Zurückhaltend betritt Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs am Donnerstagmorgen um acht Uhr die St. Pauli Kirche. Noch schlafen einige der etwa 70 afrikanischen Flüchtlinge, die seit Sonntag hier Unterschlupf gefunden haben.

Doch die meisten sind bereits auf den Beinen, stapeln Decken und Kissen und fegen den Kirchenboden. Andere nehmen sich Brötchen und Obst vom Frühstücksbuffet, das von Ehrenamtlichen unter der Empore aufgebaut wird. "Ich bin beeindruckt von der Ruhe, die die Männer ausstrahlen", sagt die Bischöfin.

Die afrikanischen Flüchtlinge gehören zu einer Gruppe von etwa 300 Männern in Hamburg. Die ehemaligen Wanderarbeiter aus Libyen waren nach ihrer Flucht vor dem Krieg vorerst in italienischen Flüchtlingscamps untergekommen. Anfang des Jahres kamen sie, von Italien mit Schengen-Visa und 500 Euro ausgestattet, nach Hamburg und lebten dort acht Wochen lang auf der Straße. Ihnen stehen laut Gesetz weder Unterkunft noch Sozialleistungen zu.

 "Ich bin an Ihrer Seite", sagt Fehrs. "Wir möchten Ihnen Schutz geben und Zeit schenken, damit Sie zur Ruhe kommen können." Sie finde es bemerkenswert, "wie gut die Männer organisiert sind und wie dankbar", sagt sie. Tagsüber verlassen die Flüchtlinge die Kirche, damit Kinderkirche, Gottesdienste und Taufen wie geplant stattfinden können.

 Noch stehen die Flüchtlinge Schlange an den zwei Toiletten in der Kirche zum Zähneputzen. Doch am frühen Donnerstagmorgen wurde ein Container mit sanitären Anlagen neben der Kirche aufgestellt. Über dem Treppengeländer hängen Socken zum Trocknen in der Morgensonne.

 Die Pastoren Martin Paulekun und Sieghard Wilm berichten von der Hilfe im Stadtteil: "Wir erfahren deutlich mehr Solidarität als Ablehnung", sagte Wilm. "Ob mit Spenden, konkreter Hilfe oder Zuspruch – die Menschen helfen uns sehr." Im Kirchgarten steht das "Kommunikationszelt": Hier können Nachbarn und Besucher Flüchtlinge treffen. Kinder haben bunte Bilder an einer Wäscheleine aufgehängt, die den Afrikanern Mut machen sollen: "Ich wünsche euch Glück", "Viel Essen soll Gott Euch bringen", ist zu lesen.

 Der nächste Schritt nach der humanitären Hilfe ist Fehrs zufolge die Klärung der aufenthaltsrechtlichen Möglichkeiten jedes Einzelnen im Rahmen des vorgegebenen Rechts. Das sei in einigen Fällen wahrscheinlich auch die Rückreise, in anderen aber möglicherweise ein Asylantrag. Bis diese komplizierten Fragen geklärt seien, gelte es aber, humanitäre Hilfe zu leisten.

 Die Verhandlungen über eine befristete städtische Unterkunft waren am vergangenen Wochenende gescheitert, weil die Stadt daran die Bedingung der Rückreise geknüpft hatte. "Das war für uns als Kirche nicht möglich", sagt Fehrs im Kirchengarten, "dennoch gehen unsere Gespräche natürlich weiter". Es sei ein "schmaler rechtlicher Korridor", in dem Kirche und Senat einen gemeinsamen Weg finden müssten.

 Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bekräftigte unterdessen seine Haltung, dass die Libyen-Flüchtlinge "keine dauerhafte Perspektive" in Hamburg hätten. "Wir bieten unsere Unterstützung bei der Rückkehr nach Italien oder in ihre Heimatländer an", sagte Scholz der "Bild"-Zeitung (Donnerstagausgabe).

 Zu einer öffentlichen Debatte über die Unterbringung von Flüchtlingen in Hamburg hatten am Mittwoch der ehemalige Gewerkschaftsvorsitzende Wolfgang Rose und der Geschäftsführer des Vereins "Unternehmer ohne Grenzen", Kazim Abaci, aufgerufen – ohne jedoch direkten Bezug zu den Libyen-Flüchtlingen zu nehmen. Auch in Hamburg würden in allen Stadteilen dringend Unterkünfte für Flüchtlinge gesucht, heißt es in dem Schreiben. Es gelte, Werte der Zivilgesellschaft zu verteidigen und Flüchtlinge willkommen zu heißen. Bischöfin Fehrs gehörte zu den Erstunterzeichnern.

(Quelle: epd)