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„Eigentlich hätte ich an der Unfallstelle sterben müssen“

Andreas Onea verliert im Alter von sechs Jahren bei einem Autounfall seinen linken Arm. Heute gewinnt er WM-Medaillen im Schwimmen.

Andreas, du bist ein unglaublich lebensfroher Mensch. War das schon immer so?

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Andreas Onea: Ja, weil ich einfach so froh bin, dass ich leben darf. Dass ich den schlimmen Autounfall damals überlebt habe, war ein Wunder. Eigentlich hätte ich an der Unfallstelle sterben müssen. Doch ich lebe und bin jeden Tag dankbar dafür – auch für alles, was nach dem Unfall folgte.

Nach der Arm-Amputation folgte bei dir eine Reha, in der du dann deine Begeisterung für das Schwimmen entdeckt hast …

Onea: Ich sollte Schwimmen als Therapiesport machen. Davor konnte ich aber noch gar nicht schwimmen. Ich habe es einarmig gelernt. Und es hat mir dann so viel Spaß gemacht – auch weil ich merkte: Hey, ich kann was – sogar richtig gut, mit nur einem Arm! Ich wurde immer besser und schneller. Und so fanden bald die ersten Wettkämpfe statt.

Hast du mit dem Verlust deines Armes denn nie gehadert?

Onea: Nein, das ist bei mir persönlich tatsächlich bisher nie vorgekommen. Im Endeffekt hat der schwierigste Moment in meinem Leben, der Unfall, zu so vielen schönen und erfolgreichen Momenten geführt. Aber vorgekommen ist, dass das Umfeld nicht damit umgehen konnte.

Wie genau zeigte sich das?

Onea: Indem ich Zielscheibe von Klassenkameraden war und sie sich über mich lustig gemacht haben. Dass ich als vermeintlich schwächer hingestellt wurde. Da habe ich mich natürlich gefragt: Warum machen die das? Warum soll ich weniger wert sein? Aber ich wollte mich dadurch nicht behindern lassen – und hatte zudem im Sport meinen Ausgleich und Zuspruch.

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Inwiefern hat dir das geholfen?

Onea: Ich habe im Sport gemerkt: Hier bin ich richtig gut, kann super Leistungen bringen. Das hat mir geholfen, mich nicht unterkriegen zu lassen.

Der Sport hat dich also geprägt …

Onea: Ja, total. Er hat mir klar meine Grenzen aufgezeigt – aber auch, wie ich diese Grenzen überwinden kann, wie ich wachsen kann, dass ich an mir selbst arbeiten kann. Ich habe wahnsinnig viel über Selbstdisziplin gelernt und was es bedeutet, über Jahre hinweg an einem Ziel zu arbeiten, ohne vom Weg abzukommen.

Erfolgreicher Schwimmsportler, TV-Moderator beim ORF, Vortragsredner: Du scheinst definitiv schon sehr viele Grenzen überwunden zu haben …

Onea: Grenzen, was ist das? Ich habe noch nie welche gesehen – nur gehört, dass sie in den Köpfen mancher Menschen existieren!

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Und diese Grenzen behindern, oder?

Onea: Genau. Persönlich – Dinge nicht zu erreichen, aus Angst und Zweifel an sich. Und auch in der Gesellschaft. Ich hoffe, eines Tages ist es völlig normal, dass Menschen mit Behinderung TV-Sendungen moderieren.

Wenn jetzt aber jemand mit seiner Lebenssituation total unzufrieden ist – was wäre dein Rat?

Onea: Ich will mir nicht anmaßen, Rat für die Situation anderer Menschen zu geben. Ich kann nur sagen, was mir für mich klar geworden ist. Zwei Punkte – erstens: Es gibt Dinge, auf die ich einfach keinen Einfluss habe – in meinem Fall der Unfall, die Behinderung.

Was ich aber sehr wohl beeinflussen kann, ist der Umgang damit. Wie reagiere ich jetzt darauf? Will ich, dass diese Situation mich einschränkt, mich Kraft kostet und mir Lebensfreude und Energie raubt? Oder schaue ich, dass die Behinderung ein Segen wird? Dass ich das Beste aus dem mache, was ich sowieso nicht ändern kann?

Und der zweite Punkt?

Onea: Das ist mein Glaube an Gott. Der war für mich und meine ganze Familie ein ganz wichtiger Aspekt. Wenn ich weiß, dass ich nicht immer die Kontrolle über alles im Leben habe, tut es unglaublich gut, Gott zu vertrauen, der alles in seiner Hand hat und niemals die Kontrolle verliert. Das gibt mir bis heute Ruhe und Frieden.

Nicht nur im Umgang mit dem Unfall, sondern in allen schwierigen Lebenssituationen, die danach gefolgt sind: im Aufwachsen mit der Behinderung, in den Niederlagen im Sport und so weiter. Da zu glauben, dass da jemand einen Plan hat und ich darauf vertrauen darf, dass es gut wird – das gibt mir ganz, ganz viel Lebensruhe.

