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O’Bros: Keine Angst mehr vor dem Sterben

Eine Woche nach dem Tod von YouTuber Philipp Mickenbecker erscheint der Song „Real Life“ von den O’Bros. Wie passen Trauer und Erfolg zusammen?

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Vor einem Jahr beginnt die Geschichte, die Alex von den O’Bros eine „unfassbar krasse Linie Gottes“ nennt. Das You-Tube-Duo „The Real Life Guys“ kommentiert ein Musikvideo der O’Bros. Alex ist neugierig und schreibt sie an. Philipp Mickenbecker antwortet. Schnell verlegen sie die Konversation zu WhatsApp. Per Sprachmemo erzählt Philipp: „Der Krebs ist wieder da.“ Schon damals ist Alex von Philipps Leichtigkeit beeindruckt. Irgendwann fragt er: „Wenn du sterben solltest, dürfen wir dann einen Song über dich schreiben?“

Kurz vor dem Tod: Grünes Licht

Ein Jahr später lebt Philipp nicht mehr. Alex und ich treffen uns am Spreeufer in Berlin. Seine Augen sind müde, der Himmel ist grau. Ein Touristenschiff fährt vorbei. Letzte Nacht war er mit den Jungs aus seiner WG unterwegs. Das hatten sie sich schon lange vorgenommen, doch die Zeit war immer zu knapp. Denn in den letzten Wochen hat Alex nur aus dem Koffer gelebt. Vor zwei Monaten veröffentlichte er mit seinem Bruder den Song „Real Life“ – kurz nach dem Tod von Philipp. Der Track ging durch die Decke: 1,5 Millionen Aufrufe auf Spotify, 1,7 Millionen Klicks bei YouTube, Platz 1 der deutschen iTunes-Charts. „Kennst du noch diese Bravo-Hits-CD?“, fragt Alex. „Da kommt der Song auch drauf!“

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Und Philipp kann die erste Version des Songs sogar noch hören. Zwei Tage vor seinem Tod besucht Alex ihn im Krankenhaus. Die O’Bros waren gerade im Studio gewesen und hatten den Impuls, dass es an der Zeit wäre, den Song zu schreiben. Damals wussten sie noch nicht, ob sie ihn wirklich veröffentlichen würden. Als Alex das Krankenhauszimmer betritt, liegt in der Luft, dass es das letzte Treffen mit Philipp sein könnte. Alex stellt sich an sein Bett und spielt den Song von seinem Handy ab: „Aber wer hält mich, wenn alles zerbricht, wenn alle Träume sterben und mein Körper mich zerfrisst? Wenn am Ende alles anders kommt als gedacht, dann geb’ ich trotzdem nie auf. Du bringst mich durch die Nacht. Danke, Vater.“

Als das Lied zu Ende ist, lächelt Philipp. Er ist schwach und sagt: „Ja, damit kann ich mich auf jeden Fall gut identifizieren.“ Erleichterung. Ab dem Moment ist für Alex klar: Er und sein Bruder werden den Song fertigstellen und herausbringen. „Das war das, was ich wissen wollte. Ich habe persönlich grünes Licht von Philipp bekommen. Ich brauchte für mich eine Bestätigung. Ich wollte keinen Song auf dem Rücken des Todes meines Freundes schreiben, der dann im schlimmsten Fall noch erfolgreich wird.“

Groß träumen

Gut, dass Philipp noch vor seinem Tod voll hinter dem Song stand, denn erfolgreich ist „Real Life“ geworden; genau wie er es sich für Alex und Maxi gewünscht hätte. „Philipp hat mehr an uns geglaubt als wir selbst“, erzählt Alex. Er sagte immer: „Das, was ihr macht, muss in die Charts, muss mehr gehört werden‘“. Jedes Mal, wenn sie sich gesehen haben, hat er gebetet, dass die Songs ins Radio kommen. „Was der für einen Glauben hatte“, sagt Alex bewundernd. „Philipp ging es um Reichweite. Wie schaffe ich es, mit der Message nicht nur ein oder zwei Leute zu erreichen, sondern mindestens ein oder zwei Millionen? Er hat ganz anders gedacht als viele Christen, die ich kenne.“

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Oft hätten wir eine falsche Demut, meint Alex. Man dürfe nicht träumen, einen Song zu schreiben, der in die Charts kommt. Aber Philipp hat Alex und seinen Bruder zu mehr inspiriert: „Wir wollen nicht nur Christen in ihrem Glauben entertainen. Wir fragen uns: Wie können wir Menschen erreichen, die echt keine Hoffnung haben, die mit Tod, mit Krankheit, mit Drogen, mit Zerbruch und Leid zu kämpfen haben? Philipp hat das authentisch vorgelebt. Er hat gesagt: ‚Ich stecke im Leid drin, aber ihr könnt mir ansehen: Ich habe noch Hoffnung.‘“

„Eine komplette Predigt“

Jetzt erfüllt ausgerechnet der Song, den die O’Bros über Philipps Situation geschrieben haben, seinen Wunsch nach Reichweite. Alex nennt den Song eine „komplette Predigt“. Jeden Tag erreichen ihn und seinen Bruder bewegende Zeugnisse von Menschen, die den Song gehört haben und von ihm tief berührt wurden. Manche lassen sich taufen. Das zeigt die „unfassbar krasse Linie Gottes“ in der Geschichte.

