Stars der Augsburger Puppenkiste: Jim Knopf, Lukas der Lokomotivführer und Prinzessin Lisi (Bild: © epd-bild / Annette Zoepf)
Für viele Christen gehört er zu ihrem Glaubensleben ganz selbstverständlich dazu: der Hauskreis. Aber warum treffen wir uns eigentlich, trinken roten Tee und lesen in der Bibel? Was ist uns wichtig? Hat das irgendeinen tieferen Sinn?

Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich die neue Serie „Gemeinsam unterwegs, aber wohin“ im Hauskreismagazin. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Werte und Ziele eine Gruppe weiterbringen können. In diesem Beitrag erklärt Jörg Berger, warum alles mit der Leitung anfängt und aufhört.

Stellen Sie fünf, acht oder zwölf Waggons auf die Bahngleise und beobachten Sie, wohin sie sich bewegen. Nirgendwohin. Was fehlt? Die Lokomotive. Wenn die Waggons einmal angeschoben sind, fahren sie auch weiter, wenn sich die Lokomotive einmal abgekoppelt. Aber sie werden allmählich langsamer und irgendwann kommen sie zum Stillstand.

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25 Jahre Bibellektüre, 25 Jahre Leben in christlichen Gemeinschaften, beides hat mich zur gleichen Einsicht geführt: Wo sich etwas zum Guten bewegt, da gibt es gute Leiterinnen und Leiter. Manchmal frage ich mich, warum ich so viele Jahre gebraucht habe, um diese einfache Tatsache zu erfassen. Vielleicht liegt es daran, dass mir die Tatsache nicht gefällt. Sie ist undemokratisch. Sie weckt ein Gefühl, von einigen wenigen abhängig zu sein und vielleicht sogar weniger wert zu sein. Man kann Führung als göttliches Prinzip sehen oder als Notlösung für eine chaotische Welt (und Christenheit), die einen Wackelkontakt zu Gott hat. Aber ihre herausragende Bedeutung kann man kaum leugnen, finde ich.

Vision und Illusion

Es gibt viele Anleitungen und Anregungen, wie sich Hauskreise eine Vision erarbeiten. Dabei legt man Werte fest, zum Beispiel Verbindlichkeit oder Offenheit im Umgang miteinander. Man formuliert Ziele, die man gemeinsam erreichen möchte, zum Beispiel die Anbetung Gottes zu einer Kultur zu machen, die irgendwann auch auf den Alltag der Hauskreisteilnehmenden übergreift. Die Werte und Ziele kürzt man dann am besten so, dass man sie auf ein T-Shirt drucken könnte. Das macht sie einprägsam.

Bringt das etwas? Erlauben Sie mir einen etwas gemeinen Vergleich: Diese Mühe ist etwa wie ein Wunschzettel, den Kinder vor Weihnachten schreiben. Nun liegt es daran, ob sich ein Erwachsener findet, der den Wunsch gut findet und das Geschenk kauft. Wenn das nicht passiert, bleibt es beim Wunsch. Ähnlich ist es mit Werten und Zielen, die man im Hauskreis formuliert. Wo eine begabte Leiterin oder ein begabter Leiter diese nun aufgreifen und mit ihnen vorausgehen, verwirklichen sich die Werte und ein Kreis kommt seinen Zielen näher. Wo das nicht geschieht, geraten Werte und Ziele bald in Vergessenheit und irgendwann erinnert man sich traurig daran, was man eigentlich einmal vorhatte. Schlimmstenfalls gibt man dann anderen die Schuld und meint, dass sie träge sind oder sogar die Ziele blockieren. Oder man kultiviert gemeinsam Schuldgefühle und bekennt sie im Gebet. Aber handelt es sich dabei nicht mehr um einen Irrtum als um Schuld? Schuld bekennt man, den Irrtum kann man korrigieren.

Ihr Leiter ist Ihr Ziel

Sehen Sie auf die christlichen Bewegungen, deren Veranstaltungen vierstellige Teilnehmerzahlen haben: zum Beispiel der Willow Creek Kongress, das Gebetshaus Augsburg oder die ICF. Haben die eine Vision? Klar. Doch die ist einem herausragenden Leiter auf den Leib geschnitten. Man könnte vielleicht sogar sagen: aus dem Leib geschnitten. Daran kann man sich auch im Kleinen orientieren. Formulieren Sie die Ziele, auf die sich Ihre Lokomotive ohnehin zubewegt. Halten Sie die Werte fest, die Sie die geplante Reise am schönsten gestalten und am besten durchhalten lassen. Das hilft den Waggons, dass sie zusammenhalten und sich von der Kraft der Lokomotive erfassen lassen.