Diese Ruhe spürt man dir auch ab. Im Gespräch, aber auch im TV-Studio oder beim Sport. Wie schaffst du das?

Onea: Ich bin dann zufrieden, wenn ich weiß, dass ich alles gegeben habe. Selbst, wenn ich meine Ziele nicht erreiche, die Dinge nicht nach Plan laufen. Aber wenn ich weiß, ich habe alles gegeben, hätte es nicht noch besser machen können – dann bin ich so zufrieden, wie es ist.

„Ich persönlich bin sogar überzeugt, dass prozentual viel mehr Menschen ohne Behinderung unglücklich und unzufrieden sind als Menschen mit Behinderung.“

Andreas Onea

Aber im ersten Moment ist doch sicherlich trotzdem Frust da, wenn du zum Beispiel nicht dein Ziel beim Schwimmsport erreichst.

Onea: Ja klar. Das ist normal. Im ersten Moment kommen negative Gedanken. Ich habe durch den Sport gelernt: Es geht darum, wie ich dann mit den Gedanken umgehe.

Wie machst du das?

Onea: Okay, es könnte sein, ich scheitere. Ja, dann werden Frust und negative Gedanken kommen. Doch wie gehe ich dann damit um: Mache ich mich selbst fertig dafür und lasse die ganzen negativen Gedanken über mich kommen, denke schlecht von mir? Oder versuche ich es möglichst schnell abzuhaken, Schlüsse daraus zu ziehen und den Fokus auf das Positive zu richten?

Vorurteile gegenüber Menschen mit einer Behinderung sind immer noch vorhanden. Du hast es schon anklingen lassen – Aussagen wie: „Die sind schwächer, leisten weniger, sind unzufrieden.“ Was sagst du, wenn du mit sowas konfrontiert wirst?

Onea: Dann erzähle ich meistens von meinem letzten erfolgreichen Wettkampf, von der schönen Reise und von den Dingen, die ich machen darf. Ich lasse die Person realisieren, dass ich offensichtlich total zufrieden bin mit meinem Leben. Das muss in der Gesellschaft noch besser ankommen, dass Menschen mit Behinderung nicht automatisch unglücklich sind.

Natürlich gibt es unzufriedene Menschen mit Behinderung, genauso wie es unzufriedene Menschen ohne Behinderung gibt. Ich persönlich bin sogar überzeugt, dass prozentual viel mehr Menschen ohne Behinderung unglücklich und unzufrieden sind als Menschen mit Behinderung.

Danke für das Gespräch!

Die Fragen stellte Stefan Kleinknecht.

Andreas Onea (30) ist ein österreichischer Schwimmer im Behindertensport. Er gewann diverse Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften, dazu die Bronzemedaille (100 Meter Brust) bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro.


Ausgabe 1/23

Dieses Interview ist in der Zeitschrift MOVO erschienen. MOVO ist Teil des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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1 Kommentar

  1. Gott kennt weder Behinderte oder Unbehinderte

    Andreas Onea verliert im Alter von sechs Jahren bei einem Autounfall seinen linken Arm. Heute gewinnt er WM-Medaillen im Schwimmen. In seinem Artikel beschreibt er glasklar, wie man seinen Selbstwert erleben und erhalten kann. Viele Menschen könnten glücklicher und zufriedener sein, wenn sie sich in die Übereinstimmung mit Gottes Willen bringen. Eigentlich bedeutet dies ganz praktisch, aus der Überzeugung zu leben „dass mich Gott liebt so wie ich bin“! Das Johannesevangelium beschreibt dies mit „im Licht leben“. Ohne dieses Licht gäbe es im unendlichen Universum keine Werte, alles wäre grau. Aber wenn ich mich ins Licht stelle – gibt es auch Nebenwirkungen – jeder von uns wirft einen Schatten. Schatten sind nur erkennbar im Licht: Weil wir kein eigenes Licht produzieren. Niemand ist aus sich selbst heraus ein guter Mensch. Er wird gut, wenn wir die Güte und Liebe Gottes wie ein Spiegel aufnehmen und reflektieren. Dann sind wir Licht der Welt. Dafür müssen wir weder körperlich schön, noch persönlich perfekt sein. Sondern nur derjenige Mensch, wie Gott ihn wollte: Ein Originalkunstwerk, welches es nur einmal gibt. Für unseren Schöpfer gibt es keine Behinderten oder Unbehinderten. Es gibt nur seine geliebten Kinder. Allein dies macht uns wirklich wertvoll. Da alle Menschen Geschöpfe Gottes sind, sollten wir sie auch wie Kostbarkeiten behandeln. Wer sich von Gott geliebt weis, liebt auch gerne zurück.

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