Vielen Christen ist das Apostolische Glaubensbekenntnis geläufig. Es lohnt sich, einmal genauer hinzuschauen – denn in jedem Satz steckt eine tiefe Bedeutung.
Von Wolfgang Kraska
Ich erinnere mich, wie erschrocken ich als kleiner Junge einmal war, als ich meinen Vater hilflos, fast ein wenig verzweifelt erlebt habe. Es ging wohl darum, dass er ein auseinander genommenes Elektrogerät nicht wieder zusammengebaut bekam. Für mich war sein Aufstöhnen damals ein Schock, denn für kleine Kinder ist klar: Mein Papa kann alles.
Das ist auch der Kinderglaube, mit dem viele aufgewachsen sind und glücklich gelebt haben. Mein Vater im Himmel meint es nicht nur gut mit mir, sondern er hat auch die Macht, zu meinen Gunsten einzugreifen. Und dann geschieht auf einmal etwas, das dieses Grundvertrauen erschüttert.
Eine persönliche Katastrophe, bei der Gott trotz intensiven Gebets nicht eingreift.
Was ist das? Kann er nicht, oder will er nicht? Und wie passt das zu den zahlreichen großartigen Versprechen in der Bibel wie etwa: „Bittet, und ihr werdet erhalten” (Matthäus 7,7)? Nach solchen Erfahrungen kommt einem das Bekenntnis zur Liebe des Vaters und zur Allmacht Gottes nicht mehr so selbstverständlich über die Lippen.
Deshalb müssen wir zunächst vier Fragen zum ersten Satz des Glaubensbekenntnisses klären.
„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“
Aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis
1. Ich gehe grundsätzlich von der Existenz Gottes aus.
Ein atheistischer Naturwissenschaftler geht bei seiner Forschungsarbeit grundsätzlich von der Annahme aus, dass die Welt und ihre Entstehung ohne das Einwirken eines wie auch immer gearteten Gottes erklärt werden kann und muss. Ich aber gehe von der gegenteiligen Voraussetzung aus und sage: Ich bin aus gutem Grund ein Mensch, der die Existenz Gottes voraussetzt. Das war das Thema der ersten Folge dieser Reihe.
Beide Denkvoraussetzungen – die des Atheisten wie die des Christen – sind objektiv nicht beweisbar und insofern gleichermaßen zu respektieren. Beide durchdenken und entwickeln von dort aus ein Verständnis vom Leben und von der Welt. Wichtig ist jedoch, sich selbst und anderen diesen Ansatz offenzulegen. Wir tun das mit den ersten Worten des Apostolikums und sagen: „Ich bin ein glaubender Mensch.“ Wenn ich mir den Satz des Glaubensbekenntnisses zu eigen mache, dann setze ich sozusagen Notenschlüssel, Takt und Vorzeichen vor die Melodie, die den Klang aller folgenden Töne prägt.
2. Es gibt die Welt und mich, weil Gott es wollte.
Wie alt ist die Erde eigentlich? Mehrere Milliarden Jahre – oder nur gut 6.000 Jahre? Man merkt bei diesen Zahlen zum Alter der Erde auf den ersten Blick: Hier geht es nicht um gewisse Differenzen bei der Berechnung, sondern hier haben wir es mit völlig unterschiedlichen Ansätzen zu tun. Das gilt auch für die Frage: Wurde die Erde wirklich in sechs Tagen zu je 24 Stunden geschaffen, mit zwei erwachsenen Menschen und einer voll entwickelten Tier- und Pflanzenwelt als Ergebnis? Oder verdankt sie ihr heutiges Aussehen langen Prozessen, in denen Mutation und Selektion, also Auslese und Veränderung, ihr die heutige Gestalt gegeben haben?
Mit dem Thema Schöpfung und Evolution begeben wir uns auf ein in früheren Jahren heiß umkämpftes Gebiet. Wir können die Diskussion hier nicht vertiefen. Meine Sicht dazu habe ich in dem Buch „Biblische Basics“ dargelegt. An dieser Stelle nur so viel: Für mich sind 1. Mose 1–2 eine Vision, so etwas wie ein Film vom Anfang der Welt. Wer hat die Schöpfung denn beobachtet und sich dazu Aufzeichnungen gemacht? Ganz gewiss kein Mensch! Also bleibt nur die andere Antwort: Gott selbst hat uns die Information durch Offenbarung gegeben, und was er offenbart, ist wichtig und wahr. Etwas Vergleichbares finden wir auch am Ende der Bibel. Die Offenbarung des Johannes schildert die letzten Entwicklungen des Niedergangs dieser Schöpfung bis hin zum Beginn einer neuen Welt.
