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Was ist, wenn Gott schweigt?

Wenn Gott klar zu uns redet, fühlen wir uns ihm oft besonders nah und verbunden. Doch dann gibt es da noch die anderen Zeiten, in denen er einfach zu verstummen scheint. Was passiert mit unserem Glauben, wenn Gott schweigt?
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Es ist morgens, die Zähne sind geputzt, das Zimmer gelüftet. Ich setze mich noch einmal auf mein Bett, hole meine Bibel hervor und lese einen Abschnitt. Hole mein Handy raus und lese die Losung für den Tag. Dann halte ich einen Moment inne, um zu beten. Oder zumindest versuche ich es. Ich finde keine Worte, wieder einmal. Keine, die ich nicht schon hunderte Male gesagt habe, ohne dass etwas passiert ist. Ohne dass ich Antworten bekommen habe. Ich belasse es bei ein paar Standard-Sätzen, bitte um Segen für den Tag und dränge das schlechte Gewissen beiseite; das Gefühl, mal wieder nicht genug gebetet zu haben, nicht ernsthaft genug.

Gottes Stimme

Gerade habe ich sie wieder. Eine dieser Phasen, in denen Gott sehr viel öfter schweigt als redet. Ich erinnere mich an andere Zeiten. Kurz nach dem Abi, als ich meine erste eigene Wohnung bezog und zum ersten Mal Zeit und Freiraum hatte, mich mit mir selbst, mit Gott und meinem Glaubensleben zu befassen. Rückblickend würde ich sagen, dass sich erst in dieser Zeit mein Kinderglaube zu einem echten, persönlichen Glauben entwickelt hat. Ich habe viel mit Gott besprochen und ihn intensiv reden gehört. In vielen Lebensbereichen durfte ich Erneuerung und Durchbruch erfahren. Das Reden Gottes war für mich so klar und deutlich, dass ich keinen zweiten Gedanken daran verschwendete, als der Eindruck in mir wuchs, ich solle mein damaliges Studium abbrechen und stattdessen Theologie studieren.

„Gottes Reden war für mich so klar und deutlich. Ich schätze, ich habe gedacht, dass es von hier an immer aufwärts ginge.“

Plötzlich Stille

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Ich schätze, ich habe damals gedacht, dass es von hier an immer aufwärtsginge. Dass ich jetzt verstanden hätte, wie das geht, Gott zu hören und ihm zu folgen. Und doch kamen sie immer wieder, die Zweifel – und die Krisen. Zeiten, in denen alles plötzlich schwierig war. In denen Freundschaften auseinanderbrachen, mein Herz zerbrach, meine Wohn- und Lebenssituation kompliziert wurde, Familienmitglieder schwer krank wurden. Zeiten, in denen ich viel betete und viel von Gott erwartete. Und plötzlich erlebte, dass er doch nicht immer so deutlich spricht. Manchmal gar nicht. Momente, in denen ich mich selbst über ein deutliches „Nein“ auf meine Fragen gefreut hätte, einfach nur, um zu wissen, dass er mich hört und beachtet.

Wenn Gott schweigt, ist das nie leicht. Denn es stellt alles in Frage, was vorher war. Zumindest für mich war das so. Ich fragte mich, ob ich in der intensiven Zeit zuvor wirklich ihn gehört hatte, oder ob es doch nur meine eigenen Gedanken und Wünsche gewesen waren, die Gottes Stimme „erfunden“ hatten. Ich fragte mich, ob Gott mich wirklich damals gerufen hatte, mein Studium abzubrechen und ein Theologie-Studium anzufangen – oder ob es doch nur so eine fromme Idee gewesen war. Wie kommt es zu solchen Krisen? Und warum fühlt es sich manchmal so an, als schweige Gott? Auch als Theologin habe ich darauf keine ausgereifte Antwort. Ich kann nur aus eigener und fremder Erfahrung berichten – und aus dem, was ich durch die Bibel verstehe.

