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Bedford-Strohm: „Religionen brauchen Selbstkritik“

Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm ist seit knapp 100 Tagen Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Im Gespräch äußert sich der oberste Repräsentant dazu, wie er mit wachsendem Termindruck umgeht, seine Batterien auflädt und warum er sich als Inspirator und Impulsgeber sieht.
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Jeder Pfarrer hat Anspruch auf einen freien Tag in der Woche. Wann hatten Sie Ihren letzten freien Tag?

Heinrich Bedford-Strohm: Da müsste ich in meinen Terminkalender schauen. Allerdings blockiere ich zumindest einen Abend in der Woche für meine Frau. Das versuchen wir konsequent durchzuhalten. Meine eigene Regenerationsquelle ist in erster Linie der Urlaub. Ich nehme die Urlaubszeiten, die einem Pfarrer zustehen. Diese Zeiten nutze ich dann auch, um mich in einen neuen Bereich einzuarbeiten oder an einem Buch zu schreiben. Dabei ist mir aber ganz wichtig, dass der Urlaub dadurch nicht unter Druck steht und Aktivitäten mit der Familie darunter nicht leiden, wie zum Beispiel gemeinsam Wandern.

Auch die Besuche an der Basis, vor allem in den Gemeinden, sind für Sie eine Regenerationsquelle. Bleibt dafür im neuen Amt überhaupt noch Zeit?

Wenn ich eine intensive Sitzungsperiode habe, bekomme ich fast schon Entzugserscheinungen und schaue in den Kalender, wann der nächste Gottesdienst in Bayern ansteht. Die allermeisten gottesdienstlichen Verpflichtungen, denen ich mit großer Freude nachkomme, kann ich jedenfalls einhalten. Diese Kontakte und Gespräche mit den Gemeindemitgliedern geben mir Bodenhaftung und helfen, meine Batterien wieder aufzuladen. Und eine wichtige Informationsquelle ist für mich nach wie vor Social Media. Auch als EKD-Ratsvorsitzender twittere und poste ich weiterhin und lese aufmerksam die Meinungen anderer Leute. Mir ist natürlich bewusst, dass auch die Facebook-Kontakte nur einen Ausschnitt der Realität widerspiegeln.

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Nach der Wahl an die EKD-Spitze wurden Sie in der Presse als „Papst der Protestanten“ bezeichnet. Wie sehen Sie selbst ihre Rolle?

In erster Linie sehe ich mich als Inspirator. Ich versuche, beispielsweise durch öffentliche Termine oder Interviews möglichst viele Menschen für die gute Botschaft des Evangeliums zu begeistern. Diese geistlichen Impulse zu geben ist für mich die Hauptaufgabe eines Ratsvorsitzenden. Weitere Aufgaben sind die Vertretung unserer Kirche in Öffentlichkeit und Politik, und eben die Leitung von Gremien. Auch die Gremienarbeit ist wichtig. Denn dort fallen Schlüsselentscheidungen, wie beispielsweise in der Steuerungsgruppe für das Reformationsjubiläum.

Wie gehen Sie mit den großen Erwartungen an Sie in Ihrem kirchlichen Führungsamt um?

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Zunächst einmal bin ich von den Delegierten unseres Kirchenparlaments, der EKD-Synode, für zwölf Monate in das Amt des Ratsvorsitzenden gewählt. Schon im Frühjahr dieses Jahres tritt ein neues Kirchenparlament zusammen, das dann im Herbst 2015 einen neuen Rat und auch den Ratsvorsitz zu bestimmen hat. Das ist dann das Team, das die vollen sechs Jahre bis 2021 zu gestalten hat. Jeder weiß doch, dass eine einzelne Person nur begrenzte Möglichkeiten hat. Weiter kommen wir nur als Kirche insgesamt, als Team im Rat, als Synode. Ich bemühe mich, Anstöße zu geben. Ich bin mir dabei meiner Grenzen sehr bewusst und tue, was in meiner Macht steht und lege den Rest getrost in Gottes Hand. Über den Erfolg meiner Bemühungen müssen dann andere entscheiden. Das Amt macht mir, trotz besonderer zeitlicher Belastung, große Freude und ich fühle mich wohl in meiner Haut.

Um die Kraft des Glaubens wieder zu entdecken, machen Sie sich für eine geistliche Erneuerung stark. Muss dafür ein Ruck durch die Kirche gehen?

An vielen Stellen beobachte ich den Wunsch, dass wir wieder zu den geistlichen Quellen zurückkommen. Dabei empfinde ich es als spannend und ermutigend, dass dieses Bedürfnis quer zu den Frömmigkeitsrichtungen und den kirchlichen Milieus geht. Eine neue geistliche Erweckung kann jedoch nicht ein Einzelner und auch nicht der Ratsvorsitzende schaffen, da wäre ich ja größenwahnsinnig. Entscheidend sind auch nicht irgendwelche 10-Punkte-Kataloge, die wir akribisch abarbeiten. Entscheidend ist ein neues Hören auf die Christusbotschaft und die biblischen Geschichten, die davon erzählen. Wo wir darauf hören, wird die die Kraft, aus der wir leben, auch in die Gesellschaft hinein ausstrahlen. Diese Ausstrahlung können wir auch dann entfalten, wenn unsere Strukturen vielleicht nicht perfekt sind oder wir weniger Geld haben. Erst kürzlich auf meiner Südostasien-Reise habe ich sehr beeindruckend erlebt, welche Ausstrahlungskraft auch die kleinen lutherischen Minderheitskirchen haben können.

Wie kann diese geistliche Fundierung über die Kirche hinaus in Politik und Gesellschaft wirken?

