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Was würde Jesus heute tun?

War Jesus rechts oder links? Pfarrer Nicolai Opifanti meint: Jesus lässt sich in keine Schublade stecken – er sprengt sie.

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Hand aufs Herz: Wer von euch hatte auch eins von diesen bunten WWJD-Armbändern? Ich gebe zu, ich finde die Dinger nach wie vor cool, zeigt doch der Spruch „What would Jesus do?“, dass es für Menschen, die Jesus folgen, nicht die eine zeitlose Antwort auf alle Lebensfragen gibt. Wir sind stattdessen herausgefordert, mithilfe des Heiligen Geistes und der Bibel immer wieder neu danach zu fragen, was Jesus gerade jetzt an unserer Stelle tun würde.

Ich bin der Meinung: Wer heute so ein WWJD-Bändchen aus der Schublade kramt und nach dessen Motto handelt, ist revolutionärer als Ché Guevara! Wer bereit ist, sich jeden Tag neu an Jesus auszurichten, der zerstört damit zwangsläufig den Empörungsautomatismus, der – von bestimmten Schlagwörtern getriggert – vorhersehbarere Reaktionen auslöst als ein anstößiger TikTok-Trend.

Jesus war weder rechts noch links

Vorhersehbar aber war Jesus für die religiösen Gruppen seiner Zeit nie. Weder für die „linken“ Zeloten, die die römischen alten weißen Männer mit Gewalt aus Berl… äh Jerusalem jagen wollten, noch für die konservativen Sadduzäer, die ganz nach dem Motto „das war schon immer so“ gemütlich den Jerusalemer Tempel verwalteten.

Ebenso wenig war Jesus bereit, der „Homeboy“ der Pharisäer zu werden, noch ließ er sich von den Essäern vor den Hippie-Wüstenkarren spannen, um mit weißen Klamotten und einem besonderen Ernährungsprogramm aller Welt zu predigen, dass das Weltende ziemlich nah ist.

Heiland ALLER Menschen

Es gab schon zu Jesus’ Zeiten herrlich viele Schubladen, in denen er es sich hätte bequem machen können. Stattdessen aber ließ sich Jesus in keiner nieder und blieb so der Heiland aller Menschen.

Jesus ließ sich zu seiner Zeit von keiner religiös-politischen Schublade vereinnahmen.

Mal zog es ihn wie einen Essäer in die Einsamkeit der Wüste, mal predigte er die religiöse Erneuerung des Alltags wie ein guter Pharisäer, mal ritt er wie ein neuer jüdischer König in Jerusalem ein, sodass jeder Zelot jubelte, nur um dann, sehr zur Freude der Sadduzäer, bei der Frage nach den Steuern Gottes und des Kaisers Sache strikt zu trennen.

Jesus sprengt Schubladen

Jesus ließ sich zu seiner Zeit von keiner religiös-politischen Schublade vereinnahmen. Besser noch, er wagte es sogar, mit seinen Worten und Taten jede einzelne davon aufzusprengen. Ein Aufspalten der Gesellschaft in links oder rechts, gut oder schlecht war einfach nicht so sein Ding.

Dass er den Pharisäern immer mal wieder eine Breitseite verpasst hat, ist wohlbekannt, aber auch alle anderen Gruppen bekamen ihr Fett weg. Den Zeloten stach er mit seiner Sympathie für etablierte Zöllner wie Zachäus direkt ins revolutionäre Herz. Die Sadduzäer, die eine leibliche Auferstehung ablehnten, nahm er argumentativ auseinander und die Essäer bekamen bei dem Gedanken, dass Jesus sich immer wieder mit Heiden und Sündern einließ, die Vollkrise.

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Jesus war und ist – einfach „too hot to cancel“. Er lässt sich nicht vereinnahmen, weder von links noch von rechts. Wenn ich also heute mein WWJD-Bändchen aus der Schublade ziehe, dann mit gehörigem Respekt. Denn ich weiß, wann immer ich das labbrige Stück Stoff umschnalle und mich frage „Was würde Jesus heute tun?“, muss ich auch meine Entscheidungen, Einstellungen und meinen Umgang mit anderen Meinungen mit aus der Schublade befreien. Nur so bleibe ich wie Jesus: too hot to cancel.

