Vom Vater wird er geschlagen, von der Mutter abgelehnt. Thomas Baur prügelt sich durch die Schulzeit, wird Neonazi und steigt in die Rockerszene ein. Doch dann ändert eine Begegnung mit Gott alles.

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Herr Baur, Ihr Vater hat Sie verprügelt, Ihre Klamotten auf die Straße geworfen. Sie haben viel Gewalt in der Familie erlebt. Inwieweit „vererbt“ sich so etwas?

Baur: Das ist total vererbbar. Ich hab die Wutausbrüche meines Vaters geerbt. Auch meine Tochter ist sehr impulsiv. Und ich kenne viele Leute mit einer ähnlichen Geschichte. Man verändert sich, aber es steckt tief in einem drin.

Welche Rolle spielen die Nachbarn bei einer solchen Familiengeschichte? Nicht nur bei Ihnen zählte: Hauptsache, die Fassade stimmt!

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Jeder zweite Spruch von meinen Eltern war: Dass das ja die Nachbarn nicht mitbekommen! Mein Vater war Beamter, immer top gekleidet – nach außen war heile Welt! Aber wenn er nach Hause kam, gab’s jeden Abend Alkohol bis zum Abwinken. In den Siebzigern galt obendrein: Wer trinkfest war, war ein toller Kerl.

Sie berichten, dass Sie große Hassgefühle hatten. Andererseits war Ihr inneres Leben so taub, dass Sie drei Selbstmord-Versuche unternommen haben – die aber gescheitert sind.

Ich hatte fünf ältere Geschwister, die sind mit 18 zu Hause raus. Mein kleiner Bruder und ich, die Nachzügler, waren übrig. Und ich wusste nicht, wo ich hätte Hilfe kriegen können. Ich war in der Schule unbeliebt, keiner wollte mich. Da schien für mich der Selbstmord die Lösung.

Sie sind als Jugendlicher schon mit dem Tod konfrontiert worden: ein Freund ist an Krebs gestorben.

Das war direkt vor meiner Rocker-Phase. Ich habe den Todeskampf von meinem Freund jahrelang mitgemacht, mit 15, 16! Als er dann tot war, fühlte ich mich total ohnmächtig. Dann habe ich die Rocker kennengelernt, mit 17 – und die wurden mein Familien-Ersatz. Unser Motto war: Einer für alle, alle für einen – und das war auch so! Wenn mein Rocker-Freund Jonny 10 Mark in der Tasche hatte und ich nichts, dann hat er nicht drei Bier allein getrunken, sondern jeder hat anderthalb Bier gekriegt. Viele kamen aus kaputten Familien – und wir haben alles miteinander geteilt.

Wie tief geht denn die Kameradschaft unter Rockern tatsächlich?

Es gibt zwei Welten bei den Rockern. Es gab damals die kleinen Rockergruppen, wie unsere, die eher familiär geprägt waren. Wir haben Kutten-Taufen gemacht, im Matsch, mit Bier, sind mit dem Motorrad drübergefahren, wir waren zusammen auf dem Münchener Oktoberfest … Einige der großen Rocker-Klubs heute sind Organisationen wie die Mafia, die betreiben Drogenhandel, Prostitution, Waffendeals; das hat mit Rockerromantik nichts mehr zu tun.

Irgendwann hat unser Rockerklub dann Stress mit anderen Rockern gekriegt. Die haben uns vor die Wahl gestellt: Entweder ihr macht bei uns mit oder wir machen euch platt. Wir sind dann in einen größeren Klub eingetreten, haben gedacht, wir haben unsere Ruhe – aber dann ging es erst richtig zur Sache: Unseren Präsidenten haben sie in einer Diskothek von hinten mit Baseballschlägern zusammengeschlagen. In dem Bandenkrieg ging es schließlich nur noch ums Überleben. Ich hab keine Ruhe mehr gehabt, mich ständig umgedreht, wir hatten Todesangst.

Thomas Baur
Thomas Baur (Foto: privat)

Sie haben dann den Ausstieg aus der Szene geschafft, im August 1989. Was haben Sie damals entdeckt, was Sie nicht kannten?

Nach einer brutalen Prügelei bei einer Rockerparty hab ich irgendwann realisiert: Dieses ganze Gelabere von „Brüderschaft“ und „Ehre“, das ist alles nur verlogen. Ich habe keinen Sinn mehr in dem allen gesehen, bin in ein großes Loch gefallen – und war echt überzeugt: Du wirst keine 25 Jahre alt, sondern kommst vorher um: durch Drogen, das Motorrad oder Gewalt. Ich wollte auch nicht älter werden.

Ausgerechnet da hat mich meine Schwester zu einer christlichen Veranstaltung mitgeschleppt, obwohl sie mir mit ihrem frommen Gerede unheimlich auf den Wecker gegangen ist. Aber es gab Schnitzel! Und ich hatte immer die Frage nach Gott in mir. Also bin ich mit. Als die Predigerin dann sprach – es war auch noch eine Frauenveranstaltung! – wurde mir heiß und kalt. Ich muss dazu sagen: Mein Thema war jahrelang die Angst – vor meinem Vater, meiner Mutter, vor der Zukunft, den anderen Rockern … Und diese Angst war an dem Abend weg. Komplett weg! Es war auf einmal ein Frieden in mir. Ich habe mich total frei gefühlt und gemerkt: Ich habe tatsächlich Gott gefunden. Das ist alles real!

Was hat sich verändert: Was ist heute entscheidend für Sie?

Ich bin seit 2010 Pastor in Heidelberg. Und meine Vergangenheit hilft mir heute. Ob jemand Junkie ist, Alkoholiker, psychisch krank, aus der Szene – ich kenn das alles, und kann deswegen heute den Menschen dienen. Entscheidend ist: Gott liebt die Menschen. Er liebt mich so wie ich bin – das ist der Punkt.

Sie haben irgendwann auch Ihren Eltern vergeben – trotz allem, was die ihnen körperlich und seelisch angetan haben …

Oh ja! Erst mit dem Geschenk der Gnade Gottes wurde es gut, dadurch hat sich etwas verändert. Und ich sage denen, die ähnliche Dinge erlebt haben, heute: Du vergibst nicht um deines Vaters willen oder wem auch immer – sondern um deiner selbst willen! Mit der Vergebung wird die schlimme Kette unterbrochen. Das Böse kann ich nur überwinden durch das Gute. Das ist der Kern. Wenn man vergibt, wird man frei.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Jörg Podworny.


Cover Lebenslust 3/20

Das Interview mit Thomas Baur ist zuerst in der Zeitschrift lebenslust erschienen. Sie wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

Die ausführliche Lebensgeschichte von Thomas Baur hat die Autorin Damaris Kofmehl im Buch Thomas. Leben auf die harte Tour aufgeschrieben. In diesem Herbst wird Thomas’ Geschichte auch als Theaterstück bei der Evangelisationsveranstaltung Life on Stage in der Schweiz zu sehen sein.

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Es gab Schnitzel…

    Ich kann die Menschen unterstützen, weil ich ihre Probleme kenne. Das hat sich wohl jemand gut so ausgedacht.

    Toller Artikel, ich glaube, den Mann hab ich auch schon gesehen.

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