Vom Schweigen geweckt

Ich erinnere mich an einen Freund, der in einer sehr persönlichen Andacht von seiner schrecklichen Kindheit berichtete, in der er misshandelt und missbraucht wurde. Bei Gott hatte er Trost gefunden, Geborgenheit, einen Ort, um sich vor alldem zu verstecken – aber nun habe er den Eindruck, dass Gott seine Hand „von ihm genommen“ habe. Nicht um ihn nun wieder mit den Folgen seiner Kindheit alleinzulassen, sondern damit er weitergeht. Damit er sich nicht zusammengekauert im Schutz Gottes versteckt, wo das Leben ihn nie wieder berühren und verletzen kann, sondern hinausgeht ins Leben und es gestaltet, auch auf die Gefahr hin, dass er wieder verletzt wird. Gottes Schweigen als mahnende, aber liebevolle Ermutigung.

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Ich denke an eigene Krisen in meinem Leben, in denen mich Gottes Schweigen dazu gebracht hat, mich ihm intensiver zuzuwenden. Die Leerstellen nicht einfach selbst mit frommen Gedanken zu füllen, sondern nachzufragen, was er meint. Mich auf die Suche nach Antworten zu machen und mich dadurch weiterzuentwickeln, anstatt darauf zu warten, dass mir das schon irgendwie in den Schoß fällt. Gottes Schweigen als Weckruf.

„Gottes Schweigen kann uns eine Menge lehren“

Gott als Lehrer

Es hat mir auch mehr Verständnis für das Leid, die Kämpfe und besonders auch die Schwächen anderer gegeben. Ich bin mit einem recht gesetzlichen und moralisierenden Verständnis von Christsein aufgewachsen und war dadurch immer schnell dabei, über andere und ihre Sünden zu urteilen. Erst als ich selbst gefallen und gescheitert bin, mein Glaube mir durch die Finger gerutscht ist, habe ich Verständnis für andere Menschen in solchen Situationen entwickelt. Gottes Schweigen als Lehrer.

Und dann gibt es viele Stellen in der Bibel, wo die Menschen das Schweigen Gottes aushalten müssen. Menschen, die jahrelang auf ein Kind warteten (Abraham und Sarah, Samuels Mutter Hanna, die Eltern von Johannes dem Täufer, um nur ein paar zu nennen). Das ganze Volk Israel, das Jahrhunderte (!) in der Sklaverei in Ägypten verbrachte, bis Gott ihre Hilferufe erhörte. Elia, der erst einmal 40 Tage durch die Wüste laufen musste, bis er Gott fand – und er fand ihn gerade in der Stille. Die Pharisäer im Neuen Testament, die sehnsüchtig und ehrlich auf den Messias warteten, ihn in Jesus aber nicht sehen konnten, weil er nicht ihren Vorstellungen entsprach.

Das letzte Beispiel zeigt mir, dass es durchaus auch mal an mir liegen kann, dass ich Gott nicht höre. Weil ich nur für eine bestimmte Antwort offen bin. Weil ich zu sehr in meinen Vorstellungen von Leben, von Gott, von Richtig und Falsch drinstecke. Oder weil ich die Führung in der Beziehung zu Gott übernehmen will und erwarte, dass er mir folgt, statt umgekehrt. Trotzdem bin ich immer etwas vorsichtig mit Deutungen, vor allem bei anderen. Vielleicht brauchten Abraham und Sarah diese lange, kinderlose Zeit, um die Reife zu entwickeln, die man für ein Kind braucht. Schmerzhaft war diese Zeit gewiss trotzdem. Vielleicht haben diese schwere Kindheit und Gottes „Handwegnehmen“ meinem Freund dabei geholfen, heutzutage jungen Leuten in ähnlichen Lebenslagen zu helfen.

Trotzdem wünsche ich ihm bis heute, er hätte eine glückliche Kindheit gehabt. Ich glaube, Gottes Schweigen kann uns eine Menge lehren und uns manchmal den Kopf zurechtrücken, wenn wir es brauchen – besonders da, wo wir seine Vergebung dankbar annehmen, danach aber nichts anders machen wollen als vorher. Das heißt nicht, dass es nicht trotzdem hart ist, wenn Gott schweigt.