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Wenn Sie meine Einschätzung teilen, dann wirft das einige unbehagliche Fragen auf. Was ist, wenn ich den Hauskreis leite, aber selbst nicht die Gabe habe, andere in Bewegung zu setzen? Das ist nicht schlimm. Vielleicht sitzt bereits eine begabte Leiterin oder ein begabter Leiter in der Runde. Sie lenken ohnehin schon oft die Richtung des Denkens und stoßen Initiativen an. Dann verstehen Sie Ihre Leitung als Service, durch den ein anderer seine Leitungsgabe entfalten kann und dabei von der Organisation und der Fürsorge für einzelne Teilnehmer entlastet ist. Und wenn es im Hauskreis niemanden mit einer Leitungsgabe gibt? Dann schaffen Sie die Verbindung zu Leitern, indem Sie ab und zu die Predigten Ihres Pfarrers oder Pastors nachbereiten, gemeinsam auf einen Kongress fahren oder eine Videoreihe einer Persönlichkeit schauen, die Sie in Bewegung bringt.

Eine weitere unbehagliche Frage lautet: Bedeutet das nicht eine Geringschätzung aller anderen, die keine Leitungsgabe haben?

How to start a movement

Wenn Sie „How to start a Movement“ googeln, werden Sie auf ein YouTube-Video stoßen, das einen tanzenden Mann am Badesee zeigt. Das wirkt erst mal komisch. Denn die vielen anderen sitzen gemütlich im Grünen und genießen den sonnigen Tag. Natürlich weckt dieser Tanz Aufmerksamkeit. Irgendwann gesellt sich ein zweiter Mann dazu, der sich auch auf das verrückte Tanzen einlässt. Nur wenige Minuten später kommt ein ganzes Grüppchen dazu. Was vorher peinlich gewesen wäre, ist jetzt cool und lustig. Jetzt dauert es nur Sekunden, bis sich der Tanz zu einem Happening ausweitet, bei dem Dutzende mitmachen.

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Wer setzt die Bewegung in Gang? Der erste, der sich anschließt und dadurch andere nachzieht. So haben viele die Botschaft dieses spontanen Ereignisses gedeutet. Ein Leiter wäre kein Leiter, würden sich nicht andere begeistern und in Bewegung setzen lassen. Die Ersten, die in einem Füh- rungsimpuls den Geist Gottes wirken sehen und eine Chance entdecken, einen Plan Gottes in die Tat umzusetzen, die machen den Leiter zum Leiter. Bei der Umsetzung braucht es außerdem alle anderen Gaben, die Gott Glaubenden schenkt.

Alpha-Tiere und wachsame Kritiker

Warum nicht nur die Leiter wichtig sind, zeigt auch ein Blick in die Psychologie der Gruppe. In einem Modell, das der österreichische Psychotherapeut Raoul Schindler in den Sechzigerjahren entwickelt hat, bezeichnet er die Positionen in der Gruppe mit griechischen Buchstaben. Die Alpha-Position entspricht den Leitern, in unserer Umgangssprache als „Alpha-Tiere“ bekannt. Ihnen folgen die Gammas, Gruppenmitglieder, die sich mit dem Leiter und seinen Zielen identifizieren. Ihre Treue und ihr Einsatz machen es möglich, dass ein Leiter viel bewegen kann. Daneben gibt es die Betas, die man als Expertinnen oder Experten bezeich- nen könnte. Sie stellen ihre Fähigkeiten und ihren Rat zur Verfügung. Dadurch stärken sie den Leiter, beeinflussen ihn aber auch. Schließlich gibt es auch die Omega-Position. Diese Gruppenteilnehmer wachen kritisch über die Führung in der Gruppe. Oft nehmen sie eine Gegenposition ein. Das kann Spannungen erzeugen und aufhalten. Doch es schützt die Gruppe auch vor Irrwegen und Alleingängen ihres Leiters. In biblischer Sprache könnte man dies eine prophetische Position nennen.

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Auch dieses Modell zeigt zwei Seiten der Medaille: Einerseits steht der Leiter im Mittelpunkt, alle anderen Positionen sind auf ihn bezogen. Andererseits funktioniert die Gruppe nur durch ein Zusammenspiel aller. In Schindlers Modell ist es natürlich die Alpha-Person, die die Ziele für die Gruppe bestimmt und auch maßgeblich beeinflusst, wie diese Ziele gesehen und angepackt werden.

