Angelo Matthuch World Vision
Angelo Mathuch (li.) und Schauspieler Liam Cunningham (Foto: Lisi Emmanuel Alex / World Vision Südsudan)
Angelo Mathuch wollte erst Kindersoldat werden, dann wurde er zum Flüchtling im eigenen Land. Ein fürchterliches Leben, scheinbar ohne Perspektive. Doch dann kam die unglaubliche Wende. Heute arbeitet er als Experte für „Glaube und Entwicklung“ beim Kinderhilfswerk World Vision im Südsudan. Hier erzählt Angelo einen Teil seiner Geschichte.

Es begann mit einer düsteren Vorahnung meiner Mutter. „Die Erde wird zerstört werden“, sagte meine Mutter zu ihren Freunden während einer Unterhaltung unter dem einzigen Baum, der in der Nähe unseres Hauses in dem Dorf Anyangwuot stand. Ich war damals acht oder neun Jahre alt und verstand nicht, was sie meinte. Aber ich sah die Sorge in ihren Augen. Sie sprachen über den Bürgerkrieg, der sich damals im nördlichen Sudan zusammenbraute. Der damalige Präsident, Jaafer Nimeri, hatte 1983 nach elf Jahren die Autonomie des südlichen Landesteils widerrufen und den Sudan zum islamischen Staat erklärt. Die Menschen im Süden gingen daraufhin auf die Barrikaden. Widerstandskämpfer bildeten die „Sudan People Liberation Army“ (SPLA). Aus diesem Konflikt entwickelte sich ein Bürgerkrieg, der schätzungsweise 2,5 Millionen Menschen das Leben kostete.

Aber der Reihe nach. Zwei Jahre nach den Vorahnungen meiner Mutter hörten wir von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einigen Stämmen. In der Region Twic war es zu Viehdiebstählen gekommen. Prinzipiell nichts Neues, aber die Gewalt hatte eine neue Dimension erreicht. Früher hatten die Diebe Kühe von der Weide geholt, die Hirten verprügelt und waren abgezogen. Doch nun war das Vieh zum Teil aus Häusern heraus gestohlen worden und die Besitzer waren getötet worden! Wir hörten von schrecklichen Gewalttaten. Ich war entsetzt, dachte aber nicht, dass es unser Dorf treffen könnte. Nicht unsere Familie!

„Sie kommen“!

Doch nur wenige Monate später erreichte uns mitten in der Nacht die Nachricht, dass eine Gruppe kriegerischer Nomaden auf dem Weg zu unserem Dorf sei. „Sie kommen!“ Meine Mutter packte mich und meine Geschwister und versteckte uns im Busch. Einer unserer Nachbarn, Deng hieß er, floh nicht. Er wurde getötet. Fast jeden Monat kam es nun zu Angriffen auf unser Dorf. Manchmal verbrachten wir Wochen in unserem Unterschlupf im Wald. Und die Gewalt eskalierte weiter. Wir hörten, dass die bewaffneten Banden nicht nur Erwachsene töteten, sondern auch Kinder. Die Mädchen wurden oft vergewaltigt.

Zu dieser Zeit trat in unserer Region zum ersten Mal die „Liberation Army“ auf. Wir betrachteten sie als Schutztruppe. Für uns waren sie „die Guten“, obwohl sie brutal gegen alle vorgingen, die sie nicht unterstützten. Aber die „Army“ war unsere einzige Hoffnung gegen die plündernden Nomadengruppe. Wir hatten keine andere Wahl. Und so unterstützten wir die Kämpfer, indem wir sie mit Nahrung versorgten. Trotz der „Army“ waren Diebstahl, Tod, Vergewaltigung und Kindesentführungen an der Tagesordnung. Schließlich wurde auch unser Vieh gestohlen, die Basis für unseren Lebensunterhalt. Ich hörte davon, dass man in der Region Bongo eine Ausbildung zum Kämpfer der „Army“ machen könne. Das sollte nur ein paar Tage dauern. Und man würde eine brandneue Kalaschnikov bekommen, das berühmt-berüchtigte AK47-Sturmgewehr. Ich bat meine Mutter, dorthin gehen zu dürfen. Sie verbot es mir. Ich war sieben Jahre alt.