„Jesus, rette meinen Glauben!“

Keine Erklärung

Und es gibt eben auch das andere Schweigen. Das, für das ich keine Erklärung finde. Das einfach nur auf meiner Seele lastet, meinen Glauben in Frage stellt und mir die Hoffnung raubt. Ich habe Menschen erlebt, die in solchen Situationen ihren Glauben verloren haben, und ich selbst habe phasenweise verzweifelt kaum mehr etwas anderes beten können als „Jesus, rette meinen Glauben!“ Ich schwanke dann stark dazwischen, Gott noch intensiver zu suchen, oder Bibel und Gebet für eine Weile ganz zu lassen – zum einen aus Trotz („Soll er sich doch zuerst melden, wenn ihm diese Beziehung wichtig ist!“), zum anderen aus Resignation („Bringt doch eh nichts“), und manchmal auch aus dem Wunsch heraus, keine Heuchlerin zu sein („Wieso soll ich jetzt Danke sagen, wenn ich gar nicht dankbar bin?“). Schnell kommen dann auch die Fragen nach „richtigem“ Beten. Gibt es das? Und gibt es falsches Beten? Muss ich einfach mehr investieren? Ehrlicher, beharrlicher oder frommer sein? Oder etwa weniger fromm? Oder geht es gar nicht um die richtige „Technik“, sondern eher um meine Herzenshaltung?

Wie in so vielem erlebe ich mich dort in einer Spannung dazwischen, dass man Glaube und Gottes Reden nicht erzwingen kann, und dass ich mein Glaubensleben nicht einfach laufen lassen kann mit dem Gedanken „Gott regelt das schon irgendwie.“ Manchmal empfinde ich es als klüger und hilfreicher, das Bibellesen und Beten wirklich sein zu lassen, da es für mich nicht mehr wäre als eine erzwungene Unterhaltung, nur um die unangenehme Stille im Raum zu füllen. Dann lasse ich meinen Glauben in Gottes Hände fallen und hoffe, dass er ihn auffängt. Dass er wieder redet – oder mich offen macht für sein Reden –, wenn es Zeit dafür ist. Dann sind meine Gebete in der Tat kaum mehr als ein „Hilf mir zu glauben, auch wenn ich gerade nicht weiß, ob du überhaupt da bist.“ Oder ein wütender Schrei, ganz nach Art der Psalmen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum lässt du mich hier allein?“

Aufbrechen

Manchmal aber empfinde ich es gerade in solchen Zeiten als hilfreich, mich aktiv auf die Suche nach Gott zu machen. Sei es in der Bibel, in Predigten, in Lobpreisliedern, die ich nicht nur ihrer Schönheit wegen höre, sondern ganz intensiv, prüfend, ob ich sie von Herzen mitsingen kann. Ich lese in Büchern, die mein Glaubensleben bereits in der Vergangenheit gefördert haben, denke über Glaubenssätze nach, die ich bewusst oder unbewusst geformt habe. Und manchmal erlebe ich dann, dass Gott doch spricht. Oder längst gesprochen hat.

Ich wünsche mir, dass ich mehr und mehr lernen kann, Gottes Schweigen nicht als Vergessen oder Desinteresse zu deuten. Sondern in ihm auch den Vater zu sehen, der bei mir sitzt und schweigt, damit ich zur Ruhe kommen kann. Damit ich meine Probleme und Fragen nicht vor ihm totdiskutiere, sondern sie bei ihm abgebe. Ich will lernen, diese Zeiten als liebevolle Ermahnung, als Weckruf, als Lehre anzunehmen, auch wenn sie hart sind. Und immer wieder darauf hoffen, dass Gott doch wieder spricht. Vielleicht anders, als ich das erwarte. Aber mit den Worten, die ich hören muss.

Lydia Rieß lebt auf den Azoren und ist durch Internetausfälle häufiger mal zur Stille gezwungen.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift DRAN erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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