Zahlreichen Berichten zufolge wurden in China erstmals gentechnisch veränderte Babys zur Welt gebracht. Wieso das wissenschaftlich nicht unumstritten ist und wie eine christliche Perspektive auf das Thema aussehen kann, darüber sprachen wir mit dem Mikrobiologen Prof. Siegfried Scherer.

Die Fragen stellte Nathanael Ullmann

Herr Scherer, vielleicht mögen Sie noch einmal kurz für den Laien verständlich die Sachlage erklären: Wie wurde das Genmaterial der chinesischen Zwillinge verändert bzw. was wurde bei dem Experiment gemacht?

Zunächst muss man sagen, dass es noch nicht ganz klar ist, ob die Geschichte sich wirklich zugetragen hat, aber es spricht vieles dafür. Der chinesische Kollege Jiankui He gibt an, dass er zunächst eine künstliche Befruchtung (in vitro Fertilisation, IVF) durchgeführt hat. Das ist ein Standardverfahren der Reproduktionsmedizin, auch bei uns. Dabei hat er Samenzellen von an AIDS erkrankten Männern verwendet. Das Erbgut der so gezeugten Embryonen hat er dann in einem sehr frühen Stadium mit der neu entdeckten „Genschere“ (CRISPR/Cas) verändert. Die genveränderten Embryos hat er danach in die Gebärmutter eingepflanzt, es wurden Zwillinge geboren. Ziel der Genmanipulation war, die genetisch veränderten Kinder gegen die AIDS Erkrankung des Vaters zu schützen, indem bei der Infektion des Kindes die Vermehrung des HI-Virus gehemmt wird. Allerdings ist nicht klar, ob die Chinesen dieses Ziel erreicht haben.

Das Forschungsprojekt wird derzeit in breiter Öffentlichkeit diskutiert. Was macht es so besonders bzw. inwiefern unterscheidet es sich von bisherigen Experimenten?

Eine Genmanipulation an menschlichen Embryonen gab es schon im letzten Jahr in England. Ein erbkranker Embryo wurde durch IVF gezielt erzeugt und dann wurde die Erbkrankheit sofort gentechnisch repariert. Der so gezeugte und erfolgreich genmanipulierte Mensch wurde aber nicht in die Gebärmutter verpflanzt, sondern unmittelbar nach dem Experiment getötet. Das Experiment des chinesischen Forschers ist nun deshalb einmalig, weil zum ersten Mal gezielt gentechnisch veränderte menschliche Babys geboren wurden. Das heißt, dass alle Nachkommen dieser Babys ebenfalls genmanipuliert sein werden.

Unter den Kritikern finden sich unter anderem auch viele Wissenschaftler. Warum ist die Geburt genveränderter Kinder zum aktuellen Zeitpunkt wissenschaftlich so umstritten?

Viele Wissenschaftler sind zu Recht der Meinung, dass die neue Methode CRISPR/Cas beim Menschen noch nicht hinreichend getestet wurde. Deshalb kann man nicht ausschließen, dass unerwünschte Nebenreaktionen das Erbgut der Babys unkontrolliert verändert haben. Das ist ein wissenschaftliches Argument, daneben gibt es rechtliche und ethische Argumente.

„Kein Forschungsziel darf die Würde des Menschen verletzen.“

Das Forschungsprojekt wirft auch neue Fragen für das Wechselspiel von Wissenschaft und Ethik auf. Sollte Ihrer Meinung nach die Forschung alles dürfen, wenn es der Wissenserweiterung dient? Oder gibt es Grenzen? Wenn es Grenzen gibt, wo liegen diese?

Sie stellen eine komplizierte Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Natürlich gibt es ethische Grenzen, die Frage ist nur, wo man sie zieht. Ich antworte zunächst sehr allgemein: Kein Forschungsziel darf die Würde des Menschen verletzen. Weiter gefasst meine ich: Auch die Würde eines Tieres oder die Würde der Umwelt ist ein hohes Gut und darf durch Wissenschaft nur dann beeinträchtigt werden, wenn dadurch schwerer Schaden vom Menschen abgewendet werden kann. Für mich persönlich liegt die Letztbegründung für die Würde des Menschen in seiner Gottesebenbildlichkeit.

Ist zu befürchten, dass so ein Projekt wie das Genexperiment schnell Nachahmer findet? Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis Veränderung am Erbgut intensiv auch am Menschen erprobt wird?

