Das Erkennungszeichen eines katholischen Priesters: das Kollar (Bild: pixabay).
Priestermangel, Gemeindefusionen, Kirchenaustritte – die katholische Kirche in Deutschland steht vor gravierenden Veränderungen. Was bedeutet das für die Rolle der Laien, insbesondere der Frauen? Die ARD-Dokumentation „Kirche ohne Priester“ hat sich an der Basis und bei Kirchenvertretern umgehört. Zu sehen heute Abend im Ersten.

„Kirche findet nur da statt, wo es Priester gibt.“ Christiane Florin, bis Ende 2015 Redaktionsleiterin der Beilage „Christ und Welt“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“, bringt es zu Beginn der Dokumentation auf den Punkt. Die katholische Kirche ist abhängig von ihren geweihten Häuptern. Was tun, wenn immer mehr Priester in den Ruhestand gehen und immer weniger junge Männer sich für ein Leben im Zölibat entscheiden? Steht sich die Kirche selbst im Weg?

Kirche heute: Messe, Taufe, Messe, Geburtstagsbesuch

Was der Priestermangel für Pfarrer heute schon bedeutet zeigt das Dokuteam, indem es sich an die Fersen von Pfarrer Michael Müller aus der Diözese Trier heftet. Messe, Taufe, Messe, Geburtstagsbesuch. „Gleich nach dem Schlusssegen geht es wieder ins Auto. Der nächste Gottesdienst wartet“, kommentiert die Erzählerin. Stress pur im pastoralen Arbeitsalltag. Die Doku lässt ihre Szenen vom Auto in die Sakristei, in den Gottesdienst und wieder zurück ins Auto springen. So können die Zuschauer erahnen, welcher Belastung Priester heutzutage ausgesetzt sind. Heilige Ruhe? Fehlanzeige!

Während Priester durch die Gemeindefusionen kaum durchatmen können und von einem Termin zum anderen hecheln, erzeugen die Großpfarreien ganz andere Gefühle bei den Gemeindemitgliedern. Der Pfarrer hat kaum noch Zeit, wechselt vor lauter Stress die Gemeinde und nur ein Ersatzpriester hält die Messe – so geschehen in der San Salvator Kirche in Prüm. „Ich war ganz hart zu der Zeit davon betroffen. Das hat mich so belastet“, klagt eine Gottesdienstbesucherin über den Moment, als der Pfarrer seine Gemeinde verließ. „Weil ich gerade einen Sterbefall hatte und da musste ich als erstes in fremde Kirchen gehen – das ist schrecklich.“

Priesterimport und Frauen am Altar

Welche Lösungen gibt es? Folgende stellt die Doku vor: Zum einen werden Priester aus Indien geholt, die Deutschland bereits als „Missionsland“ betrachten. So auch im Bistum Paderborn. Neben Sprachkenntnissen müssen hier fünf neue indische Priester vor allem mobil sein, um auf dem Land ihre vielen Schäfchen erreichen zu können. Der Priestermangel stellt die Geistlichen vor ganz neue Herausforderungen. In Brasilien versucht man es mit Gemeindeleitern, die verheiratet sind. Und in der Schweiz darf sogar eine Frau am Altar stehen, allerdings nur unter der Bedingung, dass ein männlicher Kollege vorher die Hostien für die Kommunion geweiht hat. Immerhin: Die Gottesdienstbesucherinnen freut es. „Man fühlt sich vertreten, wenn eine Frau vorne steht.“

„Oh Gott“: Zwischen Resignation und Hoffnung

Durch die gesamte Dokumentation zieht sich eine Stimmung der Resignation. Wehmütige Klaviermusik unterstreicht die lähmende Erzählerinnenstimme. Die unterschiedlichen Interviewpartner aus Kirchenpolitik, Priestern und Laienvertretern haben nicht gerade ermutigende Worte auf den Lippen. Liegt es an der Auswahl der Zitate, der Interviewpartner? Wie gut spiegelt der selektive Blick die Gesamtlage der katholischen Kirche, die bekanntermaßen ein deutliches Nord-Süd-Gefälle aufweist? Die Kirche, die diese Dokumentation zeigt, reagiert träge auf Umbrüche. Nicht, weil sie es möchte, sondern weil sie die Umstände dazu zwingen.

Die Bilder der Doku sind geprägt von alten Herren, denen alles viel zu schnell geht. Wenigstens lockern lustige Illustrationen zwischen den Sequenzen die ansonsten deprimierende Stimmung der Dokumentation auf. Das Fazit der Filmemacher fällt erwartbar negativ aus. „Die Bischöfe stehen unter Druck“, resümiert die traurige Stimme aus dem Off. „Wenn sie keine Lösung dafür finden, wie eine Kirche ohne Priester aussehen kann, wird es irgendwann nur noch eine sich selbst umkreisende Bischofskaste in prachtvollen, aber leeren Kirchen geben.“

Alles in allem gelingt es den Filmemachern, den Ist-Zustand der Kirche umfangreich abzubilden und verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen, auch wenn die ganz großen Namen fehlen. Damit ist ein Statement gesetzt, an dem sich die Kirchengemeinden reiben können. Auch das kann ja eine ermutigende Erkenntnis sein: dass es anderen noch viel schlechter geht.

