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Glücklich zu sein, das ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Aber, wie definiert man das?  Und was hat Gott damit zu tun?

Jeder Mensch will glücklich sein. Das klingt ziemlich banal. Man kann es auch etwas gehobener mit den Worten des New Yorker Philosophieprofessors Richard Creel sagen: „Das Streben nach Glück ist das zentrale, einigende und stärkste Element im Leben eines jeden Menschen.“ Schon die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 hat das Streben nach Glück als unveräußerliches Recht festgeschrieben. Was ist das nun, das Glück? Wie kann man sich und andere Menschen glücklich machen? Meyers Lexikon in einer DDR-Ausgabe definiert Glück als „innere Zufriedenheit über gute Taten und fortschrittliche Leistungen“. Einige Philosophen – allen voran der Franzose Michel Foucault – bestreiten indes, dass es so etwas wie Glück überhaupt gibt: „Das Glück existiert nicht, und das Glück des Menschen existiert noch weniger.“

Crashkurs Happyologie

Seit den 80er-Jahren rückt in der Psychologie die Erforschung des Glücks in den Mittelpunkt des Interesses, während man sich vorher eher mit den Nachtseiten unserer Existenz, wie etwa Ängsten, Hysterien oder Depressionen, beschäftigte. Die Glücksforschung, auch „Happyologie“ genannt, wurde geboren. Dieses Arbeitsgebiet untersucht, warum Menschen glücklich oder unglücklich sind und welche Faktoren dazu führen. Glücksgefühle, die wie eine Welle über uns kommen und unsere Seele in eine Art Taumel oder Schwebezustand – den sogenannten „Flow“ – versetzen, sind die Folge von Endorphinen, also körpereigenen Glückshormonen, die unter bestimmten Bedingungen in unserem Körper ausgeschüttet werden. Die Happyologie beschreibt das Glücksgefühl des Menschen als Fest des Gehirns im Rausch der Endorphine, die bei positiven Erlebnissen freigesetzt werden. Diese Gefühle können einige Stunden oder sogar einige Wochen dauern.

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Dem Glücksrausch folgt der Kater

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Doch leider sind diese Rauschzustände, in denen unser Innenleben „abhebt“, nur von kurzer Dauer. Schon bald kehrt unser Gemütsleben zum Normalzustand zurück. Oft fallen wir nach so einem Hoch sogar in ein dunkles Loch. Dann fühlen wir uns niedergeschlagen und depressiv. Unser Körper reagiert mit einer Art Endorphin-Kater auf die flüchtige „Happiness“ der Glücksdroge. Das Glück hält nicht lange an. Wir brauchen neue Auslöser für Glücksgefühle. Selbst ein fetter Lottogewinn – für viele der Inbegriff von Fortunas Gunst – ist kein dauerhafter Glücksbringer. Untersuchungen belegen, dass Lottogewinner auf längere Sicht nicht glücklicher sind als andere Menschen. Überhaupt wird die Wirkung von Reichtum auf das Glücksempfinden des Menschen überschätzt, wie viele Forschungen zeigen. Mit dem gehobenen Wohlstand steigen auch die Ansprüche. Je besser die Bedürfnisse gestillt sind, desto großartigere Dinge braucht der Mensch, damit sich Glücksempfinden einstellt. Was bedeutet uns schon ein Paar neue Schuhe? Für ein Kind in den indischen Slums können sie der Inbegriff der Glückseligkeit sein.

Designed für das große Glück des Lebens?

Themenwoche HinweisUnd so jagen wir von Glück zu Glück, immer auf der Flucht vor dem Frust, der jeder Euphorie zu folgen scheint. Immer wieder spüren wir schmerzlich ein Loch in uns, das wir mit Glück und Sinn zu stopfen versuchen. Aber es ist, als wäre die Leere in uns größer als alles, was das Leben uns zum Füllen bietet. Was bedeutet diese gefühlte Leere, diese „entsetzliche Lücke“, die wir manchmal bohrend spüren? Der christliche Glaube deutet sie als eine Art „Platzhalter“. Sie erinnert uns daran, dass das große Glück des Lebens etwas mit Gott zu tun hat und dass unser Sein dazu bestimmt ist, Gottes Nähe zu erfahren. »In jedem Menschen ist ein Abgrund, den kann man nur mit Gott füllen«, philosophierte das Mathegenie Blaise Pascal (1623 – 1662). Wir sind von unserem Schöpfer als »Hohlwesen« designt. Gott hat eine Leere in unser Herz gelegt, die nur er selbst füllen kann. In jedem Menschen ist eine große, tiefe Sehnsucht nach Gott angelegt. Manchmal – wenn wir einmal atemlos anhalten in unserem „Run for Happiness“ – ahnen wir, dass es ein Glück gibt, das tiefer, reiner, echter, weiter, schöner, heller, klarer, vollkommener ist als die biochemischen Glückstaumel unseres Gehirns. Wenn ein Mensch erlebt, dass er von seinem Schöpfer geliebt und gehalten ist, stellt sich ein tiefes Lebensglück ein.