Nicolai Opifanti arbeitet als Pfarrer in Stuttgart. Als @pfarrerausplastik räumt er auf Instagram gerne mit religiösen Klischees auf.


Ausgabe 3/22

Dieser Artikel erschien im Magazin DRANDRAN wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

4 Kommentare

  1. Der Spruch WWJD gefällt mir nicht so. Das lockt mich zu schnell in die Ecke „Kann ich ja sowieso nicht“.
    Auch wenn es das Ziel sein sollte.
    Besser umgehen kann ich mit WWJAMSD, also „Was würde Jesus an meiner Stelle tun“.
    Jesus kennt mich besser als ich mich selbst und weiß, was ich kann und mir zutrauen kann.
    Gibt mir Mut und ist für mich hoffnungsvoller…

  2. Die Bergpredigt ist unparteilich aber politisch

    „Wir sind stattdessen herausgefordert, mithilfe des Heiligen Geistes und der Bibel immer wieder neu danach zu fragen, was Jesus gerade jetzt an unserer Stelle tun würde“. Dieser Auffassung von Pfarrer Opifanti kann ich mich voll anschließen. Allerdings muss man sehen, dass die Bergpredigt Jesu m.E. die Ethik der Urgemeinde stark prägte. Sie hatten die Begeisterung über Jesus noch gekannt, gelebt und waren deutlich Licht der Welt. Aber da muss ich meinem alten Bekannten „EinFragender“ zumindest im Prinzip widersprechen. Denn Frieden, Barmherzigkeit und Verzicht auf Gewalt sind der Bergpredigt immanent. Denn wenn die Prophetie (neben jener der Offenbarung) des AT eintreffen sollte, dass wir die Waffen zu Arbeitsgeräten machen, der Krieg (und damit auch die Atomwaffen) geächtet werden, dann ist dies global zwar nur mit Hilfe des Heiligen Geistes und deren Einwirkung auf ganz viele Erdbewohner möglich, aber nach meiner Einordnung ist dies eine sehr politische Christlichkeit. Dass wir die Schöpfung hier auf unserem schönen blauen Planeten bewahren – und die Güter der Erde teilen – dürfte wohl Gottes Wille sein. Es ist eine ähnliche aber dort doch andere Kategorie die Jesus damals im Tempel veranlasste, die Tische der Wechsler umzuwerfen. Damals ging es um das – modern ausgedrückt – nichtkapitalistische Verständnis von Religion und damit des Tempels. Kirchen sollten daher aus dem Glauben als einem Vertrauen auf das Handeln und die Wunder Gottes kein Geschäft machen, auch nicht mit Gott. Ich sehe nicht, dass hier bei uns in Deutschland in einer wesentlichen Weise Parteipolitik in den Glaubensgemeinschaften gemacht wird, oder dass die Kirche/n sich in Detailfragen der Politik mit dogmatisch unverrückbaren Behauptungen einmischen. Aber: Wir sollten dem Kaiser geben was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist, und beides sauber trennen können. Mit sauber meine ich, dass Christinnen und Christen sich politisch in der Demokratie beteiligen dürfen und sollen und damit dem Gemeinwohl dienen. Aber wie immer im Leben geht das eine mit dem anderen, ohne dass man mehrere Rollen als Person miteinander vermischt. Ich bin zutiefst nicht überzeugt dass wir hier auf Erden sind als Buchhalter und Bewahrer, sondern entgegen gesetzt als Neugestalter. Die Frage der Gerechtigkeit ist im weltweiten Kontext eine der wichtigsten Herausforderungen. Gott will auch das Angesicht der Erde (mit Blick auf die Menschheit) verändern, daran sind wir Mitwirkende und Verantwortliche, wenn der Geist Gottes uns treibt. Die Frage der 1968 Jahre, ob wir die Wirklichkeit nur verstehen sollen, oder ob wir sie verändern müssen, ist für mich immer klar gewesen. Und wenn das nur ein paar Kerzen sind die wir in der Dunkelheit aufstellen und es dann heller wird – für alle Menschen.

  3. Wer ist heutzutage schon rechts oder links? Wer sich in ein Schublade stecken lässt, macht meiner Meinung nach etwas falsch: Man hört auf selbtständig zu denken!

