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Die Lage der Hungerstreikenden am Brandenburger Tor wird immer bedrohlicher. Führende Kirchenvertreter fordern ein Umdenken in der Asylpolitik.

 Vor den Augen von Bischof Markus Dröge kollabiert ein Flüchtling am Brandenburger Tor: Es ist der sechste Hunger- und Durststreikende, der am Donnerstag von einem Notarztwagen mit Sirene und Blaulicht in eine Klinik gebracht werden muss. Der dunkelhäutige Mann hat seit neun Tagen nichts gegessen und seit vier Tagen nichts getrunken. Er ist nicht mehr ansprechbar, sein Puls kaum noch zu fühlen.

 Vom Notruf bis zum Eintreffen des Krankenwagens vergehen gut sieben Minuten: eine gefühlte Ewigkeit. "Bis jemand kommt, stirbt er", ruft ein Unterstützer aufgebracht. Die Stimmung rund um das Camp der protestierenden Flüchtlinge am Brandenburger Tor ist angespannt. Vor allem bei deutschen Helfern liegen die Nerven blank.

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"Das ist unglaublich, was hier passiert", sagt eine Berlinerin am Nachmittag. Ihr laufen Tränen über das Gesicht. Sie ist fassungslos, dass mitten in der Bundeshauptstadt in unmittelbarer Nähe des Bundestags und der deutschen Vertretung der EU-Kommission die Flüchtlinge nacheinander vor Hunger und Durst das Bewusstsein verlieren.

Die Betroffenen selbst sehen müde aus. Wenn sie sich bewegen, müssen sie sich wegen ihrer körperlichen Schwäche auf den Schultern der zahlreichen freiwilligen Helfer abstützen, die nicht genannt werden wollen. Zermürbt und enttäuscht sind viele, dass auch am neunten Tag in Folge offenbar kein Bundespolitiker Notiz von dem Hungerstreik nehmen will. Die Proteste der Flüchtlinge würden von der Bundespolitik "komplett ignoriert", kritisiert der Berliner Flüchtlingsrat.
 Die Flüchtlinge wollen eine Anerkennung ihrer Asylanträge erwirken. Am Donnerstagnachmittag waren von den einst knapp 30 Protestierenden noch etwa ein Dutzend am Brandenburger Tor. Die anderen wurden in mehreren Krankenhäusern medizinisch betreut.

"Die Situation ist sehr ernst", sagt der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, bevor er sich mit Diakonie-Präsident Johannes Stockmeier und dem Bevollmächtigten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei Bundesregierung und EU, Martin Dutzmann, zu einem persönlichen rund halbstündigen Gespräch mit mehreren Flüchtlingen in die nahe liegende Akademie der Künste zurückzieht.

 Vor Pressevertretern sagt der Bischof später: "Wir sind hierher gekommen, weil wir uns Sorgen machen um den Gesundheitszustand der Menschen hier." Er berichtet auch, dass er den Flüchtlingen indirekt zur Beendigung des lebensgefährlichen Streiks geraten habe. Zugleich versichert er, dass sich Kirchenvertreter nun persönlich bei politisch Verantwortlichen dafür einsetzen wollen, "dass für jeden Einzelnen hier eine Lösung gefunden wird".

 Diakonie-Präsident Stockmeier fügt hinzu, man wolle, "dass sich in diesem Land was ändert." Zuvor hatte die Diakonie Deutschland eine Erklärung veröffentlicht, in der ein «Umdenken in der Asyl- und Flüchtlingspolitik wie auch in der Migrationspolitik der Europäischen Union» gefordert wird. "Es ist höchste Zeit, eine humane Einwanderungspolitik zu entwickeln", heißt es dort.

 Der EKD-Bevollmächtigte Martin Dutzmann betonte unterdessen, die Politik müsse nun handeln und helfen. "Man kann nicht zusehen, dass Menschen sich solchen schweren Schaden zufügen", sagte Dutzmann.

 Die drei Kirchenmänner waren am Donnerstag zur Konferenz Diakonie und Entwicklung in Berlin zusammengetroffen. Angesichts der dramatischen Situation am Brandenburger Tor hatten sich Dröge, Stockmeier und Dutzmann spontan entschlossen, die Flüchtlinge persönlich zu besuchen. 

(Quelle: epd)