Bei der Lektüre dieses Romans wird man in eine ganz andere Zeit „gebeamt“. Um das Jahr 1900 lebten die Menschen völlig anders als heute, besonders in den ländlichen Gegenden. Es galten noch andere Regeln, man ging anders miteinander um.
In „Ein Lied für den Feind“ wird der Leser mit hineingenommen in das Leben einer Bauernfamilie mit ihren ganz eigenen Problemen. Der Vater hat durch seine Trunksucht das geerbte Anwesen heruntergewirtschaftet. Die ganze Familie leidet unter dem jähzornigen Mann. Es gibt nur wenige gute Tage in der Kindheit seiner Söhne. Dann beginnt 1914 der Erste Weltkrieg. Alle Zukunftspläne der zwei Brüder werden mit einem Schlag zerstört. Anstatt das hart umkämpfte Studium für Tiermedizin fortzusetzen, muss Fred genauso wie sein Bruder an die Front.
Die Schilderungen über die Zustände im Ausbildungslager machen betroffen; Es ist unvorstellbar, wie gnadenlos und menschenunwürdig die Soldaten behandelt werden. Sehr schnell ist die Anfangseuphorie, das Vaterland zu verteidigen, verflogen. Die Schilderungen von der Front, die Kämpfe in den Schützengräben – nahe beim Feind, die Hoffnungslosigkeit, das Miterleben vom Sterben von Kameraden – man fühlt sich mittendrin beim Lesen. Fühlt mit, leidet mit, hofft mit.
Die Schilderungen vom Grauen des Krieges, der Gefühle, auch inneren Kämpfe und Ängste der Soldaten, machen betroffen – obgleich es „nur“ ein Roman ist. Denn die Wirklichkeit war sicher noch brutaler.
Doch auch im Krieg gibt es Wunder: Denn, so unglaublich es klingt, es entspricht der Wahrheit: Die Schilderung, wie Weihnachten 1914 ca. 100.000 deutsche und englische Soldaten an der Westfront eine weihnachtliche „Ruhepause“ einlegten, um miteinander Weihnachten zu feiern. Sie stiegen aus ihren Schützengräben, um bei Kerzenschein miteinander Weihnachten zu feiern. Von Mensch zu Mensch.
Die Brüder überleben die 4 Jahre Krieg und kommen nach Hause. Wie es weitergeht auf dem Hof? Darauf darf man gespannt sein beim Lesen.
von Christa Keip
