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3 Tipps: So kannst du Jesus heute entdecken

Wie kann Jesus für meinen Alltag heute Relevanz bekommen? Drei theologische Vorschläge von Ulrich Wendel.

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Rückblende …

Rom im Jahre 61 n. Chr. Ein Christ dort lebte gefährlich, denn er hatte zwei Herren. Als römischer Bürger musste er den Kaiser verehren, und zwar auf religiöse Weise – wie einen Gott. In Wahrheit aber war sein Herr nicht der Kaiser, sondern Jesus Christus. Das Bekenntnis „Herr ist Jesus“ war nicht irgendeine Formel, sondern eine Sicht auf Jesus, die hochaktuell war. Andere Bezeichnungen Jesu wären zwar richtig, aber nicht so brisant gewesen. Diese hier war es – zu dieser bestimmten Zeit.

Rheinland im Jahre 1098. Viele Christen waren abhängige Vasallen: Sie bewirtschafteten Landstücke, die ihnen nur als Lehen gegeben waren. Dafür mussten sie Ihre Lehensherren unterstützen und achten – und wehe wenn nicht! Dieses Verhältnis übertrug der Theologe Anselm auf Gott und die Menschen. Weil der Mensch die Ehre Gottes verletzt hat, ihm aber keine Genugtuung leisten kann, muss Gott das selbst tun – in Jesus Christus. Wer die Erlösung durch Jesus so versteht wie Anselm, hat ein fast rechnerisches Rechtsverhältnis vor Augen. Für uns befremdlich – aber in der damaligen Gesellschaft plausibel.

Wuppertal im Jahre 1934. Die meisten religiösen Deutschen waren auf die Behauptung hereingefallen, dass Gott jetzt nicht in der Kirche rede, sondern durch die nationale Erhebung derer, die auf den Straßen marschieren. Gottes Stimme sei jetzt Volk und Blut und Boden. Dagegen stellten wachsame Christen ihr Bekenntnis auf: „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes“. „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ – dieses allzeit gültige Bibelwort wurde nun zum wichtigsten Bekenntnis über Jesus.

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Madras im Jahr 1956. Ein Inder hört den Evangelisten Billy Graham. Was soll er mit dieser Religion aus dem Westen anfangen? Doch der Prediger betont: Jesus Christus ist kein Europäer, sondern exakt in der Nahtstelle dreier Kontinente geboren: Europa, Asien, Afrika. Deshalb hat er auch den Asiaten etwas zu sagen. Die Geburtsgeschichte Jesu hat hier ihren besonderen Moment, in der sie spricht wie kein anderes Wort über Jesus.

Jesus Christus ist derselbe – gestern, heute und morgen.

Was zeigen diese Beispiele? Jesus Christus ist derselbe – gestern, heute und morgen. Aber jede Epoche und jede Kultur steht bestimmten zeitbedingten Fragen gegenüber und hat außerdem ihre speziellen Taubheiten. Deshalb müssen Christen stets neu nach Jesus fragen. Welche Mosaiksteine aus der unermesslichen Bedeutungsfülle Christi jeweils heute besonders funkeln wollen, versteht sich nie von selbst. Es ist gewagt, jetzt schon, „mitten im Geschehen“, herauszustreichen, was Christus heute für uns bedeuten möchte. Im Rückblick würde man es besser erkennen. Aber als wache Christen müssen wir dieses Wagnis eingehen.

