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Gottesdienst für Jung und Alt: Worauf es dabei ankommt

Ein Gottesdienst für alle Generationen? Klingt für viele Gemeinden nach einer Herausforderung. Theologe Wolfgang Theis sieht darin eine Chance zum Wachstum.

Es ist Gottesdienst. Der Gemeindesaal ist gut gefüllt. In den ersten Reihen sitzen unübersehbar die Kinder. Nach einem flotten musikalischen Intro begrüßt der Moderator die Anwesenden. Er redet so, als habe er nur Erwachsene vor sich. Nach einem gemeinsamen Lied wird ein schwer verständlicher Bibeltext vorgelesen. Es folgt ein langes Gebet. Mittlerweile werden die Kinder unruhig. Schließlich ist die Viertelstunde um und der Moderator entlässt sie in ihren Kindergottesdienst. An ihrem Herausstürmen merkt man: Sie sind froh, dass sie diesen Teil überstanden haben.

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Es ist Gottesdienst. Der Gemeindesaal ist bunt dekoriert. Zu Beginn werden drei flotte Kinderlieder gespielt. Die Erwachsenen werden aufgefordert, mitzusingen, leider kennen sie keines der Lieder. Peinlich wird es, als der Moderator sie penetrant auffordert, die Bewegungen mitzumachen. Manche Ältere bleiben sitzen, andere drehen an ihrem Hörgerät. Freude will in der Gemeinde nicht aufkommen – trotz der fröhlichen Lieder. Es folgt die Erzählung einer biblischen Geschichte, die nur die Kinder anspricht. Einige Ältere äußern nach dem Gottesdienst ihren Eindruck: Das war eine Kinderstunde, aber kein Gottesdienst. Still beschließen sie: Das nächste Mal bleibe ich besser zu Hause.

Zwei Beobachtungen aus der Gottesdienstpraxis, die zeigen, wie liturgisch herausfordernd ein gemeinsamer Gottesdienst für alle Generationen sein kann: Ein Gottesdienst für Jung und Alt soll nämlich alle im Blick haben, ernst nehmen und ansprechen.

Von Sonntagsschule zum Kindergottesdienst

Ein kurzer Blick in die Geschichte: In der Christenheit nahmen lange Zeit Kinder selbstverständlich am Gottesdienst der Erwachsenen teil. Ein Gottesdienst für Kinder entstand erst im 18. und 19. Jahrhundert: zunächst die „Sonntagsschule“ als eine sozial-diakonische Einrichtung, um verarmten Kindern anhand der Bibel Lesen und Schreiben beizubringen, später, um Kindern die Geschichten der Bibel zu erzählen und sie zum Glauben einzuladen.

Heute ist aus der Sonntagsschule der „Kindergottesdienst“ geworden, ein Zielgruppen-Gottesdienst, der speziell auf die Bedürfnisse von Kindern eingeht und darauf zielt, ihnen kindgerecht das Evangelium von Jesus nahezubringen. So berechtigt dieses Anliegen ist, es folgt daraus: Kindergottesdienst und Erwachsenengottesdienst sind zwei parallele Veranstaltungen, die häufig zur selben Zeit und im selben Gebäude stattfinden, ansonsten aber nichts miteinander zu tun haben.

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Die Theologin Christa Gäbler beschreibt die Folgen dieser Entwicklung so: „Die gegenseitige Wahrnehmung von Erwachsenen und Kindern wird dadurch in der Gemeinde kaum mehr möglich. Man begegnet sich in den Gottesdiensten nicht. (…) Die in der Gesellschaft zu beobachtende Trennung von Alt und Jung wird damit in der Gemeinde fortgesetzt.“

Vier Gründe für gemeinsame Gottesdienste

Warum sind Gottesdienste wichtig, die für Kinder und Erwachsene gleichermaßen ansprechend sind?