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Glück im Leid

Mit diesem Glück im Herzen kann ein Mensch sogar in sehr widrigen Umständen glücklich sein. Die christliche Literatur ist voll von Beispielen dafür. Die populärste Version sind wohl die Zeilen eines alten Liedes, gedichtet von Cyriakus Schneegaß im Jahr 1598: „In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ.“ In einem Gestapo-Knast, drei Monate vor Ende des Zweiten Weltkrieges, schrieb Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) sein Silvestergedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen, behütet und getröstet wunderbar“. Es war sein letztes Gedicht, bevor er von den Nazis gehenkt wurde. Paul Gerhardt (1607 – 1676) schrieb mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs viele frohe und hoffnungsvolle Lieder. Geh aus mein Herz und suche Freud und Du meine Seele, singe sind nur zwei bekannte Beispiele. Man könnte meinen, wer so dichtet, muss vom Leben verwöhnt worden sein. Das Gegenteil ist der Fall. Paul Gerhardt verlor mit vierzehn Jahren seine Eltern, seine Frau starb nach dreizehn Ehejahren und von seinen vier Kindern überlebte ihn nur eins.

Brot des Lebens

Jesus sagt von sich: »Ich bin das Brot des Lebens.« Mit anderen Worten: Ich bin der, nach dem sich euer Herz sehnt. Ich stille euren Hunger nach Liebe, nach einem sinnerfüllten Leben, nach dem, was wirklich zählt und Bestand hat. Im Altgriechischen, der Sprache, in welcher das Neue Testament (der hintere Teil der Bibel, der von Jesus handelt) geschrieben wurde, finden wir zwei Worte für Leben: „Bios“ und „Zoe“. Die Unterschiede zwischen beiden Worten möchte ich mit einem Erlebnis verdeutlichen.

Am Rande einer großen Party hatte ich einmal eine sehr angeregte Diskussion darüber, was uns wirklich glücklich macht. Ich erinnere mich, folgenden Satz gesagt zu haben: »Wenn du Gott findest, findest du das Leben.« Mein Gegenüber antwortete: „Mein Leben hat bei meiner Geburt begonnen.“ Ich erwiderte: „Bei deiner Geburt hat dein Sterben begonnen.“ Wir redeten aneinander vorbei, weil mein Gegenüber unter Leben „Bios“ verstand, also Leben im physischen Sinne. Das biologische Leben hat in der Tat bei der Geburt bzw. bei der Zeugung begonnen. Und es wird enden mit dem Tod, wenn lebenswichtige Organe ihren Dienst quittieren. Wer also von Leben in diesem Sinne redet, sagt gleichzeitig „Tod“, denn „Bios“ ist immer leben auf den Tod hin. Ich aber redete von „Zoe“.

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Wenn Jesus sagt: „Ich bin das Leben“, dann steht dort das Wort „Zoe“. Jesus redet nicht vom biologischen Leben, sondern vom Leben in einem übernatürlichen Sinne: Leben, das Gott selber ist, das nicht begrenzt ist vom Tod; Leben, das bestimmt ist von Vollkommenheit und Ewigkeit. Es geht hier nicht um das Leben, das geboren wird und stirbt, sondern um das Leben, das erfüllt ist von Sinn und Glück. „Zoe“ ist kein funktionaler Begriff, sondern ein qualitativer, der etwas über das Gelingen von Leben aussagt. „Zoe“, das ist das Leben, nach dem wir uns sehnen, der Inbegriff unserer Träume von grenzenloser Freiheit und überwältigender Vollkommenheit.


Alexander Garth ist evangelischer Theologe, Gründer der Jungen Kirche Berlin und seit 2017 Pfarrer an der Stadtkirche in Wittenberg.
Der Text oben ist ein gekürzter Abschnitt aus seinem Buch:

Warum ich kein Atheist bin: Glaube für Skeptiker