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Jesus ist der, der dem Heiligen Geist gehört und von A bis Z von ihm bestimmt ist. Diesen Blickwinkel sollten wir heute wiedergewinnen. Gott hielt es für nötig, seinen Sohn ausdrücklich mit seinem Geist zu erfüllen, bevor er als Christus wirken konnte. Wir müssen neu entdecken, dass Christus an jedem Wachstumsknoten seines Dienstes unabdingbar auf den Heiligen Geist angewiesen war. Seinen ganzen irdischen Weg buchstabiert das Neue Testament anhand der Lehre vom Heiligen Geist: seine Verkündigung (Lk 4,14f), seine Heilungstaten (Apg 10,38), speziell seine Dämonenaustreibungen (Mt 12,28), seinen Kreuzestod (Hebr 9,14), seine Auferweckung (1Kor 15,45; Röm 1,4; 2Tim 3,16; 1Petr 3,18). Überhaupt heißt ja „Messias“: der „Gesalbte“. Jesus ist der Messias, weil er mit dem Geist gesalbt war (vgl. Jes 61,1ff mit Lk 4,18ff); er ist Gottes Sohn als Gesalbter (vgl. Ps 2,2 mit 2,7). Über seiner ganzen Person ist dieser Leitsatz ausgesprochen: „Gott gibt den Geist ohne Maß“ (Joh 3,34), und gerade so, gerade deshalb ist er der geliebte Sohn (3,35). Der Heilige Geist folgte also nicht bloß auf Jesus, sondern ging ihm längst voraus und umhüllte ihn ständig.

Das Leben als Christ kennenlernen

Als ich Christ wurde, hatte ich viel über Jesus gelernt. Der Heilige Geist dagegen kam immer irgendwie als „Zweites Programm vor“: nett, wenn es da ist, aber verzichtbar. Wenig später erlebte unsere Baptistengemeinde in einigen Teilen einen Aufbruch. Ein neubekehrtes Ehepaar schloss sich uns an und brachte viele charismatische Erfahrungen mit. Plötzlich sprach man von Visionen, Befreiung, Vollmacht. Es gingen auch evangelistische Impulse von diesem Aufbruch aus: Wir Jugendlichen begleiteten den Mann einmal, als er in einem Jugendzentrum aus seinem Leben erzählte; von seiner Vergangenheit in der Hitlerjugend und wie er später Christus fand. Wir waren beeindruckt und konnten die nicht verstehen, die den charismatischen Aufbruch ablehnten. Hier waren doch wenigstens Menschen, die Jesus ernst nahmen und etwas bewegen wollten! Später wurde für uns alle erkennbar, dass der Aufbruch in unbiblische Richtungen abkippte und auch mit ziemlichem Machtstreben verbunden war. In der Gemeinde blieben viele Scherben zurück.

Zurück blieb aber auch eine offene Frage: die nach dem Heiligen Geist. Ich persönlich habe mich zwar nie unter dem Druck gesehen, eine Extra-Geistestaufe vorweisen zu müssen, denn zu klar war bei meiner Taufe im Alter von 16 Jahren um den Heiligen Geist gebetet worden. Dass sich dieses Gebet erfüllt, davon ging ich aus. Aber irritierend fand ich schon, dass die Bibel als Erkennungszeichen für den Glauben an Jesus nennt: dass man den Heiligen Geist erlebt (1Joh 4,13). Als ob der sichtbar wäre und der Jesusglaube unsichtbar! Ich erlebte es gerade umgekehrt: Meinen Jesusglauben konnte ich (und andere) erkennen, aber den Heiligen Geist kaum.

Es waren später einige theologische Bücher, die für mich das zusammenbrachten, was zusammengehört: Jesus und den Heiligen Geist. Ich entdeckte: Der Geist ist kein zweites, sondern das Hauptprogramm – aber keins, das von Jesus ablenken würde. Diese Sicht ist, so meine ich, für unsere derzeitige deutschsprachige Christenheit insgesamt ergiebig. Denn damit kommt der Heilige Geist heraus aus der Nische. Er ist nicht mehr dritte Person der Dreieinigkeit etwa in zeitlicher Folge oder gar Rangabstufung. Solche Rangabstufung würde keiner von uns bekennen, aber sie ist doch häufig praktiziert. Jedoch: Wenn schon Gottes Sohn den Geist unabdingbar brauchte, wie viel mehr dann wir! Jeder Vorbehalt gegenüber charismatischen Bewegungen kann also nur deren Entgleisungen meinen, darf aber keine grundsätzliche Haltung sein. Wenn Christus in der Kraft des Geistes lebte, ist ferner etwas über unsere Würde gesagt: „Christus und die Christen, in der Austeilung und Gabe des Jesus-Chrisma [der Jesus-Salbung] miteinander verbunden.“ (Hans-Joachim Kraus) Wir haben den Geist Christi (Röm 8,9): den Geist, den Jesus uns gibt und damit denselben Geist, der ihn erfüllte. Was für eine Auszeichnung für uns! Daraus kann eigentlich nur eine sehr eindeutige Haltung gegenüber dem Heiligen Geist folgen: Grundvertrauen und Begehrlichkeit nach mehr von diesem Geist.

