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„Die Bibel ist ein Hör-Buch“

Jürgen Thiesbonenkamp war Seemannspastor in Kamerun und Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe. Die Bibel spielt in seinem Leben eine große Rolle.

Ulrich Wendel: Als Kind haben Sie einmal ein Bibelquiz gemeistert – obwohl Sie erst danach eine eigene Bibel geschenkt bekamen. Wie ging das zu?

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Jürgen Thiesbonenkamp: Ich komme aus einem kleinen Dorf im Westerwald. Irgendeine Gemeinde dort hat eine Zeltmission durchgeführt. Für uns Kinder war das Zelt am Dorfrand eine Attraktion. Es gab dort auch eine Kinderstunde, zu der ich jeden Tag hingelaufen bin, mit Liedern und biblischen Geschichten. Einige kannte ich aus dem Kindergottesdienst, andere hörte ich dort zum ersten Mal.

Nach einer Weile machten die ein Bibelquiz – und ich konnte die nötige Punktzahl erreichen. Als Gewinn bekam ich eine Bibel – damals ganz klassisch eine Lutherbibel von 1912. Lange habe ich die gehütet, aber mittlerweile besitze ich sie leider nicht mehr. Abgelöst wurde sie bei mir aber schon vorher, nämlich durch die kleine Senfkornbibel, die ich zur Konfirmation bekam.

In der Rheinischen Post werden Sie zitiert: „Ich habe 1968 Abitur gemacht. Wir wollten damals eine neue Welt schaffen.“ Der Redakteur schrieb weiter, der Sinn für Gerechtigkeit und soziale Verantwortung habe Sie Ihr Leben lang begleitet. Hat die Bibel eine Rolle gespielt bei Ihrer „Mission“, eine neue Welt zu schaffen?

O ja. Als ich an der Kirchlichen Hochschule in Bethel zu studieren begann, lag dort eine Zeitschrift aus mit dem Titel „Amos. Kritische Blätter aus Westfalen“. Der Prophet Amos war mir damals nicht so geläufig. Und dann entdeckte ich Sätze von ihm wie: Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder – schafft Recht für die Witwen und Waisen!

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Das waren augen- und herzen-öffnende Inhalte. Politisch lag das ja damals auch in der Luft. Der Vietnamkrieg, das Ende des Prager Frühlings, zuvor der Beschluss der Notstandsgesetze und die Hochschulgesetze waren damals die Themen, die uns umtrieben und zu Protesten führten, manchmal auch impulsiv und spontan.

Es ging also um die Frage von Recht und Gerechtigkeit, und mich hat das damals stark motiviert zu fragen, was der Glaube dafür austrägt. In Bethel war die Kirchliche Hochschule ja nahe bei den diakonischen Anstalten, und so ergab sich schon das Thema, das ich im Rückblick beschreibe als: Wie können barmherziges Handeln – Bethel – und gerechtes Handeln miteinander verbunden werden? So wie es bei Jeremia in Kapitel 9 heißt: „Der Herr übt Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit“ (V. 23). Dieser Dreiklang!

Barmherzigkeit in dem Sinne, dass man sich dem Einzelnen zuwendet, und Gerechtigkeit im Blick auf die gesellschaftlichen Strukturen?

Hm, es ist ja beides miteinander verbunden. In meiner Pfarrstelle hier in Duisburg-Rheinhausen waren wir damals stark in den Arbeitskampf im Zuge der Stahlwerk-Schließungen verwickelt. Da spielte der Begriff Solidarität eine große Rolle, in dem sich beides zusammenfindet: den Einzelnen in seiner Angst, zum Beispiel vor der Arbeitslosigkeit, nicht hängen zu lassen, oder eine Familie, der die Überschuldung droht. Hier nach persönlichen Wegen der Hilfe suchen. Und zugleich zu fragen: Was ist der größere gesellschaftliche Zusammenhang, der Menschen Stabilität geben könnte, damit sie gar nicht erst in eine solche Krise kommen?

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„Solidarität“ ist zunächst ein eher politischer Begriff. Aber er trägt eben Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in sich. Beides ist wichtig, damit Barmherzigkeit, „charity“, nicht als Almosen von oben herab verstanden wird.

„Solidarität“ – dieses Wort findet sich in wohl keiner Bibelübersetzung, auch keiner modernen. Wo würden Sie die Sache in der Bibel wiederfinden?

Da denke ich an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37). Der war zunächst im Innersten aufgewühlt, als er die Not sah. Als er dann eingriff, hat er auch so ein bisschen seine Grenzen erkannt. Er konnte nicht dauerhaft helfen, aber den Verletzten in eine Herberge bringen. Und außerdem noch dafür zahlen, dass er dort länger versorgt wurde.

Der Samariter wollte nicht nur die Wunden mit Öl und Wein verbinden, sondern „nachhaltig“ helfen – wieder so ein Schlüsselbegriff. Damit der Verletzte wirklich wieder auf die Beine kommt. Damit hält Jesus uns auch einen Spiegel vor, indem er fragt: Was sind das denn für Lebensverhältnisse, wenn ihr eine Religion lebt, in der ihr blind werdet für so etwas?

