- Werbung -

Warum das Lesen der Paulusbriefe so herausfordernd ist

Die Paulusbriefe sind im Kern klar – oder doch nicht? Antike Sprache, alte Übersetzungen und unbequeme Aussagen lassen sie komplizierter erscheinen, als sie sind.

Von Dr. Pieter Lalleman

- Werbung -

Bei der Behandlung dieses Missverständnisses muss ich gleich zu Beginn ein Stück einräumen: Für uns im 21. Jahrhundert ist es tatsächlich nicht leicht, die Briefe von Paulus zu lesen. Der Apostel benutzt nun einmal keine einfache Alltagssprache.

Das Problem liegt dabei natürlich zum Teil bei uns selbst. Unsere Gesellschaft ist stark von einer Bild-Kultur geprägt, und wir sind es immer weniger gewohnt zu lesen. Aber wenn Sie Paulus schwierig finden, sind Sie in guter Gesellschaft: Nach 2. Petrus 3,15-16 war man schon vor sehr langer Zeit derselben Meinung. Trotzdem möchte ich ein paar Punkte nennen, um zu erklären, wie Paulus geschrieben hat, und ihn ein bisschen verteidigen.

Im Kern klar

Als Erstes möchte ich festhalten, dass die grundlegenden Lehren der Paulusbriefe sehr klar sind. Im Römerbrief erklärt er zum Beispiel den Kern des Evangeliums, und Sie kennen bestimmt einige der großartigen Passagen aus diesem Brief. Im 1. Korintherbrief weist er eine Gemeinde zurecht, in der (fast) alles getan wurde, was Gott verboten hat. Auch das ist sehr klar. Im Brief an Philemon weist er darauf hin, dass auch Sklaven Brüder (und Schwestern) sind, und stellt dadurch die gesellschaftlich verankerte Sklaverei infrage. Was wir schwierig finden, sind oft die Details, nicht die Kernaussagen. Darum rate ich Ihnen, sich beim Lesen auf die Hauptaussagen zu konzentrieren.

Wir kennen nur die Hälfte

Zweitens ist es nicht die Schuld von Paulus, dass wir nicht immer wissen, was er meint. Wenn man Briefe liest, die an andere gerichtet sind, ist das so ähnlich, wie wenn man ein Telefongespräch mithört: Man hört nur die eine Seite der Geschichte. Paulus’ Leser, die sich „am anderen Ende der Leitung“ befanden, wussten zweifellos, was er meinte. So kannten die Kolosser natürlich die Irrlehre, die in ihrer Gemeinde kursierte, und die Korinther wussten, warum sie sich „für die Toten“ taufen ließen (1. Korinther 15,29). Uns liegen heute keine Informationen mehr über diese Dinge vor, und das ist auch nicht nötig.

- Weiterlesen nach der Werbung -

Erläuterung ist nötig

Mein dritter Punkt hängt hiermit zusammen. Zur Zeit von Paulus war es die Aufgabe des Überbringers, einen Brief, den er oder sie überbrachte, zu erläutern, wie wir in Apostelgeschichte 15,27 und 32 sehen. So wird Phöbe (Römer 16,1) den Christen in Rom dabei geholfen haben, den Römerbrief zu verstehen, und Epaphroditus wird den Philippern, falls erforderlich, den Philipperbrief erklärt haben (Philipper 2,25). Uns fehlt diese Hilfe und dadurch sind wir gegenüber den ersten Lesern im Nachteil, aber das ist nicht Paulus’ Schuld. Andererseits stehen uns natürlich Bibelkommentare zur Verfügung, in denen Theologen den Hintergrund eines Textes erläutern.