Dann kam das Jahr 1987. Bei einem weiteren Angriff wurde unser komplettes Dorf bis auf zwei Häuser niedergebrannt. Unsere drei Hütten – verschwunden. Wir waren obdachlos. Ich konnte die andauernde Gewalt nicht mehr ertragen. Die Mädchen verspotteten diejenigen von uns Jungs, die sich nicht der „Army“ anschlossen. Ich erklärte meiner Mutter, auf jeden Fall gehen zu wollen. Auch ohne ihre Zustimmung. Ich drängte und bettelte. Schließlich stimmte sie zu. Sie besorgte mir neue Kleidung und Proviant für den 800 Kilometer langen Marsch. Im Sommer dieses Jahres verließ ich mein Heimatdorf, ausgestattet mit Sandalen, gerösteten Erdnüssen und ein paar Moskitonetzen. Ich sollte meine Mutter und mein Dorf erst 20 Jahre später wiedersehen.

Hunger, Durst, Folter

Während meiner dreimonatigen Wanderung erlebte ich Hunger und Durst, Krankheit, Prügel, Folter und Auspeitschung. Statt als Kämpfer im Ausbildungslager landete ich schließlich wie viele andere Jungen in einem sudanesischen Flüchtlingslager in Äthiopien, einem Land, das ich nicht kannte. Doch dies war erst der Anfang meiner jahrelangen Odyssee als Flüchtling. Ich wurde Zeuge eines Angriffs durch Milizen, bei dem viele Lagerbewohner starben. Ich sah, wie zahllose flüchtende Menschen im Fluss Gilo an der Grenze zwischen Sudan und Äthiopien ertranken, war Zeuge der Bombardierung von Pochalla und der Attacke auf das südsudanesische Dorf Kapoeta. Nach vier Jahren war ich zurück im Sudan und landete nach einer schier endlosen Wanderung  schließlich in Lokichoggio, in Nordkenia.

Im dortigen Flüchtlingslager traf ich zum ersten Mal auf ein Team des christlichen Hilfswerks World Vision. Sie verteilten die Mahlzeiten für die Vertriebenen, darunter Flüchtlinge wie mich. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich eines Tages selbst für diese Organisation arbeiten würde. Acht lange Jahre lang lebte ich als Flüchtling in diesem Wüstenlager. Ich konnte dort zur Schule gehen, aber es war ärmlich und schmutzig. Aber immer noch besser als im Sudan.

Gott hat einen Plan

Doch dann hatte ich Glück: 2001 wurde ich Teil des sogenannten Lost Boys-Programms und kam als Kind zu einer gläubigen Familie in die Vereinigten Staaten. Ich absolvierte die Highschool und konnte durch die finanzielle Unterstützung einer weiteren Familie schließlich sogar studieren. In meiner Heimat wäre dies für mich unmöglich gewesen. Gottes Wege sind oft unergründlich. Im Alter von 27 Jahren erwarb ich einen College-Abschluss in Religionswissenschaften an der Andrews Universität in Michigan. Im Dezember 2007 beschloss ich nach Hause zu gehen, weil ich wusste, dass der Südsudan mich dringender brauchen würde als die Vereinigten Staaten.

Rückblickend war es sehr unwahrscheinlich, dass etwas Gutes aus meinem Leben werden würde. Erst wollte ich Kindersoldat werden, dann war ich viele Jahre auf der Flucht. Doch Gott hatte einen Plan für mein Leben. Heute möchte ich ein Zeichen der Hoffnung für all die Kinder sein, die sich nach Frieden sehnen. Ich habe viel Böses in jungen Jahren erlebt, aber ich will mich auf das Gute konzentrieren. Ich wurde verletzt, aber nicht zerstört. Es ist mir ein wenig wie dem biblischen Joseph ergangen. Es war eine erschreckende Reise, die ich erlebt habe. Aber am Ende hat Gott mich belohnt.


Seit 2011 ist der Südsudan unabhängig. Zwei Jahre später begann dort ein weiterer Bürgerkrieg. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt, dass mehr als 2,5 der rund 12 Millionen Südsudanesen ins Ausland geflohen sind. Rund zehn Millionen Menschen dort sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

world vision logoDiesen Beitrag haben wir mit freundlicher Genehmigung von World Vision Deutschland veröffentlicht.

 

 

 

 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Die Überschrift ist irreführend. Der Autor wurde – und dafür kann er dankbar sein – eben nicht vom Kindersoldaten zum Kinderhelfer. Auch wenn er Kindersoldat werden wollte….er war ja keiner. Und das ist gut für ihn.

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