Ein Abend- und Sterbelied: „Bleib bei mir, Herr“ erklingt bei vielen Anlässen der britischen Königsfamilie.
1) Bleib bei mir, Herr! Der Abend bricht herein.
Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein.
Wo fänd ich Trost, wärst du mein Gott nicht hier?
Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir!
2) Wie bald verebbt der Tag, das Leben weicht,
die Lust verglimmt, der Erdenruhm verbleicht;
umringt von Fall und Wandel leben wir.
Unwandelbar bist du: Herr, bleib bei mir!
3) Ich brauch zu jeder Stund dein Nahesein,
denn des Versuchers Macht brichst du allein.
Wer hilft mir sonst, wenn ich den Halt verlier?
In Licht und Dunkelheit, Herr, bleib bei mir!
4) Von deiner Hand geführt, fürcht ich kein Leid,
kein Unglück, keiner Trübsal Bitterkeit.
Was ist der Tod, bist du mir Schild und Zier?
Den Stachel nimmst du ihm: Herr, bleib bei mir!
5) Halt mir dein Kreuz vor, wenn mein Auge bricht;
im Todesdunkel bleibe du mein Licht.
Es tagt, die Schatten fliehn, ich geh zu dir.
Im Leben und im Tod, Herr, bleib bei mir!
Text: Theodor Werner 1952, nach dem englischen „Abide with me“ von Henry Francis Lyte 1847 – inspiriert von Lukas 24,29
Melodie: William Henry Monk 1861 (EG 488)
Zwei Henrys
Sie hießen beide Henry (und hatten noch einen weiteren Vornamen): der Dichter des original-englischen Textes von „Bleib bei mir, Herr“ und der Erfinder der Musik dazu. Für die Entstehung des Textes nennt das Evangelische Gesangbuch das Jahr 1847, das Todesjahr des Dichters Henry Francis Lyte. Vierzehn Jahre später kam die Melodie dazu.
Geboren wurde Lyte im Jahr 1793. Für Poesie hat er sich schon immer interessiert; im Blick aufs Studieren dachte er zunächst an Medizin, wechselte dann aber zur (anglikanischen) Theologie. 1815 empfing er die Priesterweihe der Church of England und war dann an verschiedenen Stellen im Land als Pfarrer tätig. Schon bald erlebte er etwas, was sein ganzes späteres Leben prägte: Ein Mitbruder wurde krank und starb.
„Die ganze Angelegenheit hat mich sehr berührt und dazu gebracht, das Leben und seine Folgen mit anderen Augen zu sehen als zuvor. Ich begann, die Bibel zu studieren und auf eine andere Art zu predigen als zuvor.“ Dazu hatte er noch viele Jahre Gelegenheit, obwohl er immer auch kränklich war. Er starb im November 1847 und hinterließ ein umfangreiches Werk an Gedichten und Kirchenliedern.
Der Abend des Lebens
„Bleib bei mir, Herr“ wird gemeinhin zu den Abendliedern gezählt – allein: Nicht der Abend des Tages, sondern der Abend des Lebens ist das Thema. Inspiriert ist der Anfang – und dann auch jeweils die Schlusszeile bei allen fünf (ins Deutsche übersetzten) Strophen – von einer nachösterlichen Geschichte; es ist eine an den noch unerkannten Jesus gerichtete Bitte. Im Lied ist sie ins Persönliche gewendet. Es steht zu vermuten, dass der Dichter sie aufgegriffen hat, als er bei seinem sterbenden Amtsbruder saß, und dann auch im Blick auf sein eigenes Ende, als er es nahen fühlte.
Somit ist das Lied ein Gebet, eine Bitte um Gottes beständiges fürsorgendes Da-Sein: wenn Freunde weggehen und sich alles in Veränderung und Verfall zu befinden scheint; wenn Versuchungen kommen, wenn schließlich der Tod naht und damit der Übergang in Gottes Welt. Gedanken, in denen eine Reihe von Bibelworten antönen.
Dieses Abend- oder besser Sterbelied erklingt mit einer Musik, die William Henry Monk in England erdacht hat. Der war eine Generation jünger als der Textdichter, er wirkte als Organist, Chorleiter und Musikprofessor. „Eventide“ (Abend) ist der Name dieser klangvollen Musik, die bis heute wohl jedem Briten vertraut ist. Das Lied erklingt bei Begräbnissen und anderen Anlässen der königlichen Familie, bei militärischen Gedenkfeiern und auch alljährlich zu Beginn des Finalspiels beim Fußball-Pokal-Wettbewerb, nicht zuletzt in zahlreichen Spielfilm-Szenen. Und es war auch bei der Eröffnungsfeier von Olympia in London 2012 zu hören.
Ins Deutsche übertragen
Dann ist da noch jemand zu erwähnen, der in den 1950er Jahren aus dem Englischen ein deutsches Lied gemacht hat, das dann ins Evangelische Gesangbuch aufgenommen wurde. Theodor Werner studierte in Leipzig evangelische Theologie und Musik, er wirkte als Pfarrer an verschiedenen Orten, engagierte sich kirchenmusikalisch und war in Schwerin Dozent für Liturgik und Hymnologie. Kein Wunder also, dass ihm das englische Abend- und Sterbelied mit der klangvollen Melodie unterkam und er es für den deutschsprachigen Kirchengesang erschloss.
In dem Zusammenhang ist es ein wenig verwirrend, dass an anderer Stelle dasselbe Lied mit einem leicht veränderten Anfang auftaucht – nur ein Wort ist umgestellt worden. Aber es ist trotzdem aufzufinden; denn es lohnt sich, gesungen zu werden. Es unterstützt die vertrauensvolle Bitte an Gott, dass er im Leben und im Tod nicht von der Seite weichen möge.
Dr. Ute Zintarra ist Musikwissenschaftlerin, Kirchenmusikerin und hat als Musikredakteurin bei ERF Medien gearbeitet.
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