Alltagssprache

Viertens benutzte Paulus die Umgangssprache seiner Zeit, das Koinē-Griechisch. Daher ist es ein Missverständnis, dass die Bibel in „biblischer Sprache“ geschrieben ist oder dass Paulus absichtlich umständlich geschrieben hat. Als guter Lehrer stellte er oft Fragen, um seine Zuhörer bei der Stange zu halten, vor allem bei dem schwierigen Lehrstoff im Römerbrief. Zählen Sie einmal nach, wie viele Fragen er dort stellt, und achten Sie darauf, wie angenehm es sich liest. Im 1. Korintherbrief weist er mit den Worten „was … betrifft“ deutlich darauf hin, dass er auf eine Frage der Gemeinde eingehen wird; Beispiele hierfür sind 1. Korinther 7,1.25; 8,1; 12,1 und 16,1.

„Menschen, die Griechisch verstehen, wissen, dass der Brief an die Hebräer in viel schwierigerem Griechisch geschrieben ist als die Paulusbriefe, und das Griechisch vieler anderer Autoren, zum Beispiel des jüdischen Historikers Josephus, ist sogar noch schwieriger.“

Vergleichsweise einfach

Fünftens sind die Sätze von Paulus gut verständlich. Die meisten seiner Sätze sind sowieso ziemlich kurz; die wenigen Male, in denen sie tatsächlich lang sind, wie zu Beginn des Epheserbriefes, sind sie dennoch nicht unnötig kompliziert. Vorwiegend reiht Paulus einfach Satzglieder aneinander, die er mit Worten wie „und“ verbindet und benutzt wenig Nebensätze. Menschen, die Griechisch verstehen, wissen, dass der Brief an die Hebräer in viel schwierigerem Griechisch geschrieben ist als die Paulusbriefe, und das Griechisch vieler anderer Autoren, zum Beispiel des jüdischen Historikers Josephus, ist sogar noch schwieriger.

Oft scheint der Apostel sogar die gesprochene Sprache zu benutzen; das sieht man dann, wenn die Grammatik eines Satzes nicht ganz korrekt ist. Das ist zum Beispiel in 1. Korinther 2,9 der Fall, wo ein paar Worte fehlen, die in den meisten deutschen Bibelübersetzungen zum besseren Verständnis ergänzt sind. In 1. Korinther 3,2 benutzt Paulus nur ein einziges Verb, wo eigentlich zwei nötig wären. Er schreibt: „Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht feste Speise“. Was er meint, ist: „Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht feste Speise zu essen gegeben.“ Hier formulieren die meisten deutschen Übersetzungen zum besseren Verständnis um; so schreibt beispielsweise die Neues Leben Bibel: „Milch habe ich euch gegeben, keine feste Nahrung …“.

- Werbung -

Zeitgemäße Übersetzung nötig

Punkt sechs: Manchmal liegt es an uns selbst, dass wir Paulus (und andere Verfasser von Bibeltexten) nicht verstehen – nämlich dann, wenn wir eine schwer verständliche oder zu alte Übersetzung benutzen. Wir dürfen annehmen, dass die Deutschen zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Luther-Übersetzung von 1912 verstanden haben. Aber die deutsche Sprache hat sich verändert und darum ist die Sprache der alten Lutherbibel für uns teilweise schwer verständlich. Weil Paulus und andere Bibel-Autoren die normale Umgangssprache ihrer Zeit benutzen, ist es unsere Aufgabe, ihre Texte in eine Sprache zu übertragen, die normale Menschen verstehen können.

Das geschieht leider nicht immer. In England gab es zum Beispiel im 17. Jahrhundert schon verschiedene gute Bibelübersetzungen. Als man die autorisierte Fassung in Angriff nahm, die als King-James-Übersetzung bekannt wurde, benutzte man absichtlich eine gehobene Sprache, um der Bibel mehr Ansehen zu verschaffen. So wurde die Bibel zu einem schwierigen Buch. Das finde ich schlimm!

