Karl-Heinz Vanheiden sucht für ein Buchprojekt die passende Bibelübersetzung, findet jedoch keine. Also macht er sich selbst ans Werk. Die erstaunliche Geschichte der Neuen evangelistischen Übersetzung.
Von Kerstin Wendel
In der thüringischen Universitätsstadt Jena wird Karl-Heinz Vanheiden 1948 geboren. Gott gehört sozusagen schon immer zu seinem Leben. Er kennt keine Gottzweifel. Unruhe aber kennt er sehr wohl, denn achtmal ist er in seinem Leben umgezogen. Als er 16 ist, stirbt seine Mutter – sieben seiner jüngeren Geschwister sind zu dieser Zeit bereits auf der Welt. Was für ein harter Einschnitt für die große Familie! Er selbst lebt da bereits seit einem halben Jahr im Internat. Das war in der DDR für ihn die einzige Möglichkeit, um das Abitur zu machen.
Zu seinem Glück läuft es dennoch in der Schule anstandslos. Außerdem ist Karl-Heinz bereits mit 14 Jahren in die gemeindliche Mitarbeit eingestiegen. Er liebt es, in der sogenannten „Sonntagsschule“ – also im Kindergottesdienst – biblisches Wissen mit anderen zu teilen.
Und das dritte Glück besteht darin, dass der Vater zeitnah eine neue Frau und gute Mutter für die große Kinderschar findet. Mit ihr versteht sich Karl-Heinz bis heute prima. Früh im Leben lernt er also, dass nicht alles leichtgängig sein muss, dass er sich durchbeißen muss und trotz Herausforderungen gut und glücklich als Christ leben kann.
Physik, Theologie und eine besondere Berufung
Karl-Heinz will seine geistigen Begabungen nutzen und schreibt sich für das Physikstudium in Halle an der Saale ein. Das geschieht wieder unter widrigen Umständen, denn für diese Immatrikulation, also die Aufnahme als Student, soll er wie alle anderen auch einige Papiere unterschreiben, was er aus Gewissensgründen ablehnt. Beispielsweise wollte und konnte er keine vormilitärische Ausbildung absolvieren, die von allen Studenten gefordert wurde, und hatte sich stattdessen für die Bausoldaten gemeldet. 1)
Er war weder in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) noch in einer anderen sozialistischen Organisation. Auch zu Beginn des Studiums sind also wieder Hürden zu nehmen. Wie durch ein kleines Wunder gelingt es ihm, sich nachträglich zu immatrikulieren.
Nun könnte Karl-Heinz ja eigentlich am Ziel seiner Träume sein und fröhlich vor sich hin studieren. Wenn da nicht etwas in ihm und in anderen rumoren würde. In der Jugend hat er bereits Andachten gehalten, Bibelwochen mitgestaltet, Themen erarbeitet. Nicht, weil andere es von ihm erwartet hätten, sondern weil er darin aufgegangen ist. Weggefährten hatten sein Engagement positiv wahrgenommen – und wen wundert’s, dass bald die Anfrage von außen kommt: „Ist denn für dich nicht vielleicht ein vollzeitlicher Dienst dran?“ Ein Jahr prüfte er sich innerlich, bekam Bestätigung von unterschiedlichen Seiten und lernte ein Bibelwort schätzen, das ihm wie ein göttlicher Fingerzeig erschien: „Du aber sei nüchtern in allem, ertrage Leid, tu das Werk eines Evangelisten, vollbringe deinen Dienst!“ (2. Timotheus 4,5)
War es zunächst ein Wunder gewesen, ins Studium hineinzukommen, war es nun erneut ein Wunder, dieses Studium wieder beenden zu können. Denn der Staat gab damals monatlich 150 Ostmark für jeden Studenten. Diese Investition sollte natürlich so etwas wie eine innere Verpflichtung zum Staat auslösen. Karl-Heinz wird trotzdem exmatrikuliert und als Verantwortlicher für die Jugendarbeit in den Brüdergemeinden der DDR vollzeitlich angestellt. Schon als er mit seinem Dienst beginnt, hat er den Wunsch nach einer bibelschulischen Ausbildung. Das wird ihm bald in der Bibelschule Burgstädt (bei Chemnitz) ermöglicht.