Barmherzigkeit ist aber auch wichtig für Menschen, die heute meinen, sie müssten die Welt alleine retten. Das ist ja ein großer Leistungsdruck. Da ist dann wichtig, was Luther wieder ins Bewusstsein rief: Auch ohne dass du eine Leistung erbringst, hat Gott dich lieb und schätzt dich wert.

Ihr Lebensweg führte Sie dann über verschiedene Stationen nach Kamerun, wo Sie als Seemannspastor arbeiteten.

Ja. Zuvor habe ich anderthalb Jahre als Fernfahrer gearbeitet und dabei eine für mich völlig neue Berufs- und Lebenwirklichkeit kennengelernt. Aus diesen Erfahrungen heraus und nach meinem Vikariat in Essen habe ich mich gemeinsam mit meiner Frau auf eine Stellenanzeige der Deutschen Seemannsmission beworben, die ein Pastorenehepaar für den Hafen und das Seemannsheim in Douala (Kamerun) suchte, mit der Bereitschaft, sich auch in die Evangelische Kirche von Kamerun einzubringen. 1977 ging es los dorthin, für sieben Jahre.

Bekommt man eine andere Perspektive auf die Bibel, wenn man in Afrika lebt?

Ja. Zunächst ganz einfach: Man liest die Geschichten der Bibel in einem heißen Land anders als in Deutschland, weil sie eben auch in einem heißen Land spielen. Von außen betrachtet entdeckte ich im Alltag der Menschen, in ihrer Sorge um das tägliche Brot, der stärkeren Beziehung zur Natur, dem Fischfang mit den Einbaumbooten und den viel weniger gesicherten Lebensverhältnissen manche Parallele zu biblischen Erfahrungen.

Was ich noch bemerkte: Viele Menschen dort habe ein höheres Maß an Bibelkenntnis, als es bei uns der Fall ist. Auch deswegen, weil viele Leute mit ihrer Bibel in den Gottesdient kommen.

Abgesehen von Hitze und Fischfang: Meinen Sie, Afrikaner können von der Botschaft der Bibel manches noch ganz anders erfassen als wir Westeuropäer?

Ich habe mich – auch wissenschaftlich – viel mit afrikanischen Tod- und Trauerriten befasst. Die biblische Botschaft, dass wir siebzig oder bis achtzig Jahre auf dieser Erde unterwegs sind und dass unser Leben in der Ewigkeit Gottes eine andere Perspektive hat, das ist im Kameruner Verständnis sehr tief verankert. Ebenso der Respekt vor den Ahnen. Wir haben diese Zusammenhänge schlicht vergessen.

Dass das Leben des Einzelnen in einem umfassenden Zusammenhang steht, das ist mir dort viel deutlicher geworden. Man erlebt es dort natürlich auch viel elementarer, weil die Sterberate in den Familien viel höher ist als bei uns. Daraus ergibt sich eine Glaubenstiefe, die ich dort erlebt habe.

Und jetzt wieder auf unsere Kultur geschaut: Sehen Sie Themen oder Zusammenhänge der Bibel, die bei uns ganz neu in den Blick gerückt werden müssten?

Ich denke an die Berichte davon, wie Jesus mit Menschen mit Behinderungen umgegangen ist, Blinde und Lahme waren es damals zum Beispiel. Da steckt noch so viel Kraft drin, um uns ein höheres Verständnis von Inklusion zu vermitteln, als es bei uns oft gelebt wird. Nicht nur darauf zu schauen, dass diese Menschen geheilt wurden, sondern wieder in eine neue Lebensgemeinschaft geführt wurden. Es waren Menschen da, die sich ihrer annahmen. Wir haben hier eine Inklusionsdebatte, aber in der Praxis bleibt es weit hinter dem zurück, was programmatisch eigentlich gefordert wird. Ich sehe wichtige Impulse darin, wie Jesus auf die Menschen zugegangen ist.

Oder um noch mal auf die Botschaft von Amos zurückzukommen: Wenn ich die Machtfülle der reichen Menschen dieser Welt sehe, nicht nur in den USA, sondern auch bei russischen Oligarchen – Jesus hatte andere Menschen als diese im Blick und gibt uns vor, diese anderen im Blick zu haben. So sagt er es zum Beispiel in seiner „Antrittspredigt“ in Nazareth (Lukas 4,16-21). Er hält uns den Spiegel vor – wir dürfen uns vom Machtgedröhne nicht blenden lassen. Da hat die biblische Botschaft eine hohe Relevanz.

„Andere Menschen im Blick haben“ – da sind wir schon fast bei Ihrem Engagement für die Kindernothilfe. Sie haben einmal über Kinderrechte gesprochen und dabei gesagt: Kinder beteiligen heißt, auf Kinder zu hören. Ist das ein Grundsatz, der auch für das Verstehen der Bibel fruchtbar ist?