  • Erstens: Das gemeinsame Gottesdienst-Erlebnis ist wichtig für Kinder, denn sie lernen in besonderer Weise über Teilnehmen und Mittun. Im Gottesdienst werden elementare Vollzüge des christlichen Glaubens zusammen praktiziert, etwa Beten, Hören, Singen, Feiern, Segnen. Durch Teilnahme erleben Kinder diese grundlegenden Elemente des Glaubens: Sie erfahren, wie Erwachsene singen und beten; sie spüren etwas von der besonderen Atmosphäre eines Gottesdienstes und werden mit dem Gottesdienst ihrer Gemeinde vertraut.
  • Zweitens: Das gemeinsame Gottesdienst-Erlebnis ist ebenso wichtig für die Erwachsenen, denn sie können von den Kindern lernen: von ihrer Offenheit und Unbekümmertheit, von ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrer Fantasie und besonders von ihrem kindlichen Vertrauen zu Gott. Außerdem fördert der Gottesdienst für Alt und Jung das gegenseitige Wahrnehmen und erinnert die Erwachsenen an ihre Aufgabe und Verantwortung gegenüber der jungen, heranwachsenden Generation.
  • Drittens: Im gemeinsamen Gottesdienst von Kindern und Erwachsenen kann eine generationsübergreifende Sprache des Glaubens gesucht, gefunden und eingeübt werden. Viele Erwachsene erfahren ihre Hilflosigkeit, wenn sie Kindern elementare Wahrheiten des Glaubens erzählen oder erklären wollen. Doch wer unfähig geworden ist, über den Glauben zu reden, wird ihn nicht vermitteln können. Der Gottesdienst für alle Altersgruppen kann helfen, dass für zentrale Glaubenswahrheiten eine gemeinsame Sprache gefunden wird: Liedzeilen, Gebete und Bibelworte in verständlicher Sprache bieten dazu eine wichtige Sprachhilfe.
  • Viertens: Der gemeinsame Gottesdienst von Kindern und Erwachsenen kann Isolation überwinden und Begegnungen ermöglichen. Ein Gottesdienst für Jung und Alt vereint unterschiedliche soziale Gruppen: Kinder, Teenager, junge Erwachsene, Familien, verheiratete Paare und Alleinstehende. Man feiert gemeinsam vor dem einen Gott und hört auf das eine Evangelium. Die gemeinsame Kommunikation mit Gott eröffnet Gelegenheiten für eine stärkere Kommunikation untereinander: Man kann Worte miteinander wechseln, dem Nachbarn ein Zeichen übermitteln oder sich bei einem Lied an den Händen fassen. Und im Anschluss an den Gottesdienst sind möglicherweise weitere Formen der Begegnung vorgesehen: ein gemeinsames Essen oder eine gemeinschaftliche Unternehmung.

Ein Gewinn für alle

Wie kann ein Gottesdienst für Jung und Alt gestaltet werden, der zu einem Gottesdienst für die ganze Gemeinde wird? In manchen Gemeinden beginnen Kinder und Erwachsene den Gottesdienst gemeinsam. Dabei sollten wichtige Elemente wie gemeinsames Singen und Beten vorkommen, vielleicht auch eine gemeinschaftliche Anbetungszeit. Gelegentlich auch ein Element, das die Kinder besonders anspricht: eine Szene mit einer Handpuppe, die in das Thema einführt, oder ein Rätsel.

Wichtig erscheint mir, dass die Zeit zusammen mit einem kleinen Ritual – zum Beispiel einem Lied, einem Gebet oder einem Segen – abgeschlossen wird und die Kinder in ihren Gottesdienst verabschiedet werden. Einen ganzen Gottesdienst für unterschiedliche Altersgruppen zu gestalten, stellt eine liturgische Herausforderung dar: Der Ablauf ist flexibel und die Auswahl der Elemente wird stark vom Thema beziehungsweise dem festlichen Anlass bestimmt. Konstitutive Elemente sind wie bei jedem Gottesdienst: Lieder, die Junge und Ältere ansprechen, Gebete, Lesung aus der Bibel und eine Form der Verkündigung.

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Ein wichtiges Kriterium für die Gestaltung ist die Verständlichkeit: Kinder und Erwachsene sollen so angesprochen werden, dass sie die Inhalte des Gottesdienstes verstehen. Erforderlich ist eine leichte, verständliche und einprägsame Sprache. Dies gilt in besonderer Weise für die Verkündigung, die Kindern eine biblische Geschichte anschaulich vor Augen malt, wobei die Botschaft zugleich auch Erwachsene ansprechen soll.

Ein weiterer Impuls für die Gestaltung ist der Hinweis: Kinder lernen besonders durch gemeinsame Handlungen und kleine Rituale. Leitziel eines generationenübergreifenden Gottesdienstes ist also das gemeinsame Feiern im Einklang von Wort und Tat, von Denken, Fühlen und Handeln.

