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Nach dem Anschlag in Barcelona füllte sich die Nachrichtenleiste auf Facebook wieder einmal mit Postings der Anteilnahme: Emojis symbolisierten Wut oder Trauer, Kerzen-Bilder riefen zum Gebet auf … Auch viele Landeskirchen und Bistümer drückten auf diese Art in den Sozialen Medien ihr Beileid aus. Wir wollten wissen: Wie gehen kirchliche Pressestellen mit Terror-Meldungen um? Was sind die Kriterien dafür, ob sie darauf reagieren? Und wie drückt man Mitgefühl online aus? „Genau das sind auch unsere Fragen“, schrieben uns viele zurück.
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Von Laura Schönwies

„Das bringt doch nichts!“, oder „Heuchelei“. Nach jedem Anschlag wird im Netz die Frage diskutiert, ob und wie man sein Beileid zeigen sollte. Was ist angemessen? „Wir haben das Gefühl, dass Menschen in den Sozialen Netzwerken immer noch auf der Suche danach sind, wie sie nach Terroranschlägen und Katastrophen ihre Anteilnahme ausdrücken können“, sagt Jens Albers, Onlineredakteur beim Bistum Essen. „Würde jemand einen Menschen kritisieren, der eine Kerze an einem Unglücksort aufstellt? Wir sind der Meinung, dass es zu unseren Aufgaben gehört, Menschen in Momenten von Terror und Katastrophen auch in den Sozialen Medien eine Möglichkeit zu bieten, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Sei es durch ein simples ‚Like‘, durch einen Kommentar oder das Teilen eines Beitrags.“

Es kommt auf die „Nähe“ an

Räumliche und emotionale Nähe sind ein wichtiges Kriterium dafür, ob und wie die Kirchen reagieren. So spürten die Verantwortlichen der Evangelischen Kirche Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) eine besondere Betroffenheit, als bei dem LKW-Anschlag im Sommer 2016 in Nizza Jugendliche einer Berliner Schulklasse unter den Opfern waren. Der jüngste Terrorakt in Barcelona wiederum rief schmerzhafte Erinnerungen an den Anschlag auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016 in Berlin wach. „Wir nehmen öffentlich Stellung, wenn das Ereignis einen Bezug zu Berlin hat. Oder wenn wir annehmen, dass es die Menschen hier bewegt.“

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„Je stärker ein solches Ereignis in unseren Alltag eingreift, je näher es an die Menschen in unserer Community heranrückt und sie ängstigt, desto eher entscheiden wir uns für einen Post“, sagt Oliver Quellmalz vom Social Media Team der evangelischen Nordkirche. „Wir sind bei jedem Anschlag auch persönlich berührt. Ein kurzes Gebet, ein Gedanke, vielleicht ein Foto hilft – so hoffen wir – den Menschen, die angesichts solcher Ereignisse Halt suchen.“ Er selbst empfinde das so: „Uns wäre es wichtig, im Fall eines Anschlags von unserer Kirche zu hören.“

Für die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ist die „vermutete Betroffenheit“ der Menschen ein Auswahlkriterium. „So ergibt sich eine Hierarchie: Erstens Hessen/Rheinhessen, zweitens Deutschland/Europa, drittens die westliche Welt“, erklärt Social Media Pfarrer Hans Genthe. Ein weiteres Kriterium sei das Ausmaß der Katastrophe. Für den Fall eines Anschlags in Hessen oder Rheinhessen halte man Checklisten mit Hilfsangeboten bereit.

Die „räumliche Nähe“ ist auch für das Bistum Münster ein wichtiges Kriterium – aber nicht das einzig entscheidende. „Wir haben auch schon gepostet, wenn es Anschläge außerhalb Europas gab“, erklärt Pressesprecher Stephan Kronenburg. „Nationalität oder Religionszugehörigkeit der Opfer spielen schon deshalb keine Rolle, da diese im Moment des Postings in aller Regel noch nicht bekannt sind.“ Die öffentliche Funktion als Kirche und die eigene Person seien bei solchen Katastrophen ohnehin nicht zu unterscheiden. Man poste zwar im Namen des Bistums, „aber wir empfinden uns dann nicht als Institution, sondern als Christinnen und Christen“, so Kronenburg. Trauernde zu trösten und für Opfer und Angehörige zu beten, das sei ein Werk der Barmherzigkeit.

„Wir verstehen uns in dieser Welt nicht nur als Zuschauer, sondern wir wollen sie aktiv mitgestalten“, heißt es in einer Mitteilung der Kommunikationsabteilung des Bistums Aachen. „Wir wollen den Menschen, die durch diese Taten betroffen und erschüttert sind, Hoffnung geben. Das Gebet – auch im virtuellen Raum des Internets – hilft unserer Überzeugung nach, solche Erfahrungen zusammen auszuhalten.“

Was wird gepostet?

Barcelona, Berlin, Nizza – immer neue Anschläge, immer wieder dieselben Bilder und Worte der Anteilnahme. Wie vermeidet man eigentlich einen abstumpfenden Wiederholungs-Effekt? „Indem man es nicht tut“, unterstreicht Tobias Blum, Pressesprecher des Bistums Mainz. „Wir bemühen uns, nicht standardmäßig gleiche Motive oder Formulierungen zu wählen, sondern je nach Anlass und aktueller Lage zu reagieren.“

Auch das Social Media Team der Nordkirche hat keine vorgefertigten Beiträge für solche Fälle auf Lager. „Jeder Anschlag ist anders“, so Quellmalz. „Wir überlegen immer: Was ist der beste Weg, unsere Anteilmahme auszurücken?“ Stereotype Reaktionen seien unagemessen. „Aber dass tröstliche Worte gewandelt und wiederholt werden, das ist in Ordnung.“ Ähnlich beschreibt es Stephan Kronenburg vom Bistum Münster: „Es gibt Gebete, tröstende Worte und Bilder, die nicht an Wirkung verlieren, nur weil man sie möglicherweise wiederholt. Das gilt genauso in der nicht-virtuellen Welt.“