Tobias Haberl ist Journalist, Bestseller-Autor und „mittelmäßiger Christ“. Im Interview plädiert er für Pluralität innerhalb des Glaubens.
Uwe Heimowski: Herr Haberl, Sie haben für Ihr Buch „Unter Heiden“ einen evangelischen Medienpreis bekommen. Dabei sind Sie richtig katholisch.
Tobias Haberl: Kein Problem, das Gemeinsame überwiegt, wenn ich über katholisch und evangelisch nachdenke. Menschen, die an Gott glauben, die Jesus Christus nachfolgen – das zählt. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass ich sehr katholisch geprägt bin. Es hängt damit zusammen, dass meine Eltern katholisch sind und dass ich in einem Landstrich groß geworden bin, in dem es fast nur Katholiken gibt. In meiner Grundschulklasse waren 26 Katholiken, ein Protestant und ein Zeuge Jehovas.
Ich lese in Ihrem Buch, dass Sie keine Berührungsängste haben, auch nicht mit anderen Religionen, und zwar gerade, weil Sie sich Ihres Glaubens so gewiss sind.
Wenn man aufrichtig glaubt und sich von Gott erkannt und geliebt fühlt, dann kann man sehr tolerant und neugierig mit Menschen umgehen, die etwas anderes denken oder glauben, ohne sich gleich in Frage gestellt oder angegriffen zu fühlen. Gleichzeitig ist es notwendig, nicht alles zu nivellieren, also so zu tun, als sei am Ende alles sowieso gleich und damit gleichgültig. Nein, erst indem ich zu etwas stehe, kann ich andere Ansichten annehmen oder aushalten.
Ihr Buch heißt „Unter Heiden“. Warum der Titel?
Der Essay im Magazin der Süddeutschen Zeitung hieß schon so, das war damals meine Idee, eine spontane Eingebung. Ich habe damals eine Mail an meine Chefredaktion geschrieben, in der ich das kurz skizziert habe: Ich will darüber schreiben, dass ich mich als gläubiger Mensch kaum noch verstanden fühle: in meiner Redaktion, in meiner Nachbarschaft und auch nicht in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Dass ich umringt bin von Menschen, die nicht mehr nachvollziehen können, wie man im 21. Jahrhundert an Gott glauben kann. Und dann habe ich spontan geschrieben: Arbeitstitel „Unter Heiden“. Wahrscheinlich habe ich an „Unter Geiern“ von Karl May oder an „Unter Linken“ von Jan Fleischhauer gedacht.
Wie haben die „Heiden“ denn reagiert? Beleidigt?
Nein. Das Buch wird eher von Christen als von Atheisten gelesen. Das ist nachvollziehbar, aber auch ein bisschen schade. Ich habe extrem viele Reaktionen bekommen, inzwischen sicher mehr als tausend Briefe und Mails. Das sind Leute, die sich bedanken wollen, weil sie sich in ihrem Glauben gestärkt fühlen. Die freuen sich darüber, dass jemand aufgeschrieben hat, wie schön und tröstlich der Glaube gerade im 21. Jahrhundert sein kann, wo alles ganz schön schnell und unübersichtlich geworden ist. Und ganz wichtig scheint zu sein: Da spricht keiner der üblichen Verdächtigen, kein Repräsentant der Kirche, kein Theologe, sondern ein ganz normaler mittelmäßiger Christ.
Einer von uns.
Ich habe das erst im Laufe der letzten Monate verstanden, dass ich eine besondere Glaubwürdigkeit habe, weil ich mit einem anderen Charisma und einer etwas anderen Sprache daherkomme. Da ist ein Typ, dem man sein Christsein nicht hundert Meter gegen den Wind ansieht. Und der steht auf einmal auf und sagt: Ich glaube übrigens an Jesus Christus, ich glaube an Gott, und ich finde auch die Kirche nicht nur problematisch, so wie ihr alle um mich herum.