Jesus als Prophet

Das scheint mir ein zweiter Mosaikstein zu sein, der heute zu betonen ist. Wenn wir gern und schnell bekennen, Jesus sei mehr als ein Prophet, dann dürfen wir doch nicht überspringen, dass er eben auch einen prophetischen Dienst hat. (Hat! Auch gegenwärtig!) Dieser leitet sich ja aus der Geist-Begabung ab. In weiten Teilen seiner Botschaft steht Jesus ohne Bruch in einer Linie mit den Propheten des Ersten Testaments. Das betrifft besonders den Umkehrruf im Blick auf unseren Besitz, auf unser Geld. So wie Jesaja, Amos, Micha den Reichen Gottes Gericht androhten, wenn sie nicht ihr Geld mit den Armen teilten, so warnt Jesus vor dem Sog des Geldes und schärft ein, man müsse reichlich davon abgeben.

Dieser Klang in Jesu Botschaft ist, ob ich es wollte oder nicht, von Beginn meines Weges mit Jesus an zur Begleitmelodie geworden. Als ich 1980 zum Glauben kam, liefen wir in der Schule mit Anti-Atomkraft-Buttons herum. Nach „alternativem Lebensstil“ zu fragen war für mich aber mehr als eine Masche. In Bibelarbeiten der Jugendgruppe wurde klar, wie viel das eben mit der Bibel zu tun hat. Es war die Zeit, als Dritter-Welt-Kaffee noch pechschwarz schmeckte und auf der Zunge brannte. Wir pilgerten in den Eine-Welt-Laden am Ort, der in einem Kellerverlies hauste, unterzeichneten den Krefelder Appell gegen die Nachrüstung und schrieben auf Recyclingpapier, das den Kuli hüpfen ließ, so grob war es. Ich zog damals ernsthaft in Betracht, mich für den Rest des Lebens nur in Jeans und großkarierte Flanellhemden (8 DM bei C&A) zu gewanden. Über die Jahrzehnte haben sich aber andere Dinge bewährt: Ein Patenkind unterstützen, im Studium eine Seminararbeit über „die Reichen und das Himmelreich“ schreiben (das Thema ließ mich eben nicht in Ruhe), später mich für fleischlose Ernährung zu entscheiden (damit nicht die Kühe der Reichen das Getreide der Armen fressen). Auch hier merke ich also: Ein Impuls aus der Anfangszeit meines Christseins ist eine ernsthafte Anfrage geblieben – eine, die sich mit Jesus beantwortet und zugleich neu, schärfer, stellt.

Ich bin jedes Mal elektrisiert, wenn jemand sich Gedanken über diese prophetische Botschaft Jesu macht (z. B. in AUFATMEN 4/2006, S. 54-56). Aufs Ganze gesehen aber spricht man viel zu wenig darüber. Von welcher Kanzel aus ist schon einmal über Lk 14,33 gepredigt worden? „Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ Wer von uns kann sich freisprechen, er sei nicht so gebunden an sein Geld wie der „reiche Jüngling“? Wer von uns würde auch nur die Hälfte oder ein Viertel der Forderung Jesu an diesen Reichen zustande bringen? „Verkauf alles, was du hast, verteil das Geld an die Armen und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ Jesus, der Prophet, bleibt ungehört. Indem wir uns darauf verlassen, was Jesus für uns gemacht hat, verdrängen wir, was Jesus uns vorgemacht hat. Aber Nachfolge heißt selbstverständlich, uns unseren Meister auch zum Vorbild zu nehmen.

