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Disziplin ist kein Spielverderber

Wie viel Disziplin muss sein? Und warum fällt sie oft so schwer? Susanne Ospelkaus hat die guten Seiten der Selbstbeherrschung entdeckt.
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„Reiß dich mal zusammen!“ – „Verlier nicht die Beherrschung!“ – „Sei etwas disziplinierter!“ Solche Sätze habe ich schon oft gehört, und manchmal sage ich sie zu mir selbst, zum Beispiel wenn mich der rücksichtslose Autofahrer aufregt, meine Ernährung umstelle oder mehr Sport machen will. Mit dem Begriff „Selbstbeherrschung“ verbinden wir häufig Unangenehmes. Entweder müssen wir unsere Gefühle unterdrücken oder auf etwas verzichten oder uns zu einer Aktivität zwingen. Dabei will die Selbstbeherrschung weder Spielverderber noch Miesepeter in unserem Alltag sein.

Gibt es ein Gedulds-Gen?

In den 1960er Jahren gingen Forscher der Frage nach, ob es eine Veranlagung für Selbstbeherrschung gibt. Psychologen entwickelten den Marshmallow-Test. Kinder wurden in einen Raum geführt und an einen Tisch gesetzt, darauf lag ein Marshmallow. Wenn sie diesen nicht aßen und warten konnten, dann bekamen sie einen zweiten. Während die Kinder mit der Verlockung rangen, beobachteten die Forscher das Verhalten. Es gab Kinder, die die Augen verschlossen, sich wegdrehten oder sich vorstellten, die Süßigkeit wäre nur Watte. Sie träumten von der Belohnung, wenn sie lang genug warten würden. Andere leckten heimlich am Marshmallow oder aßen ihn einfach auf.

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Die Kinder hatten unterschiedliche Strategien, mit der Versuchung umzugehen. Aus dem Test wurde eine Langzeitstudie und man konnte beobachten: Wer selbstbeherrscht war, war erfolgreicher in der Lebensgestaltung in Bereichen wie Beruf, Beziehungen und Gesundheit. Ein Gedulds-Gen konnte nicht gefunden werden, aber man hat erkannt: Jeder Mensch besitzt eine Portion Selbstbeherrschung.

Oft aktivieren wir sie, indem wir uns die unangenehmen Konsequenzen vorstellen: Wenn ich nicht mit dem Hund Gassi gehe, pinkelt er auf den Teppich. Wenn ich jeden Abend vor dem Fernseher Chips esse, werde ich dick. Wenn ich zu spät zur Arbeit komme, schimpft mein Chef. Wenn ich die warme Wäsche aus dem Trockner nicht gleich zusammenlege, werde ich mich später mit der zerknuddelten Kleidung plagen.

„Es ist normal in unserer Gesellschaft, ein Verlangen sofort zu stillen. Aber das ist keine Freiheit.“

Mentaltrainer und Motivationscoachs bemühen sich um einen positiven Aspekt und wechseln die Perspektive: Wenn du abends keine Knabbereien isst, wirst du besser schlafen und dich fitter fühlen. Wenn du pünktlich bei der Arbeit bist, wirst du produktiver sein.

Blei in den Füßen

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Als ich nach einer anstrengenden Therapie an einem Erschöpfungssyndrom litt, wäre ich am liebsten den ganzen Tag im Bett geblieben. Doch Schlaf brachte keine Erholung, deshalb empfahl mir die Ärztin Ausdauersport. Jeden Tag kämpfte ich mit der Option, ob ich mich zwischen Kissen kuschele oder die Laufschuhe anziehe. Ich hasste die Disziplin, denn sie war unangenehm, fast schmerzhaft. Ich lief, als hätte ich Blei in den Füßen. Walkende Senioren überholten mich. Es war so frustrierend. Aber die Aussicht, endlich wieder leistungsfähiger und emotional belastbarer zu sein, hat mich angetrieben. Inzwischen liebe ich meine Joggingrunde, die Bewegung, die frische Luft und das gute Körpergefühl.

Egal, in welchem Bereich wir uns um Disziplin mühen, es wird uns immer Überwindung kosten. Und manchmal brauchen wir einen Freund, der uns ermutigt. Einen größeren Unterstützer als Gott können wir nicht finden. Er weiß um unsere Schwäche und kümmert sich darum. Im Galaterbrief steht: „Wenn wir aber nach dem Geist leben, so wird der Geist folgende Frucht hervorbringen: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme, Selbstbeherrschung. Gibt es ein Gesetz, das auf solche Tugenden ausgerichtet ist?“ Nein, es gibt kein Gesetz, aber es gibt den hoffnungsvollen Zuspruch, dass uns der Geist Gottes hilft, unsere Persönlichkeit zu festigen. Mehr Liebe. Mehr Geduld. Mehr Freundlichkeit. Mehr Selbstbeherrschung. Göttliche und menschliche Liebe beeinflussen unseren Charakter.

Liebe und Geduld

Die Marshmallow-Forscher entdeckten einen Zusammenhang zwischen Liebe und Geduld. Kinder, die aus einem stabilen und liebevollen Elternhaus kamen, zeigten mehr Disziplin. Sie konnten warten, denn sie hatten die Erfahrung gemacht, dass ein Versprechen eingehalten wird.

