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Jahreslosung 2022: Kirche ist kein exklusiver Club

Wie können Kirchen wirklich alle Menschen willkommen heißen und annehmen? Dafür benötige es die Gnade Gottes sowie etwas Offenheit und Neugier, sagt die Theologin Jutta Schierholz.

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Die „härteste Tür Europas“ befindet sich, so sagt man, in Berlin: am Eingang zum Techno-Club Berghain. Dessen Türsteher sind dafür legendär, dass sie hier nur die absolut szenigsten Typen durchlassen. Dennoch (oder gerade deswegen?) zieht das Berghain Menschen aus der ganzen Welt an. Wer es hier hineingeschafft hat, der gehört zu einer Klasse für sich, der hebt sich ab vom gewöhnlichen Berliner Fußvolk. Das Berghain ist eben das, was man einen „exklusiven Club“ nennt.

Ich will jetzt nicht so tun, als ob ich jemals versucht hätte, ins Berghain zu kommen. Es ist für mich einfach ein besonders plastisches Bild für eine allzu menschliche Eigenschaft. Nämlich die, meine Identität aus der Abgrenzung gegen andere Menschengruppen zu ziehen. Wenn ich mich umschaue, entdecke ich an allen Orten eine vergleichbare Haltung. Nichts schafft eine stärkere Verbindung untereinander, als sagen zu können: „Wir sind doch nicht so wie die da.“

„Wer für alle offen ist, kann ja wohl nicht so ganz dicht sein …“

Zugänglich sein wollen

Die Jahreslosung 2022 stellt mich da vor eine gewaltige Herausforderung, weil sie in einem absoluten Gegensatz zu dieser Haltung steht. Zugänglich sein für alle, niemanden abweisen, egal, wer es ist? Kann das funktionieren? Will ich das überhaupt? Jemand, der für alle Menschen gleichermaßen offen ist, gilt ja schnell auch als langweilig und uninteressant. „Wer für alle offen ist, kann ja wohl nicht ganz dicht sein …“

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Das Verbindende im christlichen Glauben ist aber gerade nicht die negative Abgrenzung nach außen oder gegenüber irgendeinem wie auch immer gearteten Feindbild, sondern etwas ungemein Positives: Gnade. Bei Jesus finden wir absolute Liebe und Annahme. Das ist das, was uns als Christen kennzeichnet und untereinander verbindet – nicht bestimmte Ansichten, Vorlieben oder gar Kleidungsstile.

Gnade erleben und weitergeben

Im Berlinprojekt legen wir großen Wert darauf, diese Gnade in jedem Gottesdienst nicht nur in der Predigt zu thematisieren, sondern im Abendmahl auch greifbar zu feiern. Ich reihe mich dann ein als Mensch in eine lange Reihe von Menschen, die kommen und den Leib und das Blut Christi als Zeichen seiner bedingungslosen, unverdienten Gnade empfangen. Alle kommen wir mit leeren Händen, egal wie lange wir schon Christen sind, egal welche Aufgaben wir innerhalb der Gemeinde haben, egal welche Ansichten wir im Einzelnen über bestimmte Dinge haben.

Vier Menschen sitzen am Tisch und essen.
Foto: pixelfit / E+ / gettyimages

Einladende Atmosphäre

Es ist eine gute Übung, mich immer wieder aufs Neue als ein Mensch zu begreifen, der selbst einst von außen zu Jesus gekommen ist. Ich persönlich habe als Teenager zum Glauben gefunden und fand über Freundinnen Anschluss an eine Gemeinde. Ich erinnere mich gern daran, wie ich in die Familien meiner Freundinnen eingeladen wurde und dort auf eine freundliche, offene Atmosphäre und warmherzige Eltern traf.

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Dass es Menschen gibt, die nicht nur die eigenen Kinder, sondern auch Fremde wie mich so unbefangen willkommen heißen und an ihrem Esstisch sitzen lassen, war für mich damals eine sehr heilsame Erfahrung. Sie hat mir geholfen zu verstehen, was Jesus meint, wenn er davon spricht, dass bei ihm alle Menschen gleichermaßen willkommen sind. Und es hat in mir den Wunsch entstehen lassen, nun ebenso offen und zugänglich für andere Menschen zu sein, auch für solche, die auf mich fremd wirken.

Offenheit und Neugier

Wie kann das praktisch geschehen? Nun, wichtig ist, denke ich, erst mal eine Offenheit und Neugier auf andere Menschen. Was ist das für eine Person, die mir da gegenübersteht? Wo kommt sie her, was hat sie schon erlebt, was mag sie, wofür begeistert sie sich? Jeder Mensch mag es, wenn man sich für ihn interessiert, ohne die Absicht, ihn für irgendetwas zu gewinnen oder ihm eine bestimmte Haltung überzustülpen. Menschen haben in der Regel ein gutes Gespür dafür, ob mein Interesse an ihnen echt ist oder ob sie mir nur Mittel für irgendeinen noch so guten Zweck sind.

Was ist denn so schlimm daran, dass dieser andere Mensch so ist, wie er ist?