Wer es kann, mag den Schöpfungsbericht wörtlich nehmen, aber niemand ist dazu genötigt. Gerade suchenden Menschen dürfen wir den Weg zu Christus nicht durch solche zusätzlichen Barrieren verbauen. Die Herausforderung des Glaubens besteht im Kreuz, und nicht im Schöpfungsbericht. Dieser beantwortet jedoch, wie immer wir ihn verstehen, die tiefsten Fragen unserer Existenz: Woher komme ich? Wozu lebe ich? Wohin gehe ich? Es macht ja einen Unterschied, ob wir ein zufälliges Produkt autonomer Prozesse der Natur sind oder ob wir uns als Handarbeit des Schöpfers, als Wunschkinder eines liebenden Vaters im Himmel verstehen dürfen. Genau das spricht uns der Schöpfungsbericht zu.
3. Warum lässt Gott das Leid zu?
Die bedrängendste Frage stellt sich angesichts des Leidens unschuldiger Menschen, etwa bei zivilen Opfern im Krieg oder dem Krebstod einer jungen Mutter, die ihre Kinder doch so dringend brauchen. Wenn Gott Liebe ist und wir ihn als Vater verstehen dürfen, kann sein Schweigen ja nur bedeuten, dass er genau wie wir ohnmächtig ist. Wenn er aber doch die Macht zum Eingreifen hat und sie nicht nutzt, kann an seiner Liebe zu uns nicht viel dran sein.
Diese Grundfrage der „Theodizee“ hat Menschen seit jeher umgetrieben und bisweilen auch von Gott weggebracht. Sie ist komplex und hier nicht mal eben schnell zu beantworten. Es gibt für mich aber durchaus eine schlüssige Antwort, die ich in den „Biblischen Basics“ dargelegt habe. (Wolfgang Kraskas Buch „Biblische Basics“ ist derzeit vergriffen und nicht lieferbar, Anm. d. Red.)
Doch wer leidet, will das Leid nicht erklärt bekommen, sondern er möchte davon befreit werden. Zumindest möchte er Hilfe bekommen, das Leid zu ertragen und damit umzugehen, ohne den Glauben zu verlieren. Wir selbst haben das beim Suizid unseres jüngsten Sohnes so erlebt. Deshalb glauben wir nach wie vor an die Gleichzeitigkeit von Macht und Liebe Gottes und bekennen, dass Gott sowohl unser
Vater als auch der Allmächtige Schöpfer ist. Noch einmal: Das ist kein dogmatischer Satz, den man unterschreiben muss, sondern es ist das Bekenntnis zahlloser Christen, das aus den Erfahrungen in ihrem Leben erwachsen ist.
„Seht, was für eine Liebe unser himmlischer Vater uns geschenkt hat, nämlich, dass wir seine Kinder genannt werden – und das sind wir auch!“
1. Johannes 3,1
4. Die Abba-Revolution
Wir haben uns daran gewöhnt, Gott als Vater (Abba) zu bezeichnen, seit Jesus uns mit dem Vater-Unser-Gebet dazu eingeladen hat. Aber das ist alles andere als selbstverständlich. Als Mose den Auftrag bekommt, das Volk der Hebräer aus Ägypten zu führen, drängt er Gott gegenüber darauf, Gottes Namen zu erfahren. Und tatsächlich nennt Gott einen, wenn auch sehr geheimnisvoll klingenden Namen: Jahwe (2. Mose 3,14).
Trotzdem sprechen die Israeliten aus Scheu vor der Heiligkeit Gottes diesen Namen nicht aus, obwohl ihnen das meines Wissens nirgends verboten wird. Stattdessen gebrauchen sie Anreden wie Elohim und Adonai. Auch die Jünger Jesu sind von dieser Scheu geprägt, und sie bewegt die Frage, wie man richtig zu Gott beten soll. Jesus geht darauf ein und gibt eine Antwort, deren Ungeheuerlichkeit wir uns überhaupt nicht mehr vorstellen können. Wie sollen sie Gott in Zukunft anreden? – Mit „Abba“, Papa. Vater im Himmel. Das ist ein Wechsel von null auf 100 Prozent.