Zum Glück lässt der sichtlich gestresste Michael Müller einen hoffnungsvollen Satz fallen, um den man ihn beneiden kann: „Der erste Gedanke, der mir immer kommt, ist, wenn ich in den Kalender jeden Tag schaue, ‚Oh Gott‘. Aber ich glaube, nur so geht’s: Mit Gott in den Tag hinein gehen.“

Von Laura Schönwies


Die ARD-Dokumentation „Kirche ohne Priester“ heute Abend um 23:30 im Ersten und jetzt schon online in der ARD-Mediathek.

6 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Frau Christiane Florin bringt es auf den Punkt: „Die Kirche ist abhängig von ihren geweihten Häuptern.“ Kirche im römischen Sinn bedeutet die Oberklasse des Klerus der Priester, Bischöfe, Kardinäle, Äbte und Papst. Sie bedienen das Fußvolk durch die Sakramente. Diese Einteilung gibt es im Neuen Testament des HERRN Jesus nicht. Im gesamten Neuen Testament gibt es so etwas wie die römische Messfeier nicht. Erst recht nicht das Amt eines Priesters, der diese Umwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut des HERRN Jesus vornimmt. Der gekreuzigte Jesus als Mensch ist vom Heiligen Geist auferweckt worden aus den Toten und aufgefahren zum Vater in den Himmel. Er hat Seinen Leib dem Vater übergeben und sitzt mit Ihm auf dem Himmelsthron. Jesus hat in seinem neuen Leib Sein reines Blut in das himmlische Heiligtum gesprengt. Kein Mensch könnte es aus dem Himmel auf die Erde bringen, auch wenn er noch so viele Formeln der Wandlung sprechen mag. Das Blut JESU hat alleine auf Erden seine Kraft durch den himmlischen Sohn auf dem Thron und nicht durch einen sündhaften irdischen Priester, der sich anmaßt, Jesu Blut neu durch das Messopfer zu schaffen. Martin Luther hat 1517 und 1521 einen guten Anfang gemacht, aber leider nicht den Weg zur neutestamentlichen Gemeinde gefunden. Solch eine Gemeinde mit allen Lehren und Praktiken der Gemeinden in der Apostelgeschichte findet man heute hauptsächlich in den sogenannten Pfingstgemeinden und den ähnlichen Huasgemeinden. Ich habe die traditionelle Großkirche als falschen Ausdruck biblischen Christentums verlassen und rate den Neugeborenen aus dem Geist das gleiche zu tun.

    • Es gibt im NT die Eucharistie und Bischöfe und Priester/Diakone und geweihte Männer. Das überlesen die Evangelischen Christen gerne …

  2. Üblicherweise werden die üblichen Klischees bedient, dort wo christlich-katholisches Leben lebendig und jung ist, kommt keine Kamera hin.

  3. Ja gewiss schmerzt es viele wenn ein ehemals lebendiger oder weitverbreiteter Glaube von einer scheinbar übermächtigen Säkularisierungswelle überrannt wird. Nicht nur Deutschland, ganz Europa sind davon betroffen.
    Es sind nicht nur „Priester aus Indien .., die Deutschland bereits als „Missionsland“ betrachten. “ Die Katholische Kirche selbst sieht Europa als Missionsgebiet.
    Ein großer Mahner war der heilige Papst Johannes Paul der II, der bereits 1979 in einer Predigt Europa Missionsgebiet nannte und dies im Apostolischen Schreiben „Ecclisia in Europa“ 2003 bekräftigt.

    Es gibt ein kleines Land am Balkan, Albanien, wo die Menschen auch unter dem Verbot der Religionsausübung zu leiden hatten. Oftmals bereits durfte ich von Frauen Berichte hören daß sie „nur“ den Rosenkranz hatten, diesen nach Möglichkeit täglich beteten und so ihren Glauben nicht verloren. Diese Frauen und ihre Familien, in Griechenland gibt es viele davon, erbitten heute die Taufe und ich bin einer von denen die in diesem Katechumenat mitarbeiten.

    Wir sollten die Kirche nicht allzusehr mit dem Priestertum allein verbinden sondern selbst – wie diese Albanerinnen – Kirche sein.

  4. „Kirche findet nur da statt, wo es Priester gibt“ – nein, das teile ich nicht. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“. So habe ich Kirche kennengelernt in der KHG Mainz, wo ich meine ersten Kontakte zur katholischen Kirche geknüpft habe.
    Eine Messe ist doch keine One-Man-Show. Da sind ja immer viele andere neben dem Priester beteiligt: Ministranten, Kommunionhelfer, Lektoren, meistens ein Organist, bei uns fast immer auch ein oder zwei Kantoren oder der Chor.

    Messen können ohne Priester nicht stattfinden, das ist richtig. Aber es gibt auch andere Gottesdienstformen wie Wortgottesdienste und Andachten, in denen kein Priester anwesend sein muss. Sie können von dazu geschulten Laien vorbereitet und durchgeführt werden. Das halte ich für sehr viel besser als die wenigen Priester, die wir noch haben durch diesen Dauerstress kaputt zu machen.

    Was die indischen, polnischen und afrikanischen Priester angeht, die es auch im Erzbistum Köln in vielen Gemeinden gibt und von denen ich einige persönlich kennenlernen durfte, so halte ich sie nicht für einen „Notbehelf“, sondern für eine große Bereicherung.

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