Was ist gewonnen, wenn wir Jesus neu als Propheten verstehen? Unsere Christusverkündigung würde glaubwürdig werden. Innerhalb der weltweiten Christenheit stünden wir nicht als laue, handlungsschwache Kompromissler da. Als ich nach meinem Studium am Freikirchlichen Seminar Hamburg-Horn an der Hamburger Universität weiterstudierte, meinte ich zunächst, die dortigen Professoren würden alles, was in der Volkskirche geschieht, letztlich theologisch gutheißen. Aufgehorcht aber habe ich, als ich den Missionswissenschaftler Theodor Ahrens davon reden hörte, die westliche Kirche sei „besoffen vom Materialismus“. Unser Lebensstil kann diesen Satz nicht widerlegen (auch nicht der freikirchliche). Die Christenheit hat viel Kraft aufgewendet, um Irrlehren („Häresien“) zu bekämpfen. Erst spät begriff man, dass es neben lehrmäßiger Häresie auch eine strukturelle Häresie gibt – eine christusfremd aufgezogene Kirchenorganisation z. B. Was aber ist mit unserer praktizierten ethischen Häresie? Um sie zu überwinden, brauchen wir Christus als Erlöser. Aber um sie zuvor zu erkennen, brauchen wir Christus als Propheten. Wenn wir ihm folgten, wären wir nicht irgendwann überrumpelt von den Grenzen des Wirtschaftswachstums, sondern hätten Verzicht und Reduzierung des Lebensstandards schon rechtzeitig freiwillig eingeübt. Wir wären zukunftsfähig. Wenn wir das täten, würden wir schließlich auch dem Islam weniger Gelegenheit geben, Christentum und westlichen Materialismus für identisch zu halten. Wer weiß, ob nicht die Christusbotschaft dann dort besser aufgenommen würde?

Jesus als Schöpfergott

Eine dritte heute aktuelle Sicht auf Jesus: Er bewegte sich bewusst in der Welt; er war und ist für sie da. „Die Welt“ – das klingt zwar allzu weltlich. Hat Jesus nicht die Welt besiegt (Joh 16,33)? Sollen wir Christen nicht – nach dem 1. Johannesbrief – der Welt wie Fremde gegenüberstehen? Aber wir dürfen nicht übersehen, wie offen Jesus den Menschen der „Welt“ begegnete. Als er die Bergpredigt begann, hörte ihm ein enger Schülerkreis und ein weiterer Hörerkreis zu. Jesus ließ es bewusst zu, dass jeder, auch aus dem weiteren Kreis, auch wenn er noch kein Nachfolger war, die Seligpreisungen auf sich beziehen konnte. Ohne fromme Vorbedingungen durfte jeder aufatmen, wenn er oder sie hörte: „Zu beglückwünschen die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Hungernden … sie haben Anteil an Gottes Königsherrschaft und Gott wird ihnen barmherzig sein …“ Jedem Hörenden war es freigestellt, näherzukommen und zum Schülerkreis zu treten. Jesus hielt keine Trennungslinie aufrecht. Er heilte zehn Menschen, auch auf das Risiko hin, dass nur einer dann an ihn glaubte und dass die anderen ihn mit einem Geistheiler verwechselten (Lk 17,11ff). Was für ein unbefangenes Vorgehen!

So unbefangen zu sein, habe ich mir selber oft gewünscht. Selten ist es gelungen, oft nicht. Kurz nachdem ich Christ geworden war, konnte ich nicht die Klappe halten, als jemand auf einer Klassenfahrt irgendein Lied mit „Halleluja“ durchs Zimmer grölte. Ich fragte ihn, ob er denn wisse, was dieses Wort bedeute. Ein, zwei Tage später saßen 10 Leute auf dieser Fahrt zu einem Gesprächskreis über den Glauben zusammen. Meist aber bewegte ich mich eher verkrampft als Christ in der Schule. Ich hatte gelernt, gerade hier solle ich von Jesus reden, und betete morgens tapfer für Gelegenheiten. Die fand ich aber oft nicht. In meinem Zivildienst war es natürlicher, mich unter Nichtchristen zu bewegen. Krampfig war nur der Start, nachdem ich mir am ersten Tag den kleinen roten „Jesus-lebt“-Anstecker an den Pflegerkittel montiert hatte und beim Frühstück alle drauf starren ließ, ohne ein sinnvolles Wort herauszubekommen. Dann aber wurde ich als Christ wahrgenommen und hatte das Gefühl: Genau so soll es sein – mit Jesus außerhalb der Kirchenmauern leben. Wenn ich mich abends auf Partys zu gehen anschickte, lenkte ein Mit-Praktikant manchmal das Gespräch auf den Glauben, weil er wusste: Nun würde ich noch eine Weile bleiben. Eher lustig fand ich, wie die Stationsschwester mich zur Räson rufen wollte, indem sie (entsprechend meinem Berufswunsch) laut über die Station bellte: „Herrrr Passstoorrr!“

