Sexueller Missbrauch: EKD Betroffenenbeirat gescheitert

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Symbolfoto: Andrew Neel / unsplash

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat die Arbeit des Betroffenenbeirats zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Mit der Begründung ist die Mehrheit der Beiratsmitglieder nicht einverstanden.

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Darum geht es: Der zwölfköpfige Betroffenenbeirat sollte den EKD-Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, ein Gremium aus leitenden Geistlichen und Kirchenjuristen, beraten und begleiten. So weit, so gut. Jetzt wurde durch die EKD jedoch die Aussetzung des Betroffenenbeirats angekündigt. Begründet wird der Schritt in einer Pressemitteilung unter anderem mit den Rücktritten mehrerer Mitglieder aus dem Betroffenenbeirat und internen Streitigkeiten, die einen strategischen Konsens verhindert hätten. Daher wolle man die bisherige Arbeit des Gremiums aussetzen und extern auswerten lassen, um „die Perspektive der Betroffenen künftig noch besser einzubeziehen“. Auf Basis dieser Auswertung wolle man dann gemeinsam mit den ursprünglichen Mitgliedern des Betroffenenbeirats „neue Formen der Beteiligung“ diskutieren, so die EKD. Dennoch solle auch in dieser Übergangszeit der Fortschritt der Arbeit durch eine Interimslösung sichergestellt werden. Der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns betonte, man wolle dazulernen und seit auch weiterhin auf das „Erfahrungswissen der Betroffenen angewiesen“.

„Notwendige Arbeitsbedingungen nicht sichergestellt“

In seiner Analyse der Situation merkt Philipp Greifenstein im Eulemagazin kritisch an, dass die Mehrheit der verbliebenen Mitglieder nicht mit der Auflösung des Betroffenenbeirats einverstanden gewesen sei. Außerdem hätten sich vier der fünf zurückgetretenen Beiratsmitglieder bereits mit einem Schreiben zu Wort gemeldet, um der Aussage zu widersprechen, dass vor allem Streitigkeiten unter den Beiräten der Grund für das Aussetzen des Gremiums gewesen seien. Vielmehr habe der EKD-Beauftragtenrat die „notwendigen Arbeitsbedingungen von vornherein nicht hergestellt“, so Detlev Zander, bis zuletzt Mitglied im Betroffenenbeirat, laut Eulemagazin. So habe es zum Beispiel keinen Raum für vertrauensbildende Maßnahmen zwischen den Mitgliedern aus sehr unterschiedlichen Kontexten gegeben. Von der EKD habe man außerdem die fachliche Expertise in der Begleitung vermisst. Es habe ein „in der Sache kompetentes zu beratendes Gegenüber“ gefehlt, heißt es in dem Schreiben. Auftrag und Ziel des Betroffenenbeirats seien bis zuletzt nicht klar geworden.

Missbrauchsbeauftragter Rörig: „Es braucht klare Regeln“

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, äußerte gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd), er hoffe, „dass man über eine Schlichtung zu einer Fortsetzung der Arbeit des Betroffenenbeirats“ komme. Es müsse klare Regeln geben, die die Pflichten der Institution sowie das Mitwirken der Betroffenen benennen, damit enttäuschte Erwartungen auf beiden Seiten vermieden werden könnten. „Das scheint mir einer der Kristallisationspunkte des aktuellen Streits zu sein. Man hätte die gegenseitigen Erwartungen ausführlicher besprechen müssen“, sagte Rörig. Daher sieht Rörig auch den angekündigten Auswertungsprozess, den die EKD ankündigte, skeptisch:  „Ich kann einen Prozess erst dann evaluieren, wenn er eine gewisse Zeit nach festgelegten Kriterien gelaufen ist“, sagte er. Sicher sei: „Menschen dürfen nicht evaluiert werden.“

Zum Hintergrund

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Der Betroffenenbeirat wurde von der EKD im August 2020 berufen, mit dem Ziel, Betroffene sexualisierter Gewalt in die laufenden Entscheidungsprozesse einzubinden. Der Beirat sollte an allen laufenden Prozessen zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der EKD und der Diakonie beteiligt werden.

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4 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Dieser ganze Prozess kommt 10 Jahre zu spät und es die Verzögerungen sind Absicht. Man will das Problem aussitzen bis der Druck geringer wird.

    Ehrlich, ich frage mich wie das eine Kirche mit ihrem Gewissen vereinbaren kann die sich christlich nennt.

    • 10 Jahre scheint mir da sogar noch knapp bemessen.

      Ob hinter dem Verhalten der EKD eine Absicht steckt, weiß ich nicht, aber sie tut sich sicherlich mit diesem Verhalten keinen Gefallen. Vom Empfinden der Opfer darauf ganz zu schweigen

      >Ehrlich, ich frage mich wie das eine Kirche mit ihrem Gewissen vereinbaren kann die sich christlich nennt.
      Das frage ich mich zu mehreren Themen bei Kirchen und auch bei einzelnen Christen. Auch bei manchen Usern, die hier posten.
      Ich kann und will nicht über das Christsein von Personen und Institutionen entscheiden. Das steht mir nicht zu. Aber die Widersprüche zwischen christlicher Botschaft und manchen Worten und Handeln sind ziemlich eklatant.

      • Hallo Joerg,
        ihre Einträge hier unterscheiden sich wohltuend von den meisten Protagonisten, die hier ständig schreiben. Sie sollten zum Humanismus konvertieren.
        Bleiben sie weiterhin wachsam, wenn es um die ewigen Wahrheiten der Religionen geht.
        Mit freundlichen Grüßen

        • Zum Humanismus kann man nicht konvertieren.

          Humanismus, also Menschlichkeit und Achten der Würde der Menschen, sollte Bestandteil jeder Überzeugung sein. Sowohl religiöser wie auch nichtreligiöser. Leider fehlt es daran in allen Gruppen immer wieder.

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