Der Theologe Dieter Kaufmann, Mitglied im Rat der EKD und ehemaliger Vorstandsvorsitzender der württembergischen Diakonie, warnt davor, Suizidassistenz in kirchlich-diakonischen Einrichtungen zuzulassen.

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Kaufmann sagte dem Evangelischen Pressedienst, er könne sich einem entsprechenden Vorschlag des Präsidenten der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, nicht anschließen. „Als Kirche sehen wir im Selbstbestimmungsrecht ein hohes Gut“, sagte Kaufmann. Unterstützung für Menschen in der Sterbephase könnten etwa palliative Sedierung, Sterbefasten und andere palliative Begleitung sein. „Aber assistierter Suizid ist kein Weg, den wir in unseren kirchlich-diakonischen Einrichtungen unterstützen können“, betonte Kaufmann. Selbstbestimmung im Sterben sei in anderen Formen möglich.

Aus christlicher Sicht sei „die Grundlinie der Schutz des Lebens, egal ob körperlich behindert oder psychisch krank oder alt“. Es gebe durchaus ein Dilemma, nämlich eine für den Betroffenen existenzielle Not. Und dann stehe die Frage im Raum, wie man damit umgehen könne. Wenn kirchlich-diakonische Einrichtungen dann assistierten Suizid als Möglichkeit in Erwägung zögen, bestünde die Gefahr, „dass dieser Weg letztendlich zum gesellschaftlich akzeptierten Weg des Sterbens wird“, sagte der Theologe. Es gebe „dahingehend manchmal einen hohen Druck, teilweise auch aus wirtschaftlichen Gründen“.

Diakonie-Präsident für Möglichkeit der Sterbehilfe

Hochrangige evangelische Theologen – darunter auch Diakonie-Präsident Lilie – hatten sich in einer Stellungnahme für die Möglichkeit von Sterbehilfe in kirchlich-diakonischen Einrichtungen ausgesprochen. Die Einrichtungen sollten eine bestmögliche medizinische und pflegerische Palliativversorgung sicherstellen, heißt es darin. Zugleich dürften sie sich aber dem freiverantwortlichen Wunsch einer Person nicht verweigern, ihrem Leben mit ärztlicher Hilfe ein Ende zu setzen. Offiziell wird in der evangelischen sowie in der katholischen Kirche die Möglichkeit zur Suizidassistenz abgelehnt.

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Kaufmann sagte, Diakonie und Kirche sähen durchaus den Menschen in seiner Not, und es werde wohl auch Ausnahmen geben müssen, „die man klären muss“. Assistierter Suizid habe aber nichts mit Selbstbestimmung zu tun, sondern resultiere aus empfundener Ausweglosigkeit. Deshalb braucht es aus seiner Sicht „verstärkt Informationen und vertiefte Beratung, und es sind Schutzkonzepte nötig“.

„Fataler Irrweg“

Der Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, Thomas Rachel, hat davor gewarnt, in Einrichtungen von Kirche und Diakonie die Beihilfe zum Suizid zu ermöglichen. Hilfe zum Sterben in Form von Assistenz zur Selbsttötung sei keine adäquate Option kirchlich-diakonischen Handelns, sagte Rachel am Donnerstag in Berlin. „Solches wäre ein fataler Irrweg.“ Das Leitbild evangelischer Sterbebegleitung müsse auch weiterhin ausschließlich in der bestmöglichen palliativmedizinischen und hospizlichen Für- und Seelsorge am Sterbebett bestehen.

Auslöser für die Debatte über Sterbehilfe ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem vergangenen Februar. Die Verfassungsrichter hatten den Klagen von Sterbehilfeorganisationen, Ärzten und Einzelpersonen Recht gegeben, die sich gegen das 2015 verabschiedete Verbot organisierter – sogenannter geschäftsmäßiger – Hilfe bei der Selbsttötung richteten. Die Karlsruher Richter erklärten das entsprechende Gesetz für nichtig und begründeten das mit dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben, das auch Dritten die Assistenz beim Suizid erlaube.


Die Diakonie hat ein Online-Journal zum Materialien zum Thema erstellt: Selbstbestimmt sterben

9 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Über die Zulässigkeit des assistierten Suizids ist nun höchstrichterlich entschieden:
    https://www.tagesschau.de/inland/sterbehilfe-urteil-analyse-101.html
    Das Bundesverfassungsgericht hat dieses Recht auf selbstbestimmtes Sterben sehr weit gezogen, überraschend weit.

    Zitat:
    „Das Urteil ist eindeutig. Die Achtung und der Schutz der Menschenwürde und der Freiheit seien so grundlegende Prinzipien der Verfassung, dass Staat und Gesellschaft akzeptieren müssten, wenn Menschen sich als Akt autonomer Selbstbestimmung das Leben nehmen wollen. Sie dürfen selbst entscheiden, wann sie ihr Leben für lebenswert halten. Eine Bewertung dieser Entscheidung anhand allgemeiner Wertvorstellungen, religiöser Gebote, gesellschaftlicher Leitbilder oder Überlegungen objektiver Vernünftigkeit verbiete sich.“

    Herrn Kaufmann sei seine Meinung unbenommen. Diese ist sein gutes Recht. Allerdings ist es nicht sein Recht, sich über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts hinweg zu setzen.

    Auch Menschen in kirchlichen Einrichtungen haben nunmehr unbestritten das Recht auf selbstbestimmtes Sterben bis hin zum gewerblich assistierten Suizid. Ihnen dieses vorzuenthalten aus eigenen Überzeugungsgründen wäre eine unrechtmäßige Bevormundung, höchstwahrscheinlich sogar ein krasser Rechtsbruch.

