Kirche ist Gemeinschaft
Kirche für, mit und mitten unter Leuten. (Bild: Hanna Busing / Unsplash.com)

Dr. Michael Moynagh ist einer der führenden Köpfe hinter der kirchlichen Innovations-Bewegung Fresh X. Wie sein Bild von Kirche heute ist und welche Fragen Kirche stellen sollte, verrät er in diesem Interview.

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Was mögen Sie am meisten an der Kirche?

Ich liebe an der Kirche, dass sie tatsächlich dazu berufen ist, Gottes Mission auszuführen! Durch die Kraft des Geistes Beziehungen, Verhaltensmuster, letztlich die ganze Gesellschaft zu verändern und heilsam auf unseren ganzen Planeten einzuwirken. Die Kirche ist das Medium, das Gott für diese Veränderungs-Mission gebraucht, und das macht Kirche liebenswert.

Ist das aus Ihrer Sicht auch eine ganz typische Eigenschaft der Kirche?

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Nein, aber wenn ich es irgendwo wahrnehme, dann finde ich das richtig toll. Manchmal lässt es sich in kleinen Initiativen in Gemeinden vor Ort finden, manchmal mehr auf regionaler Ebene. Ganz besonders sehe ich es in anderen Ländern, wenn Kirche an Stellen hilft, wo materielle Armut herrscht.

Was vermissen Sie am meisten in der Kirche?

Wenn sie nicht missional aufgestellt ist, dann fehlt aus meiner Sicht etwas. Aber es fehlt auch etwas, wenn Leute, die nichts weiter mit der Kirche zu tun haben, feststellen, dass die Kirche für sie außer Reichweite und eben nicht zugänglich ist. Alle diese Menschen wären vielleicht mit dabei, wenn die Kirche nicht so in der Liebe ihnen gegenüber versagen würde. Und so fehlen sie eben, und deswegen vermisse ich zwangsläufig auch all diese Leute.

Dr Michael Moynagh
Dr. Michael Moynagh; Vordenker und Mitbegründer der Fresh X-Bewegung. Er lebt in Oxford und forscht zu gesellschaftlichen Trends und neuen Formen von Kirche.

 

Was ist die größte Herausforderung innerhalb der Kirche?

Jede Gemeinde ist in der einen oder anderen Hinsicht exklusiv, sie schließt etwas oder jemanden aus. Das liegt in der Natur der Sache. Eine bestimmte Uhrzeit, ein bestimmter Ort, wann und wo man sich trifft. Ein bestimmter Stil und Ablauf – diese Faktoren werden einige Leute anziehen, aber gleichzeitig schließt man die aus, die zu der bestimmten Zeit nicht an den bestimmten Ort kommen können, alle, denen der Stil nicht gefällt, die Predigt oder all die Leute, die gar nicht die Sehnsucht nach so etwas wie einem Gottesdienst teilen. Und das ist ein echtes Problem für die Kirche, denn wir möchten im Gottesdienst ja Gott feiern, und Gott ist inklusiv. Und dann feiern wir Gottes Inklusivität auf eine für andere Leute nicht inklusive Weise. Und damit ist gelebte Inklusivität die Haupt-Herausforderung für die Kirche.

Wie können wir darauf richtig reagieren?

Meiner Meinung nach ist die einzige Antwort darauf:

Indem Kirche neue Formen von christlicher Gemeinschaft mit und mitten unter Leuten hervorbringt, für die die real existierende Kirche unzugänglich ist.

Es gibt somit aus meiner Sicht für die Kirche keinen anderen Weg zu mehr Inklusivität, als neue Gemeinden und Gemeinschaften hervorzubringen. Hierin liegt meiner Meinung nach die größte Herausforderung für die Kirche.

Welche Frage sollte die Kirche sich unbedingt stellen?

Die wichtigste Frage ist: Wer ist hier NICHT beteiligt? Wen erreichen wir NICHT, wem dienen wir NICHT? Wer sind die Leute, die NICHT bei unseren Veranstaltungen auftauchen? Und dann folgt daraus die andere Frage: Wie können wir sie lieben, und zwar so, dass es auch ankommt? Mit wem stehen wir noch nicht in Beziehung und wie können wir das ändern und genau diesen Menschen Liebe bringen? Wie können wir sie dann auch mit dem Evangelium erreichen?

Warum müssen Kirche und die Jünger Jesu „mit beiden Flügeln fliegen“? Bitte er­klären Sie dieses Bild, das Sie schon öfter gebraucht haben, etwas genauer.