Wenn ich als Kind mit meinen Eltern einkaufen war und unbedingt etwas haben wollte, haben sie oft gesagt: „Warte, wir finden noch etwas Besseres.“ So war es auch. Heute fällt es mir leicht, einen Einkaufsbummel zu verschieben oder auf ein besseres Angebot zu warten.

Hinter der Sehnsucht nach sofortiger Erfüllung eines Wunsches kann sich die Sorge verbergen, zu kurz zu kommen. Die Welt um uns herum treibt diesen Gedanken an und ruft: „Kauf mich. Gönn dir was Gutes. Du hast das verdient. Wozu warten?“ Es ist normal in unserer Gesellschaft, ein Verlangen sofort zu stillen. Aber das ist keine Freiheit. Die Angst, zu kurz zu kommen, schleicht sich bis in unsere Emotionen. Wieso soll ich meine Wut unterdrücken, wenn man mir Unrecht getan hat? Wieso soll ich zurückstecken?

„Manchmal bedeutet der richtige Umgang mit der Disziplin,
den Marshmallow einfach in den Mund zu stopfen.“

Gefühle wie Wut, Angst oder Enttäuschung haben ein großes Mitteilungsbedürfnis. Das sieht man deutlich in den sozialen Medien. Ein gutes Übungsfeld für Geduld und Selbstbeherrschung ist der Umgang mit unseren heranwachsenden Kindern. Sie haben Regeln gebrochen oder Verantwortung nicht wahrgenommen und trotzdem haben sie reichlich Ausreden. Als Eltern haben wir berechtigte Gründe, mal so richtig aus der Haut zu fahren. Ein hilfreiches Gespräch kann nur abseits der Gefühlsausbrüche geführt werden. Durchatmen, innehalten, sich beherrschen – dann entsteht Freiheit. Die Selbstbeherrschung schenkt uns die Freiheit, sich weder Gefühlen noch Bedürfnissen auszuliefern.

Fehlendes Talent ausgleichen

Üben, dranbleiben, üben, fokussieren, üben, konzentrieren, üben, verzichten, üben, korrigieren, üben … All das kann trotz wenig Talent einen geschickten Handwerker, virtuosen Musiker oder leistungsstarken Sportler hervorbringen. Wir sind nicht auf eine Veranlagung festgenagelt. Wir dürfen Neues ausprobieren. Ich arbeite als Ergotherapeutin, hatte aber schon immer Freude am Schreiben. Schnell merkte ich, dass ich als Autodidaktin kaum Fortschritte machte. Ich begann ein Fernstudium, schrieb Kurzgeschichten und wurde kritisiert, korrigiert, aber auch ermutigt. Ich übe, lerne und zweifle an der Schreiberei. Doch es gibt eine Konstante in diesem Prozess, und das ist Freude am Schaffen.

Mit Disziplin und Gottvertrauen können wir Herausforderungen schultern, Neues entdecken und darin Erfüllung finden.

Die Lebensfreude nicht verlieren

Wer es mit der Selbstbeherrschung zu weit treibt, verliert die Lebensfreude. Wer sich nur noch antreibt und verzichtet und Höchstleistungen von sich fordert, der ist irgendwann ausgebrannt. Manchmal bedeutet der richtige Umgang mit der Disziplin, den Marshmallow einfach in den Mund zu stopfen und ihn zu genießen. Es muss die spontanen Momente in unserem Leben geben, wo wir uns etwas gönnen, ohne anschließend ein schlechtes Gewissen zu haben.

Als Familie sind wir aktiv in Kirche und Fußballverein, haben gern Gäste und lieben es, in die Berge zu fahren. Aber für meine Söhne und meinen Ehemann ist es eine Freude, wenn wir einen Faulenzsamstag ausrufen. Einen ganzen Tag abhängen, über Smartphones wischen, Spotify hören, Sportschau gucken und Pommes futtern und das Beste: von früh bis spät im Schlafzeug rumlaufen.

Die Marshmallow-Psychologen konnten das Leben der Kinder vermessen und ihren Werdegang beobachten. Die selbstbeherrschten Menschen waren sehr erfolgreich. Aber ob sie auch glücklicher waren, konnte die Studie nicht aufzeigen.

In der Auflistung im Galaterbrief steht die Liebe an erster Stelle und die Selbstbeherrschung an letzter. Ich weiß nicht, ob es eine Prioritätenliste ist, aber alles himmlisch Gute entspringt und mündet in der Liebe. Der Geist Gottes möchte mit uns Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtname und Disziplin üben. Auch wenn das Training anstrengend ist, wird es unserem Leben mehr und mehr Freiheit verleihen, „denn wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.“ (2. Korinther 2, 17).

Aus der Mahnung „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ ist ein Ermutigungsruf geworden, dem spontanen Bedürfnis zu widerstehen. Denn was Gott für uns bereithält, ist mehr als nur ein zweites Marshmallow.


Dieser Artikel ist zuerst in der Family NEXT erschienen, die wie jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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