Doch es ist auch absurd: Während Alex um seinen Freund trauert, feiert er kurz nach seinem Tod den größten Erfolg seines Lebens. „Ich habe mich manchmal selbst gefragt: Müsste ich nicht eigentlich trauriger sein?“ Andererseits würde Philipp das nicht wollen, da ist er sich sicher. Philipp hätte ihm krass vor Augen geführt, „du kannst durch jedes Leid durchgehen und dabei einen Frieden haben, der nicht von dieser Welt ist“. Ab und zu gäbe es trotzdem Momente der Trauer. „Es ist ein krasser Gedanke für mich, diesen Menschen nie wiederzusehen. Ich vermisse ihn. Ich hätte Bock, ihn wiederzutreffen, mit ihm Sprachnachrichten zu schicken und mit ihm zu reden.“

Neben Alex liegt eine Taschenbuch-Bibel. Sie ist eine Inspiration von Philipp, der immer eine kleine Bibel in der Hosentasche hatte: „Er hat die Bibel aufgeschlagen und Bibelverse vorgelesen, die oft mit einer unfassbaren Präzision darauf gepasst haben, was wir gerade erlebten.“ In der Bibel steckt ein Selfie mit Philipp. Alex schaut es sich für eine kurze Zeit an: „Dass ich ihn hier einfach nicht mehr sehen kann, hat schon eine Grausamkeit.“

Wenn die Worte fehlen

Dann verändert sich etwas in Alex. Er erinnert sich an sein vorletztes Treffen mit Philipp. An dem Abend hatten sie noch miteinander visioniert und Witze gemacht. Am nächsten Tag hat Philipp bis 14 Uhr geschlafen, da er vor lauter Schmerzen die ganze Nacht wach gelegen hatte. Alex wollte sich verabschieden, als er die Tür öffnete und bei Philipp im Zimmer stand, stockte er: „Philipp war so schwach und fertig. Ich wusste, dass er immer alles gab, um eine positive Ausstrahlung zu haben, aber in diesem Moment konnte er es einfach nicht.“

Es war die erste Begegnung mit Philipp, in der das Leid überwog. „Ich wusste gar nicht, worüber ich reden sollte. Ich konnte mich Philipp nicht nähern. Ich bin sehr geruchssensibel. Ich kam rein und musste mich fast übergeben. In dem Moment wurde mir klar, dass es wirklich nicht gut aussah. Ich war überfordert und konnte nicht anders, als Ekel vor der Krankheit zu empfinden. Mein Herz hat wehgetan, weil ich Mitleid mit ihm hatte. Das war einfach seine Realität und jede Nacht so. Ich habe das nur fünf Minuten gesehen und war durch. Und trotzdem kenne ich keinen Menschen, der so eine Freude und so viel Frieden ausgestrahlt hat – selbst in alldem.“

Seine Stimme zittert, dann bricht sie ab. Stille. Alex schaut in Richtung Museumsinsel. Diesen Ort verbindet er mit Philipp. Hier waren sie bei seinem letzten Besuch in Berlin. Alex’ Augen werden rot. Er versucht, nicht zu weinen. Seine Finger spielen an seiner Wasserflasche. „Ich würde das Gefühl gerne in Worte fassen können. Es ist nicht nur Trauer. Vielleicht kenne ich das Gefühl nicht genug, um es beschreiben zu können.“

Ein übernatürlicher Frieden

Philipps Tod ist der erste, den Alex hautnah miterlebt hat. Er war in dem Moment dabei, als Philipp gestorben ist. Philipps Freundeskreis hatte sich versammelt: „Jeder wusste, dass er bald sterben würde. Er hatte zu viel Blut verloren. Wir standen um sein Bett herum, haben geweint, gebetet und gesungen. In dem Moment, in dem Philipp gestorben ist und ich ihm in die Augen geschaut habe, war da einfach keine Angst. Es war unfassbar, was in diesem Raum für ein absoluter Frieden war. Seit Philipps Tod habe ich keine Angst mehr vor dem Sterben. Das fühlt sich unsensibel an, das so zu sagen, aber Philipps Tod war in seiner Gesamtheit schön und das ist irgendwie komisch. Das checke ich nicht. Gott hat das so unfassbar geführt und es war jedem, der sich im Raum befand klar, dass Gott das alles gerade in der Hand hat.“ Der Gedanke hat es in den Song geschafft: „Egal, was auf mich zukommt, weder hoch, weder tief, nein, ich hab’ keine Angst. Kann mir sicher sein, dass du kommst. Und egal, was passiert, ich bin in deiner Hand.“

Auf seinem Nachhauseweg schaut Alex bei seinem Freund Manuel vorbei. Er lebt bei ihm in der Nähe auf einer Bank. Alex begrüßt ihn mit der Faust. Dann geht er zur Bäckerei und holt einen großen Kaffee mit Kakao und einen Espresso – so wie Manuel es gern hat. Eigentlich sollte Alex schon im Zug für sein nächstes Projekt sitzen, aber Manuel hat jetzt Priorität. Denn Zeit ist ein kostbares Gut; umso mehr, weil das Leben auf der Erde begrenzt ist.

Tabea Zorn studiert im Doppelstudium „Klinische Psychologie“ und „Talententwicklung und Kreativität“. Als freie Journalistin liebt sie es, Worte für die Höhen und Tiefen unseres Lebens zu finden.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift DRAN erschienen. DRAN wird vom SCM Bundes-Verlags herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

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