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Ukraine: „Die zerstörerischste Waffe ist das Gefühl, vergessen zu sein“

Der ukrainische Bischof Maksym Ryabukha betreut eine Region, die größtenteils von russischen Truppen besetzt ist. Im Interview mit „Kirche in Not“ spricht er über die Lage vor Ort und seelsorgliche Herausforderungen.

Kirche in Not: Bischof Ryabukha, beschreiben Sie doch bitte die aktuelle Lage in Ihrem Exarchat?
Bischof Maksym Ryabukha: Sie wird immer dramatischer. Drohnen machen jeden Ort unsicher, auch für Zivilisten. Entlang der Frontlinie schlafen Menschen nachts im Freien aus Angst vor Angriffen. Ich habe Familien getroffen, die nur knapp Bombenexplosionen entkommen sind. Solche Erlebnisse erschüttern zutiefst.

Wie erleben Sie den Krieg als Bischof?
Wir fühlen uns oft machtlos – als ob niemand wahrnehmen würde, was hier geschieht. Am schmerzlichsten ist, dass zivile Gebiete bombardiert werden und die Welt zu diesem Massaker schweigt. Sichtbare Schritte in Richtung Frieden gibt es kaum.

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Welche Veränderungen hat der Krieg für Ihre Kirche gebracht?
Vor der Invasion hatten wir mehr als 80 Pfarreien, heute sind nur noch 37 aktiv. Die übrigen sind geschlossen, besetzt oder zerstört. Die Gesetze der Besatzungsregierung verbieten jede Zugehörigkeit sowohl zur griechisch-katholischen als auch zur römisch-katholischen Kirche. Alle Kirchen dort sind geschlossen. Es ist verboten, sie zu besuchen.

Wie erreichen Sie die Menschen unter diesen Umständen?
Ich bin ständig unterwegs, deshalb nenne ich mich „Bischof auf Rädern“. Ich besuche Pfarreien, gehe in die Häuser, höre zu, bete mit den Menschen. In den besetzten Gebieten treffen sich Gläubige heimlich. Die zerstörerischste Waffe ist nicht die Bombe, sondern das Gefühl, vergessen zu sein.

Wie sieht die seelsorgliche Arbeit konkret aus?
Wir haben 53 Priester, acht Ordensfrauen und mehrere Familien- und Caritaszentren. Wir begleiten vor allem Menschen, die durch den Krieg traumatisiert sind: Kinder, die das Lesen oder Sprechen verlernt haben, Mütter gefallener Soldaten, Menschen, die alles verloren haben. „Kirche in Not“ (ACN) unterstützt uns mit Schulungen für Seelsorger, um psychische Wunden zu heilen, und mit humanitärer Hilfe: Lebensmittel, Hygieneartikel, warme Zufluchtsorte im Winter.

Gott ist stärker als das Böse.

Bischof Ryabukha

Können Sie ein Erlebnis schildern, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Wir brachten Hilfspakete zu einem alten Ehepaar in Slowjansk. Als die Frau die Lebensmittel sah, sagte sie: „Davon habe ich geträumt.“ Für mich zeigt das: Es geht nicht nur um materielle Hilfe, sondern darum, dass Menschen spüren: Jemand liebt sie.

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Was gibt Ihnen Hoffnung in dieser Situation?
Dass Gott stärker ist als das Böse. Wir sehen das Leben durch die Brille des Paradieses: Früher oder später wird alles enden – und das Ende heißt Paradies. Jeder Tag ist eine Chance, einen Schritt in diese Richtung zu machen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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2 Kommentare

  1. Die Welt ein weniger paradiesischer machen

    Viele Frauen, Männer und Kinder, aber vorallem Soldaten im Ukrainekrieg und im Schützengraben, sind ausgelaugt. Sie fühlen sich am Ende ihrer Kraft. „Die zerstörerischste Waffe ist das Gefühl, vergessen zu sein“! Es wäre hier nicht richtig zu behaupten, die Welt und alle Menschen wären nur böse. Aber unser kultureller Fortschritt hat seit der Antike leider nicht getunnelt. Es gab also keinen Moment, wo die Welt schlagartig auch sehr viel besser wurde. Diejenigen die gerade im Moment, wo ich dies formuliere, mit ihrem Begleitpersonal über Krieg und Frieden in Alaska verhandeln, sind in Person von Putin sowie Trump defacto leider Kriminelle. Selbstverständlich stehen sie noch nicht (und werden es nie) vor einem Gericht stehen, sodaß hier die Unschuldsvermutung zutrifft. Nun wird über Land und Leute verhandelt wie vor 200 Jahren, als die Fürsten ihre Untertanen noch als Leibeigene betrachteten. Mir fehlt im Moment der Glaube und das Zutrauen, daß es wegen dem furchtbaren Krieg in der Ukraine gute Fortschritte gibt, wie ich dies auch nicht im Nahen Osten real erwarte. Wobei die fast noch schlimmere Notlage im Sudan herrscht, völlig von aller Welt vergessen und leider selten auch nur am Rand erwähnt. Es ist noch viel Luft nach oben vor Einbruch jener alttestamentarischen Prophetie, daß die Schwerter zu Pflugscharen und die Kriege geächtet werden. Alleine weil es diese Texte gibt, scheint mir deutlich zu beweisen: Man träumte schon immer von einem bleibenden oder sogar ewigen Friedensreich. Weil ich Christ bin, glaube ich an den Neuen Himmel und die Neue Erde, die kommen und in der Gott alles in allem auch für uns Menschen sein wird. Aber es wäre doch schöner, wenn wir als Friedensbewegte hier unsere alte Mutter Erde noch ein weniger paradiesischer machen könnten. Also sollten wir dafür beten und kräftig arbeiten !

    Woher die Hoffnung auf den ewigen Frieden, wohl als so eine Art kollektives Vermächtnis, wohl kommt? Möglicherweise gab es vor 100.000 Jahren, als die Menschen noch nicht sesshaft waren, eine Art von kleinem Paradies. Man musste nicht den ganz Tag arbeiten, teilte sich alle Früchte des Waldes, kooperierte mit anderen Stämmen, sah im Wirken der Natur eine göttliche Kraft und Krieg sowie Mord oder Totschlag waren sehr seltene Ausnahmeereignisse. Der Herauswurf aus dem Paradies geschah dadurch, weil die Menschen sesshaft wurden, Zäune um ihre Häuser machten, gestohlen wurde, dass große Führer gewählt und niemand mehr mit dem anderen Menschen teilte. Dann wurden Soldaten, Richter und Henker notwendig. Kain erschlug auf dem Acker seinen Bruder aus religiösem Neid. Der Turmbau zu Babel symbolisierte zudem auch den Wunsch nach mächtigen Herrschern, ihrer Symbole (etwa der hohe Turm als Residenz) und Mächtigen untertan zu sein. Die Ergebnisse sind bekannt: Niemand hat mehr seinen Mitmenschen verstanden. Aber nicht Gott erbaute den Turm, erfand Geld- und Geltungssucht, Soldaten, Krieg und die Henker. Die Hölle ist keine himmlische Einrichtung, sondern sie beginnt, wo es kein Miteinander und keinerlei Liebe gibt. Notfalls geht es ohne Empathie.

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