„Diese Menschen fühlen sich auf den Schlips getreten, zum Beispiel dadurch, dass Paulus Sünde beim Namen nennt. Die Worte des Apostels tun weh und die Leser schlagen zurück.“

Kantige Inhalte

Und schließlich: Manche Menschen, die Paulus einen schwierigen Schreibstil vorwerfen, meinen eigentlich etwas anderes, nämlich, dass sie seine Worte zu hart, zu scharf oder zu streng finden. Diese Reaktion könnte dadurch begründet sein, dass Paulus einen schwachen Punkt in ihrem Leben anspricht. Diese Menschen fühlen sich auf den Schlips getreten, zum Beispiel dadurch, dass Paulus Sünde beim Namen nennt. Die Worte des Apostels tun weh und die Leser schlagen zurück. Spiegelt das auch Ihre eigene Erfahrung mit Paulus wider? Seien Sie in dem Fall ehrlich und geben Sie zu, dass unangenehm oder schmerzlich etwas anderes ist als schwer zu verstehen.

Jesus bekam übrigens das gleiche Feedback: „Viele nun von seinen Jüngern, die es gehört hatten, sprachen: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?“ (Johannes 6,60). Diese Menschen verstanden Jesus sehr gut, aber sie nahmen Anstoß an seinen Worten. Jesus und Paulus richten sich nicht nach dem Geschmack der damaligen Menschen und auch nicht nach dem, was uns heutzutage gefällt.

Dr. Pieter Lalleman war Dozent für Neues Testament am Spurgeon’s College, London, ist jetzt Pastor der Knaphill Baptist Church, England, und zudem Herausgeber der Europäischen theologischen Zeitschrift (Übersetzung von Martina Merckel-Braun).



Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen. Faszination Bibel wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

NEWS & Themen

2 Kommentare

  1. Ehrlich gesagt, habe ich als Teenager die Paulus-Briefe in keiner Weise verstanden. Vor einigen Jahren las ich sie noch mal, und finde, sie enthalten viele schöne Passagen, wie z.B. die über die Liebe. Teilweise sieht man aber auch, dass vieles, was darin steht, z.B. über die Sünde, angezweifelt wird oder umgedeutet wird, weil es für das persönliche Leben zu folgenreich wäre, wenn man sich daran halten würde.

  2. Paulus war selbstkritisch und niemals selbstgerecht

    Im Brief an Philemon bzw. an die Korinther in Griechenland weist Paulus darauf hin, dass auch Sklaven Brüder (und Schwestern) sind, und stellt dadurch die gesellschaftlich verankerte Sklaverei infrage. Ich denke daß dieses uralte Fehlverhalten nicht nur in antike Zeiten fällt, sondern leider ist unsere Sklaverei bis heute nie abgeschafft wurde, wenn ich an die Prostitution denke. Sie gedeiht in der Halbwelt oft der völligen Gesetzlosigkeiten.
    An späterer Stelle wandte er sich gegen die Irrlehre einer Totentaufe. Menschen fühlen sich oft, wohl auch damals, auf ihren Schlips getreten zum Beispiel dadurch, dass Paulus (ihre) Sünde beim Namen nennt. Der Apostel richtete sich nicht nach dem Geschmack damaliger Menschen. Es geht ja auch bei der Sünde nicht darum. Dinge falsch zu machen und kein perfekter Christ ohne Ecken und Kanten zu sein. Sünde ist die Trennung von Gott – und daß man dadurch sich vom Willen Gottes entfernt, wenn man etwas nicht tut, oder etwas tut gegen sein eigenes Gewissen, oder gegen besseres Wissen. Da denke ich momentan eher kollektiv, daß es unsere Regierung ist, die Gelder für die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer gestrichen hatte. Oder unsere Ortskräfte, die vom Taliban mit dem Leben bedroht sind, weil sie trotz deutscher Zusage aus Pakistan jetzt wieder ausgewiesen werden, und auch gegen Gerichtsbeschluss nicht nach Deutschland einreisen dürfen. Für mich wäre es Sünde, dies nicht immer zu wiederholen. Aber da will mich leider niemand kritisieren. Ich bitte auch um Verständnis, daß ich meine eigenen Sünden hier aber nicht beichte.