Von Leitern zum Ziel oder vom Ziel zum Leiter

Die herausragende Bedeutung von Leitern muss nicht zu einer Ziel-Passivität der anderen Hauskreisteilnehmenden führen. Denn begabte Leiter spüren, wofür sich die anderen begeistern lassen. Das leitet sie in der Wahl, Priorisierung und Umsetzung von Zielen. Deshalb ist der gemeinsame Austausch über Werte und Ziele durchaus sinnvoll. Denkbar ist natürlich auch der umgekehrte Weg: Eine Gruppe, deren Alpha-Posi- tion noch nicht oder nur schwach besetzt ist, macht sich ihre Werte und Ziele klar. Dann versucht sie eine passende Leiterin oder einen passenden Leiter zu finden. Die müssen nicht unbedingt die formale Leitungsposition im Hauskreis haben. Aber Vorsicht: Leiter werden sich naturgemäß nicht vor den Karren Ihrer Zielsetzung spannen lassen. Nur wenn Sie richtig einschätzen, wohin Ihr potenzieller Leiter unterwegs ist, können Sie entscheiden, ob Sie Ihren „Karren“ anhängen wollen.

Von Jörg Berger


Dieser Artikel ist zuerst im Hauskreismagazin erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

 

 

Wenn ihr mehr zum Thema „Hauskreis“ erfahren wollt, besucht doch mal unsere Themenwelt Hauskreis. 

Hier haben wir Tipps und Anregungen rund um das Thema für euch zusammen gestellt.

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Grundsätzlich bin auch ich der Meinung, dass Gruppen Menschen benötigen, welche die Richtung vorgeben und Entscheidungen treffen. Führung durch alle funktioniert vielleicht noch in einer Ehe, kaum aber in Gruppen mit mehr als zwei Personen.

    Allerdings stößt mir die konkrete Art von Führung, die der Autor offenbar propagiert, sehr übel auf. Die Erwähnung von Willow Creek und dem Gebetshaus Augsburg als Beispiele für erfolgreiche Bewegungen spricht Bände. In beiden Fällen tritt die Bewegung hinter dem Star zurück. Bei Willow Creek denkt jeder sofort an Bill Hybels und beim Gebetshaus Augsburg an Johannes Hartl. Man bekommt schnell den Eindruck, dass es bei solchen Projekten darum geht, dass sich einzelne Personen selbst verwirklichen und Horden von Fans ihnen dabei helfen. Die Fans scheinen oft genug Menschen mit wenig eigenem Profil zu sein, die sich freuen, jemand gefunden zu haben, den sie verehren und für den sie leben können.

    Die Folge sind oft genug Gruppen, die sich auf messbaren „Erfolg“ fokussieren und mündiges Christsein behindern. Man muss sich nur mal anschauen, was für ein Gemeindemodell in dem aus der Willow-Creek-Ecke stammenden Buch „Move“ propagiert wird: geradezu autoritär geführte Gemeinden, deren Mitglieder nicht die Richtung der Gemeinde mitbestimmen, sondern sich bedingungslos mit der Vision des Leiters oder bestenfalls eines Leitungskreises identifizieren sollen. Der Autor des obigen Artikels scheint aber genau das gut zu finden. So sieht er vierstellige Teilnehmerzahlen anscheinend als Qualitätsmerkmal und findet es völlig in Ordnung, wenn die Vision der Gruppe dem Leiter „aus dem Leib geschnitten“ ist.

    Mein Gegenmodell ist die Gruppe, in der jeder ungehindert mitbestimmen kann, sofern er etwas sinnvolles beizutragen hat. Wo es nicht auf Autorität, sondern auf Argumente ankommt. Auch in solch einer Gruppe ist ein starker Leiter nützlich. Allerdings wird dieser seine Position nicht dazu misbrauchen, andere zu entmündigen und ihnen seinen Stempel aufzudrücken. Er wird seine Autorität dazu nutzen, die beschriebene „antiautoritäre“ Funktionsweise der Gruppe zu sichern, und sich ansonsten als gleichberechtigtes Mitglied neben den anderen mit seinen Argumenten in die Diskussion einbringen.

  2. Hier wird ein anschauliches Bild bemüht: Waggons, die sich ohne eine Lokomotive nicht bewegen können… Ist natürlich logisch. Könnte es aber vielleicht sein, dass die Lehre in manchen Gruppen, Verbänden, Werken, Gemeinden etc. eher daraufhin abzielt, dass vorhandene Motoren abgeschaltet und ausgebaut werden? Und dann – welch Überraschung! – bewegt sich ohne Lok gar nichts mehr und man braucht händeringend – wie praktisch! – eine kraftstrotzende starken Lokomotive. Man könnte natürlich auch mal den Antrieb instandsetzen, ob das dem Leiter aber gefällt? Man könnte auch mal selbst denken, ob das aber wohl gut ankommt?

    • Ist für mich ziemlich eindeutig: die Lokomotive kann nur Christus sein. Lokomotiven gab es zu biblischen Zeiten nicht, Paulus sprach vom Leib, vom Tempel, von Christus als Haupt der Gemeinde (auch des Hauskreises)

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