Dabei geht es nicht etwa nur um Sprache, sondern um eine ganz neue Nähe und Vertrautheit zu Gott. In seinem Brief beschreibt Johannes, was das für uns persönlich bedeutet (1. Johannes 3,1): „Seht, was für eine Liebe unser himmlischer Vater uns geschenkt hat, nämlich, dass wir seine Kinder genannt werden – und das sind wir auch!“ Wir können, dürfen und sollen deshalb mit Zuversicht vor den Thron der Gnade Gottes treten (Hebräer 4,16).
Vergewisserung durch Gottes Geist
Wie können wir dahin kommen, dass wir Gottes Größe und Liebe nicht nur verstandesmäßig akzeptieren, sondern davon im Herzen geprägt werden? Das kann nur durch den Heiligen Geist geschehen. „Denn der Geist Gottes selbst bestätigt uns tief im Herzen, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Römer 8,16).
Das ist kein Nebengedanke, sondern grundlegende Absicht Gottes bei der Menschwerdung von Jesus: „Doch als der festgesetzte Zeitpunkt da war, sandte Gott seinen Sohn … um uns als seine Kinder anzunehmen. Und weil ihr seine Kinder geworden seid, hat Gott euch den Geist seines Sohnes ins Herz gegeben, sodass ihr zu Gott nun »lieber Vater« sagen könnt. Jetzt seid ihr keine Diener mehr, sondern Kinder Gottes. Und als seinen Kindern gehört euch alles, was ihm gehört. Gott hat es so bestimmt.“ (Galater 4,4–7)
Das Wirken des Geistes Gottes hat Auswirkungen, auch im Blick auf die ungelösten Fragen etwa nach dem Leid und die Spannungen, die sich daraus ergeben. Es ist ja nicht nur ein frommer Wunsch, sondern eine vielfach gemachte Erfahrung, was in Philipper 4,7 beschrieben wird: „Ihr werdet Gottes Frieden erfahren, der größer ist, als unser menschlicher Verstand es je begreifen kann. Sein Friede wird eure Herzen und Gedanken im Glauben an Jesus Christus bewahren.“
Angesichts der zahlreichen Verunsicherungen in unserem Leben ist es immer wieder nötig, sich den Reichtum des eigenen Glaubens vor Augen zu führen. Genauso wichtig ist es, anderen davon zu erzählen und zu bekennen, was uns im Leben trägt und trotz allem gewiss macht. Denn wer mit einem reflektierten, fröhlichen und resilienten Glauben unterwegs ist, hat ein Privileg, das er nicht nur für sich behalten will.
Die Perspektive der Hoffnung
Wer die Gewissheit geschenkt bekommt, dass Gott der allmächtige Schöpfer und gleichzeitig sein liebender Vater ist, hat eine weitreichende Hoffnung. Drei Folgen ergeben sich aus meiner Sicht daraus.
Da ist zunächst einmal die Verheißung einer neuen Welt ohne Leid, in der alle Fragen aufgehoben sein werden. Weil ich glaube, dass Gott durch sein Wort die alte Welt geschaffen hat, ist es für mich nicht schwierig darauf zu hoffen, dass derselbe Gott noch einmal kreativ werden und etwas Neues schaffen kann. Wenn er es will, und weil er es kann.
Dazu gehört zweitens die persönliche Hoffnung auf ein neues Zuhause jenseits unserer Wirklichkeit. In seiner Abschiedsrede formuliert Jesus eine Bitte, die über Kreuz und Auferstehung hinausweist (Johannes 17,24): „Vater, ich möchte, dass die, die du mir gegeben hast, bei mir sind, damit sie meine Herrlichkeit sehen können.“ Schon vorher hatte er den Jüngern beschrieben, was das bedeutet (Johannes 14,2): „Es gibt viele Wohnungen im Haus meines Vaters, und ich gehe voraus, um euch einen Platz vorzubereiten. Wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch dann so gesagt?“ – Das ist Teil meines Vertrauens, dass sich erfüllen wird, was wir hoffen (Hebräer 11,1).
In der Zeit bis dies alles erfahrene Realität wird, hoffe ich darauf – und das ist der dritte Aspekt –, dass mein Vater mich nicht unversorgt lässt. Schließlich hat Jesus gesagt (Matthäus 6,25.32): „Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer tägliches Leben – darum, ob ihr genug zu essen, zu trinken und anzuziehen habt. … Euer himmlischer Vater kennt eure Bedürfnisse.“ – Gilt das nun eigentlich, oder nicht? Darf man darauf hoffen, oder ist das nur Wunschdenken und Einbildung?