Das große Projekt
Wer heute auf Karl-Heinz Vanheidens Website vorbeischaut, wird mit einer Fülle von Themen konfrontiert, zu denen er gearbeitet hat. Seine erste vervielfältigte (halblegale) Broschüre war 1985 eine Stellungnahme zum Biologiebuch der zehn Klassen in der DDR. Dazu hatte er zuvor aus geschmuggelter Fachliteratur Argumente gesammelt, die er aus christlicher Sicht für wichtig hielt.
Ganz besonders die naturwissenschaftlichen Themen und die biblische Sicht darauf haben ihn von Anfang an gereizt – bereits in seiner Teeniezeit. Ob für Vorträge und Andachten oder als kleine schriftliche Ausarbeitung: Karl-Heinz Vanheiden liebt es, die Dinge zu durchdenken. Die Themen, die er dabei behandelt, sind keine Luftschlösser, sondern sie beruhen auf den Fragen und Herausforderungen von Menschen, die sich an ihn wenden. Demütig und angenehm spricht er über all das, was ihn innerlich begeistert und wachhält.
Geistlich beheimatet hat er sich in der Brüdergemeinde, die anfangs zum Bund Evangelisch Freikirchlicher Gemeinen (BEFG) der DDR gehörte und heute das Netzwerk der Freien Brüdergemeinden bildet.
Weil es dort im Allgemeinen keine Pastoren gibt, sondern Gemeindemitglieder predigen und weitere „Pastoren-Aufgaben“ übernehmen, fand Vanheiden die Freiräume, um seine Gaben einzubringen. Seine Beteiligung war explizit gewollt und gewünscht. Seit 1989 ist er Bibellehrer im Reisedienst der Brüdergemeinden und Mitglied im Ständigen Ausschuss des Bibelbundes.

Eine Mammutaufgabe
Anfang 2000 hatte Karl-Heinz Vanheiden eigentlich ein spannendes Projekt im Kopf, nämlich geschichtliche Ereignisse und biblische Zusammenhänge in einem Buch miteinander zu verknüpfen. Dafür las er sich durch diverse Bibelübersetzungen – fand aber keine, die ihm grundtextnah und verständlich genug erschien.
Auf einer Reise nach Bergneustadt im Bergischen Land (Nordrhein-Westfalen), zum Missionshaus Wiedenest, kam dann der Gedankenblitz: Was ist, wenn ich selbst übersetze? Das wird zur Geburtsstunde der NeÜ, der neuen evangelistischen Übersetzung. Die Zielvorstellung ist klar: Menschen, ganz besonders Jugendliche, sollen die Bibel auf Anhieb verstehen können. Ungefähr sieben bis acht Jahre lang gestaltet Vanheiden seine Stille Zeit jeden Tag zielstrebig als Übersetzungsarbeit. So wächst und gedeiht ein Mammutprojekt stetig. Und die Vision wird Wirklichkeit: Menschen lesen sich in den Text hinein, lesen sogar mehr, als sie anfangs wollten, und bestätigen ihm eine gute Verständlichkeit.
Ein Verlag muss her. Über einige Umwege landet Karl-Heinz Vanheiden bei der Christlichen Verlagsgesellschaft Dillenburg (CV), deren Verantwortliche die fertigen Teile der NeÜ gern bringen und später die ganze Bibel verlegen wollen. 2010 kommt die erste Komplettausgabe der Bibel heraus.