Ihr Buch beschreibt eine Glaubensreise, es ist aber auch eine theologische Reflexion. Sie haben es geschafft, theologische oder auch geistlich erfahrbare Dinge in eine Sprache zu bringen, die ich bisher noch nicht hatte.
Es freut mich sehr, dass Sie das sagen. Denn es ist mir nicht leichtgefallen, das Buch zu schreiben. Ich hatte anfangs nur diesen Essay und bin dann für drei Monate nach Rom gegangen – ein kleines Sabbatical –, um das Buch zu schreiben. Irgendwann hatte ich sechzig Seiten, aber noch kein Buch. Ich schlitterte in eine Krise nach dem Motto: „Warum sollte ausgerechnet ich ein Buch über den Glauben schreiben, wo ich doch gar nicht so viel darüber weiß?“
Ich merkte aber auch: Ich darf nicht faken, ich darf nicht so tun, als hätte ich hundert theologische Bücher gelesen. Ich darf auch nicht so tun, als hätte ich überzeugende Gotteserfahrungen gemacht – die habe ich nämlich nicht. Mir war irgendwann klar, ich kann nur ein persönliches, ein radikal aufrichtiges Buch schreiben – auf die Gefahr hin, dass ich mich verletzlich mache, dass ich Angriffsflächen biete, dass Leute sich darüber lustig machen.
Sie beschreiben Ihren Glauben als einen stabilen. Auf dieser Grundlage stellen Sie sich den Ambivalenzen und auch den Herausforderungen, die dieser Glaube Ihnen zumutet. Er ist auch ein Stachel, der Sie sticht.
Die Stabilität habe ich, so glaube ich, einfach durch meine herzliche Familie, die mich mit Selbstwertgefühl und Freude am Leben ausgestattet hat. Meine Eltern begleiten mich bis heute. Auf dieser Basis wende ich mich gegen einen Glauben, der nur noch bequem ist, bei dem sich die Menschen nur noch die Aspekte rauspicken, die ihnen leichtfallen oder unmittelbar nützlich erscheinen.
Ich habe den Glauben immer auch als wertvolles Korrektiv für ein ansonsten freies und genussvolles Leben verstanden. Ich glaube, es war Papst Benedikt, der gesagt hat: Der Glaube solle in seiner ganzen Strenge und Nachsicht erfahren werden. Ich ahne, was er meint: Güte kann nur da wirksam sein, wo es einen gewissen Anspruch gibt, wo eben nicht alles egal und beliebig ist.
Auf den Punkt gebracht versuche ich, mich nach meinem Glauben zu richten, nicht umgekehrt, dass der Glaube sich nach mir richtet. Das ist mir wichtig, es ist aber auch genau der Punkt, den viele nicht mehr verstehen oder als unzeitgemäß empfinden.
Warum schreiben Ihnen so viele Menschen? Sie sprechen Themen an wie Exerzitien im Kloster, Phasen der Stille und die Alte Messe auf Latein. Da würde ich so ein großes Echo nicht erwarten.
Ich muss irgendeinen Nerv getroffen haben mit meiner Sprache und meiner Offenheit. Eine Formulierung, die in den Rückmeldungen immer wieder auftaucht, geht so: „Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Sie haben formuliert, was mir schon lange durch den Kopf geht, aber ich könnte es nicht so ausdrücken.“
Und was Sie ansprechen, die Alte Messe und das traditionalistische Kloster, in das ich mich schon mehrmals zurückgezogen habe: Mich erinnern diese liturgischen und geistlichen Erfahrungen daran, dass es im Glauben nicht um mich, sondern um Gott geht. Man könnte sagen: Ich komme zu mir, indem ich von mir weggehe. Das gelingt in dieser unpersönlichen 1.500 Jahre alten Messe besonders gut. In ihr fühle ich mich mit einer langen Tradition verbunden, mit Millionen von Christen, die diese Messe gefeiert haben, das ist für mich ein schönes Gefühl.