Solche gemeinsamen Gottesdienste für Jung und Alt können zu Höhepunkten im Ablauf eines Gemeindejahres werden. Damit sie nicht isoliert bleiben, sollten sie in eine umfassende Gemeindekonzeption integriert sein, die auch bei anderen Gelegenheiten die verschiedenen Generationen zueinander führt.

Wolfgang Theis ist Pastor und Dozent im Ruhestand.



Magazin Lebenslauf

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin LebensLauf erschienen. LebensLauf gehört wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag.

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2 Kommentare

  1. Leider ist mir der böse Fehler unterlaufen, zumindest den Gottesdienst von ELTERN + KINDERN im Ganzformat für keine sehr gute Idee halte, auch aus den Erfahrungen von Familiengottesdiensten (wo dies so einigermaßen noch gelungen ist). Für die Erwachsenen war ein in Kindersprache gehaltener Gottesdienst dann zu wenig inhaltlich und für die Kinder zu lange. Man kann es zumindest nicht als Dauereinrichtung betreiben. Ich hoffe, ich irre mich.

  2. Die Gemeinde kocht oft nur im eigenen Saft

    „Gottesdienst für Jung und Alt soll (nämlich) alle im Blick haben, ernst nehmen und ansprechen“! (Zitat Ende). Was hier als Zitat daher vorangestellt ist, war einmal absolut richtig: Kinder einzubinden am Anfang des Erwachsenengottesdienstes, sie nach der Anfangsliturgie zu entlassen in den Kindergottesdienst, war auch in meiner alten landeskirchlichen Kirchengemeinde ein positiver Gedanke und sollte – von seiner Absicht her – allen Kindern (die Reichhaltigkeit) der Liturgie, oder überhaupt deren Inhalt, zur Kenntnis geben. Aber heute wäre man in der Heimatgemeinde in der EKHN außerordentlich dankbar, wenn es überhaupt Kinder für einen Kindergottesdienst gäbe. Damals dachte man noch, man bringe alle aus der Familie in den Gottesdienst. Ohne die Eltern kommen die Kinder gar nicht, denn damit würde die Frühstücksmöglichkeit dann auch der gesamten Familie, oft auch die einzige in der Woche, gestört. Nun kommt niemand, die sogenannten jungen Erwachsenen und das eher mittelalterliche
    Spektrum fehlen fast vollständig, es verbleiben (mich eingerechnet) oft nur ein Dutzend älterer Rentner/innen übrig und diese denken oder sagen es, dass sie wohl unter jenen Verhältnissen die „letzte Generation Gottesdienst sind“, (also MUSS man zukünftig die Kirche auf andere Beine stellen). Dazu habe ich hier in jesus.de mehr als oft angeführt, dass jede Kirche der Zukunft, nicht nur aus missionarischen Gründen, eine Geh-Hin-Struktur dringend ebenso benötigt: An Hecken und Zäunen der Gesellschaft, dorthin wo die Menschen arbeiten, die Freizeit verbringen, oder den Urlaub. Wir müssen mehr Salz und Licht der Welt sein, also auch ihr Sauerteig und uns nicht zu schade sein, gegebenenfalls auch ein wenig das Leben mit Zeitgenossen teilen. Dazu kommen phantasievoll vergessene Rituale wie Segnungen und Salbungen, oder das größere gemeinsame Fest für alle bei TAUFEN am Fluss, See, Meer oder Schwimmbad. Die Hoffnung auf Mehrwert, auch mehr erreichbare Menschen, lässt sich schlicht nicht mehr erreichen durch Apelle, der Sonntagsgottesdienst sei so etwas wie eine sonntägliche Hauptversammlung. Wenn wir wirklich ebenso mit anderen Menschen hier gemeinsam Lasten tragen, dann kann daraus werden, was in der Urgemeinde nicht organisiert werden musste. Aber wenn ich öfter solches hier unterbreite, zuckt man mit den Schultern. Ist dies alles zu abwegig, nicht organisierbar, Geld wird es kaum mehr kosten? Vielleicht soll auch der Autor des zugrundeliegenden Aufsatzes dazu einmal Stellung nehmen. Denn durch den Zauberstab in unserer Hand erhöht sich die Zahl der Seelen am Sonntag leider niemals, vielleicht nur durch den Heiligen Geist, wenn er weht. Die Gemeinde kocht oftmals leider im eigenen Saft.
    Unsere lieben katholischen Mitchristen hatten bereits der Nachkriegszeit das sehr erfolgreiche Modell des Arbeiterpriesters, als eines Malochers.

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