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Induktives Bibellesen: So liest du die Bibel mit Gewinn

Zur Bibel gibt es jede Menge Bücher, Kommentare, Predigten und Meinungen. Beim induktiven Bibellesen geht es aber darum, selbst in der Bibel zu lesen und den Bibeltext sprechen zu lassen.

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Von Tabea Tacke (Fachlektorin für Bibel und Theologie bei SCM R.Brockhaus)

Ich habe ein schlechtes Weggedächtnis. Ich kann mir einfach nicht merken, wo wir langgefahren sind, wenn jemand anderes das Auto fährt und ich daneben sitze. Ich schaue mir viel lieber die vorbeiziehende Umgebung an oder hänge meinen Gedanken nach.

Wenn man mich später fragt, wo wir langgefahren sind, bin ich in den meisten Fällen ahnungslos. Ich habe einfach nicht aufgepasst. Wenn ich jedoch selbst die Fahrerin bin, den Wagen lenken und an der nächsten Kreuzung abbiegen muss, kann ich mir den Weg merken. Erst dann muss ich nämlich den Weg durchdacht haben.

Ebenso geht es mir bei Bedienungsanleitungen, Rezepten, Wanderkarten und anderen Dingen, die man mir erklärt – die ich aber immer erst selbst ausprobieren und durchdenken muss, damit ich sie richtig erfasse und verstehe. Und genau deshalb ist das induktive Bibelstudium auch eine Methode für mich.

Die Bibel selbst erforschen

Dem Bibeltext erlauben, für sich selbst zu sprechen – so kann man den Kern des induktiven Bibelstudiums wohl am besten beschreiben. Es geht darum, zu lesen und zu erforschen, was Gott in seinem Wort sagt und wie man es praktisch im Alltag anwenden kann. Mal alle Bücher und Kommentare, Predigten und Meinungen beiseitelassen, auch wenn sie noch so klug sein mögen. Zuerst selbst der Bedeutung der Bibel nachspüren.

Oft ist unser Verständnis von Bibeltexten von bestimmten Werten geprägt, von theologischen Glaubenssätzen, vom Zeitgeist oder der Interpretation schlauer Leute. Was aber sagt die Bibel wirklich? Und was eben nicht? Und was bedeutet er für mich persönlich?

Das induktive Bibelstudium will in die Beziehung zu Gott führen – durch die Begegnung mit seinem Wort und dem Nachsinnen darüber. Und es will zur Mündigkeit ermutigen: Denn wer sich mit der Bibel beschäftigt, sie liest und befragt, kann sich eine eigene Meinung in biblischen Fragen bilden und diese diskutieren.

Der Clou bei dieser Methode: Sie ist darauf angelegt, dass man alle Beobachtungen sofort zu Papier bringt – und zwar direkt in der Bibel. Bleistift und Farbstifte gehören deshalb dazu. Zum Konzept gehören Markierungen und Symbole. Man muss also keine großen Aufsätze schreiben, sondern es geht um prägnante Notizen.

1. Was steht dort?

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Das Beobachten ist der erste Schritt der induktiven Methode: Wort für Wort genau lesen, den Bibeltext befragen, sich einen Überblick verschaffen und Zusammenhänge erkennen. Dafür kann es hilfreich sein, zunächst die sechs W-Fragen zu beantworten, sofern die jeweilige Textgattung das hergibt:

  • Wer spricht hier zu wem und wer ist hier überhaupt beteiligt?
  • Was ist das Thema oder Ereignis?
  • Wann fand das Beschriebene statt und wo?
  • Warum ist dies geschehen oder warum wurde etwas gesagt?
  • Und wie wird etwas erklärt oder wie soll etwas getan werden?

Um dem Text auf die Spur zu kommen, können Schlüsselwörter wichtige Hinweise geben. Sie stehen im Mittelpunkt zentraler Aussagen und erschließen damit die Bedeutung des gesamten Textes. Weil mit ihnen die Botschaft unterstrichen wird, werden Schlüsselwörter und auch deren Synonyme in vielen
Texten wiederholt.