Als Jesus mit seinen Jüngern zusammen war, lehrte und bildete er sie aus. Aber er tat das auf zweierlei Art. Es gab Zeiten, da zog er sich mit seinen Jüngern zurück, um sie zu unterrichten, und zu anderen Zeiten lehrte er sie etwas mitten im Alltag. Es gibt also einen eher vom sonstigen Umfeld zurückgezogenen Weg und einen sehr mit der Lebenswelt verknüpften Weg, und beide haben ihre Berechtigung. Wir leben aber in der Kirche oft zu einseitig den Weg der Zurückgezogenheit. Wir klinken uns am Sonntag aus unserem üblichen Umfeld aus, um zur Kirche zu gehen, und dann oft noch unter der Woche für einen Hauskreis oder sonstige Veranstaltungen. Dabei sind wir immer irgendwie unter uns, zurückgezogen von unserer Lebenswelt statt engagiert inmitten unserer Lebenswelt. Tatsächlich ist es legitim, wenn ein Teil der Jüngerschaftsausbildung in der Zurückgezogenheit stattfindet. Aber wir brauchen ebenso den Weg des Engagements innerhalb der Lebenswelt in der Jüngerschaftsausbildung. Und das ist eben genau da, wo sonst auch das Leben stattfindet. Ich nenne das immer eine „Jüngerschaft fürs 21. Jahrhundert“.

Was meinen Sie damit genau?

Indem wir den Leuten um uns herum zuhören, können wir leicht umsetzbare Möglichkeiten finden, sie zu lieben. Wir bauen mit diesen Menschen Beziehungen auf, und wenn sich dann die Möglichkeit ergibt, das Evangelium mit ihnen zu teilen, dann tun wir das auch. Und wenn Menschen für sich den Glauben annehmen, dann sollte auch die Ermutigung für sie da sein, eine Gemeinde zu sein, da wo sie sind, die Gottesdienste feiert und als Kirche im Kleinen auch in Verbindung mit der Kirche als größerem Ganzen steht. So entstehen viele Mini-Kirchen in alltäglichen Kontexten, die alle mit einer größeren Gemeinde oder Kirche in Verbindung stehen. Als Christen haben wir manchmal eine recht lahme Vorstellung von Liebe. Wir denken, Liebe sei so etwas wie zum Beispiel ein nettes, höfliches Gespräch miteinander zu führen. Aber im Kontext einer Familie bedeutet Liebe viel mehr. Hier ist die Liebe oft am Organisieren: Die Kinder müssen zur Schule, das Abendessen muss hergerichtet werden. Man will als Familie mal gemeinsam was Schönes unternehmen oder in den Urlaub fahren. Egal, ob eine Geburtstagsfeier oder ein Wochenendausflug – das muss alles irgendwie organisiert werden. Und da ist die Liebe am Werk.

Den zweiten Teil des Interviews mit Dr. Michael Moynagh lesen Sie morgen hier auf Jesus.de


Dieses Interview erschien zuerst in der Zeitschrift 3E (Ausgabe 03/2020). 3E, das Ideenmagazin für die Kirche, ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört. 

 

 

 

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. ich sehe noch weitere Herausforderungen der Kirche(n):

    unsere (westliche) Gesellschaft in all ihrem Wohlstand und mit ihren Möglichkeiten, in ihrer Egonzentrik, in ihrer Selbstoptimierung, in ihrem Bildungsstand, in ihrem naturalistischen Denken, was hat dieser Gesellschaft die Heilsbotschaft noch zu sagen? Wer ist denn Jesus für so viele heute? Ein charismatischer „Weltuntergangsprediger“ der vielleicht existiert hat und für seine Zeit vernünftige Ansichten hatte. Den Sühnetod am Kreuz halten viele für ein barbarisches Hirngespinst das schon deswegen keinen göttlichen Ursprung haben kann, weil ein angeblich liebender Gott seinen eigenen Sohn nicht opfert. Und überhaupt, welche Sünden? „Hob i wen umbracht?“ wie man bei uns in Österreich sagt. Wer sich schuldig fühlt macht ein paar Therapiestunden. Die Bibel ist demnach eine alte Märchensammlung voller Gewalt und Widersprüche, Religion gehört am besten verboten, weil sie sowieso nur Unheil in der Menschheitsgeschichte angerichtet hat.
    Wer seine spirituellen Bedürfnisse befriedigen will der schaltet beim Yoga ab, meditiert oder holt sich seinen „Ablass“ z.b. im Verzicht auf Tierprodukte.

    und die Kirche selbst: assoziiert wird heutzutage in der breiten Gesellschaft Missbrauch, Hexenverbrennungen, Kreuzzüge, Kirchensteuer, unermesslicher Reichtum, Machtgeilheit, schrullige Mitglieder, Homophobie, Sexismus, allgemeine Rückwärtsgewandtheit, Sektentum, Gehirnwäsche, langweilige Gottesdienste, aufgeblasene Bürokratie, Doppelbödigkeit. Ist nicht schön, aber so wird Kirche nun mal von wirklich, wirklich vielen Menschen gesehen.
    Was die Kirche tagtäglich weltweit gutes tut, also Entwicklung, Bildung, Gesundheit, Wohltätigkeit, Schutz usw. – also Güter die der Allgemeinheit zu Gute kommen, darüber redet freilich kaum wer, dieses Bewusstsein ist quasi nicht vorhanden.

    Diese Dinge sind im gesellschaftlichen Mainstream festgefressen und darauf gilt es Antworten zu finden. Daher finde ich den Ansatz „wen erreichen wir NICHT“ eigentlich ganz gut. In der momentanen Situation gleicht das wohl einem Kampf gegen Windmühlen, aber auf jedenfall einer der es wert ist gekämpft zu werden.

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