Jesus neu entdecken

Seit ich nun Pastor von Beruf bin und mich vorwiegend unter Christen aufhalte, ist es selten geworden, mich wie Jesus in der Welt zu bewegen. Eine unnatürliche Situation! Ich versuche, das Beste daraus zu machen, indem ich manche Gelegenheit nutze, die mein Beruf mit sich bringt. Manchmal kann ich mich an die Kontakte dranhängen, die Gemeindemitglieder haben. Der DGB Lüneburg veranstaltete einen Literaturabend, wo ich einige Erzählungen vortragen konnte, die auch mein Christsein widerspiegelten. Als der Lüneburger Einzelhandel einen verkaufsoffenen Sonntag anzettelte, hielt unsere Gemeinde ihren Gottesdienst auf dem zentralen Platz der Fußgängerzone und sprach von Gottes Absicht mit dem Ruhetag. Als neulich in Marburg Neonazis gegen Israel demonstrieren wollten, ließ ich mich inmitten von Linken und Gewerkschaftlern als kirchlicher Redner aufstellen und konnte draußen, öffentlich, von Jesus, dem Juden sprechen. Der Nachrichtendienst idea machte daraus zwar die etwas einseitige Schlagzeile „Baptisten demonstrieren mit Alt-Kommunisten“ … aber es lag mir eben am Herzen, dort „draußen“ zu sein, wo ich meine, dass Jesus vielleicht auch gewesen wäre. Dennoch sind das alles ja eher konstruierte Situationen. Die grundsätzliche Haltung Jesu habe ich kaum erreicht.

Ich fürchte: Nicht nur ich persönlich habe noch viel an der Bewegung Jesu, die hinein in die Welt führt, zu entdecken. Sondern ebenso unsere Christenheit insgesamt. Es muss uns aufrütteln, wie Jesus sein Lebensziel beschreibt: Er gibt Brot, und zwar sich selbst, auch körperlich, für das Leben der Welt (Joh 6,51). Das spricht Jesus in einem Zusammenhang aus, hinter dem bewusst das Abendmahl aufleuchtet. Wir sind oft geneigt, das Herrenmahl strikt den Glaubenden zu reservieren. Mit gutem Grund! Bloß: Wenn uns die Abgrenzung wichtiger ist als das Ziel Jesu, stimmen die Gewichte nicht. Jede innerkirchliche Feier ist verfehlt, wenn sie dazu dient, sich des Herren zu freuen, dabei aber die Menschen außer Acht zu lassen, derer sich der Herr auch gerne freuen würde. Jesus scheute sich nicht, gerade im Blick auf das Herrenmahl zu sagen: Ich gebe mich als Brot für das Leben der Welt. Jeder Gottesdienst muss also durch und durch einladend sein. Auch ein Abendmahlsgottesdienst darf – von seiner Gesamtwirkung her – nicht ausladend sein.