Markieren hilft

Daher ist es hilfreich, solche Wörter und Ausdrücke direkt im Bibeltext zum Beispiel mit Farben oder Symbolen zu markieren. Manchmal gibt es auch Begriffspaare, die Gegensätze oder Vergleiche darstellen und so die zentrale Aussage bildhaft verdeutlichen. Sie zu markieren, verschafft ebenfalls einen Überblick
über das Thema des Textes.

Weiter können Zeitangaben wichtige Hinweise zur zeitlichen Abfolge und zum Zeitpunkt des beschriebenen Ereignisses liefern. Genau den Text anzusehen und seine zentrale Aussage zu erfassen, bildet das Fundament für die Interpretation. Dieses Vorgehen will voreiligen Schlüssen vorbeugen.

2. Was ist gemeint?

Der zweite Schritt der induktiven Methode fragt nach dem, was gemeint ist – also nach der Bedeutung des Textes. Die gefundenen Informationen werden nun in den Kontext gesetzt, in dem sie stehen. Was hat der Hörer damals verstanden? Stimmt meine Auslegung mit der Absicht des Autors, dem Hauptthema und dem Aufbau des gesamten biblischen Buches überein?

Um einen Text nicht aus dem Zusammenhang zu reißen und damit womöglich ganz anders als gemeint zu deuten, muss auch der geschichtliche und kulturelle Hintergrund berücksichtigt werden. Die Literaturgattung eines Bibeltextes kann ebenso ein Schlüssel für die Bedeutung sein. Denn ein historisches Buch in der Bibel wurde mit einer ganz anderen Intention geschrieben als ein poetischer Text oder ein Brief mit klar benannten Adressaten.

Und schließlich kann die Bibel selbst auch bei der Auslegung helfen, wenn man beispielsweise Bibelstellen zu demselben Thema oder aus derselben Zeit oder von demselben Autor nebeneinanderlegt. Die Bibel ist sich selbst der beste Kommentar.

3. Was bedeutet der Bibeltext für mich?

Im dritten Schritt bin ich gemeint: Was kann ich aus dem Bibeltext für mein Leben lernen? Welche Bedeutung hat das für mich? Wie kann ich das, was ich gelesen habe, im Alltag umsetzen? Das Wort Gottes kann nur dann Früchte in meinem Leben hervorbringen, wenn ich es praktisch anwende (vgl. Jakobus 1,22-25).

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Praktische Anweisungen und Ermahnungen, Gebote und Verheißungen können auch direkt in unser Leben hineinsprechen und uns dazu auffordern, immer wieder nach dem Willen Gottes zu fragen.
Beim ersten und zweiten Schritt der induktiven Methode – Beobachten und Interpretieren – stand das Hören auf Gottes Wort im Fokus. Hier aber geht es darum, dem Wirken Gottes Raum zu geben und es in die Tat umzusetzen.

Was brauche ich?

Um die induktive Methode anzuwenden, braucht man vor allem eines: eine Bibel (und vielleicht noch einen Stift). Dazu ist natürlich erst einmal jede Bibel geeignet.

Ich habe eine Art Journaling Bibel verwendet, um das induktive Bibelstudium einmal auszuprobieren. Die Ausgabe der NLB Art Journaling Bibel habe ich als besonders geeignet empfunden, weil sie zum einen dickeres Papier hat, um Wörter einzukreisen oder Zusammenhänge zu markieren. Zum anderen hat sie einen breiten Rand, um Gedanken und Schlussfolgerungen zu notieren.

Die „Neue induktive Studienbibel“ (Precept Ministries International e.V.) kann ebenso eine gute Arbeitshilfe sein. Sie wurde extra für das induktive Bibelstudium konzipiert und ist wahlweise mit der Schlachter-Übersetzung oder dem Text der Neuen evangelistischen Übersetzung erhältlich. Neben einem breiten Schreibrand für Notizen bietet diese Studienbibel auch Zusatzseiten zur Einführung in das Konzept, weitere Erklärungen und inhaltliche Anregungen sowie Hilfsmittel zum Bearbeiten. So hat man alles, was man braucht, direkt in einer einzigen Ausgabe.

