz viele Beispiele für Formate der „digitalen Kirche“ finden Sie hier in unserer Übersicht.
Jesus.de unterstützt ausdrücklich die vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Hygienemaßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. Bleibt gesund! Schützt euch und andere.

Arne Buschmann schrieb diesen Artikel für die Zeitschrift DRAN. DRAN ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört. 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Wüstenerfahrung macht dankbar

    Wüstenerfahrung macht dankbar. Unsere schönen Gottesdienste, das Singen im Chor, die wunderbaren Kirchenkonzerte, Abendmahlsgottesdienste im Kerzenschein und Taizelieder sowie gefeierte Feste im Kreise der Freundinnen und Freunde Jesu: Dies alles fehlt – oder gibt es nur unter großer Einschränkung. Gott sendet keine Coronapandemie, aber er verhindert sie auch nicht. Nicht nur, weil wir nicht mehr im Paradies sind, sondern weil alle aus dem Fehlen und dem Mangel dessen was wir unbedingt brauchen, und was uns unbedingt angeht, zu lernen vermögen. Nämlich: Gesundheit und Glück ist nichts selbstverständliches. Vielleicht werden diejenigen, die das gute Wohnzimmer Gottes am Sonntagmorgen nur selten besuchen, bald aus der lästigen Pflicht eine Freude machen. Aber die Krise hat uns Christ*innen vielleicht auch gelehrt, dass viele Kirchengemeinden aus dem Stand ihre Gottesdienste vor leerem Bänken im Internet übertragen konnten. Krisen sind nicht nur Chancen zur Umkehr oder zum Neubeginn, sondern auch das Entdecken von bedeutend mehr Hilfsbereitschaft, unorthodoxen Verkündigungsformen und ungewohntem gelungenem Einsatz medialer Technik. Ich denke da an die Pastorin, die gerne den Hausbesuch vor das Küchenfenster verlegte und nach dem gewünschten Kurzgottesdienst mit Musik auch die fehlenden Toilettenpapierrollen mitbrachte. Oder die Kantorin, die mangels Musiziererlaubnis sich mit ihrem Chor im Biergarten trifft und in der Vorweihnachtszeiten eigens einen kleinen Gottesdienst für ihre Sänger*innen anbietet.
    Nur schade, dass die Zeit der Masken, Abstände und Kontaktverbote älteren Menschen suggeriert, dass ihnen das Leben zwischen den Fingern zerrinnt. Denn unsere Zeit auf Erden ist begrenzt. Man möchte nochmal den Normalzustand haben.

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Bitte gib deinen Namen ein