Linda Kieser: „LaPax“

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In ihrem Erstlingswerk, das die Autorin Linda Kieser aufgrund eines intensiven Traumes zu Papier gebracht hat, entführt sie die Leser in eine absolutistisch regierte Welt in der Zukunft. Typisch Dystopie, könnte man meinen. Tatsächlich ist das von Kieser entworfene System bezeichnend für eine dystopische Gesellschaft: lückenlose Überwachung, Menschen sind nur noch Arbeitsmaschinen, die nicht lesen können und sich alleine von tragbaren Fernsehern unterhalten lassen. Hier bekommen die Menschen nach ihrer künstlichen Zeugung keine Namen mehr, sondern nur noch Nummern.

Die Geschwister Seven, Ray und Mini hingegen sind „Natürliche“, die mit Mutter und Großmutter ausgegrenzt am Rande der Gesellschaft leben. Es ist unklar, wie lange sie ihr Häuschen noch halten können und wann sie ins System zwangsintegriert werden. Immer öfter redet Großmutter von einer mysteriösen Stadt, in der es noch Hoffnung geben soll – selbst das Wort Hoffnung ist den Kindern nicht geläufig – und entwirft einen kühnen Fluchtplan für ihre Enkel …

Happy End trotz düsterem Setting

Die spannende Geschichte dieser Flucht hat die Autorin auf kreativen und in sich stimmigen Ideen aufgebaut, so dass sie sich leicht und flüssig weglesen lässt. Die Gestaltung der einzelnen Szenen war allerdings nicht immer überzeugend, die Spannungsbögen wurden oft zu flach aufgebaut und zu früh abgebrochen. Ich persönlich hätte mir für dieses tiefgründige Thema auch mehr Zwischentöne, lebendigere Dialoge und eine ausgefeilteren Aufbau gewünscht. Besonders die jugendliche Zielgruppe wird sich jedoch an der relativ einfach gehaltenen Sprache nicht stören.

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Ohne zu viel verraten zu wollen, endet die abenteuerliche Reise der drei liebenswürdig gezeichneten Protagonisten mit einem Happy End. Eine Dystopie jedoch ist per definitionem eine „in der Zukunft spielende Erzählung mit einem negativen Ausgang“, was hier also – entgegen den Erwartungen – nicht zutrifft. Von einer Leserin wurde dieser Roman denn auch mit der Wortneuschöpfung „dystutopisch“ bezeichnet, also als Erzählung, die sowohl dystopische als auch utopische Inhalte in sich vereint. Ein treffender Ausdruck, der schon im Cover mit den beiden gegensätzlichen Städten angedeutet wird. Das geheimnisvolle LaPax, welches die Kinder suchen, ist der Gegenentwurf des Systems: ein paradiesisch wirkender Ort, in dem das Lebenswasser fließt und ein liebevoller, holzhackender Herrscher namens Isa regiert.

Hier werden die Bezüge zum christlichen Glauben erkennbar. Man beginnt sich zu fragen: Ist der Himmel etwa eine Utopie? Ein fiktiver Ort, den es in Wahrheit nicht gibt? Oder etwa eine handfeste Hoffnung? „Wenn man euch nach eurer Hoffnung fragt, dann seid immer bereit, darüber Auskunft zu geben“, heißt es im 1. Petrus 3,15. So sind besonders wir Christen aufgefordert und herausgefordert, unsere persönliche Hoffnung zu überdenken und zu teilen. Ohne sich des typisch frommen Vokabulars zu bedienen, regt dieses mit einfühlsamen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Rami Nasif bereicherte Buch genau dazu an. Es hat aber auch für (Noch-)Nichtchristen eine eindringliche Botschaft: Finde dein LaPax!

Verlag: Edition Wortschatz
ISBN: 978-3-943362-48-0
Seitenzahl: 280
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
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