Bei allen politischen Äußerungen der Kirche muss ganz eindeutig die geistliche Grundlage sichtbar sein. Wenn wir uns beispielsweise zur notwendigen ökologischen Transformation äußern, machen wir das nicht aus einer puren Lust am politischen Diskurs. Sondern auf der Grundlage, dass die Welt Gottes Schöpfung ist und der Umgang mit ihr deshalb Achtsamkeit verlangt. Für Christen ist die Natur nicht einfach nur eine Sache, über die der Mensch nach Belieben verfügen kann, sondern wie der Mensch selbst von Gott geschaffen, was ihr eine eigene Würde gibt. Davon leiten sich dann die kirchlichen Positionen, etwa bei der Weltversammlung der Kirchen in Busan, zum Klimaschutz ab. Das Doppelgebot der Liebe kennt keine zeitlichen Grenzen. Daher gehören für einen Christen auch die nachfolgenden Generationen zu seinen Nächsten. Das führt dazu, dass wir den kommenden Generationen nicht die Lasten aufbürden dürfen, etwa im Umweltschutz oder bei den Staatsfinanzen, die wir selbst verursachen.

Im interreligiösen Dialog um den Islam haben Sie betont, dass nur ein „menschenrechtsverbundener Islam“ zu Deutschland gehört. Eine Distanzierung von dem Islam-Statement des damaligen Bundespräsidenten Wulff?

Ganz im Gegenteil. Mit dieser Präzisierung will ich den Satz „der Islam gehört zu Deutschland“ unterstützen. Aus Briefen an mich war abzulesen, dass manche Menschen das so missverstehen, als ob auch die fundamentalistischen Formen des Islam, die wir als „Islamismus“ bezeichnen, gemeint seien. Demgegenüber wollte ich klarstellen, dass es natürlich nicht um Terrorismus oder eine Sabotierung der Menschenrechte geht, wenn dieser Satz gesagt wird. Aber Menschen mit islamischer Religion, die hier friedlich mit uns leben, gehören zu uns, und müssen natürlich die Möglichkeit haben, den Glauben, der ihnen wichtig ist, ohne jegliche Einschränkungen zu leben.

Braucht der Islam einen Reformator wie Martin Luther?

Ich fühle mich nicht berufen, dem Islam Ratschläge zu geben, schon gar nicht im Namen unseres christlichen Reformators. Allerdings ist es die Aufgabe aller Schriftreligionen, zu denen ja auch der Islam gehört, einen Diskurs über die richtige Interpretation ihrer „Heiligen Schrift“ zu führen. Diese selbstkritische Haltung führt zu neuen Einsichten. Sie hat beispielsweise zur Anerkennung der Menschenrechte durch die Kirchen geführt, die spät genug kam. Man hat da endlich erkannt, wie sehr die moderne Rede von der Menschenwürde Ausdruck der biblischen Bekräftigung der Gottebenbildlichkeit des Menschen ist. Einen solchen konstruktiven selbstkritischen Prozess brauchen alle Religionen. Im Islam ist jetzt eine Diskussion über die Interpretationen des Korans im Gang, die ich sehr spannend finde. Für diesen – auch öffentlichen – Diskurs braucht der Islam jedoch geeignete Orte, wie etwa Theologische Fakultäten oder ein in München geplantes Zentrum für Islam, das ich sehr unterstütze.

An welchen Punkten gibt es für Sie in ethischen Fragen, wie der jetzt wieder aufgeflammten Debatte um die Sterbehilfe, unverrückbare Grenzen?

Wir müssen vor allem im öffentlichen Diskurs ganz deutlich herausstellen, welchen Stellenwert das Leben hat. Denn nach christlicher Überzeugung ist das gottgegebene Leben ein einmaliges Geschenk. Diese Einsicht wendet sich dann zwangsläufig gegen jede Form von Utilitarismus, der das Leben nur nach Nutzen und Kosten bewertet. Am Lebensende, vor allem in Leidenssituationen, kommt es darauf an, dass wir die Unverfügbarkeit des Lebens deutlich machen und in der Gesellschaft dafür eintreten, dass das intuitive Tötungstabu, das Menschen empfinden, nicht verwässert wird.

Palliativmediziner beklagen, dass es viel zu wenig Angebote gibt, mit denen sich die Menschen auf ihr eigenes Sterben vorbereiten können. Eine Aufgabe für die Kirche?

Absolut. Und genau dabei haben wir als Kirche ein einmaliges und spezifisches Angebot. Denn unser Glaube hilft, mit dem Tod umzugehen und die Angst davor zu überwinden. Die Palliativmedizin kann ein körperlich schmerzfreies Sterben in Aussicht stellen. Wir müssen uns der spirituellen Seite annehmen. Wir können den Menschen helfen, mit der manchmal bitteren Erkenntnis am Ende ihres Lebens umzugehen, an wie vielen Stellen sie sich und anderen etwas schuldig geblieben sind, dass wesentliche Dinge unvollendet geblieben sind. Im Zuspruch der Vergebung können wir den Menschen die Gewissheit geben, dass sie alles, was in ihrer Lebenszeit schiefgelaufen ist, in die Hände Gottes zurückgeben können, dass Gott alles Unvollendete vollenden kann. Das ist ein großer Trost für die Sterbenden, aber auch für ihre Angehörigen. Wir brauchen den Mut, beherzt über die Bilder zu sprechen, mit denen die Bibel die letzten Dinge und das ewige Leben beschreibt, und die Kraft dieser Bilder in uns wirken zu lassen.

(Quelle: epd)

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