Es ist großartig, dass das induktive Bibelstudium dazu ermutigt, sich selbst auf den Weg zu machen.

Wie bei einem neuen Rezept oder einer komplizierten Bedienungsanleitung hilft es mir auch beim Bibellesen, wenn ich den Text erst einmal Wort für Wort erfasse und ihn dann durchdenke und für mich erarbeite. Es ist großartig, dass das induktive Bibelstudium dazu ermutigt, sich selbst auf den Weg zu machen.

Ich werde angeleitet, bei Worten zu verweilen und über ihre Bedeutung nachzusinnen, den Sinn des Textes zu erfragen und auf diese Weise das Wort Gottes ernst zu nehmen. Ich habe mithilfe dieser Methode eine ganz neue Beziehung zum Bibeltext knüpfen können. Habe Zusammenhänge erkannt und Grundsätze auch auf mein Leben übertragen können.

Quantitativ und qualitativ Bibellesen – beides ist wichtig

Manchmal neige ich dazu, eher quantitativ die Bibel zu lesen – eine große Textmenge, aber dafür nicht immer allzu tiefgründig. Das ist nicht zwangsläufig ein „falscher“ Zugang zur Bibel. Mein Hunger nach dem, was in der Bibel steht, ist groß – deshalb würde ich am liebsten an mehreren Stellen gleichzeitig lesen.

Ich will gerne viel wissen und viel Wissen anhäufen. Aber es ist genauso wichtig, qualitativ die Bibel zu lesen: also in die Tiefe zu gehen, bei Texten zu verweilen und herauszufinden, was sie für mein Leben bedeuten.

Die Balance finden

Allerdings sehe ich auch Schwachpunkte bei der induktiven Methode. Nicht alles kann ich wissen. Viele Hintergrundinformationen zu Kontext, Kultur sowie Wortbedeutungen in der Ursprache kann ich nicht unbedingt direkt dem (deutschen) Bibeltext entnehmen.

Außerdem besteht aus meiner Sicht die Gefahr, dass man immer noch zu Fehlinterpretationen kommen kann. Nur weil mir der Bibeltext das eine sagt, bedeutet das nicht gleich, dass der Autor das auch wirklich so gemeint und intendiert hat. An dieser Stelle können Studienbibeln und Bibelkommentare eben sehr hilfreich sein.

„Wie soll ich es verstehen, wenn es mir niemand erklärt?“

Apostelgeschichte 8,31

Ich jedenfalls brauche die Balance zwischen beidem: dem Hören auf das pure Wort Gottes mithilfe des Heiligen Geistes sowie den Erklärungen und Deutungen von anderen. Nicht alles sollte man einfach so unreflektiert übernehmen. Wir dürfen alles prüfen und sollten hinterfragen. Aber wir können auch dankbar annehmen, was uns ein anderer erklärt.

Ich sehe mich da ganz in den Fußspuren des äthiopischen Schatzmeisters, der auf dem Heimweg von Jerusalem den Propheten Jesaja las und zunächst selbst versuchte zu verstehen – und dann schließlich Philippus um Hilfe bat, mit den Worten: „Wie soll ich es verstehen, wenn es mir niemand erklärt?“ (Apostelgeschichte 8,31)


Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen. Faszination Bibel wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

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1 Kommentar

  1. Ich hab gerade wieder ein bisschen angefangen mit Bibellese.
    Manche Texte sind schon schwer, vor allem AT.
    Mancher erwartet womöglich , dass Gottes Wirken hier besonders
    deutlich zu erleben ist und ist enttäuscht, wenn das nicht so passiert.
    Aber ich halte es da mit den Jüngern, die auf dem Weg nach Emmaus
    Jesus begegnen, ohne ihn zu erkennen und später sagen,
    brannte nicht unser Herz ? Meins brennt nicht unbedingt immer,
    aber es zieht eine schöne Ruhe ein, die ich sonst nirgendwo erlebe
    ausser noch m Gebet. Das ist dann ein Grund zum Weitermachen.
    Gruss Dorena

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