Nachdem wir die berechtigten Fragen geklärt und ich mich persönlich vergewissert habe, dass die Macht und Liebe Gottes mir gelten, lande ich wieder beim Kinderglauben, der sagt: Mein Papa kann alles!
Zur Vertiefung allein oder in der Gruppe
Klärung
- Von welchen Voraussetzungen aus betrachten Sie die Welt und gestalten Sie ihr Leben? Welche Rolle spielt Gott dabei?
- Wie denken Sie über den Schöpfungsbericht? Welche Bedeutung hat er für Sie?
- Wie gehen Sie mit dem Leid in der Welt und in Ihrem eigenen Leben um? Wie denken Sie über Gottes Rolle dabei?
Vergewisserung
- Wie mühsam oder wie selbstverständlich ist es für Sie, zu glauben, dass Gott einerseits Ihr Vater und zugleich der allmächtige Schöpfer ist?
- Welche Rolle spielen dabei Ihr Verstand und das Wirken des Heiligen Geistes?
- In welcher Atmosphäre findet Ihre Kommunikation mit Gott statt? Wie reden Sie ihn an?
Hoffnung
- Wie stark sind die drei genannten Hoffnungsperspektiven – neue Welt, neue Wohnung, Versorgung auf dem Weg – bei Ihnen jeweils ausgeprägt?
- Wie wirkt sich das in Ihrem Alltagsleben aus?
Wolfgang Kraska ist Autor und FeG-Pastor im Ruhestand.

Dieser Artikel ist in Christsein Heute erschienen. Christsein Heute ist das Magazin des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG).
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AM ENDE ALLER DINGE STEHT GOTT UND ERLÖSUNG
Ich habe aus der Textvielheit eine Frage (auch an mich selbst) heraus gegriffen: „WELCHE ROLLE SPIELEN BEI MIR DER VERSTAND UND DER HEILIGE GEIST“? Der Verstand umfasst meine Erkenntnisfähigkeit, 1) Gott in der Natur zu erkennen 2) In seinem Wirken an den Israeliten im Alten Testament und 3) In der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und seine Erlösung.
Gott zu erkennen, und dies erfolgte menschheitsgeschichtlich zuallererst durch die Natur. Seit Menschen der Vorzeit Gott in unserer Natur erleben.
Das emanzipatorische Erbe aller menschlicher Freiheit – hier durch die Befreiung der Israeliten aus der Versklavung der Ägypter – beschreibt die Freiheit aller Menschen und die Wichtigkeit einer inneren Unabhängigkeit und ist die wichtige menschliche Erfahrung durch das Alte Testament. Neben der körperlichen Freiheit wird diese durch die Befreiung des Inneren Menschen durch die Versöhnung mit Gott durch Jesus dann erreicht.
Unser großen Gehirn schafft allen Menschen Bewusstsein, starke Möglichkeit auch zur Eigenreflexion. Dies bedeutet einerseits Verantwortung zu haben für uns selbst, unser Mitmenschen und die ganze irdische Welt. Gleichsam beschreibt unsere Wesensart auch unsere Verantwortung. Leider muss ich daraus auch den Schluss ziehen, dass wir die Welt nicht unerheblich als Haifischbecken erleben und dass unsere irdische Hölle zugleich auch das Problem beschreibt, welches dann unsere Hausaufgaben sind: Die Bewahrung der Schöpfung, Kampf gegen die Klimawechsel, unsere Nächstenliebe und nach der Prophezeiung des Alten Bundes die Schwerter zu Pflugscharen zu machen und mit dem Wehen des Heiligen Geistes auch den Krieg zu ächten. In Jesus wurde Gott Mensch und verdeutlichte, dass das Doppelgebot der Liebe den Glauben ganzheitlich macht: Gott zu lieben, den Nächsten und uns selbst. Ich glaube, dass Gott eine allesumfassende Wirklichkeit, aber auch personhaft ist und wir sehr persönliche Beziehung zu ihm haben können. Mein Gott hat jedes Gebet gehört und erhört, aber bei weitem nicht alle meine Wünsch erfüllt. Ich persönlich hoffe (und glaube nicht) an die Verdammung in Ewigkeit, sondern dass sich alle Menschen am Ende aller Tage des Universums freiwillig mit Gott versöhnen. Sonst wäre nicht Jesus für alle Menschen gestorben und hätte von Gott her Versöhnung angeboten. Dies werden Säumige nachholen. Warum ich dies glaube: Weil Gott nicht versagen und sich niemals irrt kann und daher ist Jesus nicht zum Gericht, sondern zu unserer Erlösung