Jahrelang pflegte CDU-Politiker Peter Tauber das Selbstbild der Unbesiegbarkeit – dann landete er mit einer Blutvergiftung auf der Intensivstation. Im Interview erzählt er, wie dieses Erlebnis seinen Glauben vertieft hat.

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Berlin, Brandenburger Tor. Der frühere CDU-Generalsekretär und Mitglied des Bundestags, Peter Tauber, ist pünktlich. Wir wollen gemeinsam durchs Regierungsviertel und den Tiergarten joggen. Unterwegs plaudern wir über seine Krankheit, sein Mannsein und die historische Ansage „Wir schaffen das!“, die Bundeskanzlerin Angela Merkel im August 2015 angesichts der Flüchtlingskrise zum Staatsmotto machte.

Herr Tauber, hätten Sie es im Januar 2018 für möglich gehalten, heute durchs Brandenburger Tor zu joggen?

Wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich bin ein optimistischer Mensch. Die Bauchfellentzündung und die damit verbundene Blutvergiftung hatten mich in akute Lebensgefahr gebracht. Es ging mir wirklich dreckig. In den zwölf Tagen Intensivstation ist mir schmerzlich bewusst geworden, an welch dünnen Fäden unser Leben hängt. Jetzt wieder so laufen zu können, war immer mein Ziel, aber es ist nicht selbstverständlich für mich.

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In Ihrem Buch Du musst kein Held sein beschreiben Sie ausführlich Ihren Weg in den Deutschen Bundestag und den Alltag als CDU-Generalsekretär. Als Leser hat man den Eindruck: Arbeit war sein Leben. Täuscht dies?

Nein! Ich bin sicher geprägt von einer protestantischen Arbeitsethik. Die sogenannten preußischen Tugenden wie Disziplin, Verlässlichkeit, Zielstrebigkeit, Pflichtbewusstsein und Fleiß habe ich sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Jahrelang ging es morgens um kurz vor 6 Uhr raus und Schluss war selten vor 22 Uhr. Manchmal habe ich mich dabei erwischt, dass ich dachte: Wenn jetzt um 23 Uhr noch jemand an seinem Schreibtisch sitzt, sich für dich, die Politik und das Gemeinwohl engagiert, kannst du doch jetzt nicht ein Spezi trinken oder dich gar ins Bett legen. Pausen, Urlaube gab es kaum. Ich war Montag bis Freitag unterwegs in Berlin, am Wochenende besuchte ich Veranstaltungen und Menschen in meinem Wahlkreis.

Hört sich an wie im Hamsterrad.

(nachdenklich) Ja, in der Politik ist man nie fertig. Es gibt immer neue Probleme zu bewältigen. Der Schreibtisch ist niemals leer.

„Laufen gehen hat mich über Wasser gehalten.“

Wie kann man überhaupt gesund bleiben im Berliner Politikbetrieb? Ohne dickes Fell und stählerne Gesundheit überlebt man nicht lange – oder wie geht’s doch?

Laufen gehen! (lacht) Im Ernst: Das hat mich Jahre über Wasser gehalten. Politik ist ein Knochenjob, manchmal wie eine Droge. Politisches Engagement kostet viel Kraft, raubt einem den Schlaf, lässt einem nur wenig Platz für Freundschaften, Mahlzeiten und Hobbys. Man kann gesund bleiben, wenn man seine Identität nicht mit diesem Job verbindet, sich nicht abhängig von Menschen und Meinungen macht, auf sein Herz hört, auch mal Nein sagt.

Würden Sie sagen, dass Sie permanent rote Ampeln überfahren haben?

Nicht jede rote Ampel, aber genug, um zu viele Punkte zu sammeln. Die ersten körperlichen Warnsignale habe ich ignoriert. Der Arzt in der Klinik sagte mir ungeschminkt: Herr Tauber, Sie wissen, dass Ihr Job und Ihre damit verbundene Lebensweise Sie hierhergebracht haben! Vermutlich hätte es mir geholfen, wenn mir ein Freund früher diese Wahrheit auf den Kopf zugesagt hätte oder ich mir das selbst eingestanden hätte.

Sie waren Generalsekretär der Bundeskanzlerin. Was war Ihre Rolle: Schreibkraft, Befehlsempfänger, Diener?