    Insofern wäre ich hier viel mehr daran interessiert, wie Herr Kaufmann und ähnliche in solchen Positionen gedenken, Bewohnern kirchlicher Einrichtungen das ihnen vom Verfassungsgericht ausdrücklich zugestandene Recht auch zukommen zu lassen, sofern der Wunsch dazu besteht.

    • So einfach ist es nun doch nicht. Die Erlaubnis des assistierten Suizids sollte man keinesfalls mit einer Verpflichtung verwechseln. Nach derzeitiger Rechtslage liegt es immer noch in der Gewissensfreiheit eines Arztes, ob er einem Patienten bei der Selbttötung Beistand leistet. Niemand kann ihn dazu zwingen. Genau so ist es auch bei Pflegeeinrichtungen – gleich ob kirchlich oder nicht: Niemand kann dafür bestraft werden, dass er einem Sterbenden Alternativen aufzeigt und ihn dadurch vor einem geplanten Suizid bewahrt und niemand ist gezwungen, gegen seine eigene Überzeugung zu handeln und in seiner Einrichtung einen assistierten Suizid zu dulden.

      Das Urteil bedeutet lediglich Rechtssicherheit für diejenigen, die sich lange in einer gesetzlichen Grauzone bewegten.

  2. Dass einige verantwortliche Christen nach den Erfahrungen unsere Landes mit den lebensfeindlichen Maßnahmen im „Dritten Reich“ sich dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts anschliessen, empört mich.

  3. *“… das auch Dritten die Assistenz beim Suizid erlaube.“*

    Wer werden diese Dritten sein, die vielleicht dann darüber
    befinden, wer weiterleben darf oder wer lieber nicht mehr,
    denn sie übernehmen ja die Verantwortung für den Tod
    eines Menschen – nehmen *Gott das Zepter aus der Hand*;
    Missbrauchsszenarien werden ignoriert und akzeptiert
    werden. Kann ich zu einem Arzt noch Vertrauen haben,
    der befugt ist bewußt Leben zu nehmen? Es tun sich so viele Fragen
    auf… und es ist ein *Handeln gegen den Willen Gottes* und
    wir werden die Folgen alleine zu tragen haben!!!
    „… und den Menschen wird bange werden auf Erden.“ (Lukas Kap. 21)

    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/88797/Hollaendische-Sterbehilfe-Kontrolleurin-tritt-aus-Protest-zurueck

    Ja, ein fataler Irrweg!

  4. …und als Folge von Selbstbestimmung zum assistierten Selbstmord” (=“selbstbestimmtes Sterben”) kommt sofort “die Mafia” ,
    mit der Forderung nach “selbstbestimmtem Einkommen durch Drogen-,Waffen-, Sex-, Sklaven-,Kinderhandel usw.und so fort!

    Die BIBEL ist da eindeutig:“Wer EIN Gesetz, der bricht ALLE Gesetze!”


    [Bei allem Respekt: Soll das bedeuten, dass die Befürworter von assitiertem Suizid, ein unbestritten höchst sensibles Thema, im nächsten Schritt selbstbestimmtes Einkommen durch z.B. Kinderhandel fordern? Vielleicht haben wir das missverstanden. Falls nicht, sei der Hinweis erlaubt, dass wir das für völlig abwegig und beleidigend halten. Es spottet den Schwerkranken, die aufgrund von Schmerzen am Leben verzweifeln. Wollen Sie das? / MfG, die Redaktion]

  5. Da irrt sich Herr Lilie gewaltig. Assistierter Tod ist Mord. Hier kann ich nur dem Theologen Kaufmann zustimmen.

    • Es ist weder theologisch Mord noch rechtlich, Herr Dr. h.c.
      Zum theologischen: Die 10 Gebote verbieten Mord. Im gleichen Kontext gibt es aber Vergehen, die mit der Todesstrafe geahndet werden. Und andere Weisungen, wonach beim Töten eines Menschen sehr unterschiedlich bestraft wird und keinesfalls immer wie bei Mord.
      Mord ist folglich biblisch nicht jedes Töten eines Menschen. Wo steht in der Bibel, dass der assistierte Suizid Mord ist? Falls keine explizite Stelle genannt werden kann, ist das folglich dazu gedichtet. Oder wie so vieles von solchen Verboten aus der (katholisch-) kirchlichen Tradition heraus entstanden.

      Und rechtlich: Das würde bedeuten, dass das Bundesverfassungsgericht hier Mord als zulässig erachtet. Wird es ja wohl kaum getan haben.

  6. *Ich vermisse nicht zum ersten Mal* meine Gedanken – nun zu obigem Thema – *meinen Kommentar* …
    schade! Niemand muss sich mit der Meinung anderer hier identifizieren, aber es ist doch gut und manchmal
    auch hilfreich, sie zu kennen, um die eigene reflektieren zu können, ggf zu revidieren

  7. Ich sehe in kirchliche Einrichtungen auch nicht die Möglichkeit eine Sterbehilfe durch Dritte eine Gift Spritze zu geben. Das widerspricht unserem Glauben. Die Möglichkeit muss aber für Jeden der das möchte gegeben werden. Ohne Profit daraus zu schlagen. Vielleicht staatliche Einrichtungen oder andere soziale Verbände die dahinter stehen? Wie ist es denn in den Niederlanden geregelt? Die Entscheidung muss jeder Mensch für sich treffen. Man darf anderen Menschen nicht seinen Willen auf zwingen auch wenn man es persönlich für falsch hält. So denke ich auch über Abtreibung. Auch muss über Palliativ Medizin mehr aufgeklärt werden . Leider beschäftigen sich die Menschen nicht gerne mit den Tod das Thema wird oft weg geschoben aus dem Alltag. Dabei werden wir alle einmal sterben. Lg

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