Wenn solche Experimente nicht unter Strafe gestellt sind, dann besteht gar kein Zweifel daran, dass sich sehr schnell Nachahmer finden werden. In Deutschland würde Herr He wegen seines Experiments vermutlich mit der Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Das ist sehr gut und bleibt hoffentlich auch in Zukunft so.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates forderte jüngst eine Kontrollbehörde für genetische Eingriffe. Ist das realistisch und vernünftig?

International kann das sinnvoll sein, in Deutschland halte ich das nicht für notwendig, denn die deutschen Embryonenschutz- und Gentechnikgesetze gehören zu den restriktivsten der Welt. Die Genmanipulation von Embryonen ist in Deutschland grundsätzlich verboten. Wir arbeiten an meinem Lehrstuhl gentechnisch an Krankheitserregern und ich kann aus eigener Einsicht sagen, dass die Gentechnik-Überwachungsbehörden bei uns personell und rechtlich ausgezeichnet ausgestattet sind und sehr gut aufpassen. Wir brauchen meines Erachtens keine besseren Kontrollbehörden, sondern wir müssen auf einer politischen Ebene unter allen Umständen dafür sorgen, dass das deutsche Embryonenschutzgesetz durch den Bundestag in Zukunft nicht aufgeweicht wird.

„Das Worst-Case-Szenario: Regierungen und Kriminelle produzieren gentechnisch veränderte Menschentypen.“

Prof. Siegfried Scherer
Foto: Privat

Sollte Genmanipulation beim Menschen demnächst selbstverständlicher werden: Was sind die Worst-Case- und Best-Case-Szenarien?

Das Best-Case-Szenario wäre, dass gentechnische Veränderungen künftig absolut sicher und ohne unbekannte Nebenwirkungen vorgenommen werden können. Außerdem würden sie streng kontrolliert nur stattfinden, um schwerwiegende Erbkrankheiten zu heilen. Das Worst-Case-Szenario: Jedes Paar kauft sich nach eigenen Wünschen das Wunsch-Designerbaby, etwa hinsichtlich Intelligenz, Emotionalität, körperlicher Leistungsfähigkeit oder Aussehen – und selbstverständlich ist die frühzeitige Entsorgung des Nachwuchses bei Nichterreichen der vereinbarten Ziele im Preis inbegriffen. Oder Regierungen und Kriminelle produzieren gentechnisch veränderte Menschentypen.

Wenn Sie als Christ auf diese Entwicklung blicken – was geht Ihnen da durch den Kopf?

Das oben genannte Best-Case-Szenario halte ich für utopisch. Das Worst-Case-Szenario – falls in Zukunft überhaupt die erforderlichen Techniken zur Verfügung stehen, was niemand weiß – würde leider der Erfahrung aus der Menschheitsgeschichte entsprechen. Die Bibel sagt: Der Mensch tut so oft nicht das Gute, sondern das Gegenteil davon. Das ist die Lektion der letzten 5.000 Jahre, einschließlich der jüngeren Vergangenheit. Also: Falls eine Technik zur Verfügung steht, dann ist sehr zu befürchten, dass sie irgendwo auf unserem Planeten auch für negative Zwecke eingesetzt wird, wenn das lukrativ erscheint.

Greifen wir mit solchen Eingriffen zu sehr in eine perfektionierte Schöpfung ein? Sind wir in der Gefahr zu „verschlimmbessern“?

Die Schöpfung ist nicht mehr perfekt. Es gibt beispielsweise eine Vielzahl von Erbkrankheiten, es gibt Krebs und vieles mehr. Ich habe keinen Zweifel, dass biomedizinische Forschung positive Ziele verfolgen und auch erreichen kann. Ein Beispiel wäre die gentechnische Veränderung von Köperzellen zur Heilung von Krebs. Da habe ich nichts dagegen, denn der Kranke stimmt ausdrücklich zu und seine Nachkommen werden davon nicht beeinflusst – der letzte Punkt ist wichtig. Andererseits besteht auch die Gefahr, dass wir auf eine negative, schädliche Weise in die Schöpfung eingreifen. Das gilt nicht nur für Gentechnik, sondern für alle technischen Anwendungen.

„Der Wunsch, den Menschen nach eigenen Vorstellungen zu züchten, ist uralt.“

Der Mensch greift schon lange in die natürlichen Prozesse ein. Wir nehmen Medikamente, operieren, bauen Prothesen. Ist die Genveränderung da nicht der verständliche nächste Schritt?