(lacht) In dem Wort steckt ja schon alles drin. Als Generalsekretär dient man sowohl der Partei als auch der Parteivorsitzenden. Für mich kommt das Dienen vor dem Führen. Wer nicht dient, kann auch nicht führen. Richtig ist aber auch: Der Generalsekretär beginnt auch Debatten in der Partei – Stichwort Digitalisierung oder Einwanderung. Das sorgt für parteiinterne Diskussionen.

Hat das geklappt?

Mal besser, mal schlechter. Veränderungen brauchen Raum zum Atmen, wie wir hier beim Laufen Sauerstoff. Veränderungen brauchen aber auch Verständnis und gegenseitiges Vertrauen. Dies setzt aber auch die Kraft voraus, nachzugeben, Kompromisse zu schließen und sich Fehler einzugestehen. Wenn ich versucht habe, hier etwas anzugehen, hat dies manchmal nur schleppend oder gar nicht funktioniert. Da war ich natürlich auch ein Rädchen im Getriebe, habe Fehler gemacht. Heute haben wir ein neues Einwanderungsgesetz und die Digitalisierung der Parteiarbeit geht voran.

Als Generalsekretär einer Partei steht man doch für Attacke, oder?

Ja, aber noch wichtiger ist das Zuhören. Angela Merkel hat einmal auf die Frage, warum sie sich zu dem Sachverhalt noch nicht geäußert habe, geantwortet, sie habe noch nicht fertiggedacht. Je länger ich Politiker bin, umso mehr denke ich, wir brauchen das Zuhören, das Nachdenken, die gereifte Differenziertheit. Politisches Agieren in einer komplexen Welt erfordert komplexe Antworten.

Gibt es einen Schlüsselmoment, von dem Sie sagen: Da hat Peter Tauber ein Stück Geschichte geschrieben? Darüber werden die Enkel vielleicht einmal sagen: „Opa, dass du da dabei warst!?“

Für meine eigene Geschichte war das sicher die Wahl zum Generalsekretär. Meine Rede dort. Insgesamt war und ist es für mich aber spannend, Dinge „hautnah“ mitzuerleben, über die später Historiker urteilen werden. Ob mein Name da auftaucht, spielt aber keine Rolle. Da ich selbst Historiker bin, schaue ich oft durch diese Brille auf Dinge, die passieren, und frage mich, wie das wohl künftig bewertet und gesehen wird. Das gilt auch für den Satz von Angela Merkel: „Wir schaffen das!“

„Unsere Aufgabe jetzt ist die Integration.“

Wie sieht Ihr Resümee fünf Jahre nach diesem epochalen Satz aus?

Diese Worte waren die einzig richtige Antwort. Der Satz stimmt auch heute noch. Wir haben es damals als CDU verpasst, diese Buchstaben inhaltlich und kommunikativ zu füllen. Wir haben damit Populisten den Freiraum gegeben, diese Worte zu ironisieren, zu missbrauchen. In der Sache stelle ich fest: Haben wir diese Aufgabe als Land bewältigt? Ja! Wir haben die Unterbringung und die Versorgung der fast eine Million Flüchtlinge gemeistert. Ein unglaublicher Kraftakt! Wir haben es geschafft, Menschen in Sprachkurse und Arbeit zu bekommen. Unser System der Registrierung und die Entscheidung der Verwaltung funktionieren jetzt. Was als Aufgabe bleibt, ist die Integration. Doch das ist eine Aufgabe von Jahren. Und ja, hier braucht es einen langen Atem. Nehmen Sie als Beispiel das in den arabischen Herkunftsländern noch vorherrschende patriarchalische Männerbild. Das bekommen Sie nicht von einem auf den anderen Tag verändert. Aber ich sage auch klar: Wer hier Mitbürger, Mann sein will, muss sich auch zu unseren Werten bekennen und sie leben.

Von einem Tag auf den anderen hat es dann den Marathonläufer Peter Tauber mitten in den Koalitionsverhandlungen mit einer lebensbedrohlichen Darmerkrankung aus den Socken gehauen. Was machte dies mit Ihnen?

Das war schmerzhaft. Ich musste mich von meinem Selbstbild verabschieden, von den inneren Stimmen: „Los, halte durch! Behaupte dich! Zeige möglichst keine Schwäche! Gib niemals auf!“ Ich hatte mir dieses Selbstbild zugelegt, quasi unbesiegbar zu sein: erfolgreich im Beruf, die Kritik prallt einfach an mir ab, ich bin gesund, laufe Marathon. Pustekuchen, wenn der Körper auf einmal nicht mehr kann! Mich mit Anfang 40 derart schwach zu erleben, daran musste ich mich gewöhnen. Ein Rollator half mir beim Gehen, Pflegerinnen und Pfleger mussten in der Nähe sein, um mich zu stützen. Dies hat mich zum Nachdenken gebracht.