Jeder Mensch bringt gewöhnlich auch Dinge und Haltungen mit, die mich wundern oder gar erschrecken. Das ist ganz normal, denn er ist ja schließlich ein anderer Mensch als ich. Meist sagen solche negativen Gedanken oder Empfindungen aber mehr über mich selbst aus und es lohnt sich, wenn ich dem tiefer nachgehe, denn dadurch lerne ich vor allem mich selbst besser kennen. Was ist denn so schlimm daran, dass dieser andere Mensch so ist, wie er ist? Mein Gegenüber ist nur dann wirklich bei mir willkommen, wenn dieser Mensch seine Fremdheit behalten darf. Wenn ich den Anspruch beiseite lege, dass er so wird wie ich.

Bewusster Austausch

Eine gute Übung ist es, bewusst das Gespräch mit Menschen zu suchen, die in bestimmten Dingen ganz anders denken als ich. Egal, ob es dabei um theologische oder ethische Ansichten geht oder um andere Lebensentwürfe – oder zum Beispiel auch ganz einfach um die bevorzugte Form, Urlaub zu machen. Ein Gespräch ohne die Absicht, den anderen Menschen zu überzeugen, sondern ihn einfach nur zu verstehen. Schaffe ich das?

Sprache kann eine enorm ausgrenzende Wirkung haben.

Und schaffe ich es, mich verständlich auszudrücken? Solche Gespräche haben ja auch noch einen weiteren Effekt: Ich muss mir Gedanken um meine Sprache machen, wenn ich verstanden werden möchte. Sprache kann eine enorm ausgrenzende Wirkung haben. Das erlebt mein Mann jedes Mal, wenn er mit mir in meine südbadische Heimat reist und wir alle Dialekt sprechen, nur er nicht. Das erleben aber auch Menschen, die auf eine Gruppe stoßen, die zu lange nur unter sich gewesen ist. Auch Gemeinden neigen dazu, ihre eigene Sprache zu entwickeln.

Im Berlinprojekt üben wir uns bewusst darin, eine Sprache zu sprechen, die von Außenstehenden verstanden wird. Wir erklären in jedem Gottesdienst, warum wir überhaupt Gottesdienst feiern, warum wir Lieder singen und warum wir Abendmahl feiern. Das erleichtert nicht nur Außenstehenden den Zugang zu uns. Auch für uns selbst ist es immer wieder eine gute Übung, uns zu überlegen, warum wir eigentlich machen, was wir machen, und es für alle verständlich auszudrücken.

Zurückgeworfen auf Gottes Gnade

Ob uns das gelingt? So sicher bin ich mir da selbst nicht. Warum sitzen denn bei uns überwiegend Akademiker im Gottesdienst, die teils aus ganz Berlin anreisen, aber keine Menschen aus den Plattenbauten gleich nebenan? Wo sind denn all die Straßenbahnfahrer und die Dönerverkäufer und die Sanitärinstallateure? Sind wir im Berlinprojekt in unserer Neigung, uns intellektuell vom gewöhnlichen Fußvolk abzugrenzen, nicht irgendwie auch ganz schön Berghain?

Da sind wir wieder am Anfang. Also dort, wohin uns die Gnade Gottes immer wieder zurückwirft. Und so soll es wohl auch sein.

Jutta Schierholz ist Theologin und Lebensberaterin.


Diesen Artikel erschien im Magazin Christsein Heute (Ausgabe 01/22). Christsein Heute ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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3 Kommentare

  1. Das is ja alles ganz nett. Aber das Problem ist, dass wir CHRISTEN in Europa und USA erst dann glaubwürdig werden, wenn wir unser Konfessions-denken und entspr. programmverliebtes Handeln als schwere Sünde erkennen. So einig wie CHRISTUS und der VATER miteinander sind, so einig sollen auch wir (endlich) werden. Wenn wir von Liebe reden (predigen), aber selbst in Dörfern uns konfessionell verhalten, so ist das ein Schlag in das Gesicht des HERRN. Jede Gemeinde kann örtlich da bleiben wie bisher, aber unsere div. Namensgebungen etc. müssen demontiert werden. Es geht nicht um unser Konfessions-Gewürge (Spaltungen überall), sondern nur um gelebte EINHEIT, also um die entscheidente Frage: „Wer gehört zum LEIB des CHRISTUS ?“ Jeder der wirklich CHRISTUS von Herzen vertrauen und gehorsam sein will. Alle anderen gehören nicht zum LEIB des HERRN. Und schon ist keinerlei Konfessionsdenken mehr nötig. …. Packen wirs endlich an, sonst wird eine CHRISTENverfolgung einsetzen müssen um die wenigen Echten von den Unechten zu trennen. In 3/4 dieser Welt ist der HERR schon entspr. dran ….