Aber ich habe mich auch durchschaut: Ich bin von diesen strengen Formen angezogen, weil ich ansonsten wahnsinnig frei und zwanglos lebe. Ich feiere gern, reise gern, habe keine Kinder, mein Leben dreht sich nicht pausenlos um den Glauben, und ja, ich lese im Evangelium, aber nicht jeden Tag. Die Strenge des Glaubens ist da ein gutes Gegengewicht, und ich mache sehr gute Erfahrungen damit, aus meinem ansonsten geselligen Leben immer mal wieder in diesen Kontrapunkt reinzugehen, auch in die Stille, in diese Struktur. Ich weiß schon, dass die Alte Messe nicht für jeden das Richtige ist, und das ist okay, es gibt ja auch andere Messformen. Und deswegen ist dieses Buch auch ein Plädoyer für die Pluralität innerhalb des Glaubens.
Sie stellen in Ihrem Buch Rainer Maria Schießler vor, einen Priester in München, der ganz anders zum Glauben einlädt: zugänglicher und volksnah. Sie sagen, dass das nicht Ihr Zugang ist, aber dass Sie den Menschen sehr schätzen.
Ja, denn so unterschiedlich ist der Schatz des Christentums, auch innerhalb der katholischen Kirche. Es gibt so viele Zugänge zum Glauben, zu Gott. Diese werden immer wieder gegeneinander in Stellung gebracht – Reformer kämpfen gegen Traditionalisten und umgekehrt und alle meinen, besser und wahrer zu glauben als die jeweils anderen.
Ich würde dafür plädieren, diese Sachen parallel zu denken und sie nicht gegeneinander auszuspielen. Weil es verschiedene Charismen und damit auch verschiedene Wege zu Gott gibt. Dazu kommt: In unterschiedlichen Lebensphasen können unterschiedliche Formen die jeweils richtigen sein, um mit Gott in Kontakt zu treten.
Da stimme ich sehr zu. Am Ende des Buches schreiben Sie, das Wichtigste im Glauben sei, dass man sich nicht selbst retten kann.
Ich glaube, das ist der entscheidende Unterschied zwischen gläubigen und nichtgläubigen Menschen. Das Wissen, dass man nicht alles in der Hand hat, dass man in letzter Konsequenz auf einen liebenden, gütigen Schöpfer angewiesen ist, dem man sich getrost anvertrauen kann. Ich glaube eben nicht, dass wir das Paradies auf Erden schaffen können, deswegen habe ich diese Hoffnung aufs Jenseits.
Ja, Gott hat uns zur Freiheit geschaffen, wir sind für unser Tun, für die Schöpfung, für unsere Mitmenschen schon verantwortlich. Aber erlösen können wir uns eben nicht, aber da kommt er ins Spiel, und das ist der entscheidende Punkt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Uwe Heimowski. Tobias Haberl ist Journalist und Autor des Buches „Unter Heiden“. Darin beschreibt Haberl seine Gefühlslage als gläubiger, katholischer Christ in einer Umgebung, die er als komplett säkular erlebt.

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift AufAtmen erschienen. AufAtmen erscheint im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört.