Jesu Tod entspricht seinem Ziel: „Jesus hat, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, draußen vor dem Tor gelitten.“ (Hebr 13,12) Außerhalb also des frommen Bezirks; in der Welt derer, die von Gott nichts wissen. Was folgt daraus für die Christen? Raus mit ihnen! Hinaus aus dem frommen Bezirk! „Lasst uns also zu ihm vor das Lager hinausziehen und seine Schmach auf uns nehmen.“ (Hebr 13,13) Wenn wir die Menschen unterteilen in Fromme und Unfromme, kann es passieren, dass Jesus Christus jenseits unserer Grenze ist. Solche Abgrenzungen zu den Unfrommen müssen uns gar nicht beschäftigen. Gehen wir vielmehr offen auf jemanden zu: weil er ein Geschöpf Gottes ist! Weil Gott ihm bereits seine Versöhnung bereitgestellt hat. Weil Gott also an ihm schon handelte. Weil er von Gott her kein unbeschriebenes Blatt ist (nach 2Kor 5,19f). Verlieren wir dann die Maßstäbe? Ebnen sich alle sogenannten Werte ein, wenn wir so dicht an der Welt sind? Doch wie sollte das passieren können, wenn wir genau dort sind, wo Christus ist – „draußen“? Seine Nähe erreichen wir nicht immer durch Konzentration nach innen, auf die christliche Gemeinschaft. Sondern ebenso durch die Öffnung nach außen. Dann sind wir dort, wo Christus ist: „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein.“ (Joh 12,26)

Drei Vorschläge, um das an Christus neu zu entdecken, was heute betont werden muss. Was kann man nach der Lektüre tun? Z. B. in Hauskreisen darüber sprechen, was wir durch solch eine neue Sicht auf Christus gewinnen. Einen Hauskreisabend einmal in die Gaststätte oder Kneipe verlegen. Extra-Gesprächskreise bilden, kleine Denkwerkstätten ohne Frageverbote. Sich vom Pastor eine Predigt zum Thema wünschen. In der eigenen Bibellese die erwähnten Schriftstellen noch einmal durchbuchstabieren. Für jeden erworbenen Luxusartikel denselben Betrag zusätzlich an Arme spenden (oder die Hälfte oder ein Drittel …). Christus eine Zeitlang anbeten als den maßlos Geisterfüllten, als den Propheten, als das Brot für das Leben der Welt – und dann beachten, wie die Anbetung sich anreichert und wie man selbst sich womöglich verändert.

Ulrich Wendel ist Redaktionsleiter des Magazins Faszination Bibel und und theologischer Lektor im Verlag SCM R.Brockhaus.