  2. Kirche ist kein exclusiver Ort

    „Wir sind doch nicht so wie die da.“! Ich denke, dies habe ich schon oft gedacht und wir alle haben es auch tausendmal selbst so formuliert. Aber:
    Kirche ist kein exclusiver Ort, sondern er ist jener Ort, wo wir alle so wie wir sind, bei Jesus willkommen sein dürfen. Jutta Schierholz veröffentlich hier eine Text, der in großer Dichte und zugleich Einfachheit beschreibt, was mein und dein Christsein ausmachen kann: Ich versuche meine Identität nicht zu finden, in dem ich mich von anderen Menschen abgrenze. (Ehrlich: Das tue ich durchaus, wir alle tun dies und deshalb stecken wir unsere Mitchristen gerne in unterschiedliche gedankliche Schubladen. Gerne sind wir die besseren Christen). Ich bin als Glaubender auch kein besserer Mensch als jene, die noch keine Tuchfühlung genommen haben mit der Frohen Botschaft. Niemals musste ich, um zu Gott zu kommen, an seinem Türsteher vorbei. Keiner befragte mich nach meinem richtigen christlichen Stallgeruch. Oder nach meiner Vergangenheit. auch nicht nach einem moralisch einwandfreien Leben in der Vergangenheit. Schon gar nicht den reinen Gedanken. Vielleicht ging es mir so wie Martin Luther, der den gerechten Gott suchte und der sich selbst unendlich dabei quälte. Aber dann erkannte er nach einer durchlebten Todesangst: Gott hat mich schon immer geliebt, er ist ohne mein Verdienst gnädig – und heute würden wir sagen: Er ist wie der beste Vater und die beste Mutter, deren Kind ich immer sein werde. Von Gott werde ich um meiner selbst willen geliebt. Jesus war der Mensch nach Gottes Vorstellung, so wie es niemand von uns sein kann. Er ist für alle Menschen am Kreuz gestorben und hat Vergebung bewirkt für alle meine und unsere Defizite. Er nimmt die Last von allen Schultern, weil uns unverdient vergeben ist. Daher sind Christinnen und Christen dankbar, denn sie sind Erben der Ewigkeit. Sie kommen oft mit leeren Händen und bekommen diese vom Himmel gefüllt. Sie versuchen aus der Vergebung jeden Tag zu leben und möglichst über niemanden endgültig den Stab zu brechen. An Gott und damit an Jesus Christus kommt im Leben und im Tod niemand vorbei. Aber weil Gott der Vater, der auch der Sohn und ebenso die Heilige Geistkraft ist, begegnen wir in ihm nur seiner Liebe. Daher gibt es Hoffnung für die Welt und das ganze Universum. Nicht weil wir so tolle Jugendliche, Frauen und Männer sind, mit einem Glauben der die Welt überwindet, sondern weil Jesus für jeden Menschen gestorben ist, der je auf Erden gelebt hat. Wer solches glaubt und hofft, leidet nicht an der Versuchung allzu großer Selbstgerechtigkeit, wird nicht vom Fundamentalismus oder Dogmatismus verführt oder von einer Verwässerung des Vertrauens in den Himmel. Sondern weil der Geist Jesu uns dazu motivieren will, allen Menschen liebevoll und auf Augenhöhe zu begegnen – auch wenn es nicht immer gelingt. Insofern ist der christliche Glaube nicht in erster Linie eine Lehre, sondern eine Praxis, welche die Maßstäbe von Gesellschaft und Welt auf den Kopf stellt. Wir profitieren nicht von unserer Gerechtigkeit, sondern von der Gerechtigkeit Gottes. Oder von der Liebe Gottes, die sich ausdrückt in einem kleinen Baby in einer Notunterkunft und einem Erwachsenen, der brutal die römische Todesstrafe erleidet. Hier unten auf Erden beginnt der Bau des Reiches Gottes, bei den ganz kleinen Menschen und auch bei jenen, die an der Gewalt von Menschen sterben, vielleicht zuerst. Es kann sich niemand den Himmel verdienen, er wird auch uns Jesusnachfolgern nur unverdienterweise geschenkt. Keine Kirche ist daher Buchungsstelle für einen Platz im Himmel.

  3. Jesus Christus spricht:
    Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
    Johannes 6,37

    Ausgestoßene und Analphabeten
    Beamte und Barkeeper
    Chaoten und Charismatiker
    Depressive und Durstige
    Ehebrecher und Eilige
    Frauen und Funktionierende
    Gehörlose und Genderaktivisten
    Hilflose und Heuchler
    Individualisten und Insassen
    Jünger und Jesuskritiker
    Klimaschützer und Kinder
    Langzeitarbeitslose und Logiker
    Männer und Migranten
    Nörgler und Nonnen
    Opas und Ohnmächtige
    Politiker und Prostituierte
    Queere und Querulanten
    Raucher und Rettungssanitäter
    Spirituelle und Singles
    Tätowierer und Traditionelle
    Überzeugte und Ungetaufte
    Virologen und Veganer
    Würstchenesser und Wütende
    X-beliebige und X-förmige
    Youtuber und Yogalehrer
    Zyniker und Zweifler

    Wen weise ich ab?
    Ich möchte üben:
    „Willkommen am Tisch.“

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