Sie beteten auf der Intensivstation „Dein Wille geschehe“, hielten Zwiesprache mit Jesus. Aus Angst oder Überzeugung?

Aus tiefster Überzeugung! Mein Glaube hat mir auch schon vor der Erkrankung Orientierung und Halt gegeben und mir die Augen dafür geöffnet, dass ich in Jesus jemanden an meiner Seite habe, der mein Leben mit all seinen Facetten trägt, erträgt, liebt, mitleidet.

„Gebet hilft mir, die Ereignisse des Tages loszulassen.“

Was bedeutet Ihnen das Gebet?

Das Gebet steht für mich für Beziehung. Es war auch schon vor der Krise Bestandteil meines Abendrituals. Es hilft mir, die Last und Ereignisse des Tages loszulassen und mich zu vergewissern: Jetzt ist der Tag mit allem Guten und Bösen geschafft.

Was hat Sie getragen und getröstet? Was waren die Notrationen für Sie auf dieser schwierigen Wegstrecke in der Klinik?

Im Krankenhaus habe ich öfters und manchmal sogar laut gebetet. Kraft und Halt haben mir das Vaterunser und Martin Luthers Morgen- und Abendgebet gespendet. Berührt und gekräftigt haben mich die alten Lieder von Paul Gerhardt. Das Lied „Befiehl du deine Wege“ hat mir unglaublich gutgetan. Mein Lieblingslied „Nun danket alle Gott“ von Martin Rinckart habe ich auch nochmal neu verstanden und verinnerlicht. Die moderne Fassung aus dem Liederschatz-Projekt hatte es mir besonders angetan.

Kamen bei Ihnen auch Zweifel an Gott hoch?

Nein. Eher Zweifel an mir, meiner Berufung, meiner Zukunft. Auch wenn ich Leute kenne und verstehe, die in den Krisen an Gott verzweifeln – auch Jesus hat dies getan. Bei mir hat die Krankheit den Glauben vertieft.

Was setzen Sie heute, zwei Jahre nach dem Absturz, den inneren Antreibern, der Versuchung, „Peter Tauber ist unverzichtbar“, entgegen?

Ich denke im Sinne von 2. Korinther 5,17: „Ist jemand in Christus, dann ist er eine neue Kreatur.“ Das bedeutet nicht, dass man ein besserer Mensch ist, wenn man glaubt. Ich verstehe es so, dass man die Chance hat, jeden Tag neu anzufangen. Es bedeutet mir viel, dass ich mithilfe von Jesus Christus jeden Tag eine neue Chance habe, mich und diese wunderbare Welt ein klein wenig besser zu machen. Diese vertiefte Sichtweise hilft mir, mich zu motivieren, mir Fehler zu verzeihen. Ich habe zu einer inneren Ruhe und Gelassenheit gefunden, achte auf meine Grenzen, nehme mir Pausen. Ich halte mich nicht mehr für unersetzlich. Ich nehme mir mehr Zeit zum Reflektieren, Nachdenken, Lesen, und plane mir Zeit ein mit Menschen, die ich mag, Begegnungen, die mir guttun. Und ich habe verstanden, dass niemand unverzichtbar ist. Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen und glauben, dass es ohne uns nicht weitergeht. Eines meiner Lieblingszitate stammt von Friedrich Rückert: „Füge dich der Zeit, erfülle deinen Platz. Und räum ihn auch getrost. Es fehlt nicht an Ersatz.“

Herzlichen Dank für diese erfrischende Frühsportrunde!

Der fragende Mitläufer war Rüdiger Jope, Redaktionsleiter des Männermagazins MOVO.


Das vollständige Interview ist zuerst in der Zeitschrift MOVO erschienen. MOVO wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

 

 

5 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Viele liebe Grüße an Peter und ich danke Gott, für solche Menschen, die sich im Sinne Gottes für die Gesellschaft einsetzen! Ich bin glücklich solche Menschen zu kennen! Ansonsten könnte man an unserer Gesellschaft verzweifeln…. Gott segne Dich, und auch die Leute in der Zeitschrift Movo!!

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