    Aber das ist es nicht was mich an der Frage Jesus „Rechts oder Links?“ stört. Jesus hat sich klar gegen die Vermischung von Politik und Religion ausgesprochen. Etwas was die meisten Christen leider vergessen haben. Warum eigentlich?

    • Auf die Politik mit der Religion zu antworten ist keine Vermischung von Politik und Religion, klarer kann man sie eigentlich gar nicht voneinander trennen. Politik als Herausforderung an die Zeit übergibt der Religion als Erfahrungsschatz aus der Zeit den Auftrag ihrer einheitlichen Kommunikation. Aus diesem Kommunikationsauftrag erwächst die Arbeit beider Seiten durch die Gegenwart, wahrgenommen als Lehrauftrag der Kirche und von der Politik umgesetzt durch den Arbeitsaufwand, den das mit sich bringt. Was einerseits die Politik fordert, ihrem Auftrag im Umgang mit dem Bildungswesen gerecht zu werden, gewinnt andererseits ein Finanzwesen, dessen Ansporn es sein will, die Herausforderungen der Zeit entsprechend ihrer gemeinsamen Präsenz anzunehmen, seine Berechtigung. Durch den Umgang mit meiner persönlichen Präsenz als Mensch, kann ich die Politik im Umgang mit der Religion fördern, nach der ich auf das gemeinsame Wohl bedacht, auch wirklich handle.

      Wie schwer es ist, den Konsens im Umgang miteinander als Mensch zu finden, das zeigen uns all die Politiker, die sich ernsthaft mit der Kirche auseinandersetzen. Ihr dabei auch noch zuzugestehen, dass auch sie ihren Beitrag zum politischen Erfolg leisten will und kann, das sprengt oft die Vorstellungskraft und darf trotzdem nie außer Acht gelassen werden. Die Kirche ist, so Gott will, sein Kind aus der Einheit, die sich in ihrer Potenz aus der Komplexität von Jesus ergibt. Durch ihn können wir, unter Berücksichtigung aller Einflussfaktoren umsetzen, was sich für jede*n von uns als Mitmensch daraus ergibt.

      Politik ohne Religion wäre wie ein Vater ohne seine Mutter und Religion ohne Politik wäre wie die Mutter ohne einen Vater. Beides braucht die Einheit, die sich mit ihrer ganzen Kraft auseinandersetzt. All die dazugehörigen Herausforderungen sind bereits in den Mitmenschen von Jesus angelegt und wir als religiöse Gemeinschaft bilden die Lösungen ab, die sich in ihrer Allgegenwärtigkeit der Existenz gewiss sein können, die am Gedächtnis heranwächst. Stellt Jesus als Bereicherung für die ganze Menschheit etwas Besonderes dar, oder bietet er sich dem Bildungswesen als Herausforderung an, die sich als ganz spezifischer Auftrag an die Gegenwart immer wieder neu ergibt?

      Das Leben selbst mag kompliziert und deshalb auch nur schwer definierbar sein, doch im Zusammenschluss all seiner Gegebenheiten bildet es den aktuellen Wissensstand ab und gibt damit seine Kommunikation frei. Solange nicht jede*r über diesen Wissensstand verfügen kann, bleibt seine Einheit im Verborgenen und ist nicht verfügbar. Was bedeutet das für die Ewigkeit? Kann sich die Kirche durch Jesus in Persona Christi identifizieren und dadurch der ganzen Menschheit seine Präsenz durch ihre Einheit vermitteln? Es ist ein sehr schwerer Auftrag, an die Kirche, der in einem Staat endet, der sich durch den Dialog mit der Kirche seinen Anforderungen gewachsen sieht!

      Ich hoffe, das ist jetzt nicht zu viel Erklärungsversuch, denn es soll eigentlich nur aufzeigen, dass Gott, Kirche und Staat friedlich miteinander kommunizieren lässt und sie nicht gegeneinander ausspielt. Das mag Reibungsverluste ergeben und vielleicht auch manchmal einen kleinen Zeitverzug hervorbringen, doch alles ist besser als Krieg oder der Verlust auch nur einer Einheit im Umgang mit ihrer aller Vielfalt.

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