Diakoniepräsident Dr. Ulrich Lilie wirbt in seinem neuen Buch für den Dialog mit den Unzufriedenen, die sich von Populisten mitreißen lassen, grenzt sich aber gleichzeitig scharf von Hetze ab. Im Ansatz stark, findet unser Gastkommentator Rüdiger Jope, vermisst jedoch den Praxisbezug – dafür macht er selbst drei Vorschläge.

Von Rüdiger Jope

Ulrich Lilie legt die Latte hoch, wenn er in seinem Buch „Unerhört – vom Verlieren und Finden des Zusammenhalts“ schreibt: „Wir brauchen Volksparteien, Wohlfahrtsverbände und Kirchen, die in die vernachlässigten Stadtviertel, Dörfer und Landstriche zurückkehren: an die Orte, in denen nicht nur die öffentliche Briefkästen, sondern oft die gesamte soziale Infrastruktur verschwunden ist.“

In „Unerhört“ analysiert der studierte Theologe und Pfarrer klug und messerscharf die Problematik unserer Tage: Es gibt in diesem Land deutlich sichtbare Probleme mit Gerechtigkeit, gerechter Teilhabe und dem Gefühl, (nicht) gehört zu werden. Sein Lösungsvorschlag lautet: Hört zu und redet! Denn „nur so kann ein Klima des Respekts entstehen, das Unerhörte ins Erzählen bringt, zum Zuhören einlädt und den Umgang miteinander nachhaltig verändert.“ Lilie grenzt sich dabei klar von den Hetzern ab, aber er bekennt auch: „Waren auch mir Pegida und Co zunächst ausschließlich suspekt und zuwider, habe ich heute den Eindruck, mit meinem Urteil zu schnell und zu pauschal gewesen zu sein.“ Er plädiert für Kneipengespräch unter dem Slogan: Lass dir öfter sagen, was du nicht hören willst!

Lilie kennt sich aus. Er weiß um die Herausforderungen des Mauerfalls und die damit verbundene Deindustrialisierung ganzer Landstriche. Er benennt die negativen Folgen der Globalisierung und die rasante Veränderung der Welt durch die Digitalisierung. Er kennt Wohnungsnot, Leben am oder unter dem Existenzminium, Kinderarmut und Hartz 4. Er geißelt die damit verbundene Neiddebatte und kritisiert die, die Flüchtlinge gegen Rentner ausspielen. „Unerhört“ ist an diesem Punkt ein starker Weckruf gegen die schleichende Entsolidarisierung unserer Gesellschaft.

Innerlich feuere ich den Diakonie-Präsidenten hier an. Wir benötigen eine Rückkehr zu den „politisch Verlassenen“. Wir brauchen eine Vielzahl vertrauenswürdiger Männer und Frauen in Mecklenburg oder im Emsland, „die bereit sind, den Alltag und das Leben der ‚Abgehängten‘ zu teilen und ihnen mit der gebotenen Wertschätzung zu begegnen.“

Drei Vorschläge für die Praxis

Lilies Anlauf ist stark, aber aus meiner Sicht reißt er die Latte. Sein Buch atmet für mich noch zu viel Trainingstheorie. Dem leidenschaftlichen Plädoyer auf 162 Seiten für Veränderungen in unserem Land sollte jetzt eine mutiges „Wort zur Tat“ folgen. Drei Vorschläge hätte ich:

1. Wie wäre es, wenn die Diakonie und deren verbundene Werke tarifliche Löhne zahlen? Wenn Putzkräfte in Krankenhäusern, Altenheimen und Kindertagesstätten nicht outgesourct würden? Die Klärung der Magenfrage nicht an Billigeimer ausgelagert würde? Wie wäre es, wenn die Diakonie dem Bundesarbeitsminister auf die Finger klopfen würde, damit dieser nicht dem billigsten Anbieter einer sozialen Maßnahme den Auftrag zukommen lässt, sondern dem, der seine Angestellten ordentlich bezahlt?

2. Mit der Einführung der Pflegeversicherung 1995 blieb der herkömmliche diakonische Auftrag der Kirche mit der professionellen Erbringung und Abrechnung von Kranken- und Pflegeleistungen auf der Strecke. Die „Gemeindeschwester“ als Verkörperung der persönlichen und seelsorgerlichen Zuwendung, als Kitt des Dorfes, war damit „tot“. Wie wäre es, wenn der Diakoniepräsident hier Nägel mit Köpfen machen würde und für zehn Jahre jeweils zehn Pioniere in jedes Bundesland senden würde – sozusagen ein diakonsches FreshX-Projekt -, die dann in Moers-Mattheck oder Marzahn-Hellersdorf Glaube, Hoffnung und Liebe säen?

3. „Unerhört!“ will einladen zum Gespräch. Wie wäre es, wenn die Kirche hier den Anfang macht und unliebsame Redner nicht in linksliberalen Engstirnigkeit und Angst von ihrem Kirchentag fernhält, sondern gerade auf den Podien klar macht: Wir zeigen dem Rassismus die Rote Karte, verweigern uns aber nicht denen, die Symptome einer tieferliegenden gesellschaftlichen Krise benennen?