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1 KOMMENTAR

  1. Christinnen und Christen leben die Zärtlichkeit Gottes

    Die drei theologischen Vorschläge von Pfarrer Ulrich Wetzel haben mich zum Nachdenken gebracht: Nämlich was für mich sehr relevant ist. So empfinde mich als eher charismatisch denkend, liberal gegenüber Dogmatismus und als toleranter Mensch mit einer evangelikalen Leidenschaft.
    Ich lege die Bibel aus oder lasse sie mir auslegen. Ich bin davon überzeugt, dass auch Moderne Theologen beten und morgens die Losung lesen.
    Der frühere Altkommunist und spätere SPD-Politiker Wehner war ein gläubiger Mensch und besuchte auch jeden Bundestagsgottesdienst.
    Die Alltagsrelevanz Jesu, seine Botschaft die eng mit seinen Worten, seinen Taten sowie seinem Leiden und Sterben verbunden sind, muss einen Sitz in meinem und dem Leben der Mitchrist*innen haben. Begeistert hat mich nach den Kindertagen meines Glaubens vor allem die Bergpredigt.
    Oder dass ein Reicher nicht ins Himmelreich kommen kann, aber Gott nichts unmöglich ist. Eher ginge ja ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass dies geschehe. Ein Nadelöhr war im Alten Israel das kleine Tor in der Stadtmauer, durch welches nachts nur die spätkommende Person gehen konnte. Das Kamel, der ganze Reichtum, unsere Geschäftsgrundlagen und Sicherheiten müssen draußen bleiben. Wie sagt der Volksmund: Wir können nichts mitnehmen in den Himmel. Vor Gott nutzt Wohlstand nichts. So wie wir in unserer Seele ticken, wenn wir gewissermaßen nackt vor dem Schöpfer aller Dinge stehen, ist von himmlischer Relevanz. „Sammelt euch Reichtum im Himmel“, sagt ebenso die biblische Botschaft. Kein Wunder, dass ein zorniger Gottessohn die Tische der Wechsler im Tempel umwarf. Glaube als wirtschaftliches Geschäftsmodell widerspricht im Innersten völlig Jesu Wesen. Unsere institutionell unterschiedlichen Kirchen sind menschliche Erzeugnis, nützlich und sinnvoll, aber eine alle Gläubigen/Kirchen vereinende weltweite Kirche Jesu Christi ist kein leistender Versicherungsverein für ein Ewiges Leben bei Beitragsentrichtung.
    Jesus ist für alle Menschen am Kreuz gestorben und zur Erlösung der ganzen Schöpfung. Wegen seiner Barmherzigkeit gibt es für alle Hoffnung.
    Er hatte als Rabbi, wenn er mit seinen Schülern unterwegs war, nicht viel mehr an Eigentum, als was er auf dem Leib trug und Stecken sowie Stab für das Laufen auf staubigen Straßen. Eine arme Kirche zu sein bedeutet nicht unbedingt ein Minus in der Kasse, sondern in Solidarität das Leben armer Menschen nicht nur wahrzunehmen, sondern an ihm teilzunehmen. Geistlich arm ist aber auch, oft auch mit leeren Händen vor Gott zu stehen und sie sich füllen zu lassen. Oder: Aus der Vergebung zu leben. Friedlich und barmherzig zu sein. Über niemanden den Stab zu brechen, weil Gott mir auch 77×7 vergibt und nicht nur durch Jesus als Glaubensleistung verlangt. Christen sind in ihrem Gottvertrauen ein sehr starkes Gegenprogramm zu dem üblichen Weltprogramm. Jesusnachfolger*innen sind nicht unpolitisch. Man darf uns nicht in rechts-links oder liberal-evangelikal in sehr enge Denkschubladen einsortieren. Wir sollten aber anders sein als der Rest der Welt, dabei aber die Fußwaschung praktizieren bzw. nicht überheblich aufzutreten. Auch Jesus aus Nazareth, einem armen Nest mit einfachen Menschen, wurde als Prophet zunächst nicht ernst genommen. Aber der Heilige Geist wirkte so in ihm, dass er auf den Lebensstraßen im jüdischen Land den Menschen barmherzig und liebevoll in Augenhöhe begegnete. Er kam nicht um zu herrschen, sondern um zu dienen. Nicht um zu richten, sondern um zu erlösen. Ein Christenmensch ist ja hoffentlich kein Machtmensch, sondern er dient. Er/sie sind Licht der Welt und das Salz der Erde und praktizieren die Zärtlichkeit Gottes. Zu wenig erscheint mir, wenn wir die persönlichen Pfunde unserer individuellen Begabungen und Leidenschaften nicht vermehren. Wenn ich Jesus und damit Gott richtig verstehe, sollen wir uns nicht von der Welt abwenden, sondern in ihr leben, wie Sauerteig. Christen sind Weltverbesserer. Wenn die Gottesdienste immer weniger wahrgenommen werden, manchmal landeskirchliche Kerngemeinden wegbrechen und die Predigten immer langweiliger werden: Dann sollte man Gottesdienste in Kneipen feiern, auf Campingplätzen, Kirmeszelten und mit den Bewohnern von Sozialen Brennpunkten Abendmahl feiern. Oder Spätaufsteher*innen zum Brunch einladen und wie Jesus mit seinen Jüngern ein Liebesmahl abhalten. Die Heiligen Hallen unserer Kirchen sind eigentlich nicht exclusiv heilige Hallen. Überall ist Gott und auch das Schwimmbad in heilig. Da wo Liebe geübt wird, ganz bescheiden, nicht von hinten durchs Auge geschossene Machtausübung, dort ist auch Gott. Und wo er ist, wird alles besser. Ebenso habe ich den Eindruck, dass es viel zu wenige christliche Querdenkerinnen und Querdenker gibt. So wie Jesus auch war.

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