Die Bibel ist ja ein Hör-Buch. Viele Geschichten und Sätze regen uns an zum Hören. Wir sollen unsere Ohren so auf Empfang halten, dass wir die guten Worte der Bibel hören. Und zwar auch die Stimmen derer, die oft nicht durchdringen – zum Beispiel Kinder. Hören auch auf Berichte darüber, wie denn die Lebensverhältnisse vieler Kinder sind, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, weil sie zu Kinderarbeit gezwungen sind.

Und dann ist es wichtig, dass wir nicht allein als Erwachsene die Konsequenzen aus dem Gehörten ziehen, sondern Kinder dabei direkt beteiligen. Ich denke, zwischen biblischen Aussagen und den Kinderrechten gibt es ganz enge Verbindungen. Das habe ich in meinem Buch auch so aufgezeigt. Die Bibel spricht nicht direkt bestimmte Kinderrechte aus, aber öffnet einen Horizont, in dem ich die Kinderrechte als Menschenrechte verstehen kann.

Kinder stehen in der Bibel immer wieder im Blickpunkt. Sehr schön zu sehen bei der „Speisung der Fünftausend“: Ein kleiner Junge ist es, der seine Brote und Fische bringt. Jesus nimmt das aus der Hand eines Kindes!

Wir sollen unsere Ohren so auf Empfang halten, dass wir die guten Worte der Bibel hören. Und zwar auch die Stimmen derer, die oft nicht durchdringen – zum Beispiel Kinder.

Wenn wir „wie die Kinder werden“ sollen, wie Jesus sagt: Gibt es auch einen entsprechenden kindlichen Zugang zur Bibel?

Ich stelle mir immer vor, wenn die Eltern ihre Kinder zu Jesus bringen und Jesus sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen“, dann kann auch ich mich dort einreihen. Ich darf mich ja auch als Kind Gottes verstehen. Das hängt nicht am Alter. Das Selbstverständnis, im Glauben Kind Gottes zu sein, macht mich selbst auch etwas kindgemäßer.

Für mich heißt das: Was ich von der biblischen Botschaft gehört habe, will ich erzählen und danach leben. Ich bin kein Mensch, der sich an dogmatischen Dingen erfreut – obwohl ich auch Karl Barth gelesen habe …

Sie haben viele Länder bereist und da auch sehr viel Gewalt beobachtet, sehr viele Berichte von Betroffenen gehört, erschütternde Dinge. Wirkt sich das auch auf Ihre Lektüre der Bibel aus? Ist die Bibel auch so etwas wie ein Buch des Leidens?

Die geballten Erfahrungen, die Not, auch oft die Alternativlosigkeit der Betroffenen, das hat mich manchmal schon sehr, sehr mitgenommen. Mir fällt dann die Geschichte der Berufung von Mose ein, Gott sagt da: Ich habe das Schreien gehört und das Leid meines Volkes gesehen. Und jetzt bin ich herniedergefahren, um einen Weg nach vorn zu zeigen.

Gott ist aktiv, er hört, sieht, fährt hernieder, macht was – und ermutigt Leute, dass auch sie anpacken. Er gebraucht andere – auch uns. Dass wir in den Leiderfahrungen nicht untergehen, das ist ein wichtiger Impuls aus der Bibel heraus.

Religion und Glaube sind also nicht nur Vertröstung. Ich halte sehr viel vom Trost, der Trost hat die aktive Seite hier auf der Erde – und kann auch die Bedeutung haben: Ich kann nichts ändern, ich muss es aushalten. Aber wenn ich es aushalte, bin ich zumindest da, den Leidenden nahe. Auch Gott ist ja da und hält manchmal nur mit uns aus, was auf dieser Erde leider nicht so funktioniert, und ändert es nicht, etwa indem er als Allmächtiger wirkt. Und doch macht er uns auch immer wieder Mut und sagt: Ich brauche dich, damit es besser wird.

Dass Gott das Leid „nur“ aushält, das ist für uns ja oft kaum auszuhalten …

Es gibt diesen geprägten Satz: „Die Allmacht Gottes ist die Ohnmacht der Liebe.“ Das klingt fast gestelzt oder wie ein dogmatischer Satz. Aber dass Jesus am Kreuz stirbt, offenbart diese Seite Gottes. Und mit dem Kreuz ist gesagt: All das Böse, das sich auch gerade hier manifestiert, behält nicht das letzte Wort. Bonhoeffer hat sinngemäß gesagt: Alles, was wir an Kraft nötig haben, gibt uns Gott nicht im Voraus, sondern immer so viel, wie wir gerade brauchen. Und das ist auch schon viel!

Danke für das Gespräch!

Die Fragen stellte Dr. Ulrich Wendel. Dr. Jürgen Thiesbonenkamp leitete das christliche Hilfswerk Kindernothilfe von 2003 bis 2014 als Vorstandsvorsitzender.



Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen. Faszination Bibel wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

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