Ich stimme Lilie zu: „Wir schaffen das nur mit der Mitwirkung aller Beteiligten.“ Sein Buch ist ein gewagter Hochsprung im globalen Dorf. Doch noch bleibt die Lektüre auf der Höhe von drei Sternen hängen. Damit es fünf Sterne werden, sollte der Diakonie-Präsident die Hebel seiner Macht und die Konten seiner Organisation nutzen, um damit für Heimat und Frieden auf und neben den Sportplätzen unseres Landes zu sorgen.


Rüdiger Jope ist Redaktionsleiter des Kirchenmagazins 3E und des Männermagazins MOVO.

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1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Lieber Herr Jope,

    vielen Dank für Ihre engagierte Rezension. Ich möchte kurz zu Ihren drei Vorschlägen Stellung nehmen:

    Zu 1. Tarife: Es ist eines der hartnäckigsten Gerüchte, dass die Diakonie untertariflich zahlt. Das Gegenteil ist der Fall: Pflegefachkräfte in Sachsen-Anhalt etwa verdienen bei uns ein Grundgehalt zwischen 2910 und 3370 Euro (vgl. VdDD). Das Medianbruttoentgelt der Altenpflegefachkräfte insgesamt liegt daselbst dagegen bei 1985 Euro. Die letzte Studie zum Thema Outsourcing und Zeitarbeit gab es 2012. Sie hat gezeigt, dass dies in der Diakonie so gut wie gar nicht oder nur in sehr geringem Umfang vorkommt. Die Tarifbindung liegt in der Diakonie zudem, das zeigt die Herbstumfrage des VdDD seit Jahren immer wieder, bei 90 %. Damit ist die Diakonie einer der Spitzenreiter in der Sozialwirtschaft (nur die Caritas kommt auf ähnlich hohe Werte) und auch im branchenübergreifenden Vergleich. Auch unsere Putzkräfte erhalten Tariflohn. In den allermeisten Fällen nach den bundesweiten oder regionalen AVR bzw. kirchengemäßen Tarifverträgen, in einigen wenigen Fällen nach den Tarifen des Reinigungsgewerbes. Wir sind eine große Organisation, es wird schwarze Schafe geben, das kann ich nicht ausschließen. Aber die Regel sieht anders aus.

    Zu 2. Sie haben Recht: Die Einführung der Pflegeversicherung hat die Arbeit in der Pflege zutiefst verändert. Der Wettbewerb ist hart geworden. Der Pflegenotstand eines der drängendsten Probleme in unsrem Land, wir setzen uns seit Jahrzehnten für politische Veränderungen der Rahmenbedingungen ein. Ihre Idee vom „Pionier Gemeindeschwester“ hat auf den ersten Blick viel Charme, und ich stimme Ihnen zu, dass engagierte Einzelpersonen viel bewirken können. Sie haben heute nur andere Qualifikationen, arbeiten als mobile Sozialarbeiterinnen, Quartiersmanager oder in ambulanten Pflegeteams. Hier ist die Diakonie ja auch schon unterwegs. Gleichzeitig sind wir derzeit mit der EKD im Gespräch zum Thema diakonische Profilbildung von Kirchengemeinden. Hier gibt es meiner Meinung nach viel Luft nach oben. Wenn Gemeinden sich für die Nöte und die Begabungen der Menschen in ihrem Kiez öffnen, sich etwa als Moderatorin einbringen, ihre Räume zur Verfügung stellen – davon erhoffe ich mir viel.

    Zu 3: Diakonie Deutschland empfiehlt ihren Mitgliedern etwa im Umgang mit Rechtspopulisten Gelassenheit, rät zu einer Versachlichung der Debatte und ermutigt gleichzeitig, die Grenzen der Toleranz klar aufzuzeigen. Eine entsprechende Handreichung wird in Kürze erscheinen. der parlamentarischen Arbeit raten wir etwa, die gewählten Vertreterinnen und Vertreter der AfD genau wie alle anderen Mitglieder des Parlaments zu Veranstaltungen einzuladen. Bei der Besetzung von eigenen Podien auf eigenen Veranstaltungen gelten u.a. die Kriterien thematische Relevanz, Verbundenheit zur Diakonie, Prominenz und mediale Wirkung. Ergo: Wir verweigern uns dem Gespräch nicht, werden aber nicht zulassen, dass unsere Arbeit instrumentalisiert wird. Für Menschenfeindlichkeit, Rassismus oder Antisemitismus darf die Diakonie kein Forum bieten.
    Zum Schluss: Die Kirche ist ja, wie Sie wissen, keine Organisation, in der für alle gültige Ansagen gemacht und durchgesetzt werden. Sie überschätzen die Macht eines Diakonie-Präsidenten. Ich sitze weder in der Schaltzentrale eine Sozialimperiums, noch verfüge ich über die „Konten meiner Organisation“. Landesverbände, Träger, Einrichtungen operieren selbstständig, wir sind in einem großen Netzwerk verbunden, aber nicht hierarchisch organisiert. Es gilt Überzeugungsarbeit zu leisten – auch für mich.

    Herzlichen Dank für Ihre konstruktiven Anregungen,
    freundliche Grüße,
    Ulrich Lilie

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