Aber der zielstrebige Bibelübersetzer ist damit nicht am Ende mit diesem großen Projekt, sondern korrigiert seither immer und immer wieder, versucht, das Deutsche noch leichter zu machen, vergleicht Begriffe mit dem Grundtext, fragt sich, ob alles verständlich genug ist. Geholfen hat ihm in diesem Werkprozess, den Bibeltext immer wieder laut zu lesen: Geht das ohne Stolpern? Wenn ja, dann ist er zufrieden.
Mit Gott in der Ostzone
Karl-Heinz Vanheiden kennt das Leben in der DDR. Einen Ausreiseantrag stellen? Kommt für ihn damals nicht in Frage: „Gott möchte doch überall seine Leute haben!“ Davon ist er zutiefst überzeugt. Auch das ist sicher eine Berufung, nämlich die zu einem ganz bestimmten Landstrich in einem atheistisch geprägten Staat.
„Ich habe mich da eigentlich immer ganz gut durchgeschlängelt“, bemerkt er schmunzelnd und überzeugt. Im Großen und Ganzen hat er – von den Herausforderungen rund um sein Abitur und seine Immatrikulation einmal abgesehen – früher wenig Beeinträchtigung in seinem persönlichen Leben empfunden. Wie ist ihm das so positiv gelungen? „Wir haben nie gegen den Staat gearbeitet!“, meint er. Die sozialistische Ideologie teilte er zwar nicht, weil er ganz andere Überzeugungen hatte und diese auch in der Jugendarbeit vermittelte. „Wir haben aber nie demonstriert, Plakate geklebt, aufbegehrt, öffentlich gekämpft.“
Man lebte also „unauffällig“. Sehr wohl war klar, meint Karl-Heinz Vanheiden, dass man sich nicht an alle staatlichen Vorschriften halten konnte. Er war einfach erfinderisch, wie er dennoch seine christliche Berufung leben konnte. Als es einmal darum ging, eine Schrift zu drucken, die genehmigt werden musste und nur 500 Exemplare von der Stasi durchgewunken wurden, fand er einen Weg, dass es hinterher doch 5.000 waren.
Natürlich wurde er beobachtet, aber mehr passierte offensichtlich nicht. Und er empfindet: Die meisten Mitbürger, die er kennenlernte, waren definitiv nicht vom damaligen System überzeugt. Da gab es so etwas wie eine „innere Solidarität.“ Die DDR war für Vanheiden dennoch kein Verbrecherstaat. Kritisch fragt er sogar, ob die Sicht von außen auf die damalige Ostzone der Wirklichkeit immer entsprochen hat. Trotzdem schätzte er natürlich alle Möglichkeiten, die sich nach der Wiedervereinigung geboten hatten: Mehr Reisen nach Süddeutschland oder Österreich wurden möglich, weil er Anfragen aus ihm bis dahin unbekannten Regionen erhielt.
Erwartungen und Enttäuschungen
Verheiratet ist Vanheiden mit Ingrid. Dem Paar wurden zwei Kinder und sieben Enkel geschenkt. Gefragt, wie seine Kids es fanden, dass Papa viel auf Reisen war, dazu auch noch in Sachen Gott, gesteht er: „Mmh, das war herausfordernd.“ Mutter Ingrid kämpfte sich durch den Alltagswahnsinn der Familie, die von 1981 bis 1991 in Wolgast, nahe von Usedom, lebte. Vater Karl-Heinz reiste, predigte und kehrte menschenmüde zurück.
„Papa, guck mal!“ Die Kids hatten so viel zu zeigen und zu erzählen und Papa hatte erst mal keine Lust zum Gucken. Er wollte zunächst lieber in den Lesesessel. Was für eine Enttäuschung! Die Welten und die Erwartungen prallten aufeinander. Das war herausfordernd für die ganze Familie. Dass seine Kinder sich dennoch zu Christus hinbewegt haben, ist für den Familienvater ein großes Wunder, für das er dankbar ist.