    An Jesus nahmen die Menschen genauso Anstoß, seine Rede sei zu hart. Aber dem Menschensohn Jesus ging es ja auch um Gott, seinen Willen und wenn er nicht getan wurde. Etwa sagte er, daß alles Negative, Unmenschliche und Lieblose etwas darstellt, was ebenso dann ihm angetan wird. Jeder Tote im Krieg oder Terror schlägt ihn wieder ans Kreuz. In Jesu Begegnung mit Menschen ist Jesus und vermutlich auch Paulus stets freundlich und liebevoll. Da Jesus allerdings aramäisch sprach, dies ins Griechische übersetzt und dann wieder rückübersetzt wurde, sind sogar die Originalsätze in aramäisch zumeist sehr viel freundlicher, als sie in der Bibel stehen. Auch Paulus hat auch niemals die griechischen Götter madig gemacht, sondern verwies auf die bessere Alternative des unbekannten Gottes. Dies war rhetorisch sehr gekonnt und auch überaus schlagfergtig.

    Paulus ist mir sympathisch in seiner Selbstkritik, denn er behauptet oft dass zu tun was er nicht tun will und nicht zu tun, was aber nötig wäre. Dies passiert mir ebenso öfter. Es ist manchmal aber gute Angewohnheit, in den Fehlern der Anderen auch die eigenen miesen Fehlhaltungen gut zu erkennen. Vielleicht im Zweifel die Worte der Nachbarin negativ zu interpretieren, statt mal etwas gutes zu sagen. Immerhin hatte Paulus als der vormalige Saulus die Christen verfolgt, eine schlimme Vergangenheit, doch dies hielt ihn von jeder Selbstgerechtigkeit (was Eitelkeit ist)völlig ab.

    Daß Paulus vor Damaskus Jesus begegnete, hielt er zurecht für eine riesengroße Gnade und es ist bekannt daß Gnade von Gott immer ein völlig unverdientes Geschenk ist. Daß Jesus für mich gestorben ist, weil ich eben wie jeder Mensch ein Sünder bin, macht mich nicht automatisch besser als Menschen, die vielleicht gar keine Christinnen sind, dafür aber öfter empathischer. Die Liebe Gottes zu uns allen ist nicht verdienbar, stets auch vorbedingslos und schon Luther hatte in seinem Kampf um den gnädigen Gott die schmerzhafte Erkenntnis, daß sogar seine Selbstgeißelung ihn nicht frömmer machte. Was ihn und alle Menschen dankbarer machen müsste, daß Gott mich und dich grundsätzlich liebt und dies bereits seit vor unserer Geburt auf Erden. Ich denke, was nicht zu diesen Zeilen passt, wäre Bigotterie und dies ist stets eine Form aufgesetzter Frömmigkeit, die nicht aus dem Herzen kommt und die wir nur imitieren. Im Gegensatz dazu steht das 13. Kapitel des Korintherbriefes, vorangestellt dass die Liebe langmütig und freundlich ist. Ausleger sagen zu diesem Text, daß damit auch und vorallem Gott gemeint ist und in seinem Wesen Jesus als Mensch so lebte. Gott ist, der kein Feuer vom Himmel wirft, der keinerlei Kriege führt und der uns durch Jesus bittet, sogar unsere Feinde zu lieben.

WAS KANNST DU ZUM GESPRÄCH BEITRAGEN?

Bitte gib hier deinen Kommentar ein
Bitte gib hier deinen Namen ein

Konnten wir dich inspirieren?

Jesus.de ist gemeinnützig und spendenfinanziert – christlicher, positiver Journalismus für Menschen, die aus dem Glauben leben wollen. Magst du uns helfen, das Angebot finanziell mitzutragen?