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Der württembergische Pietismus beteiligt sich trotz einiger theologischer Differenzen am Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Das betonten der Leiter der ChristusBewegung "Lebendige Gemeinde", Dekan Ralf Albrecht, und der EKD-Synodale und Vorsitzende des größten pietistischen Verbandes in Württemberg, "Die Apis", Pfarrer Steffen Kern, in einem Interview mit dem evangelischen Wochenmagazin "ideaSpektrum".

Gegensätzliche Beurteilungen gebe es beispielsweise im Blick auf die abgelehnte Mitwirkung messianischer Juden, die Beurteilung der Gender-Ideologie und die Haltung gegenüber sexuell enthaltsam lebenden Homosexuellen. Messianische Juden glauben wie Christen, dass Jesus Christus der Erlöser und Herrscher der Welt ist. Sie betrachten sich aber weiter als Mitglieder des jüdischen Volkes. Der Kirchentag unterstellt ihnen juden-missionarische Absichten und untersagt ihnen eine Beteiligung, etwa im "Markt der Möglichkeiten" oder beim "Abend der Begegnung". Albrecht und Kern zufolge ist das Verhalten des Kirchentages nicht nur theologisch, sondern auch kirchenpolitisch ein fragwürdiges Signal.

Allerdings enthalte das Stuttgarter Treffen einen kleinen positiven Schritt. Bei einem Forum könne erstmals ein messianischer Jude aus London reden. Außerdem würden am Stand der "Apis" Publikationen ausgelegt, "in denen auch unsere Gemeinschaft mit messianischen Juden betont wird". Beim "Christustag", den die "Lebendige Gemeinde" in einer Kirchentagshalle feiere, werde nicht nur der israelische Generalkonsul Dan Shaham (München) ein Grußwort sprechen, sondern auch der Leiter einer Stuttgarter jüdisch-messianischen Gemeinde, Anatoli Uschomirski. Dies zeige, "dass wir den Juden Jesus als Messias und Retter für alle Menschen betrachten und gleichzeitig Solidarität mit dem jüdischen Volk, also Israel, üben", sagte Albrecht.

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"Im Grunde das Ende der Pluralität"

Ein anderer Irrweg des Kirchentags sei, dass sich die Verantwortlichen "erdreisten, einzelne Gruppen auszuschließen und über sie zu urteilen". Dies betreffe etwa die "Bruderschaft des Weges", deren gleichgeschlechtlich empfindende Mitglieder sich zur sexuellen Keuschheit entschieden haben. Ihr Ausschluss vom "Markt der Möglichkeiten" sei sehr schwer nachvollziehbar "und im Grunde das Ende der Pluralität", so Kern. Die Entscheidung sei ungehörig. Sie richte sich gegen Christen, die aus ihrer Einsicht heraus ein Lebensmodell der Enthaltsamkeit praktizieren. Der Beschluss werde selbst in weltlichen Medien nicht verstanden, weshalb eine Regionalzeitung titelte: "Keusche Schwule haben keinen Platz auf dem Kirchentag."

Für ein Zentrum Ehe und Familie auf dem Kirchentag

Auch beim Thema der Gender-Ideologie, bei der es um die Einebnung der Unterschiede von Mann und Frau gehe, unterschieden sich die Pietisten von der Position des Kirchentagspräsidiums, so Albrecht. Feministisch geprägte Gender-Studien lehren, dass die Geschlechterverhältnisse weder naturgegeben noch unveränderlich, sondern sozial und kultur-geprägt seien. Zur Gender-Thematik gibt es ein Zentrum auf dem Kirchentag. Wenn er zur Podiumsdiskussion eingeladen worden wäre, hätte er auch dort seine Position vertreten, so Albrecht. Kern sagte, für den nächsten Kirchentag wünsche man sich ein Zentrum Ehe und Familie.

Die Chancen des Pietismus nutzen

Albrecht warb ferner dafür, die Chance des öffentlichen Auftritts beim Kirchentag zu nutzen. So machten prominente Pietisten bei der Veranstaltung "Streit um die Bibel" mit, etwa der Leiter des Liebenzeller Gemeinschaftsverbandes, Hartmut Schmid, Schwester Heidi Butzkamm vom Diakonissenmutterhaus Aidlingen und die Leiterin des württembergischen Bibelmuseums, Pfarrerin Franziska Stocker-Schwarz. Auch viele evangelikale Werke wirkten mit. Pietisten hielten Bibelarbeiten und gestalteten Musik und Gebetstreffen. Eine Umfrage unter Jugendlichen habe ergeben, dass das Liedgut des Kirchentages stark von der evangelikalen Bewegung geprägt sei.

(Quelle: Idea.de)