Etwas langweilig an Inhalt und Form
Zu Chey und EinFragender: Das Buch von Tobias Haberl war, um ehrlich zu sein, etwas langweilig geschrieben, aber dies kann auch nur eine sehr subjektive Feststellung sein. EinFragender gegenüber muss geschrieben werden, daß Haberl auch leicht zu verstehen war, weil er lediglich seine Gefühle, auch bei Stillegottesdienstformen, eingehend und gut beschrieben hatte. Dies kann ich nicht kritisieren, denn es war ja auch nicht seine Absicht theologische Fragen und/oder Kritik zu formulieren. Natürlich ist das Kernstück und gewissermaßen das Fundament des Glaubens nicht in erster Linie eine christliche Lehre, sondern großes Gottvertrauen und das Doppelgebot der Liebe. Man muss also gar nicht irgendein und auch kein spezifisches Wissen über den eigenen Glauben besitzen. Aber man sollte es vielleicht doch, denn ich glaube dass zum Glauben ein Stück konkreter Apologetik gehört, also gute logische Argumente für Gott und die Welt zu haben und nur über Sprache und Denken kann man da zuerst einmal bei anderen andocken. Öfters habe ich den Eindruck, daß ich/wir Fernstehende nie auch eingehender darüber informieren, bei was es immer beim Glauben und Hoffen auf Gott geht. Der Autor Tobias Haberl war so etwas wie ein legitimer Privatteilnehmer am christlichen Glauben, er hat sodann keinerlei Leidenschaften geschildert, die er mit dem christlichen Glauben verbindet. Ich kann den Autor kaum konkret kritisieren, weil er kaum etwas wirklich substanzielles zu Papier brachte, was mich entweder begeisterte, oder den Kritiker in mir hervorruft. Es war mir alles zu soft. So darf und kann man sein, denn als Leser war das Buch leicht zu lesen, allerdings auch völlig ohne jegliches Gänsehautgefühl. Nun ist der Glaube ja auch keinerlei Produkt. Aber bildlich gesprochen, wenn jemand so wenig (sinnbildlich) Werbung für den Glauben machen will, dann wird er auch kaum Widerspruch ernten und mich wundert, warum so viele Leute begeistert waren. Aber dies ist Geschmackssache. Leider (oder Gott-sei-Dank) ist der Glaube eng mit der Frage verbunden, was mich in diesem Leben auch unbedingt angeht. Wenn mich alles angeht, bräuchte ich den Therapeuten, aber wenn mich nichts angeht einen noch besseren. Ich bin nicht evangelikal, aber wenn der Käse keine Form hätte, wäre er leider nur Quark. Es ist wie bei rethorisch perfekt vorgetragenen Predigten, die aber als Inhalt nur christliche Worthülsen enthalten. Zuhause angekommen kann ich mich dann an die Predigt nicht mehr erinnern. Es fehlte dann ihre eigene erforderliche Konkretheit, um auch nur irgend eine Form von Botschaft zu sein
@ Herrn Hehner: Vielen Dank für diesen Kommentar.
Habe das Buch gelesen und fand es sehr, sehr gut. In vielem sprach er mir wirklich aus dem Herzen. Gerne hätte ich ihm auch geschrieben!! Allerdings hat es mich etwas überrascht, dass er sich nicht irgendwann völlig für den Glauben entscheidet. Wer weiss, vielleicht kommt das noch, der Glaube ist ja sozusagen auch eine Reise. Manche Dinge die bei hippen Menschen gerade so „in“ sind könnte ich nicht mit dem Glauben in Verbindung bringen bzw. finde vieles auch sehr sinnentleert. Das füllt mich nicht (mehr) aus. Aber sicherlich braucht es einige Schritte, dies zu erkennen.
„Ich fühle mich als gläubiger Mensch kaum noch verstanden“
Die Aussage kann ich nicht nachvollziehen. Sicherlich haben viele Menschen kein Interesse am Glauben. Aber dann ist Glauben eben kein Thema. Negative Reaktionen habe ich auf meinen Glauben im realen Leben noch nie erfahren. Kommt natürlich auch auf den Glauben sn, für Juden sieht es ja deutlich anders aus.
Aber das schlimmste, was einem Christ passieren kann, ist doch ein ‚interessiert mich nicht‘. Oder dass Nichtchristen christliche Vorteile in Frage stellen. Letzteres nennt man Meinungsfreiheit und Demokratie.
Ich habe eher den Eindruck, so mancher Gläubiger hat den Draht zur restlichen Welt verloren.
Tobias Haberl ist kein Theologe, hat aber mehr verstanden als viele Theologen. Danke!
Kann dem nur zustimmen! Gerade die Sicht – das es mehrere Wege gibt – finde ich gut. Leider wird sie nur selten gelebt und hier sind es nicht unbedingt die traditionelleren Katholiken die ein Problem haben.
Denn letztendlich gewinnt nur der Glaube, nicht aber irgendeine Strömung.