Gemeinden leben von ihren ehrenamtlichen Mitarbeitern. Doch wie sollen diese gefunden und motiviert werden? Dafür braucht es begeisterte statt erschöpfter Leiter, meint Autor und Konferensprecher Stefan Vatter und plädiert für Freiräume mit Gott, die neue Leidenschaft entfachen.
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Warum arbeiten bei uns immer weniger mit?“ „Wie können wir Menschen dazu motivieren, sich einzubringen?“ Fragen dieser Art begegnen mir regelmäßig auf Seminaren oder in Gemeindeberatungen. Manchmal wird noch ein frustriertes „Früher war alles anders“ angehängt. In der Tat stehen wir in Bezug auf Mitarbeitergewinnung und Förderung inmitten weitreichender Veränderungen. Was früher funktionierte, erweist sich heute als untauglich, ja kann sogar das Gegenteil bewirken. Vor zehn bis fünfzehn Jahren konnte beispielsweise eine Ansage im Gottesdienst mit der Bitte um Mitarbeit noch eine heimisch familiäre Atmosphäre verbreiten. Heute hingegen wirkt so etwas meist chaotisch und hilflos, und mancher denkt sich: „Nichts wie weg hier“.

Keine Zeit für das christliche Club-Programm

Kürzlich saß ich in einer Gemeinde, die zu jedem Wochentag der folgenden Woche eine Veranstaltung ankündigte, zu der man bitte selbst jeweils kommen und möglichst dabei auch noch mitarbeiten sollte. Ich dachte mir, das ist wie in einem Club-Hotel, in dem immer etwas geboten werden muss. Nur mit dem Unterschied, dass ich nicht im Urlaub bin, sondern eine arbeitsreiche Woche vor mir habe. Hier kann ich jeden verstehen, der auf Durchzug schaltet. In einem solchen kirchengemeindlichen Club-Programm darf es nicht wundern, wenn Leiter auf der Suche nach Mitarbeitern häufig die Antwort bekommen: „Ich habe – leider – keine Zeit“. Hinter dem „Ich habe keine Zeit“-Argument stehen noch ganz andere Gedanken. Fragen, wie:

  • Werde ich hier nur beschäftigt, oder kann ich meiner Berufung folgen?
  • Werde ich aus der Not zum Erhalt eines Systems herangezogen?
  • Was hat der Dienst mit meinem sonstigen Leben zu tun?
  • Worin bestehen Sinn, Ziel und Zweck dieses Dienstes?
  • Wie lange soll ich da mitmachen, und was genau ist zu tun?
  • Wer leitet mich an, hilft mir und schützt mich dabei?
  • Wird das Arbeiten Freude oder Leid mit sich bringen?
  • Kann ich der Leitung vertrauen?
  • Zu wessen Ehre tun wir, was wir tun?
  • Was ist unsere Identität?

Inspiration als heiliger Impuls

Um Fragen dieser Art beantworten zu können, braucht es weder rhetorische Raffinesse noch Druck oder inständiges Bitten; weder Jammern über die guten alten Zeiten noch glänzende Prospekte helfen; nicht einmal wohl formulierte Gemeindevisionen oder Wertestatements. Fragen dieser Art werden durch das beantwortet, was Leitung im Wesentlichen ausmacht: Inspiration.

„Wo sich die Gemeinschaft der Seligen
als Sammelbecken erschöpfter Menschen zeigt, hält sich die
Begeisterung für die Mitarbeit in Grenzen.“

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Inspiration (lateinisch inspiratio) bedeutet wörtlich so viel wie „hineinhauchen“ und steht im Christlichen für „göttliche Eingebung“ im Sinne von einem „heiligen Impuls“. Inspiration ist etwas, nach dem wir uns sehnen, da wir selbst erfahren haben, dass ein solch heiliger Impuls in der Lage ist, uns völlig neuen Schwung zu verleihen. Durch solche Inspiration entstehen Perspektive und Kraft für den nächsten Schritt. Metaphorisch gesprochen treten wir ohne Inspiration auf der Stelle. Wie ein Künstler, dem die Kreativität fehlt, den Pinsel zu bewegen, oder ein Autor, der die Intuition für ein neues Buch benötigt, oder ein Wissenschaftler, dem in seiner Entwicklung der Geistesblitz fehlt. Inspiration bringt den entscheidenden Gedanken, den schöpferischen Einfall zur Lösung eines Problems oder eine plötzliche Erkenntnis und die erhellende Idee, die weiterführt.