Wissenschaftlich gesehen ist das der nächste Schritt und ich bin der Überzeugung, dass es sowohl bei Bakterien als auch bei Pflanzen und Tieren gentechnische Anwendungen gibt, die ethisch unbedenklich sind. Allerdings wird bei der Anwendung auf die Veränderung der Keimzellen des Menschen, so wie das bei den chinesischen Zwillingen erfolgte, eine Grenze überschritten. Es ist die Grenze zur Menschenzucht. Der Wunsch, den Menschen nach eigenen Vorstellungen zu züchten, kam nicht erst als furchtbare Ausgeburt der Nazi-Ideologie in die Welt. Solche Ideen sind uralt, die gab es schon in der Antike. Zurecht lehnen viele meiner Kollegen jeden Eingriff in das Erbgut von Keimzellen oder Embryonen ab. Das mögliche Missbrauchspotential ist erschreckend.

Genveränderung kann auch einen unglaublichen Gewinn bedeuten, beispielsweise wenn, wie im vorliegenden Fall, das HI-Virus an der Ausbreitung gehindert werden kann. Für viele Eltern könnte es eine große Erleichterung sein, ein potentiell krankes Kind noch vor der Geburt „heilen“ zu können. Sollte auch das ein Aspekt sein, den wir als Christen bedenken?

Zunächst: Das HI-Virus kann dadurch nicht in seiner Ausbreitung gehindert werden, bestenfalls kann die Ansteckungswahrscheinlichkeit der genmanipulierten Kinder durch das Virus verringert werden. Nun wäre das trotzdem ein gutes Ziel. Dass Eltern das wünschen, ist verständlich.
Aber ich möchte mit einigen Gegenfragen antworten: Heiligt der Zweck die Mittel? Wieviele ungeborene Menschen dürfen wir auf dem Weg der Entwicklung der notwendigen humanmedizinischen Gentechnologien töten? Ich erinnere daran, dass auch die Entsorgung eines misslungen genetisch veränderten Embryos im Labor die Tötung eines Menschen ist. Welche Risiken dürfen wir zur Erreichung positiver Ziele eingehen, konkret: Welches Missbrauchspotential der entwickelten Techniken dürfen wir in Kauf nehmen? Welche Entscheidung über die genetische Ausstattung noch ungeborener Generationen dürfen Arzt und Eltern treffen? Darf ich noch eine provozierende Frage anschließen: Gibt es das bedingungslose Recht eines Elternpaares auf ein gesundes Kind, koste es, was es wolle?
Ethische Entscheidungen sind immer Güterabwägungen. Meines Erachtens führt eine solche Güterabwägung zur Ablehnung der Genmanipulation an Keimzellen und Embryonen des Menschen.
Im Übrigen habe ich keinen Zweifel daran, dass wir Christen zum Heilen und Helfen berufen sind, nicht umsonst sind Krankenhäuser in Europa eine christliche Errungenschaft.

Immer wieder ermuntert uns die Bibel, selbst unseren Verstand zu benutzen. Paraphrasiert kann das als Ermunterung zur Forschung verstanden werden. Sollten wir als Christen dann überhaupt Angst haben, zu weit zu gehen?

Meine Aufgabe als Biowissenschaftler ist es, die Schöpfung zu erforschen. Tatsächlich meine ich, dass dies ein Auftrag Gottes für mich ist. Ich habe Freude daran, Gottes geniale, überaus erstaunliche Werke zu erforschen. Dazu benutze ich auch gentechnische Methoden. Außerdem bin ich überzeugt, dass Gott Freude daran hat, mich bei meiner Forschung zu begleiten. Trotzdem können wir als Wissenschaftler zu weit gehen. Meiner Meinung nach ist mein chinesischer Kollege Jiankui He zu weit gegangen. Ich darf als Wissenschaftler eben nicht alles tun, was technisch möglich ist. Aber das ist keine Frage der Angst, sondern eine Frage der Verantwortung. Meine wissenschaftliche Arbeit geschieht in der Verantwortung vor Gott, vor den Menschen und vor Gottes Schöpfung, Gott helfe mir dabei.


Siegfried Scherer leitet den Lehrstuhl für Mikrobielle Ökologie an der Universität München am Department für Grundlagen und Biowissenschaften. Er forscht mit gentechnischen Methoden an Krankheitserregern und hat über 200 wissenschaftliche Fachartikel veröffentlicht. Sein besonderes Interesse liegt im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und christlichem Glauben.

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