„Achtung, Menschen gehen vor Dingen.“
Schließlich haben die Vanheidens die gute Einigung gefunden, dass Papa zunächst einen kinderfreien Wohnzimmertag bekommt, bevor er sich ins familiäre Gewühl stürzt. Liebend gern war Vanheiden mit dem Faltboot unterwegs und nahm seine Kinder auf Segeltouren mit.
Wobei der Sohn dazu einen größeren Hang hatte als die Tochter. In einer brenzligen, stürmischen Situation während einer solchen Segeltour fragte sein Kleiner ängstlich: „Vati, können wir hier auch beten?“ Sie konnten das selbstverständlich und fanden dazu einen flachen Strand. Erst kürzlich haben sie diese Stelle auf der Insel Usedom wiedergefunden.
Die private Leseratte
Karl-Heinz Vanheidens größte Leidenschaft war und ist aber nach wie vor das Lesen. Schmunzelnd meint er: „Es gibt da literarische Freunde.“ Das sind seine (durchweg männlichen) Vorbilder. Dazu gehören der deutsche evangelische Theologe Gerhard Maier, der chinesische Prediger Watchman Nee, dessen Bücher er alle gelesen hat und die ihm zur Gewissheit verholfen haben, Kind Gottes zu sein. Des Weiteren der evangelisch-lutherische Theologe Werner de Boor, Kirchenrat in Schwerin und Hermann Am Ende, wie Vanheiden Reisedienstpastor der Brüdergemeinden in der der DDR, und Leiter der Bibelschule in Burgstädt bei Chemnitz. Lesend hat der Bücherliebhaber sich die verschiedensten Themen erarbeitet.
Oft liegt ja bei einer Gabe auch eine Schwäche, so musste ihm ein weiser Mensch einmal den Satz mitgeben: „Achtung, Menschen gehen vor Dingen.“ Vanheiden weiß selbstkritisch, dass er tatsächlich nicht allen Menschen seines Lebens immer gerecht geworden ist. So hat er also lebenslang den Spagat zu bestehen versucht, einerseits menschenzugewandt zu arbeiten, zu sprechen und zu übersetzen, andererseits aber seine Erfüllung im „für sich arbeiten und lesen“ zu finden. Nüchtern steht er zu seinen Schwächen. Zwinkernd wünscht er sich „auch noch eine Prise Geduld mehr“.

Rüstiger Rentner
Ist Vanheiden eigentlich pensioniert? Der heute 78-Jährige, der inzwischen mit seiner Frau in Thüringen lebt, hat nach wie vor ein strammes Programm, da er immer wieder eingeladen wird: hier um zu predigen, dort zum Lehren oder Lesen.
Immer noch ist der Terminkalender gut gefüllt. Organisiert ist sein Dienst als Teilzeit-Anstellung bei den Brüdergemeinden. „Klar, es gibt kleine körperliche oder familiäre Warnsignale.“ Die versucht er zu beachten und gute Pausen einzuplanen. Wenn er uns einen Wunsch mitgeben könnte, dann wäre es dieser Hinweis: „Lasst uns wirklich lernen, mit Jesus zu leben.“ Für Karl-Heinz Vanheiden bedeutet das, häufig im Alltag zu beten: vor dem Treffen mit dem Nachbarn, dem Arztbesuch, der Veranstaltung – alles ihm, dem Vater im Himmel, sagen. Dieses lohnende Ziel hat Karl-Heinz Vanheiden mit seinen Veranstaltungen und Büchern angestrebt, um Menschen an dieser Stelle voranzubringen.
Kerstin Wendel ist Autorin, Rednerin und Seminarleiterin aus Wetter/Ruhr.
1)Der Dienst als Bausoldat (diese bauten z.B. Bunker und verrichteten körperliche, waffenlose Arbeit) bot in der DDR die Möglichkeit, den Dienst mit der Waffe zu verweigern. Einen zivilen Ersatzdienst gab es nicht.
Dieser Artikel ist im Magazin LebensLauf erschienen. LebensLauf ist eine Zeitschrift des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