Kennen Sie das? Sie sitzen in einem Gottesdienst und hören einer Predigt zu. Nach wenigen Minuten stellen Sie sich die Frage: Was kann ich für mein Leben mitnehmen? Was inspiriert mich? Warum sind Verkündigungen oft so inspirationsarm? Das soll nicht als Vorwurf an Verkündiger oder Verantwortliche verstanden werden. Ganz im Gegenteil. Nach zwanzig Jahren Gemeindedienst sind mir zahlreiche Gründe dafür vertraut. Nicht selten schleppen sich Pastorinnen und Pastoren nach einer überfüllten Arbeitswoche des gemeindlichen Allerleis auf die Kanzel. Nicht anders sieht es bei vielen Ehrenamtlichen aus. Sie haben sich im Dschungel des Alltags abgekämpft und sollen nun die ebenso aus dem Hamsterrad kommenden Mitglieder und Freunde der Gemeinde für irgendeine Art von Mitarbeit gewinnen. Wo sich die Gemeinschaft der Seligen als Sammelbecken erschöpfter Menschen zeigt, hält sich die Begeisterung für die Mitarbeit in Grenzen. Der Sachverhalt ist nüchtern betrachtet wenig kompliziert.

  • Wer nicht selbst inspiriert ist, kann andere nicht inspirieren.
  • Wer selbst nicht brennt, wird andere nicht entzünden.
  • Wer keine Freude hat, wird keine Freude in anderen hervorrufen.
  • Wo wir im Geist nicht selbst leben, werden wir andere nicht hinführen.
Photo by Lubov' Birina on Unsplash
Bild: Lubov‘ Birina (Unsplash)

Heilige Zeiten mit heiligen Begrenzungen

Die Schlüsselfrage nach Mitarbeitergewinnung und Förderung ist daher die Frage nach der Inspirationsdynamik von Leitung. Leitung und Mitarbeiter brauchen nicht ein Mehr an Terminen, sondern ein sinnvoll genutztes Mehr an Freiräumen zur Inspiration. Heilige Zeiten, in denen Internet, Handys, Whatsapp und Facebook außen vor sind. Heilige Räume, in denen wir durch heilige Begrenzung dem Heiligen begegnen. Zeiten dieser heiligen Begrenzung mit dem dreieinen Gott sind mit einem Spezialbegriff (terminus technicus) versehen: Sabbat. Geistliche Leiter wissen darum, dass diese heiligen Zeiten mit Gott das Filetstück jeder Inspiration sind. Hier erfahre ich als Leiter: „Ich bin angekommen“ und nicht: „Ich muss dahin“. Hier lege ich das Eisen aus der Hand und kann zuschauen, wie Gott handelt. Zur Förderung der eigenen Inspirationsdynamik ist mir in diesen heiligen Zeiten Folgendes heilig:

  • Christus anzuschauen, den Anfänger und Vollender meines Vertrauens (Hebr 12,2)
  • Mein Herz und meine Gedanken zu bewahren (Spr 4,23; Phil 4,8)
  • Das Gute zu behalten (1 Thess 5,21)
  • Das Böse mit dem Guten zu überwinden (Röm 12,21)
  • Mit Dankbarkeit und Freude Zuversicht zu gewinnen (1 Thess 5,18)
  • Von Gott und gewissen Menschen Demut zu lernen (1 Petr 5,5)
  • Mit Weisheit und Furcht des Herrn den Heiligen zu erkennen (Spr 9,10)

Jeder dieser sieben Punkte stellt sich in meinem Leben in Bezug auf Inspiration als überaus bedeutsam heraus. Auf was ich beispielsweise schaue oder mein Herz ausrichte, entscheidet darüber, was mich inspiriert. Alle diese Punkte sind Weichenstellungen, die geistlich kraftvolle Inspiration in meinem Leben fördern oder bei Missachtung auch hemmen können. Nehmen Sie sich Punkte heraus, die in Ihrem Leben die Weichen zur Inspiration stellen! Was verschafft Ihnen Zugang zur Quelle der Inspiration? Oder anders formuliert: Was motiviert Sie – setzt Freude und Leidenschaft in Ihnen frei? Menschen, die von Gott inspiriert sind, sehen, was Gott tut und freuen sich darüber. Leitung, die inspiriert ist, sieht die Gemeinde als einen Entwicklungsraum der Freude.

Gemeinschaft mit dem Inspirator

Bei der Frage der Inspiration lässt uns Gott nicht hilflos auf der Erde zurück. Jesus Christus wusste, dass seine Jünger ohne die Inspiration von oben keine Chance haben. Daher bat er seinen Vater, uns den Inspirator par excellence zu senden – den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist unser Fürsprecher, Beistand, Tröster und Begleiter oder, um es in der Sprache unserer Zeit auszudrücken, der Mentor und Inspirator unseres Lebens. „Aber der Beistand, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26). Wo der Heilige Geist uns nicht inspiriert, mögen wir das Richtige glauben, aber die Freude durch den Anblick der Schönheit Jesu Christi, der Friede unseres himmlischen Vaters und die alltägliche Inspiration durch die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist fehlen. Durch den Heiligen Geist wird göttliche Inspiration erfahrbar. Ohne ihn ist alles Krampf.

Kommen wir zurück auf die eingangs gestellte Frage. Ich bin überzeugt: wirksame Leiterschaft besteht vor allem darin, Menschen inspirieren zu können. Wer Menschen inspiriert, setzt sie frei und erschließt ihnen die Quelle göttlicher Entfaltung. Die Frage für die, die Mitarbeiter gewinnen wollen, lautet dann: Wo ist meine eigene Quelle der Motivation und Freude, der Perspektive und des Vertrauens, der Kreativität und der Zugkraft? Ich habe erlebt: Wo Menschen inspiriert werden, sind sie gerne mit dabei. In den fast zwanzig Jahren meines Gemeindedienstes konnten wir erleben, wie die Gemeinde sich auf gut 500 Mitglieder verdoppelte und davon über 400 aktiv mit dabei waren. Mitarbeiterabende waren für mich dann gut, wenn die Anwesenden durch Anbetung, Impulse aus dem Wort Gottes und gemeinsames Gebet für ihren Dienst inspiriert wurden. Oder, schlichter gesprochen, mit Gott in Berührung kamen. Wo das geschieht, sind die meisten Menschen gerne mit dabei. Wir können Menschen nur dorthin führen, wo wir selbst im Geist mit Freuden leben. Deswegen ist mein Aufruf zur Mitarbeitergewinnung und Förderung in erster Linie eine Frage nach der Inspirationskraft des Leiters. Diese Kraft kann aus der Gemeinschaft des Heiligen Geistes entstehen (2 Kor 13,13).


Dieser Artikel ist zuerst im Hauskreismagazin erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Am Schluss Seines großen Abschied – Gebetes hat Jesus um Einheit all derer gebeten, die im Lauf der Jahrhunderte an IHN glauben und sich zu IHM bekennen werden: „…damit die Welt glaubt, dass Du mich gesandt hast“.
    Erst durch die Einheit im Glauben und in der Liebe werden die Gläubigen vor der Welt glaubwürdige Zeugen der Liebe Gottes und der Wahrheit Jesu Christi!
    In der Einheit der Christen spiegelt sich die Einheit wider, durch die Christus im Vater und der Vater in Ihm ist. Eine zerrissene und gespaltete Christenheit verzerrt das Bild Gottes bis zur Unkenntlichkeit. Der Unglauben und das Stagnieren der missionarischen Bemühungen ist zum Teil Schuld derer, die vorgeben Christen zu sein, aber in Wirklichkeit keine Vorbildfunktion haben und weit davon entfernt sind; vielleicht ohne sich darüber im Klaren zu sein. Man kann nicht Gemeinschaft mit Christus haben und gleichzeitig in Spaltung und Feindschaft leben. Die Einheit der Christen kann aber nicht gemacht werden, etwa durch Vereinbarungen über Lehre und Organisation. Sie kann nur als Geschenk erbeten werden. Hinter der Bitte JESU um die Einheit der Jünger steht „Sein Wille“ (17,24)…; durch den schon auf Erden die Jünger eins sind mit Christus und untereinander (Joh. 17,20-26).

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